Freitag, 19. November 2021

Der wunderbare Marktplatz

 









"Was wollt ihr denn in Coburg?" fragt der Schwager, "da ist doch nix." Der Mann ist Franke und sollte sich eigentlich auskennen, vielleicht ist eine Stadt mit einer Burg, mehreren Schlössern und ein paar sehr alten denkmalgeschützten Fachwerkhäusern einfach zu normal in Franken, als dass man ihr zu viel Aufmerksamkeit schenken müsste. Möglicherweise wusste er nicht, dass es eine Spezialität namens Coburger Bratwurst gibt, die auf dem Marktplatz in einer stark räuchernden Kiefernzapfengrillhütte zubereitet wird. Da man den Franken ja gemeinhin eine starke Affinität zu allerlei Worschd nachsagt, hätte das vielleicht eher sein Interesse geweckt.

Für "da ist doch nix" sollte man sich jedenfalls mehr als einen Nachmittag vornehmen, will man das alles sehen. Für die Veste Coburg hat es nicht gereicht, aber man kann eine schön kurvige und enge Einbahnstraße den Berg hoch und hinten wieder runter fahren, wenn man den Schildern folgt. Ohne dabei eine Burg zu sehen natürlich, dafür muss man entweder per pedes auf den Festungsberg, oder sich auskennen. 

Besser ist der Blick auf Schloss Ehrenburg, wenn man die Treppen der Arkaden zum Hofgarten erklommen hat. Kommt rein äußerlich nicht ganz an den Style von Ludwigs Märchenschlössern ran, aber wer weiss wie prachtvoll das drinnen aussieht. Ich jedenfalls nicht, weil Eisdielen bei Sommerwetter einfach verlockender sind und man die Pracht möglicherweise nicht einmal fotografieren darf und wenn, dann garantiert nicht mit Stativ. Prioritäten, so wichtig.

Alte Fachwerkhäuser fand ich ohnehin immer schöner, leider kann man die selten vernünftig fotografieren ohne die andere Straßenseite abzureißen, was schade wäre, weil da meist auch alte Fachwerkhäuser rumstehen. Dazu noch ist das Münzmeisterhaus ein ziemlich großer dreigeschossiger Klotz und der einzig mögliche Standpunkt für ein Foto befindet sich in einer Baustelle. Man kann nicht alles haben, vielleicht komm ich ja noch mal her.

Ganz unwahrscheinlich ist das nicht, denn der Marktplatz ist ganz wunderbar. Der beste Marktplatz aller Marktplätze. Das Rathaus ist schon ganz schick, das gegenüberliegende Stadthaus vielleicht sogar noch etwas schicker, das Pfannkuchenhaus bestimmt auch nicht übel, der sprudelnde Brunnen ein Spaß für spielende Kinder und im (sonst so sittenstrengen) Freistaat Bayern hat man sogar an ein Denkmal für den Erfinder des gleichnamigen Piercings gedacht, welch eine Freude.  

Was diesen Marktplatz so wunderbar macht ist aber vor allem der selbsterzeugende Obsthändler, der am letzten Septemberwochenende noch Bühler Zwetschgen hat, nachdem ich in Hamburg schon seit zwei Wochen keine mehr bekomme. Für den weiten Weg zurück bekomme ich dann auch noch ein Kilo handverlesener Früchte, die garantiert den Rücktransport überdauern. 

Für diesen Service komme ich wieder, die Fichtenzapfengrillbratwurst muss ich eh noch probieren und vielleicht gibt es nächstes Mal weniger Baustellen, das wäre nett.

Fotos dazu: Stadthaus, Spitaltor, Rathaus, Prinz Albert, Coburger Erker/Cafe Pfannküchle, Münzmeisterhaus, Zwei Gurkenverkäufer, Lorenverleih, Prinz Friedrich, Arkaden, Schloss Ehrenburg

Musik dazu: Neil Young - Weld / Mirror Ball

  














Sonntag, 31. Oktober 2021

Heiliger Klotz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heiliges Gebimmel, was zur Hölle ist das für ein Klotz, dass man selbst mit 10 Millimeter Brennweite den halben Weg zurücklaufen muss, um den mit Mühe und Not auf den Chip zu bekommen und dann muss man noch eine halbe Stunde im Labor an den Ecken zerren, um ein halbwegs zufriedenstellendes Ergebnis zu bekommen. Ich und Kirchen, ey. Keine Ahnung was mich immer wieder in solche Lokalitäten treibt, die Faszination des Übernatürlichen vielleicht.

In der Basilika Vierzehnheiligen gab es der Überlieferung zufolge gleich mehrere Erscheinungen, was mich überhaupt nicht wundert, weil Cannabis anno 1445 ja noch nicht verboten war und wenn der Stoff richtig ballert kann man schon mal das Jesuskind erblicken. Dass in seiner Begleitung gleich 14 andere Heilige erschienen, lässt mich allerdings auf stärkere Substanzen schließen, die Schäfer haben damals bestimmt nice Pilze gekannt.

