Letzte Nacht hatte ich einen selten dämlichen Traum: Ich stand an irgendeiner staubigen Straßenkreuzung in Mississippi und habe eine Gitarre so lange misshandelt, bis der Teufel erschien. Und er so: „Alter, was machst’n für’n Scheiß? Du hast ja mal gar kein Talent.“ Und ich so: „Ja, weiß ich. Geht mir auch gar nicht um die Klampferei, aber vielleicht könntest du Abdoulies Buffer so verzaubern, dass er damit Wolfsburg aus dem Stadion schießen kann?“ Doch bevor ich in größere Verhandlungen bezüglich meiner Seele eintreten konnte, bin ich aufgewacht. So ein Scheiß aber auch.
Seit Wochen schwirrt mir der Kopf von den ganzen möglichen Szenarien, und schließlich ist nicht nur das befürchtete Endspiel gegen Wolfsburg dabei herausgekommen, wir müssen auch noch auf andere Plätze schielen. Wahrscheinlich stochern wir uns ein glückliches Unentschieden zusammen und Heidenheim ist der lachende Dritte. Ich mache mir keine Illusionen mehr über einen Ligaverbleib. Das Ding haben wir viel früher vergeigt, jetzt bräuchten wir schon ein kleines Wunder.
Und an dieses mögliche Wunder glaubt man dann doch plötzlich: weil der Nachbar den Mainzer Führungstreffer bekannt gibt, weil Fujita den Ball an die Querlatte hämmert, weil Niko im Gegenzug Wolfsburger Großchancen verhindert – und weil auf den Rängen von der ersten Minute an die Post abgeht. Der massive Endspiellärm wird die Jungs zum Sieg treiben, es wird vielleicht doch noch alles gut.
Wie gewohnt kriegen wir dann irgendwann doch die kalte Dusche. Möglichst lange die Null halten gelingt heute bis Minute 38, und weil eine kalte Dusche nicht reicht, um die Hoffnung weiter schrumpfen zu lassen, vergibt Hountondji kurz darauf die Chance auf den Ausgleich. Bei einer dieser seltenen Möglichkeiten, die meine Oma im Rollstuhl gemacht hätte und die 28.000 Menschen kollektiv verzweifeln lassen.
Trotzdem ist noch immer alles möglich, denn Mainz führt in der Halbzeit mit 0:2 in Heidenheim, und unten auf dem Rasen macht sich Abdoulie Ceesay bereit. Auch mein Umfeld ist deutlich optimistischer, als es der Spielstand vermuten ließe. Ich lasse mich von der Stimmung anstecken und prophezeie drei Tore von Ceesay in der zweiten Halbzeit und die endgültige Ernennung zum Fußballgott. Wir müssen einfach nur dieses Spiel gewinnen. Irgendwie.
Zwölf Minuten braucht Abdoulie, dann steht es 1:1 und das Stadion steht Kopf. Wie geil ist das denn? Wenn der jetzt wirklich noch zwei macht, gehe ich als Wahrsager auf den Kiez. Und warum war er nicht in der Startelf? Dann wären die vielleicht längst gefallen.
Stattdessen fällt wieder eins auf der anderen Seite, sorgt für endlose Diskussionen und letztendlich für Schiris Gang zum Monitor. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt – der Treffer zählt. Der endgültige Genickbruch droht uns durch einen Handelfmeter in der 77., den Eriksen an die Latte setzt. So etwas kann durchaus noch einmal einen Schub geben, aber nicht, wenn es drei Minuten später doch im Kasten klingelt. Um drei Tore zu schießen, brauchen wir mehrere Spiele. In zehn Minuten ist das wahrscheinlich nicht mal möglich, wenn ich meine Seele verkaufen würde.
Spätestens da war der Drops gelutscht, der Bundesligatraum ausgeträumt. Ahnen konnte man das schon lange, dass es nicht reicht für die erste Liga, aber Hoffnung hat man ja immer. Und die ist auch wirklich sehr spät gestorben diesmal.
Was sonst noch schlecht war:
Nach You'll never walk alone und Thees hätte man die Brüllwürfel auch mal ausmachen können, hab schon befürchtet dass irgendwer noch Vicky Leandros auflegt
Was sonst noch gut ist:
Wir können wieder "Ich liebe Dich, ich träum von Dir" singen
Kein Relegationsstress gegen Hangover oder Paderboring
Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - VfL Wolfsburg, Endstand 1:3
Tore dazu: Koulierakis (38.) Ceesay (57.) Eriksen (64.) Pejcinovic(80.)
Links dazu: Ein verdienter (und trotzdem bitterer) Abstieg (Millernton) 10 Minuten Hoffnung (Stefan Groenveld)
Musik dazu: Massive Attack - Blue Lines / Mezzanine














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