Sonntag, 13. September 2026

Keine Angst

 











Endlich mal wieder ein Abendspiel, das heißt ausschlafen, ein anständiges Frühstück und genügend Zeit für die mentale Vorbereitung auf die Konzernfußballer. Flutlichtfußball ist einfach geiler. Eigentlich sollten solche Veranstaltungen grundsätzlich am Abend stattfinden, schließlich würde auch kein vernünftiger Mensch an einem Samstag um 13 Uhr ins Theater oder in ein Konzert gehen, aber mit Fußballfans kann man es ja machen.

Für die Anreise ist der HVV wieder mal erste Wahl, weil der scheiß DOM zwar endlich weg ist, sich dafür aber gleich der nächste Zirkus auf dem Feld breitgemacht hat. Wir dürfen außen herumlatschen und dabei fällt mir zum ersten Mal die gewaltige Betonsandkiste zwischen Fahrbahn und Fußgängerweg an der Budapester auf. Eine wahrscheinlich effektive, aber nichtsdestotrotz ziemlich hässliche Form der Verkehrstrennung. Man könnte da noch etwas Mutterboden auftragen und eine Hanfplantage draus machen, das würde dieses Ding wenigstens optisch etwas aufwerten.

Die Bezugsgruppe ist inzwischen fast vollständig im Stadion angekommen, nur der Skipper fehlt noch, weil er seine Schönheits-OP nicht verschieben wollte. Gute Besserung, Digger, und komm auf die Füße! Die Bande ist außerordentlich gut gelaunt, was sicher an der Tageszeit liegt und nicht am Gegner, denn von Optimismus ist keine Spur vorhanden. Schließlich haben wir beim letzten Mal gegen die schon derbe verkackt und jetzt hat der Konzern auch noch 27 Millionen seiner „Werte“ in Granaten wie Fabian Reese und Hauke Wahl (Fußballgott) investiert.

Wir sind uns komplett einig, dass es vollkommen albern wäre, Hauke auszupfeifen, nur weil er zum Ausklang seiner Karriere noch ein paar dieser Wolfsburger Werte eingesackt hat. Der hat hier ein paar Jahre einen richtig guten Job gemacht und feddich. Natürlich wird er deshalb niemals in die nächste Jahrhundertelf des magischen FC gewählt, aber als Fußballromantiker hat er sich ja gerade nicht entpuppt. Das wird er also verschmerzen.

Das musikalische Vorprogramm ist exquisit. Danger Dan und Igor Levit erschallen durch das Stadion: „Keine Angst, keine Angst, keine Angst“, und ich frage mich, ob man daraus vielleicht eine Hymne – nee, nicht schon wieder diese Diskussion. Bei Rihannas „Diamonds“ pfeifen tatsächlich wieder ein paar Leute, aber mehr als fünf oder sechs sind es diesmal eher nicht. Dafür singt die Südkurve fleißig mit, und Thees werde ich irgendwann nicht mehr hören können. Hört auf damit.

Keine Angst, keine Angst. Sieht man mal von ein paar kurzen Schreckmomenten ab, in denen Reese erst an der Latte und kurz darauf an Ben Voll scheitert, dann muss man wirklich keine Angst haben, denn wir sind hier definitiv mindestens ebenbürtig. Distanzschüsse können wir auch, Connor Metcalfe ist richtig gut drauf und irgendwann geht so ein Ding auch rein. Abdoulie Ceesay macht vorne ständig Alarm und liefert sich hitzige Gefechte mit Hauke, der sich etwas zu offensichtlich beim Schiedsrichter ausweint. Das kostet dann doch ein paar Sympathiepunkte und bringt ihm ein paar Pfiffe ein.

Hinten stehen wir stabil, Pyrka hat Reese gut im Griff und ich hab zwar nicht gezählt, aber bei Ecken führen wir inzwischen auch deutlich. Sogar mein kritischer Nachbar wirkt zur Halbzeit zufrieden. Gutes Spiel der Jungs, fehlt eigentlich nur das Tor.

Das gibt es auch in der zweiten Hälfte lange nicht, obwohl es so verdient wäre, denn wir sind hier eindeutig das agilere Team, haben mehr Chancen, haben bessere Chancen – nur will das Ding einfach nicht rein. Ein Lattentreffer von Connor. Der letzte war drüber, der nächste geht rein, so will es das Gesetz. Kommt aber keiner mehr – und die Zeit verrinnt.

