Mittwoch, 11. Dezember 2013

Brauen in the USA




















Bei jedem Einkauf komme ich an dem verflixten Kühlschrank vorbei, in dem die ganzen teuren Biere von Braufactum aufbewahrt werden, das konnte ja nicht lange gut gehen. Da ich, anders als gewisse Personen aus gewissen ländlichen Bereichen, amerikanischen Produkten nicht grundsätzlich ablehnend gegenüberstehe, war es nur eine Frage der Zeit bis der Widerstand schmolz. Hallertauer Perle und Steirischer Golding als verwendete Hopfensorten weisen schon dezent auf einen etwas höheren Preis hin, Gold und Perlen in dieser Form sind aber noch bezahlbar.

Folglich hab ich sie eines Tages eingesackt, eine Flasche Champa teures Bier. Garrett Olivers Brooklyn Local 1. Alleine um zu sehen, ob der Springsteen unter den amerikanischen Braumeistern nur der übliche Pressehype ist oder tatsächlich Bier brauen kann.
0.75 Liter für den Preis einer Kiste Astra, dafür immerhin Flaschengärung (womit wir wieder beim Champagner wären) und 9 satte Prozente. Dafür sollte man sich schon einen Abend Zeit lassen, an dem man so richtig Appetit auf Bier hat, für den kleinen Durst zwischendurch ist das eher nichts.  

Der ganze Spaß orientiert sich eindeutig mehr an belgischen Bieren, Reinheitsgebotfetischisten werden schon bei der Verwendung von Zucker aufschreien, selbst wenn es Demerara aus Mauritius ist. Der ist allerdings auch die einzige aus dem Reinheitsgebot fallende Zutat. Wasser, Pilsener Gerstenmalz, drei Hopfensorten (Aurora und die Goldperlen) und Hefe. Keine Chemie, keine Schaumfestiger, Kirschen, Himbeeren oder ähnlich bedenkliches Zeug, was bei den Belgiern ja gerne mal genommen wird.

Auffallend ist zuerst der hartnäckige Schaum, bis man sein Glas anständig gefüllt hat vergeht eine ganze Weile. Dafür ist der sehr aromatisch und ungeheuer standfest, eine anständige Blume ist damit überhaupt kein Problem, man muss sich nicht einmal beim fotografieren sehr beeilen. Auf der Zunge anfänglich leicht säuerlich, später sehr hopfig und herb, aber nicht so deftig wie das neulich verkostete Pale Ale. Trotz der 9% Alkohol schmeckt es nicht so ölig wie die meisten anderen Starkbiere, fast schon süffig der Stoff.

Das dürfte auch die größte Gefahr sein, wenn das mit jedem Schluck süffiger wird und man mehr als eine Flasche hat. Davor allerdings wird mich der Preis bewahren.

Mal gucken, ob ich die dunkle Variante Local 2 an Weihnachten mit Freunden zusammen teste, soll besonders gut zu Wild passen. Und da gewisse Personen mit amerikanischen Produkten nichts am Hut haben brauche ich schon mal eine Flasche weniger.

Gute amerikanische CDs sind günstiger: BoDeans - American Made

Samstag, 7. Dezember 2013

Jazz unterm Balkon















Seit Jan Garbareks Rites habe ich eine Vorliebe für die skandinavische Jazz-Szene entwickelt, Bugge Wesseltoft, Nils Petter Molvær oder Esbjörn Svensson, wenn ich modernen Jazz höre kommt der meist aus dem hohen Norden. Da muss ich auch keine fünf Minuten überlegen als mich Herr H. fragt, ob ich mit in die Fabrik komme, zum Konzert des Tingvall Trios.

Freitag ist das machbar, da komme ich locker früh genug aus der Firma. Nicht. Natürlich nicht, denn kaum hat man was vor hat auch jemand was dagegen, und wenn es die blöde Technik ist. Um 19 Uhr schreib ich meinem Kollegen eine Notiz und verzieh mich, wenn der am Samstag arbeiten will kann er auch was tun. Ich kratze die Scheiben frei, fege den Schnee vom Dach und schleiche durch die Stadt, in der scheinbar jeder gespannt auf das angekündigte Blitzeis wartet, dabei ist noch gar nichts los.

