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Samstag, 26. März 2022

Hamburg 75, Jungs war das gemütlich

 










Heute vor zwei Jahren ist Neil Landon gestorben, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, was mich doch ziemlich betroffen gemacht hat, aber vielleicht lese ich auch zu wenig Hamburger Zeitungen und habe das verpasst. Immerhin gibt es online noch einen Einzeilernachruf vom Oxmox, einem dieser Stadtmagazine, die man sich in den Siebzigern kaufen musste um nicht aus Versehen ein Konzert zu verpassen.

Denn damals gingen wir in Hamburg, mit Ausnahme vielleicht von Grünspan und Madhouse, nicht in Diskotheken, wenn es irgendwo Livemusik gab - und es gab eigentlich immer Livemusik. In der Fabrik, im Logo, Dannys Pan, Mikis, Onkel Pö, irgendwo hat immer jemand gespielt und sehr oft war es Neil.

Von Neil haben wir glaube ich keins verpasst in diesen Jahren, von den Anfängen als Straßenmusikerduo mit einem rothaarigen Zottel namens Hoddel, den niemand unter seinem Namen Horst Höhns kannte, bis zu den legendären Jamsessions in der Fabrik, mit einer ganzen Batterie Musikern aus der sogenannten Hamburger Szene, inklusive Emsländer Umkreis. 

Da standen zu Hochzeiten schon mal drei bis vier Elektrogitarristen auf der Bühne, was besonders dann anstrengend werden konnte, wenn Lakes Alex Conti mal wieder zu einem seiner gefürchteten "ich-zeig-euch-jetzt-allen-mal-wie-das-geht" Soli ansetzte, aber ansonsten war's immer ein großer Spaß, denn Neil war ein grandioser Performer, der jeden Laden zum kochen brachte. Also, für damalige Verhältnisse, als es noch kein Stagediving und so etwas gab und im Logo noch Tische standen, die im Weg gewesen wären.

Unsere uneingeschränkte  Bewunderung verdiente er schon dem Umstand, dass er kurz zuvor mit Noel Redding in einer Band spielte, also jemanden kannte, der Jimi Hendrix kannte. Quasi so etwas wie ein Qualitätssiegel. Wenn so einer nach Hamburg zieht und hier laufend Konzerte spielt geht man natürlich hin, zumal die Eintrittspreise noch unter den Bierpreisen gelegen haben dürften.

Dafür bekam man regelmäßig mehrere Stunden handgemachte Musik von Leuten, die sehr gut Musik mit der Hand machen konnten, weil sie nichts anderes gelernt haben und deshalb noch in etlichen anderen Bands spielten, wie Frumpy, Lake, Truck Stop, Rudolf Rock & den Schockern und kurioserweise sogar Boney M. oder der Hamburg Blues Band. 

Man bekam eine geile Show geboten, die man irgendwann in- und auswendig kannte, freute sich auf das obligatorische Schlagzeugsolo von Curvin Merchant, der damals noch nicht Jamaica Papa war, aber höllisch gut trommeln konnte und grölte leicht angetrunken den wha-wha-wha-wha-wonderbaren Refrain von Del Shannons Runaway bei der vorvorletzten Zugabe mit, wegen der man dann den Nachtbus nehmen musste.

Was man damals noch nicht bekam war Merchandising in irgendeiner Form. Für regelmäßige Konzertgänger ein unhaltbarer Zustand, vor allem für die in der ersten Reihe. Während heute jeder im Internet ein Shirt seiner Lieblingsband bestellen kann, musste man damals noch Plakate abreißen, Schablonen aus dem Schriftzug basteln und Bundeswehrunterhemden mit Textilfarbe bemalen. Das hätten wir nicht mal für Rory Gallagher gemacht, aber der kam ja auch nur einmal im Jahr.


Tschüß Neil. Es war mir eine Ehre.

 

Fotos dazu: Fabrik Hamburg 1975, Curvin und nicht Uli Salm, Neil & Erich Doll, Hoddel, Bernd Gärtig, Neil Landon

Musik dazu: Neil Landon - Best Of

 








 


 

 




Freitag, 7. Juni 2019

Im Land der kleinen bunten Steine

















Vor schätzungsweise 25 Jahren standen ein paar völlig bekiffte Menschen staunend vor der Amsterdamer Altstadt, bestimmt eine halbe Stunde, wenn nicht noch länger (der Zustand lässt keine genauen Angaben zu) aber: War das toll! Diese ganzen Details. Die kleinen Legoautos, die durch die Straßen fuhren, die Touristengondeln, die durch die Grachten schipperten, die öffnenden und schließenden Brücken und da kommt die Feuerwehr und das Männchen mit der roten Brille kommt doch bestimmt gerade aus nem Koffieshop und der Mann da hinten muss schon das dritte Mal jetzt die entgleiste Eisenbahn wieder auf die Schienen setzen und das ALLES AUS LEGO! War das toll!

Amsterdam war für uns jedenfalls DIE Attraktion im Legoland Billund, noch vor dem Flughafen oder den großen Schiffshebewerken, den Hafenkränen und was sich sonst noch alles so bewegt hat. Schätzungsweise 25 Jahre später und völlig nüchtern hat sich daran nichts geändert, Amsterdam ist immer noch toll.
Der Park allerdings, der hat schon etwas gelitten inzwischen, jedenfalls für Fans der kleinen bunten Steine. Die Fläche hat sich zwar mindestens verdreifacht, doch ausgewirkt hat sich das nur auf die Anzahl der Achterbahnen, Wildwasserbahnen, Kanubahnen, Karussells und Nochmehrachterbahnen. Würde man nicht hin und wieder über ein paar verstreute Figuren und Bauwerke aus Legosteinen stolpern, wäre es ein Park wie jeder andere.

Für die Kinder ist das natürlich trotzdem toll, schon allein weil man Wochentags im Mai keine Wartezeiten befürchten muss, egal wie begehrt die Attraktion ist. Der Stöpsel hat das Glück, dass er mit seinen genau 100cm in fast jedes Fahrgeschäft darf und er will auch in jedes rein, solange er die Hand seiner großen Schwester dabei ganz feste drücken kann. Das lässt sich in knapp acht Stunden auch locker bewältigen, weil die Wartezeiten überall unter fünf Minuten liegen.
In der Hauptsaison dürfte das anders sein, denn an der Kasse werden auch VIP Tickets angeboten, durch die man Wartezeiten vermeiden kann. Da so etwas nur zu Lasten derer gehen kann, die sich so ein Ticket nicht leisten können, ist das ein Grund diesen Park in Zukunft zu meiden.

Daran ändert auch die Bar von Mos Eisley nichts, der Park hat sehr viel von seinem alten Charme eingebüßt. Mit Legobauwerken alleine könnte man so etwas wohl auch kaum noch betreiben, denn so sehr Kult die bunten dänischen Bausteine auch sein mögen, was den Detail- und Einfallsreichtum angeht ist das Hamburger Miniaturwunderland inzwischen um Längen voraus und Achterbahnen gibt es an jeder Ecke. 

