Sonntag, 26. Juni 2022

Spontanschippernachmittag

 









Freizeitgestaltung ist gar nicht mal so eine einfache Sache, wenn das Leben nur noch aus Freizeit besteht. Schließlich kann man nicht am laufenden Band in den Urlaub fahren, aber das muss man ja auch nicht, wenn man in Hamburg lebt. Da fährt man einfach in den Hafen und guckt zu, wie andere Leute in den Urlaub fahren. Kann man natürlich auch am Flughafen machen, ist aber weniger romantisch.

Schiffe gucken ist immer noch die Rettung, wenn mir nichts mehr einfällt, was man noch fotografieren könnte. Das geht am besten und bequemsten auf dem Wasser, aber da mein Lieblingskapitän seit geraumer Zeit vollauf mit der Rettung der Ilmenauschiffahrt beschäftigt ist, sind entspannte Abenteuertouren rar geworden. Es muss eine Alternative her und die "Große Hafenrundfahrt" an den Landungsbrücken ist es nicht.

Was mich hingegen schon länger reizt sind die Elbinseltouren von Maike Brunk. Die hat so viel Spaß an Hafenrundfahrten gehabt, dass sie das kurzerhand zu ihrem Beruf gemacht hat und das alleine reicht eigentlich schon als Empfehlung. Außerdem fährt sie auch mal in Ecken, für die sich seltsamerweise früher kein Mensch interessiert hat. Inzwischen interessieren sich sogar ziemlich viele, weshalb das eigentlich immer ausgebucht ist wenn ich mal gucke. Für die Idylle auf der Bille muss ich wohl irgendwann in den sauren Apfel der langfristigen Planung beißen.

Folgt man Maike auf Twitter geht es manchmal auch spontaner. Wie es der Zufall will, gibt es freie Plätze auf einem zweistündigen Hafentörn zu einer äußerst angenehmen Tageszeit. Fast schon blaue Stunde. Der Hafen ist zwar nicht unbedingt idyllisch, aber da ich ohnehin zum Stadion will um meine neue Dauerkarte abzuholen, liegt das beinahe auf dem Rückweg und da kann man das Angebot mal eben wahrnehmen

Als geradezu ideal erweist sich der Anleger Kajen weil es, anders als an den Landungsbrücken, jede Menge Parkplätze gibt, was ganz sicher zur Entscheidungsfindung beigetragen hat. Als ebenfalls ideal stellt sich die Barkasse Hansa heraus, mit einer Plattform auf dem leicht erhöhten Achterdeck, die genug Bewegungsfeiheit bietet für Menschen mit Kamera. Allet schick, kann losgehen.

Wir passieren drei der wichtigsten Schiffe im Hamburger Hafen, die Cap San Diego und die Rickmer Rickmers, von denen ich jeweils bestimmt schon drölfzig Fotos geschossen habe, aber sie sind halt da, was will man machen. Die Branddirektor Westphal aber ist einigermaßen neu und Menschen mit Hafengeburtstagsallergie könnten die verpasst haben. Also ich höchstwahrscheinlich schon.

Wenn ich das noch richtig in Erinnerung habe, ist die Branddirektor Westphal das zweitallerbeste Löschboot der ganzen Welt und wenn ich sehe, wie oft irgendwelche Everdingsdas den Hamburger Hafen anlaufen, war die Anschaffung bestimmt keine schlechte Idee. Am Burchardkai liegt auch prompt wieder eins von den Dingern, beim letzten Fototermin mit der Mol Triumph bin ich noch stundenlang durch die Pampa gelatscht, einfach mal rumschippern lassen ist deutlich entspannter.

Und man kommt wirklich überall rum, denn Barkassen haben gegenüber alten Hafenschleppern einen großen Vorteil: Keinen Mast, der einen irgendwo an der Durchfahrt hindert. Dadurch lerne ich tatsächlich ein bis zwei bislang unbekannte Ecken des Hafens kennen, in denen unser Exportschlager nach Afrika gelagert wird: Schrott. Bergeweise Schrott, bei denen man sich fragt, wo wir das alles hätten lassen sollen, wenn wir das nicht einfach in andere Länder kippen könnten. 