Der Forderung, für diese 14 Nothelfer eine Kapelle zu bauen, kam man dann auch nach und im Laufe der Jahrhunderte und mehreren Wiederaufbauten nach mehreren Kriegen, wie es damals Sitte war, hat man letztendlich 1772 diesen Klotz fertiggestellt.

Herzstück der Basilika ist der frei im Raum stehende Gnadenaltar, von dem aus man den besten Blick auf die Erscheinung haben soll, falls die noch mal auftauchen sollte. Da wir ja demnächst Cannabis legalisieren geht da vielleicht wieder was...

 

Fotos dazu: Basilika Vierzehnheiligen Bad Staffelstein, Nikon D7200

Musik dazu: 17 Hippies - Sirba







 

 

Freitag, 15. Oktober 2021

Zu Gast bei Adam Riese

 









Nach mehreren Wochen Urlaub hat man auch in Franken so langsam alles an Sehenswürdigkeiten abgegrast, von Bamberg bis Rothenburg o.d.T., von Nürnberg bis Neunkirchen am Brand, die fränkische Schweiz rauf und runter, was geht da noch? Eine Tour nach Aschaffenburg wird wieder verworfen, weil alle zwar wissen dass Aaaaschebersch existiert, aber niemals jemand einen Grund sah, sich das genauer anzusehen und es sich vielleicht doch nicht lohnt, nur für eine Brizza mehrere Stunden Fahrt auf sich zu nehmen.

Schwesterherz schlägt die Basilika Vierzehnheiligen vor, die wohl ziemlich beeindruckend sein soll, was man besonders auf Luftaufnahmen sehen kann, aber nicht in Bad Staffelstein. Wo die eigentlich liegen soll, aber im Stadtgebiet nicht einmal ausgeschildert ist. Dafür stößt man überall auf Adam Ries, den berühmten Staffelsteiner Rechenmeister, dessen schönes Denkmal mit dem rechnenden Knaben genau zwischen den Tischen eines Eiscafés platziert wurde, statt es mitten auf die Straße zu stellen und dadurch zusätzlich eine schöne Fußgängerzone mit noch mehr Eiscafétischen zu bekommen. 

Dann hätten wir nämlich auch noch einen trinken können.


Fotos dazu: Bad Staffelstein, Rathaus, Adam Ries(e) / Nikon D7200

Musik dazu: Tamikrest - Chatma / Taksera

 







 

Die Lebkuchenstadt









 

Was ich bisher über Nürnberg wusste: 

Eine Spezialität der Stadt sind ganz kleine Bratwürste und irgendwo mittendrin steht eine Burg, auf der ich vor ungefähr 30 Jahren mal ganz kleine Bratwürste gegessen habe, die ziemlich gut geschmeckt haben. Eine andere Nürnberger Spezialität sind Lebkuchen und zwar die allerbesten Lebkuchen der Welt, was ich nicht beurteilen kann, da ich Lebkuchen nicht mag, auch nicht die allerbesten der Welt. Die Lebkuchenconnaisseure und -connaisseusen in der Verwandtschaft sind sich in diesem Fall allerdings einig, deswegen gebe ich das mal so weiter.

Berühmte Söhne der Stadt sind Albrecht Dürer und Max Morlock, dem einen haben sie ein mittelprächtiges Denkmal und eine Bratwurstküche spendiert, dem anderen gleich ein ganzes Stadion und ich fand Fußball auch schon immer wichtiger als Malerei, da hab ich schon Verständnis. Warum eine ganze Gasse in der Altstadt nach meinen Schwiegereltern benannt wurde, konnte ich aber immer noch nicht herausfinden.

Was ich dieses Jahr über Nürnberg erfahren habe:

Man kann die kleinen Bratwürste auch mit Zwiebeln in Essigsud kochen, dann nennen sie sich Sauere Zipfel und manchen Menschen schmeckt das, erstaunlicherweise sogar mir, zum Bier. Möglicherweise hätten mir ja sogar Sommerlebuchen in den Geschmacksrichtungen Limette, Mango, Maracuja oder Orange geschmeckt, aber wer den Namen seines Produktes nicht einmal richtig schreiben kann, der macht beim Backen bestimmt auch ganz viel falsch, das muss jemand anders testen.

Vor der gewaltigen Frauenkirche steht ein schöner Brunnen, der nicht nur so aussieht, sondern ganz einfach auch so heißt: Schöner Brunnen. Das ist völlig in Ordnung, schließlich hat man sich beim Brunnen selber schon genug Mühe gegeben, da muss man nicht noch lange überlegen wie man das nennen könnte.