Fotos dazu: Legoland Billund, Dänemark / Nikon D7200
Musik dazu: Ray Wylie Hubbard - Crusades Of The Restless Knights / Dangerous Spirits










 




   


Mittwoch, 22. August 2018

Ein Happen Kindheitserinnerung



















Für die Landwirte mag dieser Sommer eine Katastrophe sein, bei Eisverkäufern hingegen dürfte die Kasse geklingelt haben wie selten zuvor. Um sich von der schnöden Masse italienischer Klassiker abzuheben werden immer neue kreative Kreationen entwickelt, ob Gojibeere-Gorgonzola, Marshmallow-Malzbier oder Bommerlunder-Grünkohl, außer Salami und Serranoschinken wird inzwischen gefühlt fast alles verwurstet, was sich irgendwie vereisen lässt.

Manchmal weckt das sogar die Neugier, bei ausgefallenen Sorten wie Franzbrötchen und Erdbeer-Balsamico konnte selbst ich nicht widerstehen, wobei sich letzteres als sehr geniale Kombination erwies, das Franzbrötchen aber leider nur als ziemlich klebriges süßes Gedöns mit Zimt. Wie so ein Franzbrötchen eben.

Früher™ war man ja froh wenn es überhaupt Eis gab, bei uns kam allenfalls mal eine Familienpackung Fürst Pückler von Langnese auf den Tisch und das auch eher selten. Geteilt durch vier Personen ein recht schmales Vergnügen, was noch viel schmaler wird wenn man bedenkt, dass man sich zuerst durch die künstliche Erdbeere und die fade Vanille kämpfen muss, bevor man sich genussvoll über den kläglichen Rest Schokoladeneis hermachen kann.

Daran hat sich nichts geändert, seit sie bei uns in der Kantine Fürst Pückler to go verkaufen bin ich wieder voll auf dem Trip. Erst die Erdbeere wegnagen, dann die Vanille und sich freuen, dass noch ordentlich Schokolade übrig bleibt, weil so ein Riesen-Happen ganz sicher größer ist, als das Viertel der Familienpackung damals.

Zur Not zieh ich mir halt noch so ein Ding rein, bis meine Tanke wieder Nachschub bekommt dürfte der Vorrat reichen :) 

Produktfoto dazu: Canon SX
Musik dazu: The Bee Gees - Holiday / Odessa (wenn schon nostalgisch, dann volle Lotte)

Sonntag, 18. Februar 2018

Endstation Tarantino














Es war einmal, vor langer, langer Zeit, als es an sehr vielen Hamburger Ecken noch sogenannte Eckkneipen gab, in denen der echte halbe Liter vom Fass für zwofuffzig Deutschmark über den Tresen ging und entsprechend häufig nachgefüllt wurde. Kneipen mit Musikbox, Flipper, Sparclub, Skatclub und manchmal sogar mit Fußballverein in der Tresenliga. Quasi ein zweites Wohnzimmer, nur mit Fassbier und meistens mit sehr viel mehr Freunden, als man zu Hause hätte unterbringen können.

Ein solches Wohnzimmer war für mich und meine engsten Freunde ein paar Jahre die Endstation in Tonndorf, die ihren Namen der dort irgendwann einmal befindlichen Straßenbahnendhaltestelle verdanken soll. Diese allerdings war schon 1960 Geschichte - gut 15 Jahre, bevor ich den Laden das erste Mal betrat, der mir zweimal einen kompletten Filmriss bescheren sollte, ein paar seelische Narben und eine richtige, weil's halt nicht immer friedlich war in Eckkneipen.

Der Wirt war ein alter Schiffskoch, der Mettwurst- und Schinkenbrote zaubern konnte, die jedes Menü im Vier Jahreszeiten geschlagen hätten. Naja, zumindest im Preis, aber die waren wirklich super die Stullen. Ideale Grundlage, der Mann verstand sein Handwerk. Ob bei Skatturnieren oder nach Spielen in der Tresenliga, der Laden hat gebrummt. Leer war der auch an Wochentagen nie, egal wann man zur Tür rein kam, drei bis vier bekannte Nasen saßen mindestens schon drin.

Leider hinterließ die Sauferei nicht nur bei uns Spuren, auch der Tresenmann hielt gerne mit und so kam es, wie es kommen musste. Wenn die Gattin nach der Schicht noch die Kneipe wuppen muss, dann stellt sie irgendwann die Wahlfrage. Das Ergebnis war ein "Alles umsonst, bis Alles alle ist" am letzten Tag und Filmriss Nummer 2. Angeblich war nur noch Fernet Branca übrig. 

Davon hat sich die Endstation nie wieder erholt. Die Gattin das nächsten Wirtes war nur schwer von der Flasche zu trennen, nach drei Monaten haben sie dann erkannt, dass eine Kneipe vielleicht doch nicht die richtige Umgebung für sie ist. Danach wurde der Laden an einen ominösen Kneipen- und Discobesitzer aus dem Hamburger Umland verkauft, der kiezerfahrene Mädels hinter den Tresen stellte und nur noch Flaschenbier verkaufen wollte, weil man das besser abrechnen kann mit kiezerfahrenen Mädels.

Aus dieser Zeit stammen auch einige der Narben, weil man nicht einfach ein paar Nächte mit der heißesten Tresenfrau des gesamten Hamburger Ostens verbringen kann, ohne die Leibgarde ihres "Mackers" auf den Plan zu rufen. Monate vorher wäre ich hier in Überzahl gewesen, aber wenn man die ganze Arbeit alleine machen muss, dann ist es Zeit für den Abschied. Eine Kneipe lebt und stirbt mit ihrem Wirt und seinem Publikum. Und mit dem Fassbier, spätestens dann sollte man die Reißleine ziehen.

Neulich bin ich wieder einmal daran vorbeigefahren und das erste Mal fiel mir auf, dass die alte Eckkneipe jetzt schon seit mindestens dreißig Jahren den Namen "Osteria Tarantino" trägt und dass jemand, der dort über so lange Zeit erfolgreich eine italienische Gastwirtschaft betreibt, nicht ganz schlecht sein kann. Gesetzt den Fall, dass in den dreißig Jahren nicht zehnmal der Wirt gewechselt hat, was man ja nie wissen kann.  

Man kann es aber mit ein paar Freunden ausprobieren und dabei feststellen, dass sich ein Besuch in dem alten Gemäuer wieder lohnt. Allerdings nur, wenn man auf Pizza verzichten kann, denn die recht kleine Karte bietet nur ein paar Vorspeisen, Pasta, Fleischgerichte und Scampis, sonstigen Fisch allenfalls auf der Tagestafel. So übersichtlich das auf den ersten Blick ist, so schwer fällt mir die Auswahl, klingt alles verdammt lecker hier. Tagliatelle mit Scampi und Austernpilzen? Oder doch das Lammfilet mit Steinpilzen?