Zehn Minuten vor angekündigtem Konzertbeginn bin ich in der Fabrik und suche die Jungs, der Laden ist proppevoll, wer in dieser Menge jemanden finden will muss von oben gucken. Ich seh mich nach einem freien Aussichtspunkt an der Brüstung um, aber die ist auch schon vollständig besetzt. Dafür entdecke ich Herrn H., der dort oben lehnt. Sehr praktisch, weil man seine Jacke gut dort ablegen kann. Weniger praktisch, weil man von dort nur die linke Hälfte der Bühne sieht, wahrscheinlich aber immer noch ein besserer Ausblick als in den dicht gedrängten Reihen davor. Wer zu spät kommt.. bekommt dann als Autofahrer eine Fanta spendiert, weil es in der Fabrik keine Fritzbrause gibt. Schändlich.

Skandinavier mag ich ja sehr, nicht nur die Jazzer. Ich mag es zum Beispiel, wenn Skandinavier deutsch reden, dieser Akzent ist einfach göttlich. Wenn dann noch jemand so humorvoll durch das Programm führt wie Martin Tingvall, der schon seit einigen Jahren in Hamburg lebt, ist das gleich doppelt so lustig. Ein echtes Heimspiel, zumindest fast ausverkauft dürfte es sein, und für ein Jazzkonzert ist das recht erstaunlich. Anfänglich, erzählt Tingvall, hätten sie auch schon mal vor zwei Leuten gespielt. Als das vom Publikum mit verhalten ungläubigem Gelächter quittiert wird muss er grinsen. "Heute kann ich da auch drüber lachen" sagt er, "wenn ich das hier sehe."

Denn das Trio wird abgefeiert wie eine Rockband, muss nach den zwei Sets auch noch drei Zugaben geben, und kassiert stürmischen Zwischenbeifall bei fast jedem Solo, ganz besonders von OmarrrrrRodriguez Calvo, der mir mit seinem Bass des öfteren Gänsehautmomente beschert. Der beste Bassmann seit weißnichmehr, der haut mich echt aus den Socken.

Die Tastenhexereien des Herrn Tingvall hingegen, die sind keine Geheimnisse mehr. Wie man auf den Fotos eindeutig erkennen kann, sitzt da noch ein kleiner Mann im Klavier und spielt mit.

Anders wäre das auch nicht zu erklären.

Im Ohr: Tingvall Trio - Skagerrak / Norr






Freitag, 6. Dezember 2013

Vandalen erobern die Stadt















Man mag es kaum glauben, aber es laufen tatsächlich Menschen in der Stadt herum, die aus purem Spaß an Vandalismus und Sachbeschädigung Wände, Autos oder gar das Eigentum der Hamburger Hochbahn zerstören. Gott sei Dank nicht mit Schwertern wie die alten Vandalen, nur mit Farbe aus Spraydosen, aber was das den Steuerzahler schon gekostet hat, darüber mag man gar nicht nachdenken. Abgesehen davon sind da auch noch die Mitarbeiter der Hamburger Hochbahn, die sich viel Arbeit und Mühe machen all diese Graffitis wieder abzuwaschen. Bei so viel Sachbeschädigung kann man dann auch kein Mitleid mehr aufbringen, wenn einer dieser Vandalen bei seinem schändlichen Vorhaben an einer Hochspannungsleitung verbrutzelt, was schleicht der auch auf den Schienen herum.

Ich sollte aufhören beim Frühstück dämliche Boulevardzeitungen zu lesen, vor allem sollte ich aufhören die dämlichen Leserbriefe der dämlichen Leser dieses dämlichen Blattes zu lesen. Man kann das Frühstück dabei gar nicht so schnell schlucken wie man es wieder auskotzen möchte.

Zur Magenberuhigung gibt es daher heute ein paar vandalistische Sachbeschädigungen in Farbe und für die Ohren meine momentane Lieblingsgruppe mit der heute aus dem Briefkasten gefischten gebrauchten CD für schlanke 1.75 Euro: Schäl Sick Brass Band - Majnoun





Mittwoch, 4. Dezember 2013

Voll auf die Nüsse















Diese seltsamen "mongolischen" Restaurants erfreuen sich reger Beliebtheit. Man sucht sich aus Fleisch, Fisch, Gemüse und anderen Zutaten seine Favoriten aus, dazu eine der 5 bis 7 Saucenkreationen, drückt das dem Koch in die Hand und der schmeißt das alles zusammen auf einen Grill oder in einen Wok. Inzwischen bietet jeder dritte Chinese einen Mongolengrill an, für etwas über 20 Euro kann man futtern bis der Arzt kommt. Manchmal sogar exotische Fleischsorten von Känguru bis Krokodil, nur Yak habe ich noch nirgends gesehen, daher wird das mit der echten mongolischen Küche wohl weniger gemein haben.