Das Kontrastprogramm liegt dann zwei Hafenbecken weiter, kostet 5 Mio pro laufendem Meter Hochglanzpolitur und kann von seinem Besitzer nicht genutzt werden, weil sein Obermufti gerade rumhitlert. Aber wahrscheinlich haben solche Typen alle irgendwo eine Zweityacht, lustig könnte es höchstens werden, wenn sie nur noch auf dem Baikalsee damit protzen dürfen.      

Zum Abschluss geht es noch in den Hansahafen zur Peking. Der Hamborger Veermaster kann sich zwar mangels Motor und Segeln nicht mehr aus eigener Kraft bewegen, dafür hat er mit ca. 38 Millionen für Überführung und Sanierung weniger gekostet als acht Meter Oligarchenschüssel und sieht sehr viel schicker aus. Da werde ich wohl nochmal hin müssen, weil alle vier Masten auf einem Foto schon eine Herausforderung sind, wenn man kurz dran vorbeischwimmt.

Höchstwahrscheinlich fahre ich dann wieder mit der Frau Brunk und kann das auch allen anderen empfehlen, die mal wieder ohne die HADAG durch den Hafen schippern wollen. Kostet 'nen Zwanni mehr als die HVV Tageskarte, macht aber deutlich mehr Spaß.

 

Fotos dazu: Nikon D7200

Musik dazu: Prince - Sign O' The Times /  Diamonds And Pearls / Musicology















 


 

      


Freitag, 10. Juni 2022

Geht das schon wieder los?

 








Dauerkartenbesitzer*innen und vor allem Dauerkartensammler*innen müssen sich diese Saison mit einem äußerst schlichten Design abfinden. Angesichts so einiger Geschmacksverirrungen in den letzten Jahren hätte schlimmeres passieren können, wirklich wichtig ist ja ohnehin nur, dass man damit ins Stadion kommt. Also theoretisch jedenfalls. Das könnte spätestens im Herbst wieder spannend werden, noch ein paar schicke neue Varianten und wir können uns das wieder in der Glotze ansehen. In der Sammlung sind jetzt schon zwei Dauerkarten in "Mint" Qualität, also ohne Gebrauchsspuren, noch eine davon brauch ich nicht. Zumal die dadurch ja auch nicht wertvoller werden. 

Könnte natürlich auch sein, dass diese schlichte Karte irgendwann in den Alben der Dauerkartensammler*innen in Gold eingefasst wird. Aufstiegssaison und so. Es gibt wirklich Leute, die daran glauben und ich weiß nicht wo die in den letzten zehn Jahren waren bzw. doch, eigentlich weiß ich es, umso erstaunter bin ich ja, was so ein Beinaheaufstieg für Erwartungen auslösen kann. Wir wissen zwar noch nicht genau, wer bei uns demnächst auf dem Platz steht, aber da Werder und Schalke jetzt erste Liga spielen sind wir quasi konkurrenzlos, wir müssen nur so spielen wie letzte Saison. Simple as that. Falls Kofi und Leart nächste Woche verlängern glaub ich das auch, bis dahin bleib ich skeptisch.

Freude schönes Fußballfieber, jetzt wollten sie morgen alle zum ersten Training, weil man das ja auch lange nicht durfte, aber der erste hat schon abgesagt weil's keine Toiletten gibt. Denkt denn keiner an die Rentner*innen? Das ist alles nicht so einfach im Alter! Jedenfalls nicht vor Fernsehkameras (falls da überhaupt welche sind, ist ja nicht gerade Liverpool).

Im Fernsehen könnte man sicher auch mehr sehen, weil die Spieler aus Sicherheitsgründen auf dem hinteren Platz trainieren und da braucht man schon ein Opernglas um überhaupt wen zu erkennen.  Macht mir das Spaß? Und sollte ich das überhaupt ernsthaft in Erwägung ziehen, wo doch kurz darauf immer der Trainer entlassen wurde, wenn ich mal an der Kollau war?  Wenn man sich Schulle4Life auf die Fahne geschrieben hat geht das eigentlich gar nicht, da sollte man auf solche "Events" besser verzichten.   

Eigentlich war ich ganz froh, außer kryptischen #ITAGER und #GERENG Hashtags bei Twitter mal überhaupt nichts über Fußball zu lesen, schließlich braucht man als Fan zwischen diesen vielen Nichtabstiegs- und Nichtaufstiegssaisons auch mal eine Ruhephase, damit der nächste Nervenzusammenbruch nicht der letzte ist. Doch dann kommt unweigerlich der Tag, an dem man seine neue Dauerkarte in den Händen hält und dann...

