Samstag, 18. April 2026

Hurra, hurra, das Stadion brennt

 









 


So ätzend Heimspiele gegen Bayern München auch sein können – man erwartet nichts außer einer möglichen Klatsche, man bekommt die dann auch hin und wieder mal, rechnet ohnehin mit null Punkten und kann das dementsprechend entspannt angehen, heute jedoch bin ich schon Stunden vorher völlig runter mit den Nerven. Normalerweise liebe ich ja Abendspiele, aber auf die beinahe endlosen Stunden vorher, mit Kloß im Hals und Stein im Magen, könnte ich gerne verzichten.

Der Stein wiegt heute enorm schwer, weil die pessimistische Arschlochhälfte meines Gehirns sich permanent fragt, wer zum Teufel denn heute bei uns ein Tor erzielen könnte (die optimistische Hälfte hofft auf Manolis) und vor allem, wer verhindert, dass Typen wie El Mala oder Ache welche machen. Dieses Manko zieht sich schon durch die ganze Saison: Nahezu jede Mannschaft hat irgendwelche Knallertypen im Kader, die locker für ein paar Tore gut sind. Spielentscheider – nur bei uns hat sich noch keiner für diesen Job gemeldet.

Das Magendrücken verschwindet am Bahnhof, weil sich ein mitleidender Kumpel entscheidet, mich dort zu erwarten, um gemeinsam zum Spiel zu fahren. Das sind Freunde, die erst in die falsche Richtung fahren, damit man zusammen in die richtige umkehren kann. Moralische Unterstützung im Abstiegskampf – so wichtig.

Im Stadion ein Kehlenschmierbier ordern – das wird heute noch wichtig werden. Der Dartmeister ist bei den Temperaturen mit dem Zweirad gekommen und informiert uns über den erneuten krankheitsbedingten Ausfall des Skippers. Was vor ein paar Wochen noch ein Anlass zur Hoffnung auf ein 2:1 gewesen wäre, ist spätestens seit Freiburg Geschichte, aber dadurch rücke ich wieder auf die Seniorenbank.

Das ist genau das, was ich brauche: Lärm und Eskalation. Der unbedingte Vorsatz, sich heute die Stimme zu ruinieren, lässt sich in Südkurvennähe auch einfach besser umsetzen – und weil ich eh nicht mehr so lange stehen kann, sitzen wir schon eine halbe Stunde vor Anpfiff auf den Plätzen und singen. Einmal sogar ganz viele und ganz schön laut, als Vicky Leandros aus den Lautsprechern schallt. Falls das die neue Stadionhymne werden sollte, wird Sören Gonther bestimmt Ehrenmitglied im Verein.

Am Freitagabend wird das Stadion brennen, haben sie gesagt – und damit wahrscheinlich nicht unbedingt den massiven Einsatz von Pyrotechnik und Wunderkerzen gemeint. Die Kölner haben sogar noch Reste vom letzten Silvesterfeuerwerk dabei und sorgen damit für verspäteten Anpfiff, aber als die Nebelschwaden verschwinden und der Ball rollt, gibt es reichlich akustisches Feuerwerk von den Rängen, ganz ohne Zettel – so muss das.

Wir starten auf die Nord, und das finde ich ja immer besser, wenn wir in der zweiten Hälfte auf die Süd spielen, obwohl ich absolut keine Ahnung habe, ob das jemals eine Rolle bei den Ergebnissen gespielt hat. Das Spiel passt sich jedenfalls dem exorbitanten Lärm an – oder umgekehrt, man weiß es nicht genau. Auf jeden Fall ist hier reichlich Feuer unterm Dach, auch ohne Wunderkerzen. So geht Abstiegskampf, und wir haben sogar Chancen, in Führung zu gehen, durch Andréas Hountondji, der sich möglicherweise für den Job als Spielentscheider gemeldet hätte, wäre er nicht so lange verletzt gewesen.

Von meinem Platz habe ich eine sehr gute Sicht auf Ache und El Mala, und es ist einigermaßen beruhigend, dass unsere Jungs die auch im Blick haben. Ohnehin spielt sich gefühlt die meiste Action in der entfernten gegnerischen Hälfte ab, weshalb sich die Qualität unserer Torchancen nicht so wirklich gut beurteilen lässt, aber immerhin haben wir welche.

Wir machen sie nur nicht.

