Sonntag, 23. November 2014

Vom Bett zur Couch und zurück


















Eigentlich müsste ich, und diesen Satz könnte man auf mindestens zwanzig verschiedene Arten beenden, aber noch eigentlicher müsste ich mal wieder verschärft prokrastinieren. So schön wie es ist, wenn der Herbst schön ist, es verschafft keine Pausen. Vom Alltag sowieso nicht und die letzten Wochenenden, die ja eigentlich der Erholung vom Alltag dienen sollen, waren gestopft voll.

Wenn kein Fußball ist, dann ist Fußballversammlung, wenn kein Geburtstag ist, dann ist man auf der verzweifelten Suche nach Geburtstagsgeschenken und wenn an den Tagen zwischendurch die Sonne scheint ist man auf der Suche nach Motiven, die dann zu Hunderten auf der Festplatte auf ihre Bearbeitung warten. Klassischer Fall von Freizeitstress, da bleibt nicht einmal genug Zeit eine gepflegte Herbstdepression zu entwickeln, selbst wenn man vier Tage lang den Ohlsdorfer Friedhof fotografiert.

Es fehlt mal wieder ein Gammeltag, egal was man eigentlich müsste, manchmal muss man auch Zeit verschwenden, einfach so. Zum Beispiel mit etwas Jazz aus alten schwarzen Rillen, der brillantesten Interpretation der Odyssee Homers (die ich kenne) auf modernen Silberblaulingen, einer Tafel Schokolade und einer guten Pulle Rotwein. Damit sollte man einen Vombettzurcouchundzurücktag locker durchhalten können.

Blöde ist es nur, wenn man den für knappe zwei Stunden Radioübertragung des Brausebullenauswärtsspiels unterbricht. Das Ergebnis könnte beim Entwickeln einer Herbstdepression allerdings hilfreich sein.

Wein: Chateau La Louviere, Bordeaux, 2007
Musik (analog): Lonnie Liston Smith - Expansions

Mittwoch, 19. November 2014

Die Ursachen moderner Stadtentwicklung























Ein deutsches Kinderzimmer in den 60er Jahren.
"Mamiiiiii, ich hab nicht genug Legosteine für mein Hochhaus."
 "Da sind doch noch ganz viele Steine in Deinem Kasten."
"Das sind nur noch schräge Steine und ein paar Fenster."

Fotos: Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Hamburg St.Georg
Musik: Siouxie & The Banshees - Hyæna
Klick + F11 fenstert.


Montag, 17. November 2014

Ab jetzt mit göttlichem Beistand



















Mehr als neun Stunden Jahreshauptversammlung des magischen FC, so langsam dämmert es mir warum ich da immer alleine hin darf, aber der Dartmeister ist entschuldigt, der muss Darten, Herr L. hat keine Lust auf Vereinsmeierei und der Rest zwar eine Dauerkarte, aber keinen Mitgliedsausweis. Dabei wird es heute vergleichsweise spannend, wir wählen nicht nur ein (vom alten Aufsichtsrat bzw. vom designierten neuen Präsidenten vorgeschlagenes) neues Präsidium, sondern hinterher auch gleich einen neuen Aufsichtsrat. Das ist eine zumindest ungewöhnliche Vorgehensweise, weil das in einer ganz unglücklichen Konstellation für nachhaltige Irritationen sorgen könnte. Aber wir sind hier beim FC St.Pauli, da passiert sowat nich, nech?

Vor das Wahlvergnügen haben die Götter den Schweiß gesetzt, Berichte und Entlastungen sind nicht so beliebt, @diepauliane sitzt zwei oder drei Reihen hinter mir und bittet um einen Weckdienst nach den Kassenprüfern. Mit Zahlen hab ich es auch nicht so, schon gar nicht an einem frühen Vormittag mit einer laschen CCH-Bockwurst im Magen, aber Alexander Gunkels AFM Bericht ist immer sehr humorig, dabei wird man schnell wieder wach.

Die Wahl des neuen Präsidenten ist auch etwas ungewöhnlich, denn es gibt keinen Gegenkandidaten, wir bekommen DDR-Stimmzettel. Ja, Nein, Enthaltung. In einer ganz unglücklichen Konstellation hätten wir auf einmal keinen Präsidenten, aber wir sind hier beim FC St.Pauli, da passiert sowat nich, nech?

War uns ja allen vorher bekannt, dass es jetzt der Oke Göttlich werden soll, der uns mit frischen Ideen in den sauberen Fanhimmel ohne Kommerz führen, aber trotzdem genug Gelder für den sportlichen Erfolg generieren soll. Ein Fanbasispräsident. Einer der Auswärtsfahrten nicht nur aus der Zeitung kennt. Links-Alternativ, Musik-Unternehmer. Das passt so dermaßen zum Verein dass es schon wehtut, da muss man kein komisches Wahlergebnis befürchten.

Dabei hätte es durchaus spannend werden können, hätte Stefan Orth seinen Hut noch einmal in den Ring geworfen. Nachdem er und das scheidende Präsidium für die geleistete Arbeit sehr viel Beifall bekommen trauert er der verpassten Chance auf eine Kampfabstimmung wohl hinterher und merkt an "man hätte ihn ja nicht gefragt" worüber ich recht dankbar bin, denn sonst dauert das hier bis Mitternacht und ich bin auch nicht sicher, dass er die stehenden Ovationen zum Abschied unter "weitermachen" verorthen sollte.