Natürlich begehe ich, wie so häufig, einen taktischen Fehler, als ich auf das "nimm Du die Tagliatelle, ich das Lamm, dann können wir beides probieren" Angebot meines (ansonsten entzückenden) Gegenübers eingehe. Dabei verliere ich eigentlich immer, diesmal haushoch, denn ein Lammfilet mit Steinpilz und Backpflaume(!) schlägt Nudeln in Tomatensauce natürlich um Längen, selbst wenn die Tomatensauce pikant ist und mit Scampi aufgepeppt wurde.

Trotzdem muss ich da wohl noch das eine oder andere Mal hier einkehren, so wie es aussieht hat der Laden wieder jede Menge Stammgäste und das liegt garantiert nicht nur am Essen.


Foto dazu: Osteria Tarantino, Samsung S5
Bier dazu: Maisels Choco Porter, 6.5% / 22 IBU
Musik dazu: Massive Attack - Blue Lines / Mezzanine / Live @ Melt Music Festival 2010









Mittwoch, 31. Januar 2018

Der nachgereichte Burgertest


















Auf besonderen Wunsch und der Vollständigkeit halber: Endlich habe ich es mal geschafft, mir im Stadion einen Burger zu holen. Dauert mit Wartelistenpapierschnipselchen auch höchstens zehn Minuten länger als eine Currywurst und sättigt bedeutend länger, was ohne Frühstück im Bauch der eigentliche Sinn der Sache war. Aber die Gelegenheit kann man natürlich gleich für einen Testbericht nutzen. Nun denn.

Name: Zeckenburger (ist aber Rindfleisch, keine Angst)
Erhältlich im Millerntor Stadion, Gegengerade Stehplatz.
Preis: 6 Euro, Käse und/oder Bacon mit Aufpreis, wahlweise als Veggie erhältlich.
Getestet: Standardversion, Fleisch, Salat, Tomate (Tomate? Da war 'ne Tomate drauf?) + Klecks Dressing.

Fazit: Relativ dröge Angelegenheit wenn man den Salatrand weggemuffelt hat, die Tomate habe ich tatsächlich erst auf dem Foto bemerkt, beim Verzehr ist die nicht weiter aufgefallen. Mit Käse und Bacon wäre der vermutlich etwas saftiger, womöglich aber auch nur fetter. Ein etwas interessanteres Dressing könnte die ganze Sache aufwerten, das Brötchen ist okay. Für einen Stadionburger nicht schlecht, besser als die Kettenklopse sowieso.

Andererseits gab es früher (als alles besser war, auch der Fußball) unschlagbare vegetarische Hass- und Wutburger vor der Südkurve - und dagegen kommt der nicht an. 

Foto dazu: Zeckenburger in der Gegengerade / Canon SX280
Bier dazu: Crew Republic Drunken Sailor IPA, 6.4%
Musik dazu: Frank Zappa - Halloween 77: Live at the Palladium, NYC, Disc 4

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Schnapsidee
















Der Mensch ist ein Jäger und Sammler und weil es heutzutage nicht mehr so wahnsinnig viel zu jagen gibt, beschränkt sich das inzwischen meist auf die Sammelei. Welcher Teufel mich vor einigen Jahrzehnten auf die blöde Idee brachte, Miniaturen von Schnapsbuddeln zu sammeln, ich weiß es echt nicht mehr. In jedem Urlaub sind etliche Flaschen dazugekommen, Enzian und Bärwurz aus Österreich, Schokoladenlikör aus der Schweiz und Pfefferminzlikör aus Holland, aus Frankreich Cognac, Armagnac, Pastis und Calvados, wo immer ich war: Kaufrausch. Alles mitnehmen, zumindest alles was irgendwie schick oder selten ist - und in Norddeutschland war halt alles selten, außer Köm.

Auf Mallorca hab ich extra die Touristenfalle noch einmal besucht, die kleine Einkaufsnetze mit Miniaturen zum Sonderpreis anbot. Natürlich enthielten diese Netze höchstens eine der schönen mit Pisco gefüllten Skulpturen, aber dafür viel buntes Gedöns für die zweite und dritte Reihe. In der ersten Reihe standen die "wertvollen" Stücke, italienische Liköre mit echten Früchten, von der Walderdbeere bis zur Miniaturbirne, auf 3000 Exemplare limitierte Sonderauflagen für nur 10 Deutsche Mark pro Flasche, mit denen mich das Getränkeparadies Wolf in der Schanze regelmäßig versorgte, neben den preislich ähnlich gelagerten exquisiten Pullen und Miniaturkrugsonderauflagen mit Rum und Whisky. Dazu regelmäßig Mitbringsel von Freunden und Verwandten, die aus dem Urlaub lokale Spezialitäten anschleppten um mir eine Freude zu machen, rare Single Malts aus Schottland oder Zitronenlikör aus Korsika, die Sammlung wuchs und wuchs.

Dass man sich besser auf irgend etwas beschränken sollte habe ich dann irgendwann in Venedig gemerkt, in einem äußerlich winzigen Laden für Miniaturschnapsflaschensammler, über den wir rein zufällig gestolpert sind. Trilliarden italienische Liköre, die in bunten Farben aus allerlei verschieden geschliffenen Karaffen funkelten, ließen mich auf dem Absatz kehrt machen. Um da auch nur zehn oder zwanzig Flaschen auszusuchen hätte ich Tage benötigt, ich wäre entweder wahnsinnig oder eine irre Summe losgeworden, wahrscheinlich beides.

Seither beschränke ich mich auf Whisky, was meinen persönlichen Neigungen am ehesten entspricht. Der hält sich auch meist besser als die italienischen Liköre, bei denen inzwischen Trockenfrüchte in einer halb verdunsteten Brühe schwimmen, wenn sich der Flaschenboden nicht vorher schon völlig aufgelöst und den Inhalt freigegeben hat. Ausgetrocknete Whiskyflaschen kann man außerdem zur Not mit billigem Weinbrand auffüllen, bei Creme de Menthe oder französischem Brombeerlikör wird es schwieriger.

Durch die Renovierung bin ich endlich dazu gekommen, den ganzen Kram mal aufzuräumen und den Schrott zu entsorgen. Das nächstes Mal muss ich nur noch etwa sechshundert Flaschen abstauben. Für den einen oder anderen guten Whisky wäre jetzt allerdings wieder Platz...

Aber das ist eine Schnapsidee.  