Dafür sehe ich immerhin direkt vor mir das 1:0 von Karol Mets in der zweiten Halbzeit. Endlich kommt dieses ganze Geschrei und Gesinge mal zu einem verdienten Höhepunkt, mit Abklatschen und In-die-Arme-Fallen, Bierduschen und Killerkonfetti. Was für eine Erleichterung – und dann gleich der Blick auf die Uhr: 20 Minutes to go, und inzwischen ist auch Manos auf dem Platz. Man könnte versuchen, ein zweites Tor zu machen – nur so zur Sicherheit.

Damit Hountondji nicht zufällig noch zum Spielentscheider wird, wechseln wir ihn vorsichtshalber gegen Connor Metcalfe aus. Ich habe zwar noch ein paar Tore von Connor im Kopf, aber das ist schon eine ganze Weile her. Köln wechselt dafür auf Luca Waldschmidt, weil das einer dieser Typen ist, die schon mal das Tor treffen.

Dafür braucht er zwar einen Elfmeter, aber den bekommt er latürnich auch, weil ausgerechnet Karol Mets kurz vor Schluss im eigenen Strafraum gefoult wird, der Schiedsrichter gerade schielt, der VAR sich die falsche Perspektive anschaut und weil wir in dieser Phase des Spiels und generell der Saison einfach kein Glück haben und dann auch noch Pech dazukommt.

Und so gehen zwei unglaublich wichtige und nötige Punkte den Bach runter, und was noch viel schlimmer ist: Die pessimistische Arschlochhälfte meines Gehirns hat mal wieder recht gehabt und wird mich die Tage bis zum Spiel in Heidenheim furchtbar foltern.

 

Was sonst noch gut war:

Auch wenn der Frust noch überwiegt, so ein komplett angezündetes Millerntor brauchen wir gegen Mainz und Wolfsburg auch. Das muss scheppern.

 

Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - 1.FC Köln, Endstand 1:1

Tore dazu: Mets (69.) Waldschmidt (86.) 

Links dazu: Mets, VAR und kurz zu wenig Mut (Millernton)   1:1 und wieder nur ein Punkt (Übersteiger) FCSP vs KÖLN (Millernstrain) 

Musik dazu: 1001 Songs you must hear beforde you die:  701. Metallica - One 702. Nick Cave & The Bad Seeds - The Mercy Seat 703. Goran Bregovic . Ederlezi

 













 

Sonntag, 12. April 2026

Once in a lifetime

 











Heimspiele gegen Bayern München sind ungefähr so angenehm wie ein Zahnarztbesuch. Man kann dem natürlich ein paar Jahre aus dem Weg gehen, was die Sache aber garantiert nicht angenehmer macht. Warum tut man sich das trotzdem an? Wegen der vielleicht nullkommanulleinsprozentigen Chance auf ein historisches Ergebnis, von dem man seinen Enkeln noch erzählen kann? Wie wir ausgerechnet gegen Bayern die nötigen Punkte für den Klassenerhalt eingefahren haben? Realmadridauswärtssiegerbesieger? Once in a lifetime, bury Bayern in your ground?

Haben wir in meiner Lifetime schon mal geschafft – das ist 24 Jahre her. Also eher unwahrscheinlich, dass das noch einmal passiert. Aber letzte Saison hätten wir fast ein torloses Unentschieden erreicht, ohne diesen Sonntagsschuss von Musiala. Für ein torloses Unentschieden würde ich heute den doppelten Eintritt bezahlen – wer braucht schon Tore, wenn man auch ohne einen Punkt mitnehmen kann?

Auf den Plätzen liegen jede Menge Flyer, auf denen der werte Stadionbesucher darauf hingewiesen wird, dass wir uns spätestens seit heute im Abstiegskampf befinden und entsprechend lauter Support durchaus helfen könnte – inklusive Gesangsvorschlägen für die ersten zehn Minuten. Ich finde es durchaus ein wenig peinlich, dass wir dafür jetzt anscheinend Zettel brauchen.

Ich war immer so naiv und habe gedacht, dieser berühmte Millerntor-Roar entsteht ganz spontan – nur weil irgendjemand anfängt zu roaren und die Umstehenden es für eine gute Idee halten, mitzumachen. Dafür braucht man doch keine Zettel, zumal die Stapel darauf hinweisen, dass die eh keiner gelesen hat.