Von mir aus hätten Orth & Co. weitermachen können, viel vorwerfen kann man ihnen nicht. Anfänglich haben sie zwar öfter Bockmist gebaut, aber sie waren lernfähig, auch wenn man ihnen dafür auf die Füße steigen musste. Wirtschaftlich ist der Verein gesund, der Stadionbau geht in die Endphase, die Bullen bleiben draußen, wir bekommen ein Museum in der Gegengerade, allet schick eigentlich, wäre da nicht die sportliche Entwicklung. Woran weder ein neues Präsidium noch ein neuer Aufsichtsrat viel ändern kann, auf keinen Fall so kurzfristig wie es vielleicht nötig wäre.

In der Auszählpause eine Kippe, danach ist die Schlange am Wurststand zwar kurz, aber die Currywurst dummerweise ausverkauft. Also beruhige ich meinen Magen mit einer weiteren Kippe, knips den vernebelten Fernsehturm, rauch noch eine Kippe und dann:

Habemus Präsident. Göttlich, latürnich, mit irgendwas um die 80%. Die Kandidaten für das Präsidium gehen per Handabstimmung locker durch und nu haben wir ein links-alternatives Präsidium, das irgendwie nicht links-alternativ aussieht und einen links-alternativen Präsidenten der irgendwie nicht aussieht wie ein Präsident. Das passt so dermaßen zum Verein dass es schon wehtut, es kann eigentlich nur besser werden. Vielleicht segeln wir ja wirklich nach Utopia, wie der Übersteiger neulich schrieb. Ab jetzt gewinnen immer wir, mit göttlichem Beistand.

Spannend wird es dann bei der Wahl des neuen Aufsichtsrates, endlich Auswahl. Sechzehn Kandidaten und ich darf nur vier Kreuze machen. Was will ich eigentlich? Will ich nach einem Fanpräsidenten auch einen Fanaufsichtsrat? Will ich wirtschaftliche Kompetenz? Und wie erkennt man die? Ist es der Banker, der so wahnsinnig viele soziale Projekte unterstützt mit seiner Bank und der so wahnsinnig oft in der Mopo steht, dass er damit für kritische Nachfragen sorgt? Der dann noch gemeinerweise als Fan des 1.FC Köln entlarvt wird, weil, zwei Herzen schlagen, ach, in der Brust des Rheinländers. Aber nun wohnt er halt in Hamburg und da ist St.Pauli die einzige Möglichkeit. Mach ich ein Sympathiekreuz für den wahnsinnig sympathischen Pastor der St. Pauli Kirche, der sich so nett um die Lampedusaflüchtlinge kümmert, oder eins für den Kaufmann, der seine Rede vor lauter Nervosität dreimal anfangen muss und das mit einem verzweifelten "ich könnt kotzen" kommentiert? Bei nur vier Kreuzen leider nicht drin.

Ich entscheide mich für eine gesunde Mischung aus Kompetenz in Fanfragen, womit ich gleichzeitig die Frauenquote erhöhe, hätte gerne einen der mit Zahlen umgehen kann und jemanden aus dem alten Aufsichtsrat, der sich mit der Aufsichtsraterei schon auskennt. Der erste Kandidat für den Posten wäre der Herr Doll, doch der schießt sich in seiner dreiminütigen Redezeit derart ins Knie, das kann nie was werden. Vielleicht war das nur etwas unglücklich formuliert, aber für mich klang das ein wenig nach "wir waren alle mal unartig, aber wer unartig ist soll den angerichteten Schaden dann gefälligst selber zahlen" und das haben andere ähnlich gehört. Nach ein paar sehr heftigen Nachfragen, bei denen er das Wort "Pyrotechnik" krampfhaft vermeidet  und zur Not auf "Kassenrolle" ausweichen muss kann man nur feststellen: Konzept völlig im Arsch, aus der Nummer kommt er nicht mehr raus und ich hab ein Kreuz wieder zur freien Verfügung.

Am Ende bekommen wir eine (denk ich) ziemlich gute Mischung, von den sieben Mitgliedern des Aufsichtsrates habe ich auf meinem Tippzettel die ersten vier richtig geraten, das ist doch mal schön. Wird ohnehin ein paar Jahre dauern bis wir merken was wir angerichtet haben, es sei denn... aber darüber mag ich nicht einmal nachdenken.

Beim schleppend schläfrigen Rest des Abends aus Ehrennadelurkundenverleih und schlecht vorbereiteten Anträgen bekomme ich dann von KleinerTod noch brandheiße Tipps über japanischen Whisky der 150 Euro Klasse. Der Mann versteht es ausgezeichnet einem den Mund wässerig zu machen, wenn ich den Stoff irgendwo finde kann das noch ein sehr teurer Abend werden.

Teurer als ohnehin schon. Liebes CCH, wenn Ihr schon so granatenstarke Preise aufruft, dann sorgt gefälligst dafür das Eure verkackten Automaten auch die Scheine erkennen. Und zwar möglichst alle Automaten, nicht nur einer.
 