Die Serviererin bei meinem Lieblingschinesen wunderte sich daher über meinen Wunsch á la carte zu essen, denn ein Gericht, dass aus etwa 90% Garnelen und 10% Cashewnüssen besteht, so beschied sie mir, könnte man auch ganz einfach selber zusammenstellen. Mehrfach, bis es zu den Ohren wieder rauskommt. Angesichts der üppigen Portionen in dem Laden ist das aber gar nicht nötig, man wird auch ohne die restlichen Verlockungen pappsatt.

Dummerweise befindet sich mein Lieblingschinese in Straubing. Durch die selten dämliche Terminplanung der DFL bekam ich dieses Jahr kein einziges Auswärtsspiel des magischen FC in bayerischen Gefilden zu sehen, folglich auch kein Gericht aus etwa 90% Garnelen und 10% Cashews (mit Spuren von Zwiebeln und Paprika) serviert. Beides extrem ärgerlich, aber wenn das mit dem Futter so einfach ist sollte sich wenigstens der letzte Punkt beheben lassen, also war ich einkaufen.

Ein Fehler, denn genau wie beim Mongolengrill ist die Auswahl einfach zu groß, weshalb der Garnelenanteil zugunsten zweier kleiner Kalbssteaks verringert wurde, außerdem waren da noch die braunen Champignons, eine Frühlingszwiebel ist auch nie ganz verkehrt und den Rest der großen Paprikaschote wirft man auch nicht weg, nur weil im Original weniger von dem roten Zeugs drin ist.


Am Ende war es nicht mal nahe dran, aber die Sauce aus in Kokosnussmilch aufgelöster Erdnussbutter, grobem Meersalz, frischem Ingwer und reichlich Sambal Oelek und Sambal Trassie war der Hit.


Auch ein Hit: BoDeans - Homebrewed: Live from the Pabst

Samstag, 30. November 2013

Drauf gepfiffen










Vorspiel
Nullkommanull Aufregung vor dem Spiel heute, kein Adrenalin in der Blutbahn, kein komisches Gefühl im Magen. Muss am Gegner liegen, das ist gefühlt eine Erstligamannschaft die hier ankommt, die haben zweimal hintereinander verloren, wir zweimal gewonnen und trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass wir gegen die was reißen. Ein Unentschieden vielleicht, das würde ich sogar unterschreiben. An einen Sieg kann ich mich persönlich nicht erinnern, der letzte war in der Bundesliga und eines der wenigen Spiele für die ich keine Karte hatte. Immerhin mal auswärts ein 1:1 mitgenommen, das wir hätten gewinnen müssen. Mit Humba Täterää, den Höhnern, Karneval und einem nervtötenden Vogel, der in der zweiten Halbzeit ununterbrochen "Scheiß Sankt Pauli" in unsere Richtung brüllte, während wir neidisch auf den schwarzen Auswärtsmob blickten, der auf anderen Seite des Stadions tobte und lauter war als der zahlenmäßig deutlich überlegene Kölner Anhang. Nee, so richtig dolle war das irgendwie nie gegen Köln. Dabei müssten die uns eigentlich liegen, die wollen doch bestimmt das Spiel machen, dann könnten wir kontern...

Heute will ich jedenfalls pünktlich im Stadion sein, eine Stunde vorher, wie früher. Diese Sitzplatzbequemlichkeit mal abschütteln. Klappt nicht ganz, aber durch die Entscheidung U3 Feldstraße auszusteigen mache ich Zeit wieder gut, die Nordecke der Gegengerade ist von hier aus wesentlich bequemer zu erreichen. Am Ausgang der U-Bahn schnell den Übersteiger gekauft, zweihundert Meter weiter steht der nächste Verkäufer, wieso steht U-Bahn St.Pauli nie einer? Durch den Dauerregen ist der Dom fast menschenleer, die Buden kann man gut als Regenschutz ausnutzen, ich komme halbwegs trocken an, fünf Minuten anstehen und endlich ein festes Dach über dem Kopf.

