So ätzend Heimspiele gegen Bayern München auch sein können – man erwartet nichts außer einer möglichen Klatsche, man bekommt die dann auch hin und wieder mal, rechnet ohnehin mit null Punkten und kann das dementsprechend entspannt angehen, heute jedoch bin ich schon Stunden vorher völlig runter mit den Nerven. Normalerweise liebe ich ja Abendspiele, aber auf die beinahe endlosen Stunden vorher, mit Kloß im Hals und Stein im Magen, könnte ich gerne verzichten.
Der Stein wiegt heute enorm schwer, weil die pessimistische Arschlochhälfte meines Gehirns sich permanent fragt, wer zum Teufel denn heute bei uns ein Tor erzielen könnte (die optimistische Hälfte hofft auf Manolis) und vor allem, wer verhindert, dass Typen wie El Mala oder Ache welche machen. Dieses Manko zieht sich schon durch die ganze Saison: Nahezu jede Mannschaft hat irgendwelche Knallertypen im Kader, die locker für ein paar Tore gut sind. Spielentscheider – nur bei uns hat sich noch keiner für diesen Job gemeldet.
Das Magendrücken verschwindet am Bahnhof, weil sich ein mitleidender Kumpel entscheidet, mich dort zu erwarten, um gemeinsam zum Spiel zu fahren. Das sind Freunde, die erst in die falsche Richtung fahren, damit man zusammen in die richtige umkehren kann. Moralische Unterstützung im Abstiegskampf – so wichtig.
Im Stadion ein Kehlenschmierbier ordern – das wird heute noch wichtig werden. Der Dartmeister ist bei den Temperaturen mit dem Zweirad gekommen und informiert uns über den erneuten krankheitsbedingten Ausfall des Skippers. Was vor ein paar Wochen noch ein Anlass zur Hoffnung auf ein 2:1 gewesen wäre, ist spätestens seit Freiburg Geschichte, aber dadurch rücke ich wieder auf die Seniorenbank.
Das ist genau das, was ich brauche: Lärm und Eskalation. Der unbedingte Vorsatz, sich heute die Stimme zu ruinieren, lässt sich in Südkurvennähe auch einfach besser umsetzen – und weil ich eh nicht mehr so lange stehen kann, sitzen wir schon eine halbe Stunde vor Anpfiff auf den Plätzen und singen. Einmal sogar ganz viele und ganz schön laut, als Vicky Leandros aus den Lautsprechern schallt. Falls das die neue Stadionhymne werden sollte, wird Sören Gonther bestimmt Ehrenmitglied im Verein.
Am Freitagabend wird das Stadion brennen, haben sie gesagt – und damit wahrscheinlich nicht unbedingt den massiven Einsatz von Pyrotechnik und Wunderkerzen gemeint. Die Kölner haben sogar noch Reste vom letzten Silvesterfeuerwerk dabei und sorgen damit für verspäteten Anpfiff, aber als die Nebelschwaden verschwinden und der Ball rollt, gibt es reichlich akustisches Feuerwerk von den Rängen, ganz ohne Zettel – so muss das.
Wir starten auf die Nord, und das finde ich ja immer besser, wenn wir in der zweiten Hälfte auf die Süd spielen, obwohl ich absolut keine Ahnung habe, ob das jemals eine Rolle bei den Ergebnissen gespielt hat. Das Spiel passt sich jedenfalls dem exorbitanten Lärm an – oder umgekehrt, man weiß es nicht genau. Auf jeden Fall ist hier reichlich Feuer unterm Dach, auch ohne Wunderkerzen. So geht Abstiegskampf, und wir haben sogar Chancen, in Führung zu gehen, durch Andréas Hountondji, der sich möglicherweise für den Job als Spielentscheider gemeldet hätte, wäre er nicht so lange verletzt gewesen.
Von meinem Platz habe ich eine sehr gute Sicht auf Ache und El Mala, und es ist einigermaßen beruhigend, dass unsere Jungs die auch im Blick haben. Ohnehin spielt sich gefühlt die meiste Action in der entfernten gegnerischen Hälfte ab, weshalb sich die Qualität unserer Torchancen nicht so wirklich gut beurteilen lässt, aber immerhin haben wir welche.
Wir machen sie nur nicht.
Dafür sehe ich immerhin direkt vor mir das 1:0 von Karol Mets in der zweiten Halbzeit. Endlich kommt dieses ganze Geschrei und Gesinge mal zu einem verdienten Höhepunkt, mit Abklatschen und In-die-Arme-Fallen, Bierduschen und Killerkonfetti. Was für eine Erleichterung – und dann gleich der Blick auf die Uhr: 20 Minutes to go, und inzwischen ist auch Manos auf dem Platz. Man könnte versuchen, ein zweites Tor zu machen – nur so zur Sicherheit.
Damit Hountondji nicht zufällig noch zum Spielentscheider wird, wechseln wir ihn vorsichtshalber gegen Connor Metcalfe aus. Ich habe zwar noch ein paar Tore von Connor im Kopf, aber das ist schon eine ganze Weile her. Köln wechselt dafür auf Luca Waldschmidt, weil das einer dieser Typen ist, die schon mal das Tor treffen.
Dafür braucht er zwar einen Elfmeter, aber den bekommt er latürnich auch, weil ausgerechnet Karol Mets kurz vor Schluss im eigenen Strafraum gefoult wird, der Schiedsrichter gerade schielt, der VAR sich die falsche Perspektive anschaut und weil wir in dieser Phase des Spiels und generell der Saison einfach kein Glück haben und dann auch noch Pech dazukommt.
Und so gehen zwei unglaublich wichtige und nötige Punkte den Bach runter, und was noch viel schlimmer ist: Die pessimistische Arschlochhälfte meines Gehirns hat mal wieder recht gehabt und wird mich die Tage bis zum Spiel in Heidenheim furchtbar foltern.
Was sonst noch gut war:
Auch wenn der Frust noch überwiegt, so ein komplett angezündetes Millerntor brauchen wir gegen Mainz und Wolfsburg auch. Das muss scheppern.
Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - 1.FC Köln, Endstand 1:1
Tore dazu: Mets (69.) Waldschmidt (86.)
Links dazu: Mets, VAR und kurz zu wenig Mut (Millernton) 1:1 und wieder nur ein Punkt (Übersteiger) FCSP vs KÖLN (Millernstrain)
Musik dazu: 1001 Songs you must hear beforde you die: 701. Metallica - One 702. Nick Cave & The Bad Seeds - The Mercy Seat 703. Goran Bregovic . Ederlezi














Und ich dachte, es geht nur mit so. Gemeinsames Leid bringt aber auch nicht mehr Punkte. Da hilft nur ein Auswärtssieg.
AntwortenLöschen