Auch göttlich: Ray Wylie Hubbard - Crusades Of The Restless Knights




Samstag, 15. November 2014

Koch-, Fußball- und andere Künstler



















Obwohl das mit der Fußballkunst momentan nicht so recht klappen will, doch der Tabellenplatz ist an diesem Abend eindeutig Nebensache, Unterhaltung und Spaß sind angesagt im Ballsaal der Südtribüne. Fanräume und 1910 Museum laden ein zum dritten Kessel Braun-Weißes und versprochen werden diesmal sogar kulinarische Spezialitäten vom Rock'n'Roll-Koch Ole Plogstedt, bekannt aus Funk, Fernsehen oder der St.Pauli Jahrhundert DVD, auf dem er ein sehr modern interpretiertes Labskausrezept vorstellt. Nicht nur aus diesem Grund verzichte ich von vornherein auf ein Mittagessen, während Herr L. den Fehler macht sich vorher bei Mäcces mit ekligen Cheeseburgern vollzustopfen.

Auf dem Weg über den Dom schielt er trotzdem auf die Auslagen der Zuckerbäcker, aber ich dränge zur Eile. "Wir sind bestimmt die ersten" mault er ein wenig rum, aber erstens hätte ich ganz gerne einen Platz in den vorderen Reihen, zweitens gibt es da sicher was zu futtern, weil es beim FC immer irgendwas zu futtern gibt und drittens habe ich einen höllischen Durst.  

Mit einem Platz in den vorderen Reihen wird es natürlich nix, weil die ersten immer eine Stunde früher kommen, das ist wie im Stadion. Es ist immerhin früh genug um sich von der Alten Schule ein paar Bierchen zapfen zu lassen und das günstige Tagesmenü als Grundlage zu nehmen. Bei dem Preis sind Salat und Würstchen hoffentlich komplett gesponsert, sonst dürften sich die Einnahmen für Museum und Fanräume gegen Null bewegen. Das gesparte Geld setzen wir dafür in reichlich Bier um, das kostet auch nur 3 Öcken und ist wirklich randvoll. Die Alte Schule sollte unbedingt die Zapfhähne im Stadion bedienen, das wäre wirklich mal eine sinnvolle Maßnahme.

Eine Verdauungskippe ist auch noch drin vor der Show, den Raucherbalkon hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm, sonst könnte ich den traumhaft dunklen Nachtblick auf die Nordkurvenbaustelle jetzt mit einer Sportzigarette genießen. Laut ist es hier, klingt wie mechanisches Grillenzirpen. "Mir war gar nicht klar, dass wir in Norddeutschland so viele Grillen haben" sag ich, aber Herr L. ist sich ziemlich sicher, das ist bestimmt die Alarmanlage. Dann allerdings müsste sich jemand dafür zuständig fühlen. Man könnte den Herrn Bönig fragen, der hier auch gerade eine qualmt, als Teamdingens müsste er das wissen. Dann könnte man auch gleich fragen, ob das leuchtende Geraffel da unten etwa das Gras im Strafraum wachsen lassen soll, aber so wichtig sind mir die Antworten dann doch nicht.

Drinnen läuft uns natürlich laufend Prominenz über den Weg, was ich nur bemerke wenn Herr L. mir wieder ein "Selfie" ins Ohr nuschelt. "Du guckst immer in die falsche Richtung" sagt er, "Schulle stand eben die ganze Zeit hinter dir." Darüber kann ich nur grinsen. "Digger, ich hab n Selfie mit Boller und Bruuuuns, mehr geht einfach nicht. Höchstens mit Eddie Vedder." Außerdem guck ich auf Selfies immer derart bescheuert dass man die niemandem zeigen kann, deshalb mache ich das nur ungern, aber das muss ich ihm ja nicht auf die Nase binden. Dafür läuft mir Rainer Wulff über den Weg, der müsste eigentlich meine Hörbuch-CD signieren, dummerweise habe ich noch keine, gleich mal nach suchen... 

Die Show beginnt pünktlich, bei der netten Begrüßung werden wir noch einmal darauf hingewiesen, dass die Einnahmen des Abends komplett an Fanräume e.V. und den 1910 Museum e.V. gehen und wir möchten doch bitte heute Abend möglichst viel trinken, was sich ganz besonders unsere Stuhlreihe zu Herzen nimmt. Als Randsitzer ist man zwar schnell am Nachschub, hat aber nicht immer Vorteile. Sehen kann man auch nicht viel von hier hinten, es geht zu wie im Stadion, inklusive Fahnen wedeln und Hymnen singen, hach, hier bin ich zu Haus, und heute direkt mal ohne zu erwartende Heimpleite. Einfach mal glücklich sein.

Das bunt gemischte Unterhaltungsprogramm ist natürlich auch zum mitmachen gedacht, es werden Mitmacher gesucht. Für ein Fußballkommentatorenbattle mit AFM Radio Kommentatorengott Wolf Schmidt. Muahahaa, selbst wenn ich so etwas könnte, gegen Wolf kann man eigentlich nur verkacken. Meldet sich natürlich auch (fast) keiner, bis auf einen etwa 14 Jahre alten Knaben in der Reihe vor uns, was man auf der Bühne erst bemerkt als wir uns alle lautstark bemerkbar machen. Gott sei Dank, wenigstens einer der sich was traut. Und er schneidet nicht einmal schlecht ab, weil er zu Hause öfter mal übt vor dem Fernseher. Gut zu wissen, dass wir auch da fähigen Nachwuchs haben.