Schnapsfoto: Sektion Schottland, erste Putzrunde
Schnapsgetränk: Myers Rum / Lumumba
Schnapsmusik: Bad Company - Bad Co. (2015 Special Edition)

Donnerstag, 16. April 2015

Kein Licht mehr in Eden
















Als in den Wohnzimmern noch Flimmerkisten mit maximal 60 Zentimetern Bildschirmdiagonale standen, die Programmauswahl sich auf drei oder vier Sender (inklusive Regionalprogramm und schwarzweißem Ostfernsehen) beschränkte und man die großen aktuellen Filmhits (mit viel Glück) frühestens zehn Jahre nach ihrem Erscheinen im Oster- oder Weihnachtsprogramm erwarten durfte, da war Kino noch ein echtes Erlebnis. In jedem Stadtteil gab es mindestens eins, mit klangvollen Namen wie Schauburg, Titania Theater, Metropol Lichtspiele oder Film-Palast.

Paläste waren es nicht gerade, verglichen mit den heutigen Sälen und ihren gigantischen Leinwänden, ausgeklügelten Soundsystemen und abgestuften Sitzreihen, waren es eher muffige Höhlen mit vergilbten Lampen an der Wand und durchgesessenen Polsterklappsitzsesseln, von denen man nur dann einen ungetrübten Blick auf die Leinwand hatte, wenn in den zwei bis drei Reihen davor niemand saß der größer war als eins sechzig. Statt elend lange für eine Popcorn-Cola-Sparcombi für zehn Euro anzustehen kam zwischen Werbung und Hauptfilm ein Eisverkäufer in den Saal, um für zweimarkfuffzig das beliebte Eiskonfekt von Langnese zu verkaufen, eine wahrscheinlich eigens für Kinos eingeführte Spezialität, die man auch im Dunkel des Kinosaales problemlos vernaschen konnte ohne die Sitze zu bekleckern.

Unser Palast war das Bach-Theater in Rahlstedt, das jeden Sonntag für unglaubliche 50 Pfennig die krassesten Abenteuer für Kinder und Jugendliche bot, angefangen bei Winnetou und seiner alten Schmetterhand über alle möglichen Römerschlachten mit und ohne Herkules, bis zu den gruseligen Sci-Fi Klassikern aus der japanischen Trickkiste. Godzilla gegen Mechagodzilla, Godzilla gegen Frankenstein, Godzilla gegen die kaiserlich-japanische Spielzeugpanzerarmee, unglaublich viele Invasionen aus dem Weltall, Planeten mit unsichtbaren Vampiren, jedes Wochenende ein weiteres Meisterwerk der Gruselkunst für 12jährige.

Das war wohl auch die Haupteinnahmequelle, denn wer den neuen James Bond sehen wollte musste auch damals schon in die "großen" Kinos der City fahren, die Erstverwertung von Blockbustern konnte sich kein Vorstadtkino leisten. Wir sind als Haupteinnahmequelle irgendwann weggebrochen, entweder weil wir zu alt wurden für den Kinderkram, oder zu anspruchsvoll. Die ausgelutschten Klamotten mit Terence Hill und Bud Spencer waren jedenfalls nicht lustig genug und die aufkommende Welle an dämlichen asiatischen Kung Fu Kloppern gab uns dann den Rest.

Unseren Stammkinos ebenfalls, das Bach-Theater ist heute ein Einkaufszentrum, die Tina-Lichtspiele ebenfalls. Stadtteilkinos gibt es seit Jahrzehnten nicht mehr, die wenigen die das große Kinosterben überlebt haben nannten sich schon damals "Programmkino" und sprachen mit ihrem Programm eher den anspruchsvollen Cineasten an. Der Rest geht für den neusten Blockbuster ohnehin in den Bombastmultiplexdolbysurroundsaal mit THX und 3D.

Ein ähnliches Schicksal dürfte auch die Eden Lichtspiele in Lübeck getroffen haben, von denen ich noch ein paar Überreste gefunden habe. Dem Denkmalschutz ist es zu verdanken, dass auch das Innenleben noch existiert. Es fehlt nur noch ein renovierungsfreudiger und solventer Investor, dann kann es wieder losgehen. Mit Godzilla im Sonntagvormittagsprogramm für 50 Cent ist das aber wohl nicht zu finanzieren.

Foto: Eden Lichtspiele Lübeck
Musik: Stevie Ray Vaughan & Double Trouble - Live at Montreux 1982/85

Samstag, 30. August 2014

Platzprobleme





Vor vierzig Jahren sind wir mit dem Käfer nach Dänemark, vier Leute, zwei Zelte, Tisch, Stühle und Gepäck. Geht natürlich nur mit Dachgepäckträger, aber geht, wenn man geschickt packen und verpacken kann. Dieses Talent ist heute wieder gefragt, ist man mit Billigfliegern unterwegs. Zwei Gepäckstücke, 15 Kilo für den Laderaum und 10 für das Handgepäck, sollten für 9 Tage eigentlich ausreichen. Dumm ist nur, dass die wichtigen und teuren Sachen für das Handgepäck entsprechend viel wiegen. Mit Kamerarucksack, Laptop und dem ganzen notwendigen Zubehör komme ich auf 11.4 Kilo, der Laderaumkoffer auf 12.5, da heißt es abspecken oder umpacken.

Der Kugelkopf zeigt auf meiner Personenwaage kein Gewicht an, ist sozusagen schwerelos, bis er im Koffer ist, dann schlägt er ein ganzes Kilo drauf. Ähnlich ist es mit der alten externen Festplatte, die eigentlich trotz der antiquierten Bauweise und dem Metallgehäuse keine 500 Gramm wiegen dürfte, das Handgepäck nach der Entfernung allerdings ebenfalls um ein sagenhaftes Kilo erleichtert. Jetzt hoffe ich nur, dass vier Lagen T-Shirts ausreichend sind um die Platte vor allzu schweren Stößen zu schützen und der Kugelkopf sich auch am Ende des Fluges noch im Koffer befindet, vorzugsweise zusammen mit dem Stativ, das es schon aus Platzgründen nicht ins Handgepäck schafft.

Käfer packen war einfacher.

Bei den Symbolfotos bitte keine Kommentare zum Staub, den sieht man erst auf den Aufnahmen, sonst hätte ich vorher etwas intensiver geputzt.

Ich bin dann mal weg...

 

Samstag, 3. Mai 2014

Verbote sollte man verbieten















In Deutschland wird gerne alles reglementiert. Zäune oder Schilder warnen den unmündigen Bürger davor irgendwelche furchtbaren Schandtaten zu begehen. Zum Beispiel den Kinderwagen oder auch nur die Schuhe im Hausflur abzustellen, im Park Fahrrad zu fahren oder den Rasen zu betreten. Ganz besonders den Rasen zu betreten.

Meine erste direkte Erfahrung mit den Cops machte ich mit etwa 13 (oder 12? Die Zahlen passen super fällt mir gerade auf.) Weil wir mit etwa 20 Jungs ein schönes Fußballspiel auf einem schönen großen Rasen veranstalteten und den Pöbelspacken auf seinem Balkon eine halbe Stunde völlig ignorierten, bis die Grünen gleich mit mehreren Mannschaftswagen anrückten und uns jagten. Fußballspielende Kinder, in die Fahrzeuge verfrachtet und von den Eltern auf der Wache abholen lassen, weil das Betreten des Rasens verboten war..