Vor Block 2 steht der Fanclub, zu meiner Freude ist Twilli wieder auf den Beinen und traut sich ins Stadion. Auf Krankenhausgeschichten erzählen hat er aber inzwischen keinen Bock mehr, wir schnacken lieber über alte Zeiten und Walter Frosch, den er mal als direkten Gegenspieler hatte, Anno dazumal in irgend einem Freundschaftsspiel bei Victoria. Schmerzhafte Erlebnisse sind ihm erspart geblieben damals, er hat schlicht keine Schnitte gesehen gegen Froschi.   

Ja, die alten Helden werden weniger, erst im Rock'n Roll und jetzt auch schon im Fußball. Wobei ich im Fußball immer sehr wenig Helden hatte, aber Walter Frosch war definitiv einer. Unter anderem deshalb will ich auch schnell ins Stadion, damit ich bei der Schweigeminute eine Minute schweigen kann, drinnen spielen sie den Kölnern ihr Lied, ich hole noch schnell zwei Bier für mich und Herrn L. und auf gehts.

Wie erwartet ist Herr L. schon auf seinem Platz und hat ebenfalls zwei Bier mit, bei diesen Temperaturen wird es jedenfalls nicht warm, das ist ein Vorteil. Der Wind ist unangenehm, es zieht wie Hechtsuppe hier oben, die falsche Jacke kann übel enden und ich habe ganz sicher die falsche Jacke an.

Die Süd scheint eine größere Choreo vorzubereiten, die Anfänge sehen schon ganz schick aus, mal Kamera zücken. Voodoozauber sieht gut aus, hoffentlich hilft es auch. Ob man die anschließende Rauchentwicklung gut findet liegt sicher im Auge des Betrachters, ich ringe da immer sehr mit mir selber. Mein Auge sagt spontan ach, is doch auch mal ganz nett so bissl bunte Luft, mein Herz sagt, Verbote waren schon immer blöde und mein Hirn sagt, das ist trotzdem völlig dämlich, weil es den Verein nur Geld und Nerven kostet und wahrscheinlich noch blödere Sanktionen zur Folge hat. In meinem Alter siegt meistens das Hirn, daher versteh ich auch wenns im Süden mal ein anderes Organ ist, drauf gepfiffen.

Zumindest Teile der Gegengerade machen das sehr lautstark, aber das wollte man wohl auch, wenn ich die Tapete davor richtig interpretiere. Früher dachte ich immer, der Kindergarten wäre da oben in der Ecke zur Haupttribüne, aber das färbt langsam ab.

Mit etwas Unterbrechung dürfen die Spieler dann aufs Feld und meine Nachbarin endlich ihr mitgebrachtes Konfetti werfen, für Getränke ist das inzwischen ein unsicheres Pflaster hier. Ich versuche meine Portion gleichmäßig zu verteilen, aber mit rechts knipsen und mit links werfen klappt nicht recht.

Rainer hält eine schöne Rede zum Gedenken an Walter Frosch, doch der Beifall dafür platzt irgendwie in die anschließende Schweigeminute. Die Tapete auf der Süd hätte ihm dafür sicher gefallen, das war sein Humor. R.I.P. Froschi. Forza Sankt Pauli. Anpfiff.

Spiel (1)
"Yiiiiiiiaaaaaaaaaaaaaaaaaaa" Herr L. röhrt schon in der zweiten Minute wie neulich gegen Cottbus, aber den Kracher von Halste kann der Torwart gerade noch über den Kasten lenken. Die Ecke reißt uns dann nicht vom Hocker, wie so oft, aber die Anfänge sind mutig. Kein Respekt vor Köln, das ist gut so. Nicht so gut ist das Abwehrverhalten wenig später, ähnliche Situation auf der anderen Seite, aber die Kölner Ecken sind gefährlicher, urplötzlich steht es 0:1. Mist verdammter, nach nur 6 Minuten.
Die Jungs schütteln das aber gut ab, es entwickelt sich ein offener Schlagabtausch, das Spiel ist alles andere als langweilig. Wir machen nur die Chancen nicht, Herr Nehrig versagt vor dem Tor bei einer Hundertprozentigen und Herrn L. versagen die Stimmbänder, bei dem Versuch den Ball ins Tor zu röhren. Das hätte der Ausgleich sein müssen. Kurz darauf ist es Torre, der nicht die Nerven hat das Ding zu machen, was für Chancen. Gegen Köln, gegen die hat man normal nicht so viele, da muss man mal eine von nutzen.