Etwas Mut braucht man auch, wenn man Spielern wie Basti Maier und Flo Kringe bei lustigen Quizspielen auf der Bühne zur Seite stehen soll, denn die werden nicht so viel über St.Pauli wissen denk ich mir. Dabei muss man nur schreckliche Hymnen erraten wie die von RB Leipzig und kann beim Fotoschnipselspiel Heinz Weisener mit dem Rautenkühne verwechseln, wo wohl so ziemlich alle im Saal drauf reinfallen, was mich ein wenig tröstet. Soooo unsympathisch war Papa Heinz nu wirklich nicht. Schiedrichter der Partie ist Enis Alushi, der schon beim Stand von 2:2 die Übersicht verliert, langsam wundert mich nichts mehr.

Im hinteren Küchenbereich werkelt der Rock'n'Roll-Koch gerade vor sich hin, unter (mehr oder weniger) tätiger Mithilfe unseres kickenden Personals werden Cashewkerne gehackt und Granatäpfel zerlegt, für die Vegetarier gibt es Couscous und geräucherten Mozzarellaspieß. Nach der dafür verwendeten "elektrischen Haschpfeife" muss ich mich demnächst mal genauer erkundigen. Für Mozzarella latürnich, nicht was ihr wieder denkt.

Während der Couscoussalat gemischt wird darf Schnecke mit einem Topf auf dünn geschnittenem Rindfleisch herumklopfen und sich dabei einen Vortrag über die richtige Fleischbehandlung anhören. Der Mann will hier wirklich etwas lernen und über das Spaghettistadium hinauswachsen, während sich Gonther und Schachten merklich zurückhalten. Ganz besonders Sören sieht nicht so aus, als würde er sich häufig in einer Küche aufhalten. Wäre mir ehrlich gesagt auch lieber sie würden sich auf ihre wahren Stärken konzentrieren, wo immer die auch gerade liegen.

In der Halbzeitpause finde ich den Stand mit Hörbuchsilberlingen und nach einer Halbzeitpausenkippe auch den dazugehörigen Rainer. Mein erstes Hörbuch und dann gleich eins mit Widmung des besten Stadionsprechers ever, allein dafür hat sich der Abend schon gelohnt. Herr L. schleppt eine weitere Runde Hopfenkaltschale an und zerrt mich in Richtung Bühne, wo uns Sebastian Schachten über den Weg läuft. "Selfie" blökt Herr L. in mein Ohr, laut genug dass auch Schachter das hören kann, der sich (so nett wie er ja immer ist) auch sofort bereitwillig zur Verfügung stellt, obwohl die Zeit drängt, er muss gleich noch auf die Bühne und was zaubern. "Zaubern sollt ihr auf dem Platz" sag ich und da muss er tatsächlich grinsen und gibt mir recht. Ist nur gerade nicht ganz so einfach mit der Zauberei, dann muss man mehr arbeiten. Tja, elf Mann von der Sorte Fighting Schachten und ich würde mir wenig Gedanken machen was das angeht.               

Einen Vorgeschmack auf mein neues Hörbuch bekomme ich, als Rainer die fabelhafte Geschichte vorliest wie Tommy Molotow beinahe Werwirdmillionär geworden wäre, hätte er sich nicht ausgerechnet Rainer als Telefonjoker ausgesucht. Wie gut sich Schachter aka Jim Salabim als Zauberer auf der Bühne macht lässt von hier hinten leider nicht beurteilen, aber die restlichen Programmpunkte gehen dank der fleißig fließenden flüssigen Unterstützung locker von den Lippen. An de Eck steit’n Jung mit’n Tüdelband könnte man im Stadion eigentlich öfter mal singen, dafür müssen die Ergebnisse allerdings erst wieder stimmen.

Die Hardcorepartyfraktion kann hinterher noch in die Fanräume zu Attila the Stockbroker und sich die Ohren durchpusten lassen, wir torkeln noch ein wenig über den Dom und nehmen ein Dessert auf dem Heimweg, weil man von Sterneküchenmozzarellacouscousgedöns nicht wirklich satt wird und die von Schnecke geklopften Steaks wahrscheinlich von der Mannschaft verspeist worden sind. Hauptsache es gibt Kraft genug für den am heutigen Abend so oft skandierten Auswärtssieg.

Dolle Sache dieser Kessel, wundert mich eigentlich dass die Karten nicht in ner halben Stunde alle weg waren, es gab sogar noch ein paar an der Abendkasse.

Kesselmusik: Lloyd Cole - Don't Get Weird On Me, Babe / Music In A Foreign Language












Dienstag, 11. November 2014

Endlich reich













Hurra, ich bin Millionär! Also, beinahe jedenfalls, es sind "nur" 935.470 Euro, weil ich den großen Gewinn aus Bonos Lotto Programm (ich wusste gar nicht dass der jetzt auch Lottogewinner sponsert, da kann man mal sehen wie viel diese Rockmusiker verdienen) mit 27 anderen glücklichen Gewinnern teilen muss.
Das steht jedenfalls in der "Offiziellen Gewinn Mitteilung" die ich direkt VON SITZ DES PRASIDENTEN bekommen habe und wie käme ich dazu das anzuzweifeln, wenn die Mail direkt von nem Präsidenten kommt. Präsidenten sind über jeden Zweifel erhaben, weiß ich doch selbst. Jetzt muss ich nur noch meinen Anspruch-Agenten Luis Garcia kontaktieren, der für die Sicherheitsfirma arbeitet die auf mein Geld aufpasst. Sorgen muss ich mir nicht machen, denn die Kohle ist namenversichert, da kann eigentlich nichts schiefgehen.