Mich haben sie damals nicht gekriegt, aber die gefühlte halbe Stunde, die ich unter einem tief hängenden von Büschen geschützten Balkon gekauert habe, vergesse ich nie. So wenig wie das Arschloch von Parkaufseher, das mir im Eichtalpark die Luft aus den Reifen ließ und die Luftpumpe danach "konfisziert" hat. Zehn Kilometer schieben, denn Fahrradfahren im Park war verboten.

Im Karoviertel ist das Abstellen von Fahrrädern verboten, gleich mehrfach, doch scheinbar schert sich hier keiner drum und das finde ich gut so. Ganz egal, ob es die Anwohner selber sind, die dieses alberne Verbot ignorieren, oder irgendwer sonst. Manche Schilder kann man sich echt schenken.

Verboten gut: Wovenhand - Refractory Obdurate



Sonntag, 5. Januar 2014

Maccaroni Poltrone















Den Namen habe ich mir gerade ausgedacht weil er so schön passt, eigentlich ist das ein ganz altes Familienrezept, wahrscheinlich aus einer Zeit, in der meine alten Herrschaften noch mit dem Pfennig rechnen mussten. Hieß damals einfach nur Maccaroniauflauf mit Schinken und war besonders bei den Kindern begehrt. Kostet nicht viel, macht locker vier Personen satt, schmeckt lecker und - Kochlegastheniker aufgepasst - kann sogar von Menschen hergestellt werden, die außer Rühr- oder Spiegeleiern nix gebacken kriegen. Allerdings benötigt man eine sehr große Auflaufform.

Außerdem: 500 g Maccaroni (dass sind die dicken Nudeln, die übrig bleiben wenn man die Spaghetti aus der Mitte gebohrt hat), 300 g gewürfelten Katenschinken, 6 bis 8 Eier und etwas Butter. 400 g Katenschinken sind aber auch nicht verkehrt.

Die Nudeln kocht man 8 Minuten, in  einem möglichst großen Topf, weil sich die Mistviecher erst nach ewigen Zeiten verbiegen lassen. Salzwasser latürnich. Danach schichtet man sie abwechselnd mit dem gewürfelten Katenschinken in die Auflaufform und übergießt das ganze flächendeckend mit den verquirlten Eiern, die man bei der Verquirlung selbstredend mit Pfeffer und Salz behandelt.
Obendrauf ein paar Butterflöckchen (kein Plan warum, aber is halt so) und bei 180° zugedeckt in den Ofen. Wenn es anfängt im Nebenzimmer lecker zu riechen (Küchentür auflassen) zur Sicherheit noch eine Viertelstunde warten, dann isses bestimmt fertig.

Oder schon mal anfangen eine chilischarf gewürzte Tomaten-Sahne-Sauce herzustellen wenn man das kann, um den Nudelberg darin zu ertränken. Könnte ich auch noch etwas zu schreiben, aber unglücklicherweise habe ich jetzt gerade tierischen Kohldampf und muss die Reste von gestern aufwärmen. Macht einfach eine, die Euch am besten schmeckt.

Der nächste große Vorteil dieser rustikalen Speise: wenn man keine vier Personen ist, kann man da Tage von leben. Ungemein praktisch, wenn man sich mehrere Stunden lang den A.. abgefroren hat um töfte Illumination in der Hamburger Speicherstadt zu knipsen, doch dazu später mehr.

Küchenschlachtmusik, inspiriert durch Herrn Ärmel: Wirtz - Akustik Voodoo. Demnächst soll es eine Unplugged CD und Tour geben.


Samstag, 2. März 2013

Wirtschaftswunderwagenwunderland















Irgendwie guckt er richtig sympathisch, der Herr Messerschmitt. Ein freundliches 9 PS Gesicht ohne Rückwärtsgang, aber 80 km/h soll er damit geschafft haben. Wenn man sich so ein Ding mal genauer ansieht, dann lässt man lieber die Finger davon. Das müssen die reinsten Selbstmordmaschinen gewesen sein, so ganz ohne ABS, ESP, Sicherheitsgurte und Airbags. Starr eingebaute Lenksäulen, herrjemine. Wahrscheinlich nicht mal Stahlgürtelreifen. Aber immerhin zwei Scheinwerfer, es gab Autos die hatten nicht einmal das. Wobei ich zugeben muss, niemals vorher eine Mopetta gesehen zu haben, und ich bin immerhin in frühester Jugend mal Isetta gefahren. Also mitgefahren natürlich nur, bei irgend einer Tante. Unglaublich an was man sich erinnert, bei Autos hab ich ein besseres Gedächtnis als bei Frauen.

Unsere erste Karre war ein Käfer, mit dem mein alter Herr unglaubliche Strecken zurückgelegt hat, mit Kind und Kegel in die Alpen oder bei Schneesturm über die Autobahn, der hat alles klaglos mitgemacht. Hat nachhaltigen Eindruck hinterlassen, ebenso wie mein Fahrschulkäfer. Den hätte ich sogar kaufen können, aber Käfer hin, Käfer her, 200.000 Kilometer bei einem Fahrschulwagen, so bekloppt war ich auch in dem Alter noch nicht. Dafür hab ich den gepflegten 1302 des Nachbarn genommen und ihn nach und nach in eine Rennmaschine verwandelt, mit der man zumindest damals noch Passatfahrer von der linken Spur scheuchen konnte. Bis ich gelernt habe, dass getunte Käfer eine deutlich geringere Lebenserwartung haben und man sich auch einfach ein schnelleres Auto kaufen kann. Eins mit Heizung und Gebläse, bei dem man nicht laufend den Ersatzreifen aufpumpen muss um die Scheiben sauber zu kriegen.

Mit Platz und Kofferraum, falls man mal verreisen will, obwohl wir auch das geschafft haben mit dem Käfer. Vier Leute zum Camping nach Dänemark, volles Gepäck mit Tisch und Stühlen. Mit Hilfe eines Dachgepäckträgers, aber immerhin.
 

Man ist heute eh viel zu verweichlicht und verwöhnt, der moderne Wohnwagen in Ultraleichtbauweise, der auch von Käfern gezogen werden konnte, hatte immerhin eine fast vollwertige Küche an Bord, sowie Platz für angeblich vier Personen. Sardinendosenschlafweise war damals halt nicht ungewöhnlich, am Wirtschaftswunderanfang waren ja alle noch schlank genug. Der Rest ist natürlich spartanisch wie nur was, aber wenn man da einen Kühlschrank einbauen würde, dann wär der heute noch für zwei Personen auf nem Festival gut.
Es sollte auch niemand über den Koffer auf dem Rücken vom Herrn Messerschmitt lästern, wenn Frauen eine ganze Woche mit nem Mazda MX 5 verreisen sieht das auch nicht anders aus.