Die Kölner bekommen die dickeren von uns geschenkt und Geschenke lehnt man nicht ab. Es ist so ätzend, wenn man von hier oben auf den Platz guckt und die ganz üblen Fehler schon in der Entstehung sieht. Da kann man brüllen wie ein Wahnsinniger, dass der Helmes da völlig frei rumläuft und garantiert gleich den Ball bekommt, weil der Halfar das sieht, aber keiner von unseren Jungs auch nur in die richtige Richtung guckt. Was für ein Elend, denn genau das passiert, Pass auf Helmes und der trifft eiskalt zum 0:2. Ich brauch ein Megaphon.
Die Jungs stecken immer noch nicht auf, es geht munter weiter, die dickeren Möglichkeiten kriegen die Kölner, machen aber nichts draus. Wir kriegen dafür mehr gelbe Karten, was den Schiedsrichter in der Beliebtheit sinken lässt, denn nicht immer sind die angebracht. Mit Nullzwei in die Pause, ich habe schon Spiele erlebt in denen wir so etwas gedreht haben, heute ist kein solcher Tag, da bin ich ziemlich sicher.

Zwischenspiel
Herr L. geht Nachschub holen, ich beschäftige mich mit den Tapeten auf der Süd, sehr viel Zwischenmenschliches heute, von der Hochzeit bis zum Todesfall. Irgendwas in Richtung Köln, deren Fanszene scheinbar auch ihre dunklen Ecken hat inzwischen. Wenigstens pfeift diesmal keiner, dafür verteilen die Nachbarn wieder Konfetti. Ich seh schon, nach diesem Wochenende muss ich absaugen, aus der Winterjacke ist auch noch reichlich gerieselt.

Spiel (2)
Sehr kurze Halbzeitpause, das Spiel läuft schon und ich knipse immer noch Tapeten auf der Süd, sind die bald mal fertig? Vrabec hat gewechselt, Thy und Halstenberg raus, Kringe und Kalla rein. "Spielen wir jetzt mit Dreierkette?" fragt mich Herr L. und ich versuche mich zu orientieren, wer jetzt welche Rolle übernimmt. Schnecke ist sich darüber noch nicht im Klaren, er rutscht erst mal fröhlich auf dem Rasen herum. Falsche Stollen? Es regnet eigentlich schon länger, darauf sollte man vorbereitet sein.
Das Spiel ist weiterhin interessant, die Kölner stellen sich nicht hinten rein und wir versuchen weiter alles. Mit Möglichkeiten, sogar mit richtig guten Möglichkeiten, doch erst schafft es Gonther nicht den Ball über die Linie zu drücken und kurz darauf zimmert Schnecke den Ball direkt auf den Keeper der Kölner.

Im Gegenzug ist Ujah beinahe durch, Gonther setzt die Notbremse an und kassiert die rote Karte. Haste Scheiße am Schuh...
Ujah macht sich in dieser Szene extrem unbeliebt, als er den Kölner Block auffordert den Schiedsrichter bei der Entscheidung zu unterstützen, fortan kann die Gegengerade endlich aus vollstem Herzen pfeifen, bei jedem Ballkontakt. Der ist leider Profi genug das wegzustecken, die Kölner spielen unbeeindruckt weiter nach vorne und wir können mit zehn Mann nicht genug dagegenhalten. Mal rettet der Pfosten, mal rettet Tschauner. Bis zur 80. Minute, da kommt er bei einer Ecke raus, und wenn der Torwart bei einer Ecke rauskommt, das sagt die alte Fußballweisheit, dann muss er ihn haben. Tschauner hat ihn nicht, er rutscht ihm aus den Händen. "Da kommt er mal raus!" brüllt Herr L. erzürnt. "Da kommt er maaaal raus!" 0:3, das wars wohl für heute. Hoffentlich. Dabei hätten wir wenigstens einen Treffer verdient gehabt, aber machste den nich, dann haste halt keinen.
Inzwischen ist Maier drin für Nöthe und der kann den machen. Freistoß für uns, das sind bestimmt 30 Meter, aber der Junge ist frech genug das zu versuchen. "Uuuuuuuuuuuuuu" Herr L. röhrt schon wieder, aber der geht leider nur an die Latte. Was für ein Hammer, der Maier muss einfach öfter spielen, wir haben in jedem Spiel zwei bis drei solche Dinger, einen davon macht der immer. Nur heute leider nicht, irgendwie hab ich es ja geahnt, gegen Köln ist das irgendwie nie so dolle. Drauf gepfiffen.