Ein wenig beeilen muss ich mich trotzdem, denn wenn ich das Geld nicht bis zum 29.11. abgeholt habe bekommt es das MINISTERIO DE ECONOMIA Y HACIENDA. Das hört sich zwar an wie aus einem Lucky Luke Comic abgeschrieben, gibt es aber tatsächlich. Und wer gönnt schon seine schwer erschwindelte verdiente gewonnene Kohle einem Ministerium?
Morgen werde ich jedenfalls meinem Chef die Meinung geigen, die Klamotten packen und mir bei Aldi eine ganze Kiste feinsten Champagner holen. Das muss gefeiert werden.

Feiern mit: Eno & Hyde - High Life

Sonntag, 9. November 2014

Offene Hütte


















Vorspiel
Heißa, die Sonne lacht. Ein Blick auf das Außenthermometer verrät allerdings knappe 7°, ist also endgültig vorbei mit T-Shirts. Zwei Scheiben Toast, mehr kriege ich nicht runter, zwei Kippen und zwei Kaffee und los. Irgendwie keinen wirklichen Bock heute auf Fußball mit Baustelle, wenn das Spiel in die Hose geht seh ich schon die Schlagzeilen vor mir: Abwehr mit Lücken so groß wie die Nordkurve. Irgend ein Käseblatt hat das bestimmt schon in der Schublade. Bislang hat Heidenheim auswärts nicht viel gerissen, hoffentlich bleibt das so.

Im Bus werd ich gleich in Gespräche verwickelt, ein nettes älteres Ehepaar will wissen gegen wen wir spielen und ob ich das Spiel gegen Dortmund gesehen habe, das wär ja schade gewesen, dass Pauli da nicht gewonnen hat. Auf welchem Tabellenplatz wir stehen? Oh, das ist aber weit unten. Na wenn alles schief geht kommt doch bestimmt der Stanislawski wieder, oder? Mussten sie hier nicht aussteigen? Verdammt. Zu blöd zum Busfahren, aber echt mal.

Sitzen bleiben ist die Lösung, zwei Stationen bis zum nächsten Bahnhof, nicht so tragisch. In der U1 mal kurz den Fahrplan checken. Diese Apps sind praktisch, meine Blödheit hat mich 10 Minuten gekostet sagt der Apparat. Mal kurz im Forum lesen, mal kurz nachsehen was so getwittert wird zum Spiel, und wo sind wir überhaupt? Ach Mist, letzte Station hätte ich umsteigen müssen. Zu blöd zum U-Bahn fahren auch noch, das kann ja was werden heute.

Muss ich halt Lübecker Straße in die U3, das erspart das Gedränge am Hauptbahnhof und die Wege sind auch kürzer. Dafür läuft vor dem Stadion alles wie geschmiert, der Dom ist noch leer, die Wartezeit vor der Gegengerade keine zwei Minuten und auf ein Handzeichen ist mein Becher schon fast voll als ich auf der obersten Stufe angekommen bin. Für dieses Engagement gibts auch gleich nen Euro Tipp, geht doch nix über aufmerksame Bierzapfer.

Der Stammplatz ist noch frei, die Nachbarn schon da, und freier Blick aufs Viertel. Fehlen nur noch ein paar Bäume, dann sieht die Nordkurve aus wie früher, so ungewohnt wie gedacht ist der Anblick nicht einmal wenn man die Bagger ignoriert. Den Gästeblock haben sie auf der Haupttribüne untergebracht und wie gewohnt gibt es die Gästehymne. Das übliche Schlagergedudel mit viel 18hunnertirgendwas im Text, das betont ein wenig die Tradition bei diesen Traditionsvereinen. In der Schlechtehymnenhitparade zwar noch deutlich hinter ka-es-zeh-oléolé, aber vieeeeel zu lang. Spielen wir die Titel jetzt aus? Um wen zu foltern?

Das Herz von St.Pauli wird wie immer ausgeblendet, aber das kann man ohnehin viel schöner alleine zu Ende singen, dann gibt es die Aufstellung, Hells Bells, Konfetti und ab dafür.. drei Punkte muss heute, nix anneres.

Spiel (1)
Die stehen ziemlich hoch die Heidenheimer und lauffreudig sind sie auch noch, gehen sofort aggressiv auf den ballführenden Spieler und holen so kurz nach Anpfiff schon den ersten Freistoß raus, direkt am Strafraum. Das Ding fliegt auch ziemlich fies in die Ecke, aber Tschauner ist noch dran. Eine gute Viertelstunde lang ist das sehr unansehnlich was da nach vorne geht bzw. nicht geht, dann scheinen sich die Jungs langsam ans Spielgerät zu gewöhnen, Freistoß, Eckball, haut alles noch nicht so hin aber wir nähern uns dem Tor. Budimir verpasst einen Ball nur knapp und rauscht dabei in den Heidenheimer Torwart, das sah übel aus. War es wohl auch, der Keeper wird minutenlang behandelt und muss kurz darauf runter. Wo wir gerade so gut in Fahrt gekommen sind...