Scheiß Fußballfieber. Wann geht's los? 


Musik dazu: Joe Strummer & The Mescaleros - Streetcore




Donnerstag, 26. Mai 2022

Hübsche Nase, mieser Charakter und mehr ägyptische Geschichte(n)

 








Schon Miraculix wusste, dass mit der Dame nicht gut Kirschen essen ist. Beinahe unverzeilich, dass ich Cleo auch noch auf den Thron geholfen habe, indem ich ihren kleinen Bruder Ptolemaios verschwinden ließ. Im Maul eines Krokodils, waren harte Zeiten damals in Ägypten. 

"Atmosphärisch" ist wohl das meist gehörte Adjektiv, wenn es um die Assassins Creed Reihe geht und irgendwann musste ich mich einfach mit der Meuchelei beschäftigen, schon wegen der virtuellen Zeitreise. Das Viktorianische London wäre schon reizvoll, ebenso Paris während der Revolution, aber wann hat man schon mal die Gelegenheit, auf  Weltwundern wie dem Leuchtturm von Pharos und der Cheopspyramide herumzuklettern,  49 vor JCs Geburt, mitten im römischen Bürgerkrieg. Da waren die Pyramiden zwar auch schon über 2000 Jahre alt und löchrig, aber die Sphinx hatte immerhin noch ihre Nase. 

Asterix und Obelix kamen folglich erst kurze Zeit später, um Numerobis bei Cäsars Palast zu helfen. Weshalb Julius noch in Alexanders Klitsche residierte, als wir die Cleo bei ihm ablieferten, in einen Teppich eingerollt, wie es in der Legende heißt. Soweit also historisch nicht unbedingt falsch, was Goscinny und Uderzo damals verfasst haben. 

Ähnlich fantastisch wie die Geschichte um Asterix und Kleopatra, wenn auch nicht ganz so lustig, ist die des Kampfes zwischen Templern und Assassinen, der hier in (mehr oder weniger gesicherte) historische Begebenheiten eingebettet ist. Da guckt man schon zwischendurch mal bei Wikipedia, ob es diesen Apollodorus tatsächlich gegeben hat und welche Rolle der spielte, im politischen Ränkespiel zwischen Römern, Griechen und Ägyptern. 

Diese Kleinigkeiten sind auch gleichzeitig der interessanteste Teil, an einer ansonsten eher flachen Blutrachestory, in der man haufenweise Bösewichte meuchelt, bis man den Oberbösewicht erwischt hat und dann noch mal von vorn, meet, meat, repeat, bis der allerärgste Oberoberbösewicht fällt. 

Inzwischen hat man als Beschützer des Volkes an die 2000 Menschen gemeuchelt, mit Attentaten, mit Giftpfeilen, mit dem Schwert oder ganz effektiv aus der Distanz, per Kopfschuss mit dem Bogen. Das ist aber okay, weil man als Assassine zu den Guten gehört und ab und zu auch Bauern vor Krokodilen, Nilpferden und Raubkatzen retten darf. Schade eigentlich, dass man diesem eigentlich toll angelegten Charakter Bayek von Siwa nicht mehr Raum für seine eigene Geschichte gegeben hat.

Wenn ein Sandsturm in der Wüste irgendwann aufregender ist, als die Besatzung der nächsten Römerbastion zu eliminieren, sagt das schon einiges über den Langzeitspielspaß aus. Wobei man in der Wüste natürlich noch eine nette Fata Morgana erleben könnte, so ein Käferregen sieht schon lustig aus und das ist dann halt auch irgendwie... atmosphärisch.

Die Detailverliebtheit ist jedenfalls enorm, vom Schmugglerdorf im Nildelta bis zu den breiten Straßen Alexandrias ist alles so faszinierend und liebevoll gestaltet, dass man die Hatz nach dem nächsten Gegner oder Schatz oft einfach aufschiebt, nur um die Gegend auf dem Kamel- oder Pferderücken zu erkunden. Für Selfies vor der Arena in Kyrene oder den Pyramiden von Gizeh haben die Entwickler nicht umsonst eine Fotofunktion eingebaut, mit der man von Fokuspunkt bis Belichtung so ziemlich alles einstellen kann was nötig ist.