In der 70. muss Niang verletzt runter und Rapp bringt Martijn Kaars, was meinen Nachbarn zu der Bemerkung veranlasst, das Spiel wäre jetzt vorbei. Der Martijn hat es echt schwer bei ihm, und sollte er sich nicht schleunigst zu einem zweiten Henk Veerman entwickeln, wird das wohl nichts mehr werden mit den beiden. Ich wäre ja schon froh, wenn es kein zweiter John Verhoek wird. Das wird schon noch mit Martijn, nur Geduld.

Ganz offensichtlich keine Geduld mehr hat Abdoulie Ceesay (Fußballgott incoming). In der 87. Minute stürmt er urplötzlich auf einen Wolfsburger zu, erobert den Ball und ich hab jetzt immer noch keine verdammte Wiederholung dieser Szene gesehen. WHATTHEFUCK ist da passiert? Die Kugel landet auf Umwegen bei Fujita und endlich schafft es mal jemand, das Ding in die Kiste zu bugsieren.

Song 2. Woohoo. Tore schießen ist schon geil, Spiele gewinnen noch viel geiler, geile Spiele verdient gewinnen macht Mut für die Zukunft. Keine Angst mehr vor der restlichen Saison. Jetzt ein schöner Auswärtssieg in Göddbüs und dann mal sehen, was kommt.

Was sonst noch gut war:

Kaum gewinnt man Spiele, verschwinden die Volltrottelkommentare in den Kommentarspalten.

 

Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - VfL Wolfsburg, Endstand 1:0

Tore dazu: Joel Chita Fujima (88)

Links dazu:  Der verdiente Lohn (Millernton)

Musik dazu: Anika Nilles - Pikalar 

 














 

 

 

 

Montag, 31. August 2026

Fußball und andere Nebengeräusche

 











Niemand hat es so schwer wie ich. Als wären die Zweitliga-Anstoßzeiten nicht schon beschissen genug, klingelt mich Muddern schon um halb neun aus den Federn und beschwert sich bei mir, dass die Pflegetanten sie um diese Zeit aus dem Bett klingeln – und irgendwie kann ich das gerade sehr gut nachvollziehen. An Schlaf ist dann eh nicht mehr zu denken, weil Spiele gegen Kaiserslautern aus ganz persönlichen Gründen immer ein ungutes Gefühl in meiner Magengegend verursachen. Wäre das nicht der Fall, könnte man wenigstens vernünftig frühstücken, aber außer mehr Kaffee geht gerade nichts runter.

Die Urlaubszeit geht langsam dem Ende entgegen, man sieht wieder die gewohnten Gesichter im Stadion, die Hälfte der Bezugsgruppe eiert aber immer noch auf irgendwelchen Segelbooten durch die Gegend – und weil die Dinger so langsam sind, verpassen sie häufiger mal den Saisonbeginn. Da keiner der Jungs jemals als großer Glücksvogel aufgefallen ist, ganz egal mit welchen Shirts und Schals, wird das zumindest ergebnistechnisch keine Rolle spielen.

Wir haben ja immer noch diese ungeklärte Sache mit der fehlenden Hymne an der Backe, wegen der wir überhaupt erst abgestiegen sind – und da hat sich der Verein gedacht, wir kriegen jetzt so lange Thees auf die Ohren, bis sie bluten oder wir uns freiwillig für irgendetwas anderes entscheiden. „Das hier ist Fußball“ ist für mich das schönste Liebeslied, das jemals jemand für einen Verein geschrieben hat, aber das passt halt doch mehr bei einem Abstieg in die dritte Liga (was der Fußballgott verhüten möge) und nicht zu einem anständigen Ackermatchauftakt.

Für Rihanna entscheiden wir uns wohl eher nicht, denn als „Diamonds“ gespielt wird, gibt es aus etlichen Ecken des Stadions Pfiffe zu hören. Zunächst vermute ich einen mir entgangenen Vorfall auf dem Rasen oder im Gästeblock, aber die pfeifen tatsächlich, weil sie das Lied doof finden. Ich find ja Leute doof, die Lieder auspfeifen, aber damit muss ich wohl leben. Als Einzeiler wär mir das trotzdem etwas zu simpel für eine Hymne. Hoffentlich finden wir eine neue, bevor wir schon wieder absteigen müssen, nur weil wir nicht wissen, was wir singen sollen.