...wird die Fahrt rüde unterbrochen. Schneller Konter Heidenheim, erster Schussversuch geblockt, Nachschuss geblockt und dann darf es Kollege Nummer 3 ebenfalls versuchen, 0:1. Geht der Scheiß schon wieder los verdammt. Gerade einmal fünf Minuten Erholungspause wird einem gegönnt, dann laden wir die wieder zum kontern ein. Vorne wird die Pille verdaddelt und dann sind die Heidenheimer zackzack vor unserem Strafraum, einmal hin, einmal her, einmal drin, 0:2. Das darf alles nicht wahr sein. Gegen Dortmund hab ich das erwartet und da war es mir vergleichsweise egal, aber das geht jetzt gar nicht.

Immerhin stecken sie nicht auf, Schachten hat ein schönes Ding auf den Schlappen, Bogenlampe aus fast 30 Metern, leider an die Latte. Das wäre der wichtige Anschlusstreffer gewesen, der muss noch vor der Pause kommen, unbedingt. Der Spieldreher. Der Wachmacher. Hat das Stadion auch gerade nötig und kommt: Ecke, Kopfball Sobiech und aaaaaaaaaaah der pfeift nicht, der pfeift nicht, verdammt der pfeift nicht. Ich hab den hinter der Linie gesehen, mein Nebenmann hat den hinter der Linie gesehen, der vor mir hat den... aber der Schiedsrichter halt nicht. Zum Haare raufen wenn man genug hätte.

Ich schnall das alles nicht mehr, was da an Fehlpässen und Missverständnissen auf dem Platz zu sehen ist, die Jungs fassen sich schon selber laufend an den Kopp. Heidenheim braucht zwei bis drei Spielzüge um zum Abschluss zu kommen, bei uns ist die Kugel nach zwei bis drei Spielzügen weg, weil jemand sein Bein reinstellt. Uuuund Konter.. und nicht drin, aber hätte das 0:3 sein können. Von oben gibt es frisches Bier, vom Schiri 5 Minuten Nachspielzeit wegen der Torwartmalaise und von Ratsche einen Schuss ins Netz, Außenseite natürlich und daher 0:2 zur Pause.

Zwischenspiel
Klönschnack mit den Bänken ist immer sehr erbauend. Der Lange kennt den Weg aus der Misere: ein richtiger Trainer und zur Winterpause drei gestandene Bundesligaspieler ausleihen, sonst sind wir mit fertigem Stadion auf einmal in Liga 3. Auf noch einen Trainer hab ich keinen Bock, langsam reicht es. Nur weil es gewissen Herren mit der Entwicklung unter Frontzeck nicht schnell genug ging sind wir überhaupt in dieser Lage. Entweder Meggi schafft das oder ich fahr nächstes Jahr halt nach Oberhausen. Dann holen wir Boller und Ebbe zurück, lösen Felgenralle bei den Audis aus und spielen eine 1A Bokalsaison mit dem Gemüsehändler als Trainer und Meggi als Co, pass ma auf. Tusche kann auch gleich mitmachen.
Alles Lötzinn natürlich, wir werden das Spiel drehen. Zu Ehren der alten Flutlichtmasten, die jetzt abgerissen werden, weil der Erhalt zu teuer wäre. Ein Stadion ohne Flutlichtmasten sieht irgendwie kastriert aus finde ich, aber leider ist aus einer angedachten Crowdfunding Aktion nichts geworden wie ich irgendwo las. Keine Ahnung wer das überhaupt angedacht hat, aber derjenige muss ziemlich leise gedacht haben, gehört hat davon keiner was.

Spiel (2)
Die Mannschaft kommt früh auf den Platz, sehr viel früher als der Gegner. Verhoek für Thy, sonst unverändert. Johnny versucht es auch sofort, aber glücklos. Noch glückloser sieht unsere komplette Defensive inklusive Tschauner aus beim nächsten Konter, wieder alles viel zu schnell und bäng, 0:3, durch die Hosen. Koooooooooootzen. Ich bin sowas von bedient gerade. Erstmal eine Sportzigarette anstecken auf den Schlag und gegen den Wellenbrecher lehnen. Der Mensch hinter mir grinst schon das ganze Spiel über, das ist unheimlich. Es soll glückliche Menschen geben die den ganzen Tag über ein Lächeln im Gesicht haben, aber ich muss doch mal fragen ob er zufällig aus Heidenheim kommt.
"Nee" sagt er, " aber wir dominieren das Spiel, haben viel mehr Ballbesitz, mehr Chancen und die anderen machen die Tore." Wir dominieren das Spiel? Da kann man mal sehen wie weit die Wahrnehmungen auseinander liegen können. Wir schieben uns hinten die Kugel seit Anbeginn des Spiels gegenseitig zu, bis sie irgendwann weg ist, meistens wenn es mal nach vorne gehen soll.