Beinahe interessanter als das Spiel selber ist der Erkundungsmodus, eine virtuelle Tour, in der man interaktiv die Geschichte des alten Ägyptens miterleben kann, ohne dabei von einer Horde Hyänen belästigt zu werden. Wie bei richtigen Museumsführungen auch, kann man sich von seiner Gruppe heimlich absondern und z.B. versuchen die Cheopspyramide zu erklettern, oder weiterhin der Museumsführung lauschen, um hinterher zu wissen, dass man immer noch nicht genau weiß, wie man diese Dinger damals gebaut hat. Nur, dass sie ungefähr 4500 Jahre alt sind, ein Alter, dass kein Stahlbetonbauwerk der Neuzeit jemals erreichen wird.

Auf 75 Stationen erfährt man viel über Weltwunder und andere Bauwerke, Pharaonen, Götter und Priester, Flora und Fauna, Landwirtschaft, Mode, Schmuck, nicht zuletzt über die wichtige Kunst des Bierbrauens und warum man im alten Ägypten das Bier häufig mit dem Strohhalm trank. Dazu sehr viel Bildmaterial von historischen Exponaten aus dieser Zeit, die man sonst nur im Louvre oder Metropolitan Art Museum sehen kann und das weit häufiger als in ägyptischen Museen, was natürlich Zufall sein kann, aber mir dennoch zu denken gibt. 

Den alten Bart der Sphinx kann man sogar in zwei Museen bewundern, man muss sich die jeweils fehlenden Teile dann halt dazudenken. Wo die Nase geblieben ist weiß man zwar nicht, aber Obelix kann es nicht gewesen sein, denn die soll sie im 13. Jahrhundert sogar noch getragen haben, bis ein angeblich strenggläubiger Scheich sie abschlug. Das war dann wohl Taliban Version 1.0 

Bei aller Liebe zum Detail bei historischen Nachbauten muss natürlich auch einiges dem Spielvergnügen weichen, die Sphinx wird zu Kleopatras Zeiten schon nicht mehr so schön bunt gewesen sein, aber sieht halt einfach schicker aus und selbstverständlich befinden sich in den Grabkammern der Pyramiden keine glitzernden Schätze oder seltene Schwerter, das wurde alles längst geklaut. 

Überraschend genug, dass es den versteckten Hintereingang in der Sphinx tatsächlich gibt.

Fotos dazu: Assassins Creed Origins, Kleopatra VII Philopator, Alexandria, Pharos, Memphis, Gizeh, Kyerene

Musik dazu: Rachid Taha - Diwan / Diwan 2

 


















 



Montag, 16. Mai 2022

Wie der Hausmeister drei Tore verhinderte

 









 

Verpasste Chancen, das ewige Thema leidgeprüfter Fußballfans. Eine richtig dicke haben wir gerade mit dem vor ein paar Wochen noch möglichen Aufstieg verpasst, dürfen im letzten Saisonspiel gegen Düsseldorf um die goldene Ananas spielen und danach Spieler verabschieden, von denen wir uns eigentlich gar nicht verabschieden wollen, weil die doch nach 10 Jahren irgendwie zur Familie gehören. Alles sehr anstrengend, nach dieser anstrengenden Saison. Da feiert so mancher doch lieber Geburtstage und schwupps, sind zwei Dauerkarten übrig. Eine Chance, noch seltener als ein Kopfballtor nach Ecke, die lass ich mir natürlich nicht entgehen.

Ich kann mein Kind mit ins Stadion schleppen! Und sein Kind noch dazu! Drei Generationen auf der Gegengerade, mein Enkel das erste Mal am Millerntor, die Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder. Nachdem kurz darauf der letzte Veteran auch absagt kann die Freundin sogar noch mit und der Lütte bekommt 'ne Schoßkarte. Dafür verzichte ich sogar auf meine Saisonabschlusssportzigaretten und mach Opa-Taxi mit Hol- und Bringservice, wie gut dass der Dom weg ist.

Unterwegs kommen mir leichte Bedenken angesichts nachgesagter Düsseldorfer Formstärke und unseres stark ausgedünnten Kaders, ich hab nicht mal Ahnung wer da aus der Quarantäne wieder raus ist, die gesperrten und verletzten Spieler reichen für ein ungutes Gefühl im Magen eigentlich schon aus. Das Projekt "Enkel mit Sankt Pauli Virus infizieren" erscheint mir auf einmal gefährdet. Schließlich weiß man ja, der erste Stadionbesuch kann so prägend sein wie das erste Konzert, wenn die Band nix kann gehste nicht wieder hin.