Ach ja, und dann ist da noch diese andere Nebensache: der Fußball. Der sieht knapp 20 Minuten lang so aus, wie man sich das vorstellt, nur ohne Tore. Ich hab ziemlich oft Eric im Fokus, weil der ja lustlos und abwanderungswillig sein soll, und finde dafür keine Anzeichen. Nach einer halben Stunde verliere ich etwas den Spaß an der Sache, weil die bis dahin ziemlich harmlosen Pfälzer auf einmal mit 0:1 führen und keinerlei Probleme haben, diesen Vorsprung bis zur Pause zu verteidigen.

Weil wir wieder zu harmlos sind. Ich bin ja immer noch davon überzeugt, dass bei Kaars irgendwann der Knoten platzen wird, aber so langsam könnte er sich wenigstens etwas lösen. Bemüht, aber unglücklich. Aus dem von mir eigentlich eingeplanten Hattrick von Ceesay kann auch nichts werden, wenn er auf der Bank sitzt, es ist echt ein Elend.

Das wird dann noch elendiger mit Anpfiff der zweiten Halbzeit, als Kaiserslautern gefühlte 10 Sekunden danach auf 0:2 erhöht. Ein echter Stimmungskiller für den bis dahin ohnehin überschaubaren Support. War echt schon mal lauter hier, aber früher war halt alles besser.

Die Mannschaft zeigt eine Reaktion, sie bildet einen Kreis. Das erinnert mich an Fabian Boll, der hat auch mal einen Kreis gebildet und dann haben wir das Spiel gegen Dresden gedreht. Früher war alles besser, sag ich doch. Mal gucken, ob das heute hilft.

Zunächst hilft die Einwechslung von Abdoulie Ceesay, der braucht keine Minute für den Anschlusstreffer und sorgt endlich für etwas Stadionbelebung. Über eine halbe Stunde Zeit, das Ding zu drehen – da geht noch was, denkt man sich da. Und sie spielen auch so, man kann zumindest das Bemühen erkennen, hier unbedingt noch etwas retten zu wollen, und sei es nur ein Punkt.

Leider klappt das nicht und deswegen gibt es jetzt keinen Punkt, aber jede Menge

Nebengeräusche

Da flachst man mit nem Kumpel in der U-Bahn, prognostiziert ein am neuen Ligastandard angepasstes, torreiches 5:3 und einen Hattrick von Ceesay in der ersten Halbzeit und wird von der Seite angemuffelt, dass man schon seit Jahren keine drei Tore in einer Halbzeit geschossen hätte, wie schrecklich diese Truppe gerade zusammengestellt sei und dass für alles Elend der Sportchef verantwortlich sei. Na ja, denk ich, steig mit 100 Leuten in die U-Bahn und du findest mindestens einen Doofen. Aber wieso will ausgerechnet der ins Stadion? Um ein Lied auszupfeifen?

Wir haben vor ein paar Jahren die zweite Liga zumindest zeitweilig dominiert, krasse Siegesserien gefeiert, sind Zweitligameister geworden und zwei Jahre im Haifischbecken Bundesliga mitgeschwommen. Alles schon vergessen, denn wenn man die Kommentare unter dem Video der Pressekonferenz nach dem Spiel liest (macht das nicht!), dann ist ganz klar:

JETZT IST ALLES SCHEISSE

  • Mannschaft maximal drittklassig

  • Bornemann raus

  • mit dieser Defensive steigen wir ab

  • mit dieser Offensive steigen wir ab

  • mit diesem Trainer steigen wir ab

  • seit 2019 alles Kacke

  • und JOSH LUHUKAY HAT DEN VORSTAND ENTLARVT

Ganz besonders der letzte Kommentar hat mich davon überzeugt, dass dahinter nur ein schlecht programmierter Bot aus dem Volkspark stecken kann – oder da ist bei der Geburt viel schiefgelaufen. Die Vorstellung, im Stadion solchen Menschen zu begegnen, ist jedenfalls einigermaßen gruselig.

Wir müssen anfangen, Spiele zu gewinnen. Schon für die geistige Gesundheit nicht ganz unwichtig.

 

Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - 1.FC Kaiserslautern, Endstand 1:2

Links dazu: Fehlstart perfekt (Millernton) Moin Abstiegskampf (St.Pauli POP) In Kenntnis der Tatsachen (Stefan Groenveld)

Musik dazu: Les McCann - Swiss Movement, Live at Montreux 

 












 

Sonntag, 9. August 2026

Gewöhnungsbedürftig

 










Nie mehr zweite Liga hatte ich mir selber mal versprochen - und doch sitze ich wieder hier, zu dieser beschissen frühen Uhrzeit, bei äußerst gewöhnungsbedürftigen Temperaturen. Normalerweise freut man sich ja als Fan über die zwei bis drei Spieltage im Jahr, an denen ein T-Shirt oder Trikot als Oberbekleidung ausreicht, aber mehr als 30 Grad kann ich nicht mehr wirklich gut vertragen. Zum Glück sitze ich im Schatten der Gegengerade und bedaure die in der prallen Sonne bratenden Nordkurvensteher, ich würde da in Minuten kollabieren.