Budimir erweist sich gleich mehrfach als Chancentod, Abspiele klappen nicht, er kann den Ball nicht festmachen, wird bei der Annahme gestört oder semmelt das Ding vorbei. Und immer wenn Heidenheim zum Konter kommt muss man einen weiteren Treffer befürchten. In den letzten zwanzig Minuten ist das Stadion so leise wie lange nicht, sogar das kollektive Stöhnen der Kurve bei einer verdaddelten Chance fällt inzwischen sehr verhalten aus. Laut ist es nur noch bei Slapstickeinlagen von Tschauni, der den Ball wenigstens ins Seitenaus drischt bevor ihm den jemand vom Fuß nehmen kann. Macht einfach keinen Spaß mehr das Elend zu sehen, hinter mir zetert und flucht eine helle Stimme was das Zeug hält. Die Dame ist äußerst erbost, "Wir sind hier doch nicht beim Kneipenfußball" tobt sie. "Hey" sag ich, "ich hab drei Jahre Hamburger Tresenliga gespielt, das nehm ich jetzt persönlich." Dann haben wir auch noch Glück, dass wir mit 11 Mann zu Ende spielen können, als Nehrig mit offener Sohle in den Gegner rutscht. Nur gelb, der Schiedsrichter hat einen sehr milden Tag erwischt.

Die Uhr sagt noch 10 Minuten, vor einer gefühlten halben Stunde waren es noch 15, die Zeiger bewegen sich so schnell wie unsere Mannschaft. Die Gegengerade hat einen neuen Capo, die junge Dame macht einen ganz vorzüglichen Job und initiiert Wechselgesänge mit der Südkurve. Mit irgendwas muss man sich ja beschäftigen, die können hier noch drei Stunden spielen, da fallen höchstens mehr Gegentore, wir sind viel zu harmlos. Harmlosharmlosharmlos. Grau-en-haft mit Sternchen. Wir singen uns einen. Auf der Reeperbahn nachts um halb eins, geht immer. Noch 5 Minuten, fast das 0:4,  schon wieder Schwein gehabt. Hoffentlich lässt der nicht nachspielen. Wir singen uns noch einen. Ooooh wie ist das schön, so was hat man lange nicht geseh'n. Blanker Zynismus. Lange nicht gesehen habe ich solche Lücken wie gerade unter mir, das Stadion ist ausverkauft, sind da schon welche heimlich gegangen? Das ist ja wie früher auf der alten Gegengerade, da mussten bei solchen Spielen auch viele den Babysitter pünktlich ablösen.

Pünktlich ist auch der Schiri, erlöst uns von dem Übel. Schlusspfiff und jede Menge anderer Pfiffe, einige bringen sogar ein "Buuh" über ihre Lippen, als wenn das irgend etwas ändern würde. Ich halte mich an die überwiegende Mehrheit derer, die ein aufmunterndes "Sankt Pauli" für angebrachter halten. Außerdem kann ich eh nicht pfeifen. 

Nachspiel

Beim Schlusspfiff ist die Reihe hinter mir leer, das war schon mal anders. Demnächst soll da unser Banner hängen, da bin ich jetzt schon neugierig was daraus wird, ein Banner hatten wir glaub ich noch nie. Noch eine Kippe bis die Mannschaft vom Platz ist, da bölkt mich jemand von hinten an. "Rabaukenerzeugererzeuger". Aaaaaaaaaaaaah *schock*, mein alter Nachbar aus der letzten Saison vom Ende der Gegengerade! Der Seuchenvogel! In der Saison haben wir auch nur gewonnen wenn er keine Zeit hatte, und er hat es tatsächlich geschafft wieder eine Saisonkarte GG zu ergattern. Kein Wunder das wir laufend verkacken, wir brauchen mehr Abendspiele. Abends hatte der keine Zeit. 

Vor den Fanräumen treffe ich den Tresenkurvenrest, Herr B. hat sogar noch eine Sportzigarette einstecken, sehr angenehm, ich würde gerne mein Kurzzeitgedächtnis verlieren, sagen wir mal, so bummelig die letzten zwei Stunden, das wär genehm. Das Grauen aus dem Sinn. Oder wegsingen. Den Fußballgott mit fast vergessenen alten Klassikern beschwören, vielleicht hat er etwas Mitleid. "Wir sind die Fans von Sankt Pauli, wir sind immer traurig, denn wir gewinnen nie." Das lässt sich nur noch mit Galgenhumor und einem gewissen Breitegrad aushalten. Koschi feuert seinen leeren Becher weg, der rein zufällig aufrecht auf dem Boden landet und ist davon so begeistert, dass ich natürlich ein Foto machen muss. Ein stehender Becher! Auf dem Boden! Ein Wunder! "Mussu in Deiner Kolumne schreiben" sagt Koschi. Den Becher. Geworfen - und steht. Wahnsinn, echt mal.

Leider steht er nicht mehr als ich ihn fotografieren will, weil jemand drüberlatscht. Unser lautstarker Protest hilft nicht. "Ich hab Schuhgröße 48" entschuldigt er sich. Na denn. Man könnte sich bücken und den Becher wieder hinstellen, aber das will dann auch niemand. Wär ja auch ein Fake, so etwas macht man nicht. Die Jungs wollen nach Hause und mir knurrt der Magen wie Hulle. Nix zu futtern im Haus, aber Dom vor der Nase, also gibbet Currywurst. Für den Anfang. Das verzögert sich noch ein wenig, weil ich Martha treffe und auf Anhieb total verknallt bin. Was für ein schnuckeliges Mädchen, ein kleiner Engel mit St.Pauli Mütze, so etwas niedliches hab ich lange nicht gesehen. Martha ist 10 Monate alt und hat gerade ihr erstes Heimspiel gesehen was ganz großartig ist, man kann schließlich gar nicht früh genug anfangen. Sie war nicht begeistert sagt ihre Mutter, aber wer war das heute schon. Kann nur besser werden. 