Wer vom Wirtschaftswunder mehr profitierte hat sich die passenden Statussymbole zugelegt, am besten mit Stern, den hat auch der Adenauer gefahren. Auch heute noch ein feuchter Traum älterer Herren, das 300 SL Cabrio. Hätten sich nur mehr für die schöne Isabella interessiert, wer weiß was Borgward heute für Autos bauen würde. Wenn ich das richtig sehe hatte die Karre damals sogar zwei Aschenbecher, davon träumt die Zigarettenindustrie heute.

Das ganze Zeugs gibt es gerade im Protoyp Automuseum in der Hafencity zu sehen, Sonderausstellung Wirtschaftswunderwagen, und war eigentlich nur Ersatz für den geplanten fotografischen Streifzug durch die Hafencity. Der vom Wetterbetrüger versprochene blaue Nachmittagshimmel muss woanders gewesen sein, dann knipst man halt drinnen was. Darf man auch, ohne Blitz, ohne Stativ und mit sonstigen Auflagen, bei denen ich nur mit halbem Ohr hingehört habe. Man wird ohnehin die ganze Zeit misstrauisch beäugt vom Sicherheitspersonal.

So ändern sich die Zeiten, heute wird die schöne Isabella bewacht, damals wollt sie keiner haben. Oder sie war auch damals schon ein kostspieliges Vergnügen, trotz Wirtschaftswunder.



Konjunkturdellenmusik, aber großartige: Creedence Clearwater Revival - Bayou Country - Green River - Willy And The Poor Boys






















Sonntag, 27. Januar 2013

Nerdware















So ein Mist, gestern hab ich noch gedacht ich hätte einen neuen Begriff erfunden, doch natürlich gibt es den schon. Nerdware hat noch keinen Eintrag auf Wikipedia, aber ich würde es umschreiben als absolut überflüssiges Zeugs, das bei echten Nerds feuchte Träume und spontane Kaufreflexe auslöst. Wie zum Beispiel der Atari Arcade Joystick für das iPad, den Hawk gestern von seinen wahrhaft nerdigen Freunden zum Geburtstag bekam, während uns wieder nichts anderes einfiel als der übliche Einkaufsgutschein.

Selbstredend musste das Teil sofort einem ausführlichen Test unterzogen werden, wodurch Hawk sich gezwungen sah mal eben die 100 größten Knaller der Spielegeschichte im Appstore käuflich zu erwerben. Da ich in den frühen 80ern stolzer Besitzer einer Atari 2600 Spielkonsole war, konnte ich mir ungefähr vorstellen was für Schrott sich darunter befinden würde.

Die Hoffnung auf das bahnbrechende Geballer von Space Invaders, Phoenix oder gar Galaga erfüllte sich natürlich nicht. Keine Spur von Pacman, Donkey Kong, Joust oder Defender, nicht einmal die Activison-Klassiker Pitfall und River Raid waren darunter, dafür natürlich der ganze Kram, den damals schon keiner gekauft hat der einigermaßen bei Verstand war. Wenigstens sind die Preise dafür in den 30 Jahren enorm gesunken, für 3D Tic-Tac-Toe würde heute wohl auch keiner mehr 80 Mark bezahlen. Aber schlappe 8 Euro für 99 Spieleklassiker, da zögert man doch nicht lange. 

Einige der alten Kamellen waren dann auch durchaus ansprechend, dummerweise besaßen Automaten wie Centipede und Missile Command einen Trackball, den man zwar auf einem iPad ganz anständig simulieren kann, was aber die Investition in so eine Daddelkiste mit Joystick wieder überflüssig macht. Als Partygag taugt das Teil jedenfalls, Herr H. war eine ganze Weile angestrengt damit beschäftigt seinen eigenen Highscore bei Centipede zu überbieten und die jungen Leute haben endlich mal eine Vorstellung davon bekommen, wie mühselig es vor 30 Jahren war so etwas wie Golf oder Eishockey auf den Konsolen der Computerfrühzeit zu spielen, als die trägen Klötzchen auf dem Bildschirm eine vernünftige Steuerung der Spielfigur nahezu unmöglich machten.

Besitzer eines schnöden PCs können sich den ganzen Quatsch in Gestalt eines Atari 2600 Emulators übrigens für Umme installieren (mit gleich allen 1834 Spielen und aus wahrscheinlich höchst illegalen Quellen), müssen allerdings ohne den schicken Bildschirmhalter mit Ballerfunktion auskommen.

So richtige Nerdware gibt es halt nur für Besitzer von  iPhones und iPads. Letzteres ist mir auch gleich durch eine installierte Datenbank für Cocktails aufgefallen, die wohl als Nothilfe in der Küche dienen sollte. Eigentlich sollte er es nach ein paar Jahren Geburtstagscocktailparty inzwischen auch ohne Datenbank draufhaben. Vielleicht hätte ich ihn mit ein paar exotischen Wünschen in Verlegenheit bringen können, aber gestern war mir mehr nach Whiskey-Cola. Hab ich im Knust auch immer am Centipede-Automaten getrunken.

Als ich noch Nerd war *g* 

iMusic: The Electric Family - Ice Cream Phoenix

Mittwoch, 23. Januar 2013

So ein Käse















"Käse ist nichts weiter als gammelige Milch, so etwas ess ich nicht" pflegte mein Lieblingsonkel immer zu sagen. Angesichts der olfaktorischen Belästigung durch Großmutters Tilsiter kam ich überhaupt nicht auf den Gedanken ihm zu widersprechen, schließlich weiß man ja aus Naturfilmen schon, dass üble Gerüche ein eindeutiges Warnzeichen für nicht genießbare Tiere oder Pflanzen sind.

Meine Großmutter hat das seltsamerweise nicht abgeschreckt, aber sicherlich haben auch Skunks irgendwelche Fressfeinde, sonst würde die Population ja ins Uferlose wachsen. Fressfeinde mit einem wahrscheinlich ähnlich schlecht ausgeprägten Geruchssinn wie meine Oma, anders konnte ich mir das nicht erklären.

So waren Scheibletten auf Hawaiitoast über Jahrzehnte hinweg der einzige Käse den ich zu mir nahm. Völlig geruch- und geschmacklos, folglich auch harmlos.

Sind wir später durch die Studentenkneipen gezogen hab ich meine Spaghetti Bolognese natürlich ohne Parmesan bestellt, der beißende Geruch nach Erbrochenem von den Nachbartischen war Warnung genug. Selbst Omas Tilsiter erschien dagegen harmlos, ein unfassbar übelriechendes Zeug.

Entweder mein Geruchssinn hat sich seither enorm verschlechtert, oder diese Parmesansorte ist inzwischen verboten worden. Was ich sehr bedauerlich fände, denn inzwischen wär ich soweit, ich würde den probieren. Inzwischen reibe ich alten Parmesan zentimeterdick auf meine Pasta und trau mich sogar an Käsesorten, die unter Glocken gelagert werden. Jedenfalls solange die Öffnung der Käseglocke einen nicht unwillkürlich einen Meter zurückweichen lässt.