 Noch sehr viel gewöhnungsbedürftiger als die Temperaturen ist für mich die Mannschaft, von der man ja gar nicht weiß, ob das überhaupt die Mannschaft ist an die man sich gewöhnen muss, weil alle noch auf zwei Abgänge spekulieren, die dann von Borne wieder mit irgendwelchen haitianischen Nationalspielern ersetzt werden die kein Schwein auf dem Zettel hatte. 

Man fremdelt ja immer ein wenig bei diesen großen Umbrüchen, ganz besonders schlimm ist es, wenn Lieblingsspieler den Verein verlassen. Kein Saliakastorjubel mehr in diesem Stadion, das tut weh. Alles sinnlos ohne Manos. Sind überhaupt noch Fußballgötter da? Ach ja, Lars und Adam. Die erkenn ich auch ohne Rückennummer, wenn sie denn spielen.

Das Spiel selber ist dann gar nicht mal so gewöhnungsbedürftig, offensive Bemühungen die in vergebenen Chancen enden und defensive Anfälligkeiten, die zu Gegentoren hätten führen müssen, wäre da nicht noch ein Torwart um das zu verhindern. Das ist nicht neu, das kennen wir alles schon. 

Wahrscheinlich werde ich mich als erstes an Ben Voll gewöhnen, obwohl Niko natürlich immer noch GOAT ist, aber für unsere Torhüter hatte ich immer schon ein Faible, bis zur Halbzeit rettet er uns jedenfalls mehrfach den Arsch. An Martijn Kaars werd ich mich gewöhnen wenn er hundertprozentige verwandelt, dann hätten wir geführt gegen Fürth. 

Das 1:0 kurz nach Anpfiff zur zweiten Hälfte kommt dann völlig überraschend, ganz simpel Eckball-Kopfball-Tor, lange nicht gesehen so etwas. Eine Produktion der Herren Hrgota und Mathisen, an solche Standards könnte ich mich gewöhnen. Man springt dann auf und jubelt, hatte ich fast vergessen, ist schon ein paar Monate her dieses Erlebnis. 

Wenig überraschend hält die Euphorie nur ein paar Minuten, dann kassieren wir den Ausgleich und die gute Laune ist dahin. Überhaupt kommt mir der Support heute etwas schwerfällig vor, in etwa so schwerfällig wie das Spiel, muss an den Temperaturen liegen, die will man ja nicht noch mehr anheizen. Ich nehme mich da nicht mal aus, ich muss wohl noch irgendwie in diese Saison finden.

Pyrka bringt nochmal etwas Feuer rein als er eine Monstergrätsche etwas zu sehr abfeiert und dafür die gelbe Karte sieht und am Ende kriegen wir noch keinen Elfmeter, obwohl Ricky-Jade im Strafraum liegt und ganz augenscheinlich von irgendeinem Fürther dort hinbefördert wurde. 

Keinen Elfmeter kriegen ist auch nicht neu, daran gewöhnen werde ich mich trotzdem nie.

 

Was sonst noch gut war:

Ganz viel Geld in der letzten Saison durch Pfandbecher gesammelt

 Was nicht so gut wie erhofft war außer unserem Spiel:

 Die neue Lautsprecheranlage. Ist laut, klingt scheiße.

Was sonst noch schlecht war:

FCK DOM 

 

Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - SpVgg Greuther Fürth, Endstand 1:1

Tore dazu: Mathisen (46.) Klaus (52.)

Links dazu: Nur Voll gut (Stefan Groenveld) FCSP vs Fürth (Millernstrain) Zum Remis verschmolzen (Millernton)

Musik dazu: Etta James -  Performances at Montreux 1975 - 1990

 











 

Sonntag, 17. Mai 2026

Ausgeträumt

 







Letzte Nacht hatte ich einen selten dämlichen Traum: Ich stand an irgendeiner staubigen Straßenkreuzung in Mississippi und habe eine Gitarre so lange misshandelt, bis der Teufel erschien. Und er so: „Alter, was machst’n für’n Scheiß? Du hast ja mal gar kein Talent.“ Und ich so: „Ja, weiß ich. Geht mir auch gar nicht um die Klampferei, aber vielleicht könntest du Abdoulies Buffer so verzaubern, dass er damit Wolfsburg aus dem Stadion schießen kann?“ Doch bevor ich in größere Verhandlungen bezüglich meiner Seele eintreten konnte, bin ich aufgewacht. So ein Scheiß aber auch.

