Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände (auf beiden Seiten) müssen wir uns ausgerechnet gegen Werder Bremen um die Abstiegsplätze balgen – damit habe ich vor der Saison auch nicht unbedingt gerechnet. Mit einem 4:0-Sieg könnten wir sogar auf Platz 15 springen; damit ist bei unserer Offensivschwäche allerdings noch weniger zu rechnen. Bei aller Sympathie für Werder sollte trotzdem unbedingt ein Heimsieg her, sonst gehen hier langsam aber sicher die Lichter aus.
Mit genau sechs Euro Bargeld in der Tasche mache ich mich auf den Weg – das reicht gerade für die Parkgebühr auf dem Heiligenmatschfeld. Bratwurst und Bier zahle ich eh mit Karte, weil die Schlange da immer kürzer ist. Die Bezugsgruppe ist unvollständig: Der Skipper wird, wie schon gegen Stuttgart, von einem Virus behelligt und bleibt – wie schon gegen Stuttgart – auf der Couch. Sollten wir heute auch 2:1 gewinnen wird da hoffentlich niemand einen Zusammenhang sehen und heimlich seine Dauerkarte mopsen.
Andererseits ist auch so ein Strohhalm ein Strohhalm. Hilft ja nix, denn wenn wir so spielen wie in der ersten Halbzeit, brauchen wir jeden Strohhalm, den wir kriegen können. Das Beste, was man darüber sagen kann: Es ist nicht ganz so katastrophal ängstlich wie gegen Stellingen, aber super nervös und unglaublich hektisch, da passt nichts richtig zusammen. Ein schlapper Schussversuch von Kaars nach zehn Minuten, um kurz wach zu werden, danach ist Ebbe im Strafraum (nicht der Ebbe natürlich – sonst würd’s vielleicht mal klingeln).
Dass es kein fußballerisches Feuerwerk gibt, wenn der 16. gegen den 17. antritt, ist mir schon klar, aber das panische Gekicke da unten hat nicht einmal Zweitligaqualität. Abstiegskrampf mit leichten Vorteilen für Werder, die auf Platz 16 stehen, weil sie so etwas nicht nutzen. Liegt allerdings auch an unserer Defensive, denn wie ein Freund immer zu sagen pflegt: Eine IV ohne Hauke ist nur zweite Wahl. Zusammen mit Ando könnte das ein Dreamteam werden.
Mit vereinten Kräften schaffen sie es immerhin, die Null bis zur Pause zu halten. Die einen wollen nicht so richtig, die anderen können nicht so richtig – wer nicht will und wer nicht kann, wechselt dabei stetig hin und her. Das hat mit Fußball jedenfalls wenig zu tun.
Martijn Kaars erwischt einen rabenschwarzen Tag und sorgt bei meinem Sitznachbarn für erhöhten Blutdruck – fast auf Schiedsrichterniveau. Ein unnötiger Ballverlust sorgt dann nach zehn Minuten der zweiten Hälfte für seine Ablösung durch Mathias Pereira Lage. Mehr Hoffnung würde mir eine Führung geben, und die bekommen wir kurz darauf auch, recht überraschend. Kaum etwas könnte mich glücklicher machen als ein Tor von Hauke Wahl. Ich bin definitiv zu alt, um noch einmal für eine Jahrhundertelf oder Ähnliches abstimmen zu dürfen, aber in meiner ganz persönlichen rückt sein Einsatz mit jedem Spiel näher.
Nur kurze Zeit später kriegen wir den Ball nicht aus dem Strafraum. Milosevic hat gleich zwei Versuche, den Ball in die Kiste zu befördern – der zweite sitzt. So schnell kann sich die Laune ändern: von himmelhoch jauchzend zu jaleckmichdochamarschdaskanneinfachnichtwahrsein. Immerhin ist das Stadion einigermaßen angezündet, und die Darbietung ähnelt inzwischen auch mehr einem Fußballspiel – gemessen an der ersten Hälfte.
Ekstatisch wird es dann, als Manos (eine Startelf ohne Manos ist eine Startzehn) Joel Chima Fujita im Strafraum bedient – und der zeigt endlich mal, dass er nicht nur am Tor vorbeischießen kann. Woohoo, Song 2, 20 Minutes to go. Bestimmt ist der Knoten jetzt geplatzt, bei Hartel hat’s auch so angefangen: einfach mal reinmachen das Ding und feststellen, hey, das macht ja mal richtig Spaß, das mach ich jetzt öfter.
Garantiert nicht so viel Spaß macht der Job des Schiedsrichters, deswegen will den auch kaum noch jemand machen. Im Jugendbereich pöbelnde Helikoptereltern, in der Bundesliga zigtausend Experten, die von ihrem Platz aus alles sehr viel besser sehen können als der blinde Otto da unten und außerdem wirklich unparteiisch sind. Trotzdem gibt es für das rüde Foul an Jackson Irvine nur die Gelbe Karte, auch wenn mein Nachbar beinahe platzt vor Zorn.
Die restliche Spielzeit ist durchaus unterhaltsam anzusehen – und dann vergeht die Zeit einfach auch schneller: eben noch die 82 auf der Uhr, dann die 90 – und die sechs Minuten Nachspielzeit kriegen wir auch ohne Unfall über die Runden.
Leider gibt es auch für ein Sechs-Punkte-Spiel auf dem Rechenschieber nur drei. Da müssen noch einige Punkte folgen, um die Klasse zu halten. Hoffentlich, ohne zu obskuren Strohhalmen greifen zu müssen.
Was sonst noch gut war:
Die gemeinsame Choreo beider Fanblöcke zu den Opfern von Hanau vor sechs Jahren.
Fotos dazu: Gegengerade Millerntor - FC St.Pauli - SV Werder Bremen, Endstand 2:1
Tore dazu: Wahl (55.) Milosevic (62.) Fujita (70.)
Links dazu:Krampf, Kaampf und Kacktore (Millernton) Des einen Freud, des andeen Leid (Stefan Groenveld)
Musik dazu: 1001 Songs You Must Hear Before You Die: 339. Rod Stewart - Maggie May 340. John Lennon - Imagine 341. David Crosby - Laughing



























