Mein Nachbar fragt mich doch tatsächlich nach einem Tipp – was soll man denn da ernsthaft antworten? Einsnull für uns natürlich, sonst hätte ich doch gar nicht erst kommen müssen. Natürlich glaube ich selbst nicht mal im Ansatz daran, aber sollte der Unwahrzu doch irgendwie eintreffen, werde ich am Ende mein breitestes Ich-habs-doch-gesagt-Grinsen aufsetzen können. Einen Versuch ist es allemal wert.

Unwahrscheinliche Zufälle gibt es leider nur in den fantastischen Romanen von Walter Moers – und nicht am Millerntor. Es ist auch weniger ein Zufall, sondern Jamal Musiala, der nach nicht einmal zehn Minuten dem Traum einen Dämpfer verpasst. Der kann also auch köpfen. Nun denn.

Nach 20 Minuten hat das Stadion einen neuen Liebling: Michael Olise und Karol Mets machen Trikottests an der Seitenlinie und werden beide vom Schiri ermahnt. Fortan wird Olise bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen, was sich nicht im Geringsten auf sein Spiel auswirkt, dafür aber jeglichen Support im Keim erstickt – denn Olise ist leider ziemlich oft am Ball.

Immerhin spielen wir ein wenig mit, können mit etwas Glück und stabilem Alu weitere Treffer verhindern und haben sogar die Chance auf den Ausgleich, die wir natürlich nicht nutzen. Mit einem 0:1-Rückstand gegen Bayern in die Pause zu gehen – das passiert sogar Real Madrid. Es hätte schlimmer kommen können.

In der Pause flachse ich noch rum, dass man gegen Bayern theoretisch auch was fürs Torverhältnis tun kann, indem man einfach nicht so viel kassiert wie die Konkurrenz. Das fällt mir umgehend auf die Füße: Wieder brauchen die Bayern keine zehn Minuten. Goretzka und Olise schrauben das Ergebnis innerhalb von zwei Minuten auf 0:3, und damit ist der Drops wohl auch gelutscht. Once in a lifetime? Same as it ever was, same as it ever was.

Olise bedankt sich nach seinem Tor für die Pfiffe vor der Südkurve, was seine Beliebtheit noch einmal enorm steigert. Gott sei Dank nimmt Kompany ihn dann vom Platz. Die Stimmung ist trotzdem im Arsch – trotz der vielen Zettel. Wenn es erst einmal so weit gekommen ist, hilft nur noch Schadensbegrenzung oder die Hoffnung, dass die Münchner Bemühungen ähnlich erlahmen wie der Support auf den Rängen.

Die denken leider nicht im Mindesten daran, mit dem Gekicke aufzuhören – wo’s doch gerade so viel Spaß macht. Und vielleicht würde es nicht ganz so schlimm kommen, wenn man mal aufhören würde, am laufenden Band krasse Geschenke zu verteilen, die von Leuten wie Jackson und Guerreiro dankend angenommen werden. Weil sie’s können. Beinahe schon erleichternd, dass der sechste Münchner Treffer mit dem Schlusspfiff wegen Abseits zurückgenommen wird.

Nichts erwartet, nichts bekommen? Naja – doch, eine Lehrstunde war’s schon. Mal sehen, ob die Jungs die bis Freitag verdaut haben. Das ist das wichtigere Spiel.


Was sonsr noch gut war:

In den Farben getrennt, in der Sache vereint. Alle zusammen gegen den Faschismus. 

Nach einer 0:5 Klatsche singt das ganze Stadion "Wir sind ooooh Sankt Pauli" und das war schon wieder so ein bisschen Gänsehautmoment. 

Was sonst noch schlecht war:

Die fünfte gelbe Karte für Fujita 

Prepaidkarten an HVV Automaten aufladen ist ein sinnloses Unterfangen, aus diesem Grund war ich heute kostenlos unterwegs. Bringt euren Scheiß in Ordnung.

 

Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - FC Bayern München, Endstand 0:5

Tore dazu: Musiala (9.), Goretzka (53.) Olise (54.) Jackson (65.) Guerrero (89.) 

 Links dazu:Grenzen aufgezeigt (Millernton) Zweiklassenunterschied (Stefan Groenveld) Das war ziemlich ganz knapp (Übersteiger)

Musik dazu: Les McCann & Eddie Harris - Swiss Movement