Die eigentliche Überraschung für mich allerdings war die Pegnitz. Dass hier so etwas wie ein Fluss durch die Stadt mäandert war mir doch bisher glatt entgangen. Ein fließendes Gewässer kann jede Stadt enorm aufwerten und Nämberch, wie der Franke sagt, ist ohnehin schon recht hübsch, mit den vielen historischen Fachwerkhäusern und der Kaiserburg. Dazu noch ein nettes Flüsschen mit vielen Brücken und Cafés direkt am Wasser, was will man mehr.

Hätten die noch einen coolen Fußballverein könnt man beinahe hier leben.


Fotos dazu: Weißgerbergasse-Altstadt-Kaiserburg-Pegnitz-Schreckliches Denkmal-Schöner Brunnen-Frauenkirche / Nikon D7200

Musik dazu: Tinariwen - Amassakoul / Imidiwan

 





















 

Freitag, 24. September 2021

Wissenswertes über Erlangen

 










Alle jungen Leute in Erlangen sind sehr adrett und grüßen im Treppenhaus wenn man sie trifft, das zumindest konnte man vor fast 40 Jahren von Foyer des Arts erfahren. Ob das auch heute noch zutrifft kann ich schlecht beurteilen, weil ich keine jungen Leute in Treppenhäusern getroffen habe und auch sonst keinen netten jungen Mann, der sich das alles merken kann. Aber immerhin ein Tipp erwies sich auch nach 40 Jahren noch als goldrichtig: der mit dem Marktplatz, im Volksmund auch das Stadtzentrum genannt.

Denn Erlangen besitzt nicht nur eine Orangerie (wie so ziemlich jede Stadt dort unten, weshalb das eigentlich nicht besonders erwähnenswert wäre), sondern auch zwei Mandarinerien. Auf bzw. neben diesem Marktplatz. 

Die eine ist das Eiscafé Bassanese, das mich diesmal ein klein wenig enttäuscht hat, weil es wieder kein Campari-Orange gab und selbst ein sehr leckeres Mandarineneis dafür kein vollwertiger Ersatz sein kann. Dennoch die Eisdiele der Wahl. Die andere ist ein Stand auf dem täglich (außer Sonntags) stattfindenden Wochenmarkt, der diverse selbstgemachte Marmeladen verkauft, von denen ganz besonders die Mandarinenmarmelade zu empfehlen ist. Außergewöhnlich gut, für so etwas banales wie Mandarinen.

An manchen Tagen bekommt man dort auch den besten Käsekuchen der Welt, der kommt allerdings nicht aus Erlangen sondern vom Stefan aus Freiburg im Breisgau, der den auch garantiert massenhaft auf dem Isemarkt verkaufen könnte, aus unerfindlichen Gründen aber Erlangen vorzieht. Ob es jetzt wirklich der weltbeste Käsekuchen ist kann man natürlich hinterfragen, wenn man viel in der Welt rum kommt, aber in den Top 10 landet der ganz sicher.

Brötchen und Brot sind in dem von Kettenbäckern beherrschten Markt in Hamburg immer ein Thema, in Erlangen geht man einfach in das BrotHaus. Das ist zwar mit inzwischen 60 Fachgeschäften wohl auch schon eine Kette, doch sowohl Brötchen als auch Gebäck sind um Klassen besser als der Hamburger Durchschnitt und die Brote sind schlicht gigantisch. Im wahrsten Sinne des Wortes, weshalb man allenfalls ein halbes Brot kaufen sollte, wenn man keine vierköpfige Familie eine Woche lang ernähren muss.

Erwähnenswert ist auch die zweispurige Erlanger Hauptstraße, auf der etwa 800 Busse täglich durch die Altstadt rollen, von denen hoffentlich niemals einer in den Mythos kracht. Das ist der Altstadt-Grieche mit den lauschigen Außenplätzen direkt neben der Fahrbahn und der wahrscheinlich umfangreichsten Speisekarte aller Griechen überhaupt. Um den Gästen die Auswahl etwas zu erleichtern steht unter etwa 50 Gerichten ein "sehr zu empfehlen", was die Sache nicht viel einfacher macht. Man kann hier aber problemlos auch die nicht ganz so zu empfehlenden Spezialitäten nehmen, schmeckt einfach alles, trotz der Abgase.

Wem der Sinn nach weniger Feinstaub bei der Mahlzeit steht kann sein Glück in einer der wenigen verkehrsberuhigten Altstadtgassen suchen, die überwiegend in italienischer Hand sind. Man sollte sich allerdings vorher erkundigen ob der Chef oder gar der Chefkoch sich gerade im Urlaub befinden und für die Pizza besser ein eigenes Messer mitnehmen, auch dann wird man satt.

Fotos dazu: Erlangen, Orangerie, Schlossgarten, Altstadt, Friedrich-Alexander-Uni, Schloßplatz - Nikon D7200

Musik dazu: Willy DeVille - Backstreets Of Desire/Love & Emotions - The Atlantic Years