Ein schleichender Prozess, der mit dem Überbacken von Aufläufen begann. Dafür war Gouda ideal geeignet. Jung, geruchlos, geschmacklos, harmlos. Wie Scheibletten, aber trotzdem irgendwie richtiger Käse. Irgendwann so harmlos, dass ich mutig wurde und mittelalten Gouda nahm. Den ich heute auch nicht mehr esse, so wenig wie Scheibletten und den ganzen anderen abgepackten Mist aus den Supermarktregalen. Alles geruch- und geschmacklos.

Den letzten Fortschritt in meiner Käseevolution habe ich meiner Herzdame zu verdanken, die laufend irgendwelche seltsamen Sorten anschleppt, darunter sogar welche aus Korsika. Was trotz Raucherhaushalt übrigens nicht in einer verheerenden Explosion mündete, manche Geschichten sind wirklich etwas übertrieben. Zugegeben, den Korsen habe ich ebenso wenig probiert wie ihre exklusiven französischen Rohmilchkäsesorten, obwohl mich da eher das seltsam pelzige Aussehen oder die Konsistenz abgeschreckt hat, ich bin nicht geeignet für das Dschungelcamp, geb ich zu. Für Gorgonzola fällt mir außer einer sahnigen Sauce auch keine Verwendung ein, aber da darf es dann ruhig etwas mehr sein.

Mein Hit schlechthin ist inzwischen Allgäuer Bio-Bergkäse im Wildkräutermantel, der zwar ein wenig den Geruch von feuchter Kinderwindel verbreitet wenn ich ehrlich bin, doch man muss die Nase ja nicht zu sehr in die Nähe bringen. Der Geschmack jedenfalls ist göttlich und die Finger wäscht man sich sowieso nach dem Essen. 

Neulich hab ich tatsächlich mal Tilsiter gekauft. Der stank auch nicht mehr ganz so schlimm wie früher, möglicherweise liegt mein später Käsekonsum wirklich nur am abnehmenden Geruchssinn. Oder Tilsiter aus dem Supermarkt taugt einfach nichts.

Kein Käse: Jack White - Blunderbuss


Samstag, 10. November 2012

Lat: 53.7 Lon: 9.11667














Zwei Jahre war ich nicht mehr an einem prägenden Ort meiner Kindheit, dem Ort, den Thees Uhlmann auf seiner Platte so kryptisch mit Längen- und Breitengrad umschrieben hat. Irgendwo im Nirgendwo zwischen Hamburg und Cuxhaven, plattes Land, auf dem noch echte norddeutsche Namen wie Hinrich und Meta die Grabsteine zieren und der wichtigste Mann neben dem Bürgermeister der Kreisbrandmeister der freiwilligen Feuerwehr ist.
Heute war mal wieder ein Besuch angesagt. Leider ohne die Zeit ein paar mehr Orte der Kindheit aufzusuchen, um mal zu sehen was sich verändert hat. Was aus den alten Bunkern geworden ist, die man nach dem Ende des Krieges mit Müll zugeschüttet hat.
Ein unerschöpflicher Abenteuerspielplatz, auf dem wir mit Luftgewehren (und wenn Onkel Herbie nicht aufgepasst hat auch mit Kleinkaliber) auf riesige und extrem gefährliche Ratten schießen wollten, die wir allerdings nie zu Gesicht bekamen. Dafür suchten wir in den angrenzenden Bewässerungsgräben der Felder nach noch riesigeren und noch gefährlicheren Bisamratten, für die es angeblich sogar eine Schwanzprämie geben sollte. Konnten wir nie verifizieren, wir haben glücklicherweise auch nie eine Bisamratte gesehen.  Dafür konnte man wunderbar üben, indem man so lange die Kolben vom Schilfrohr geschossen hat, bis die mitgenommene Munition verballert war. Das ging auch mit Luftgewehren.
Oder wir haben mit primitiven selbst gebastelten Angeln die Gräben leergefischt. Aus der alten Badewanne im Garten wurde so ein Aquarium, etwas eintönig zwar, weil außer Barschen und Stichlingen nichts zu holen war, aber eigene Fische im Garten sind was tolles. Kein Schwein kam auf die Idee uns zu sagen, dass Fische in Badewannen nicht sehr lange überleben. Überhaupt hat uns niemand gesagt was wir zu tun haben, niemand hat sich Sorgen gemacht wenn wir einen halben Tag völlig von der Bildfläche verschwanden, niemand hat gewusst wo wir waren, heute in der Stadt völlig undenkbar. 
Einmal haben wir sogar einen richtig dicken Fang gemacht, einen Aal, den wir in stundenlangem Kampf versucht haben im Eimer nach Hause zu tragen, was bei Aalen nicht so einfach ist wenn der Eimer keinen Deckel hat. Den Ringelnattern, die sich in an sonnigen Plätzen wärmten, sind wir mit etwas mehr Respekt begegnet. Ungefährlicher waren die Millionen Grashüpfer auf dem großen Feld vor dem Haus, wenn es länger nicht gemäht wurde.
Vor und hinter dem Haus ein unerschöpflicher Vorrat an Vitaminen, Johannisbeeren, Brombeeren, Kirschen, Rhabarber, Birnen und Stachelbeeren, irgend etwas war immer gerade reif. Meistens Stachelbeeren, ich glaub beinahe das ist eine ganzjährige Frucht. Die Erbsen kamen nicht aus der Dose, die wurden auf der Veranda gepult und verschwanden nebenbei in unsern Mündern.

Ich erinner mich an ein Jahr, in dem Erbsen bei uns groß in Mode kamen. Die erste Erbsenpistole meines Lebens erstand ich beim jährlichen Schützenfest, dass außer einem Kettenkarussell recht wenig Attraktionen zu bieten hatte, aber mit Erbsenpistolen konnten wir uns prima die Zeit vertreiben. Nachdem wir die teure silberne Erbsenmunition von der Rummelbude durch ein Kilo vom Kaufmann ersetzt hatten war nichts und niemand vor uns sicher. Mich würde heute noch interessieren welchen Effekt etwa 100 grüne Erbsen auf das Spiel des Tubisten beim Abendtäterä gehabt haben. Es hat niemanden interessiert was wir im Saal der Dorfkneipe gemacht haben, und die große Öffnung einer Tuba ist ein ideales Ziel.

Das Paradies hatte ein paar kleine unbedeutende Schönheitsfehler wie Plumpsklos mit schrecklichen Jauchegruben, Herde auf denen man nur kochen konnte wenn die Kohlen glühten oder fließend eiskaltes Wasser, aber letzteres änderte sich zum Glück auch in heißen Sommern nicht, was die Brausepulverbrause deutlich aufwertete.