Um das Gröbste vorweg abzufedern mache ich galgenhumorig auf unseren Personalnotstand aufmerksam und irgendwann kommt die Sprache auf den Hausmeister, der wohl zur Not ran müsse wenn nicht mehr genug Spieler da sind. Wir kommen dann schnell zum Entschluss, dass der wohl ins Tor müsse, weil Hausmeister vielleicht nicht  ganz so gut Fußball spielen können, aber Bälle fangen ginge wohl gerade noch.

Man sollte nicht so viel Blödsinn erzählen, wenn Kinder dabei sind. Nikola Vasilj stand jedenfalls unter besonderer Beachtung eines sechsjährigen Neufans und obwohl wir den Lütten natürlich irgendwann aufgeklärt haben, dass das nicht der Hausmeister ist, war er der ALLERBESTE und hat uns wahrscheinlich den Arsch gerettet, weil er dreimal ganz toll Bälle gefangen hat, was anscheinend noch wichtiger war als unsere zwei Tore. Man kann als Torwart 85 Minuten beschäftigungslos am Pfosten lehnen, aber in drei Minuten zum Helden eines kleinen Jungen werden.

Ansonsten ist der Knirps 90 Minuten steilgegangen wie so'n Ultra, sehr zum Amüsement der Steher vor uns und einen besseren Abschluss dieser irgendwie geilen und dennoch verkorksten Saison hätte es für mich nicht geben können. Schön, dass die Band am Ende noch mal ordentlich gerockt hat.


Was sonst noch Sankt Pauli war:

Der vor wenigen Tagen verstorbene Rainer Wulff verabschiedet sich posthum per Videobotschaft vom Millerntor und das war die lauteste, schönste und gleichzeitig traurigste "Schweigeminute" jemals in einem Stadion. RIP Rainer.

Die Verabschiedung der Spieler nach dem Spiel, häufig genug konnte man sich in den letzten Jahren nicht verabschieden, wenigstens Buchti und Matze blieb das Schicksal erspart, nach 10 Jahren einfach so zu verschwinden.

Hätte Hätte Fahrradkette. Die in den drei Spielen vor Schalke verlorenen Punkte hätten uns am Ende auch "nur" auf Platz 3 gebracht, aber selbstverständlich hätte ich auch Magaths Wursttruppe noch mitgenommen. Hätte.

Hätte ich, wäre ich kinderlos, halbwegs fit und in erwachsener Begleitung gewesen, an der Saisonabschlussfeier vor dem Knust teilgenommen? Höchstwahrscheinlich nicht, weil so sehr viel zu feiern gibt es eigentlich nicht. Das war diesmal weniger Tragik als eigene Dummheit.


Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - Fortuna Düsseldorf, Endstand 2:0

Musik dazu: John Butler Trio - Sunrise over Sea / John Berberian & The Middle East Ensemble - Middle Eastern Rock 

Links dazu: Ein Spiel Im Zeichen des Abschieds hat der Millernton gesehen













Mittwoch, 11. Mai 2022

Sylt für Anfänger

 









Glaubt man Aufrufen in den sozialen Medien, wird die Insel der Schönen und Reichen demnächst überflutet vom anarchistischen Pöbel, dem 9 Euro Ticket sei Dank. Ob das die arbeitende Bevölkerung Sylts irgendwie beunruhigt, oder nur die Schampus trinkende, ist mir bisher nicht zu Ohren gekommen. Bevor sich jedoch verzweifelte Villenbesitzer im Juni mit Handschellen an den Hindenburgdamm ketten, werde ich hier als profunder Kenner der örtlichen Verhältnisse (drei Tagesbesuche in drei Jahren!) versuchen, ein paar Tipps zu geben.

Anreisen kann man im Notfall auch ganz bequem über Dänemark, die Fähre von Rømø nach Sylt kostet nur geringfügig mehr als 9 Euro, dafür kann man aber eine ganze Packung zollfreie Kippen ergattern, was das wieder ausgleicht.

In diesem Fall beginnt die Reise im Norden der Insel, im lauschigen Örtchen List, bestehend aus Mehrfamilienhäusern, Ferienwohnungen, Fischbuden, Fischbuden, Souvenirläden und Fischbuden, die sich allesamt am Hafen um die Touristenströme kümmern und wahrscheinlich zu mehr als 90% dem Entdecker und Gouverneur der Insel Jürgen "Jünnes" Gosch gehören, dessen Biografie im örtlichen Buchladen erhältlich ist. Inzwischen hat man ihm (oder er sich) sogar eine Art Denkmal vor die Haustür gestellt. Noch eine Touristenattraktion!