Kaum hab ich auf dem Dom eine Wurstbude gefunden quatscht mich wieder jemand von der Seite an. Wer kennt hier meinen Namen? Der Don! Nicht zu fassen, und seine entzückende Gattin ist auch dabei. Die sieht vielleicht drei Spiele im Jahr und dann ist so eine Grütze dabei, wat'n Pech auch. Das Angebot auf  ein Bier nach der Wurst muss ich leider ausschlagen, die Knochen schmerzen und ich brauche noch nen Nachtisch. Irgendwas um den Tag ein ganz klein wenig zu versüßen. Ist auch schnell gefunden, Erdbeerknödel! Mit Schokosauce und Erdbeeren. Sieht sehr viel nahrhafter aus als der übliche Crêpe und ist es auch. Wenn der Dom bis zum nächsten Heimspiel noch steht hab ich jetzt wenigstens etwas auf das ich mich freuen kann. Beim Rest seh ich eher schwarz, so lange wie wir eine derart offene Hütte haben.

Hüttenmusik: Happy Mondays - Greatest Hits























Freitag, 7. November 2014

Auf dem Sonnendeck
















Der Käptn hat Geburtstag und ich bin eingeladen. Die letzte Chance in diesem Jahr eine Runde auf der Omka zu schippern, alle bisherigen Termine sind durch widrige Umstände geplatzt, also muss ich dahin, auch wenn mich die Tage nach Heimspielen immer mehr zur Couch schielen lassen. Das Heimspiel verhindert auch beinahe die Besorgung eines adäquaten Geburtstagsgeschenks, aber der Edeka im Hauptbahnhof führt Gott sei Dank richtigen Captain Morgan Rum, nicht nur diese Spicepansche.

Auf der Autobahn im Stau, im Harburger Hafen dreimal verfahren und dann noch Parkplatz suchen, würde mich nicht wundern wenn die schon unterwegs sind. Doch weit gefehlt, die Omka liegt noch am Kai und ist mit etwa 20 Leuten schon gut gefüllt. Ich tausche mein Präsent gegen die wieder einmal sehr leckere Bordsuppe und ein Bier, fülle den Teller noch mal auf und frage mich gerade, ob wir hier jetzt liegen bleiben, da werden die Leinen auch schon gelöst. 

Stefan lenkt die Omka in Richtung Klappbrücke, aber die will nicht so recht klappen. "Wo will er eigentlich hin?" fragt mich jemand, aber ich bin der letzte der das beantworten kann. Eigentlich habe ich nur mit einer kleinen Runde um die Schlossinsel gerechnet. Kehrtwende und Anfahrt der nächsten Klappbrücke über irgendeinen Seitenkanal, aber die klappt auch nicht. Ist eh eine Sackgasse und alles Täuschungsmanöver, denn wir müssen zurück, der Bordmusikant fehlt. Broder Zimmermann, die Hälfte des genialen Duos Havariegefahr steht in seinen gelben Hochwasserhosen am Kai, fuchtelt mit den Armen und macht regen Gebrauch von seiner Trillerpfeife. Das verspricht First Class Entertainment heute, allein durch seine Anwesenheit.

Auf der Schlossinselrunde kann ich mich mit der Kamera austoben und bekomme noch jede Menge Infos vom Käptn dazu, der hier jeden Kahn kennt und wahrscheinlich auch alle Besitzer. Die Mariarosa hat gerade keinen, und 500.000 Öcken sind wahrscheinlich selbst für die Besitzer der "schicken" neuen Appartements mit angeschlossener Bootsgarage nicht mal eben aufzubringen, aber der glücklichste Tag im Leben eines Yachtbesitzers soll ja ohnehin der sein, an dem man den Kahn wieder verkauft.

Die Schlossinsel verändert sich rapide, wo vor ein oder zwei Jahren noch eine Slipanlage war stehen jetzt Luxuswürfelbauten mit Balkonen, auf denen man locker Doppelstrandkörbe aufstellen kann. Mit eigenem Anleger für Ruderboote und Kanus, den man mit der Omka ebenfalls benutzen kann, denn die ist schließlich ein Boot und ein Ruder hat sie auch, wie der Käptn mir auf meinen Hinweis erklärt. Ich bin aber auch ne Landratte manchmal.

Der Anleger ist groß genug um ein paar Tische und Bänke aufzustellen, während die kleinen Jungs versuchen den kleinen Mädchen durch waghalsige Sprünge ins Hafenbecken zu imponieren. Es gibt Wurst vom Grill, Kaffee, Kuchen, leckere kleine Gläser mit Kirschwasserkirschensahnegedöns für Erwachsene und eine Auswahl der besten Shanties von Broder, interessiert beobachtet und belauscht von den Balkonen. Eigentlich müssten wir für das maritime Flair was wir hier verbreiten den Klingelbeutel rumgehen lassen, so etwas bekommt man sicher nicht jeden Tag geboten.

Andererseits mag es inzwischen Leute geben die in den Hafen ziehen und sich hinterher über Schiffe beschweren, man weiß ja nie.


Passend auf den Ohren gerade das Ship of Fools: Grateful Dead - From The Mars Hotel