Die Dorfkneipe ist heute ein Baumarkt, die Grube von Portland Zement, dem ehemals größten Arbeitgeber im Ort, Freizeitsee und ein bei Tauchern in aller Welt beliebtes Revier. So beliebt, dass jedes Jahr mindestens einer unten bleibt. Die alten Schlachter, Bäcker und Gemischtwarenhändler haben längst ihre Geschäfte geschlossen, meistens aus Altersgründen. Auch auf dem platten Land regieren die Ketten, da wird es schwer Nachfolger zu finden.

Ich fürchte sehr viele Fahrten in diese Richtung werde ich nicht mehr unternehmen, man sollte es ausnutzen, solange die lebende Verwandtschaft zahlreicher ist als die auf dem Friedhof. Inzwischen hält es sich schon die Waage.

Hemmoormusik: Thees Uhlmann


Donnerstag, 9. August 2012

Gegengerade Sankt Pauli, 20359 Erinnerungen














Für Zahlen ist in meinem Speicher kein Platz, an Zahlen und Daten kann ich mich nur sehr schlecht erinnern, ich habe gerade die nötigsten drei Geburtstage im Kopf, die drei, die dafür sorgen dass ich den auch behalten kann.
Wann ich das erste mal in meinem Leben auf der Gegengerade am Millerntor stand weiß ich nicht, das muss 1975 oder 76 gewesen sein, noch vor dem ersten Aufstieg des magischen FC in die Bundesliga. Damals war der Verein noch kein "Kult", es wehte nicht eine einzige Totenkopfflagge im Stadion und Hells Bells wurde von AC/DC ein paar Jahre später erst aufgenommen. Wer ein Spiel sehen wollte kaufte sich eine Karte, das Wort "ausverkauft" war im Sprachschatz eines St.Pauli Fans nicht vorhanden. Das Erinnerungsstück an den Aufstieg ist ein Skatblatt mit Spielern und halbnackten Mädchen, das heute einen Sturm der Entrüstung hervorrufen würde. Für diese sexistische Idee würden Köpfe rollen. 
Die Gegengerade war ein Erdhügel mit Stufen, der sich bei Regen in eine einzige Matschfläche mit tiefen Pfützen verwandelte, im Winter zog der eiskalte Wind durch die letzte Ritze der Klamotten und im Sommer hat man geschwitzt wie in der Sauna. Anfangs gab es keine hinderlichen Zäune, so dass man je nach Lust und Laune auch mal hinter das gegnerische Tor laufen konnte, um den Torwart bei Elfmetern zu nerven. Oder den eigenen zu unterstützen. Genau betrachtet gab es früher schon Zeichen für meine spätere Berufung als Fußballwahrsager, als ich unserem damaligen Keeper "Rille" Rietzke einen gehaltenen Elfmeter prophezeite, was meine Kumpels alle für höchst schwachsinnig hielten, aber ich sollte recht behalten.

Wir feierten den Aufstieg in die Bundesliga, den ersten Derbysieg gegen den Lokalrivalen und ich feierte meine neuste Eroberung, eine junge Dame die ich auf den Stufen der Gegengerade das erste mal geküsst hatte, und die in der Zukunft dafür sorgen sollte, dass ich nicht mehr viele Spiele zu sehen bekam.
Familienplanung schlägt Fußball. Man kümmert sich um das Geld, um den Nachwuchs und den Haushalt am Wochenende, wenn die Frau im Krankenhaus Nachtschichten schiebt, und der Bekanntenkreis setzt sich aus Leuten zusammen, die man aus der Krabbelgruppe kennt.

Der FC St.Pauli ist trotzdem immer "mein" Verein geblieben, schon durch die sehr erfreulichen Veränderungen, die von der neuen linken Fanszene aus Hausbesetzern der Hafenstraße und sonstigen Punks initiiert wurden, Totenkopf? Fand ich geil. Antifaschistisch und antirassistisch? Klar doch, Nazis raus. Ich hatte zwar früher nie welche bemerkt, aber wenn welche da sein sollten, auf jeden Fall raus. Bei seltenen Gelegenheiten konnte ich mir das vor Ort ansehen und hab mich gleich wieder gefühlt wie zu Hause. Ende der 80er hat man der Gegengerade eine zusätzliche Tribüne spendiert, auf der man sogar trocken sitzen konnte, wenn der Regen nicht direkt von vorne kam. Eine kurzfristige Lösung nur, aus Eisenträgern und Holzbohlen, die dann mit jährlich erneuerten Ausnahmegenehmigungen über zwanzig Jahre die Heimat vieler Fans war. Darunter und davor.

Manchmal war ich auch dabei, mal mehr und mal weniger häufig, meistens wenn die Mannschaft gerade in der dritten Liga herumkrebste, weil man zu der Zeit keine Probleme hatte Karten zu bekommen. Bis mir vor einigen Jahren schlagartig klar wurde, dass ich heute wieder machen kann was ich will und wann ich es will. Niemand kann mich noch hindern ein Fußballspiel zu besuchen. Jedenfalls, wenn ich eine Karte kriege. Das erwies sich nämlich inzwischen als so gut wie unmöglich, es sei denn man wird Mitglied, also wurde ich Mitglied. Was die Sache zwar nicht unbedingt erleichterte, aber die Chancen erhöhte, so dass ich in den letzten Jahren nicht nur den Verein meines Herzens wieder lautstark unterstützen konnte, ich hab auch noch die alten Herren wiedergefunden, die mich damals das erste mal ans Millerntor geschleppt haben, als sie und ich noch keine alten Herren waren. Die haben schlauerweise ihre Prioritäten damals anders gesetzt als ich, und seit Urzeiten eine Dauerkarte.

Auf so ein Ding habe ich spekuliert, weil die alte Gegengerade jetzt ihr Leben lassen musste, zugunsten einer modernen Tribüne aus Beton, mit viel mehr Plätzen. Leider gab es mehr als 1500 Interessenten, was die Wartezeit wieder um ein paar Jahre nach hinten schieben wird, das Leben ist nu mal hart an der Küste.

Seit ich realisiert habe, dass der alte Bau nicht mehr lange stehen wird, an dem nicht nur bei mir viele Erinnerungen hängen werden, hab ich etwas Zeit (und Geld für eine neue Taschenknipse) investiert um möglichst jeden Wellenbrecher, jede Schraube, jeden Sitz und jeden verlassenen Bierbecher abzulichten und noch schnell eine der letzten Stadionführungen mitgemacht, bevor die Abrissbirne zuschlug.

32 dieser Aufnahmen hab ich herausgesucht, vor und nach den letzten Spielen, die ein klein wenig die Stimmung wiedergeben sollen, und die vielleicht die eine oder andere Erinnerung wachrufen, wenn man sich an das neue Betondingens zu sehr gewöhnt hat.

Leider ist das Ding noch nicht fertig, so dass meine Chancen auf einen Heimspielbesuch in zwei Tagen eher als gering einzuschätzen sind. Aber dieses Drama bin ich inzwischen gewöhnt.

Gegengeradenerinnerungsmusik: Slime - Alle gegen alle (und klicken macht Bilder groß)