Bereisen lässt sich die Insel sehr bequem mit dem öffentlichen Nahverkehr, der ja im 9 Euro Ticket enthalten ist. Will man bis an den nördlichsten Punkt der Insel, den Ellenbogen, muss man allerdings Fahrrad oder Auto nehmen, für letzteres ist dann wieder eine Mautgebühr fällig, weil Privatbesitz. Interessant ist das allerdings höchstens für Menschen die Leuchttürme mögen und für Kitesurfer, denn das Badevergnügen wird hier durch gefährliche Strömungen leider verhindert.  

Unbedingt ansehen sollte man sich Kampen, die historische alte Arbeitersiedlung mit den vielen hübschen Reetdachhäusern, die Gouverneur Gosch für seine Fischer und Fischzerleger errichten ließ. Sogar die Bushaltestellen haben hier ein Reetdach, was damals halt ein sehr billiges Baumaterial war, dadurch aber letztlich zur DER Touristenattraktion Sylts wurde.

Erwähnenswert wäre noch das Künsterlokal Kupferkanne, in dem man den weltbesten Blechkuchen bekommen kann, ebenfalls für nur 9 Euro (2 Stück!) aber man sollte 4 mitnehmen, sonst bedauert man das hinterher. Um sich der Kalorien bestmöglich wieder zu entledigen ist ein Spaziergang zum Strand, über die Dünenlandschaft zum Roten Kliff (Touristenattraktion!), keine schlechte Idee. Eine Wanderung ins nächstgelegene Wenningstedt über den Strand verbrennt noch mehr Kalorien, die sich dort leicht in einem von Jünnes Läden wieder auffüllen lassen. Ob Kaviar und Champagner im Juni auch für hartzige 9 Euro angeboten werden wage ich jedoch zu bezweifeln, da sollte man sich vielleicht doch besser eine Stulle einpacken.

Anschließend kann man gestärkt in Westerland einfallen, der Inselhauptstadt. Eine Stadt, die wie keine zweite im dreißigjährigen Krieg unter dem Bombenhagel der Normannen gelitten hat, was man ihr heute noch ansieht. Nur sehr wenig alte Bausubstanz ist noch vorhanden, der Rest ist Beton, dafür immerhin mit vielen Geschäften, in denen man allerhand Tand für garantiert mehr als 9 Euro bekommt, wenn man sich nicht auf Fischbrötchen beschränkt. Damit der (kostenpflichtige!) Strand angesichts des Elends nicht auch noch abhaut, hat man ihn vorsorglich mit Resten des normannischen Bombenhagels gesichert und damit gleichzeitig ein beeindruckendes Mahnmal geschaffen, was wie immer keinen interessieren wird wenn es um Mahnmale geht.

Das Beste an Westerland ist die Straße in den Süden und den Osten, in das Um-Land, nach Tinnum, Rantum, Keitum, Hörnum und Morsum, Orte die wenigstens teilweise noch so aussehen wie sie heißen und im Zuge der Klimakrise ähnlich berühmt werden könnten wie Rungholt. Falls dann jemand ein Gedicht über sie schreiben will mangelt es jedenfalls nicht an Reimmöglichkeiten.

Besonders schade wäre es um das Morsumer Kliff, das zumindest in der Spätnachmittagssonne sehr viel roter leuchtet als das in Kampen und von dem man aus einen guten Blick auf das Spektakel am Hindenburgdamm hätte, wenn sich die Reichen und Schönen an die Schienen ketten, aber die fliegen wohl einfach für mehr als 9 Euro nach Malle solange.


Fotos dazu: List Hafen/Goschdenkmal/Ellenbogendünen/Leuchtturm List-Ost/Ellenbogenstrand/Quermarkenfeuer Rotes Kliff/Arbeitersiedlungen in Kampen/Rotes Kliff/Strand Wenningstedt/Westerland und Strand/Leuchtturm Hörnum/Morsum Kliff/Hindenburgdamm

Musik dazu: Jesse Malin - Glitter In The Gutter/New York Before The War - Jimmy Page & Robert Plant - Walking Into Clarksdale