Seit Wochen schwirrt mir der Kopf von den ganzen möglichen Szenarien, und schließlich ist nicht nur das befürchtete Endspiel gegen Wolfsburg dabei herausgekommen, wir müssen auch noch auf andere Plätze schielen. Wahrscheinlich stochern wir uns ein glückliches Unentschieden zusammen und Heidenheim ist der lachende Dritte. Ich mache mir keine Illusionen mehr über einen Ligaverbleib. Das Ding haben wir viel früher vergeigt, jetzt bräuchten wir schon ein kleines Wunder.

Und an dieses mögliche Wunder glaubt man dann doch plötzlich: weil der Nachbar den Mainzer Führungstreffer bekannt gibt, weil Fujita den Ball an die Querlatte hämmert, weil Niko im Gegenzug Wolfsburger Großchancen verhindert – und weil auf den Rängen von der ersten Minute an die Post abgeht. Der massive Endspiellärm wird die Jungs zum Sieg treiben, es wird vielleicht doch noch alles gut.

Wie gewohnt kriegen wir dann irgendwann doch die kalte Dusche. Möglichst lange die Null halten gelingt heute bis Minute 38, und weil eine kalte Dusche nicht reicht, um die Hoffnung weiter schrumpfen zu lassen, vergibt Hountondji kurz darauf die Chance auf den Ausgleich. Bei einer dieser seltenen Möglichkeiten, die meine Oma im Rollstuhl gemacht hätte und die 28.000 Menschen kollektiv verzweifeln lassen.

Trotzdem ist noch immer alles möglich, denn Mainz führt in der Halbzeit mit 0:2 in Heidenheim, und unten auf dem Rasen macht sich Abdoulie Ceesay bereit. Auch mein Umfeld ist deutlich optimistischer, als es der Spielstand vermuten ließe. Ich lasse mich von der Stimmung anstecken und prophezeie drei Tore von Ceesay in der zweiten Halbzeit und die endgültige Ernennung zum Fußballgott. Wir müssen einfach nur dieses Spiel gewinnen. Irgendwie.

Zwölf Minuten braucht Abdoulie, dann steht es 1:1 und das Stadion steht Kopf. Wie geil ist das denn? Wenn der jetzt wirklich noch zwei macht, gehe ich als Wahrsager auf den Kiez. Und warum war er nicht in der Startelf? Dann wären die vielleicht längst gefallen.

Stattdessen fällt wieder eins auf der anderen Seite, sorgt für endlose Diskussionen und letztendlich für Schiris Gang zum Monitor. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt – der Treffer zählt. Der endgültige Genickbruch droht uns durch einen Handelfmeter in der 77., den Eriksen an die Latte setzt. So etwas kann durchaus noch einmal einen Schub geben, aber nicht, wenn es drei Minuten später doch im Kasten klingelt. Um drei Tore zu schießen, brauchen wir mehrere Spiele. In zehn Minuten ist das wahrscheinlich nicht mal möglich, wenn ich meine Seele verkaufen würde.

Spätestens da war der Drops gelutscht, der Bundesligatraum ausgeträumt. Ahnen konnte man das schon lange, dass es nicht reicht für die erste Liga, aber Hoffnung hat man ja immer. Und die ist auch wirklich sehr spät gestorben diesmal.

 

Was sonst noch schlecht war:

Nach You'll never walk alone und Thees hätte man die Brüllwürfel auch mal ausmachen können, hab schon befürchtet dass irgendwer noch Vicky Leandros auflegt 

Was sonst noch gut ist:

Wir können wieder "Ich liebe Dich, ich träum von Dir" singen 

 Kein Relegationsstress gegen Hangover oder Paderboring

 

Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - VfL Wolfsburg, Endstand 1:3 

Tore dazu: Koulierakis (38.) Ceesay (57.) Eriksen (64.) Pejcinovic(80.)

Links dazu: Ein verdienter (und trotzdem bitterer) Abstieg (Millernton) 10 Minuten Hoffnung (Stefan Groenveld)

Musik dazu: Massive Attack - Blue Lines / Mezzanine