Das You'll never walk alone ist nach solchen Spielen viel lauter, sie haben es wenigstens versucht, die Kölner waren halt abgezockter, muss man wegstecken können. Wahrscheinlich schmerzen diese Niederlagen weniger, weil man gegen manche Gegner einfach nichts anderes gewohnt ist, um so schöner sind die Ausnahmen. Das Rückspiel könnte vielleicht eine Ausnahme werden, ich müsste sowieso mal wieder nach Köln.

Nachspiel
Herr L. ist in Trinklaune und will unbedingt in die Fanräume. Warum habe ich zwar nicht verstanden, aber bin durchaus nicht abgeneigt. Ein sinnloses Unterfangen, weil uns erst Herr B. und dann unser kleiner Ultrafeuerwehrmann über den Weg laufen. Dem wollen wir gleich die Ohren lang ziehen, aber er versichert glaubhaft von der Räucheraktion nichts gewusst zu haben. So sehr Ultra ist er denn wohl doch nicht. Herr B. will in den Hanseaten, irgend eine der Bierbuden auf dem Dom, Herr L. zur Domschänke oder in den Knust. Im Knust wäre ich auch gerne, denn da spielt Frightened Rabbit und ich hätte sogar eine Karte bekommen können, nur sind mir Fußball und Konzert an einem Abend einfach zu viel.
Eigentlich ist mir auch das nächste Bier im Hanseaten schon zu viel, und die Wanddekoration in dem Laden ist mir ebenfalls suspekt, aber er ist geheizt. Meine Fresse, das war mal echt kalt heute. Noch zehn Grad weniger bei dieser Windrichtung und ich brauch beheizbare Unterwäsche.
Den Hanseaten haken wir ab, ein Bier später hat Herr L. eine neue Idee, er will in den Freifallturm. Ich halte es für das was es ist, nämlich großen Blödsinn, stelle mich aber solidarisch neben ihn in die Schlange. Bei dem Pärchen vor uns muss Er noch von seiner Liebsten überredet werden, mit der ich mich spontan ebenfalls solidarisch erkläre, woraufhin er zögernd in die wilde Fahrt einwilligt.
Als ich vor der Kasse wieder abbiege ist es für ihn leider zu spät, mitgefangen, mitgehangen.
Herr L. übersteht den Blödsinn gottlob ohne größere Schäden, dafür mit mehr Durst. Statt in der Domschänke landen wir vor der Astratränke, dem günstigen Open Air Trinkvergnügen auf dem Dom, immer feucht, oft auch von oben. Das kleine Bier ist dann doch ein 0.5er und unser Ultra muss zu seiner Freundin, das war schon die zweite SMS eben. Die Jugend heutzutage, also ehrlich. Damals konnte ich nicht nur viel mehr vertragen, damals habe ich das auch noch ausgenutzt.

Damals wäre ich nach solchen Tagen aber auch abgestürzt, heute nicht mehr. Da müsste schon mehr passieren als ein 0:3 gegen Köln. Da kann ich echt drauf pfeifen.

Kölner Pfeifen, aber immerhin gute Kölner Pfeifen: Schäl Sick Brass Band - Tschupun / Kesh Mesh


















Mittwoch, 27. November 2013

Meine Mudda steht auf Pogues















Geburtstage sind ideal um selber etwas zu basteln, da meine Fähigkeiten als Bastler aber ziemlich überschaubar sind beschränke ich mich meist auf das Brennen von CDs, damit habe ich häufig gute Erfahrungen gemacht. Manchmal sogar sehr gute, bei drei CDs hatte ich neulich immerhin einen echten Volltreffer bei Muddern.

"Udo Jürgens kann ich ja nicht ausstehen, aber er schreibt tolle Lieder, das muss man ihm lassen. Und der Al Martino kann toll singen, aber manchmal ist es doch etwas sehr schmalzig."
Dabei habe ich die schlimmsten Sachen schon entfernt, bevor meine Ohren anfingen zu bluten. Eine CD-Single mit seiner Version von Griechischer Wein hätte also gereicht, ich hätte mich nicht durch Al Martinos größte Hits quälen müssen.
"Ja und diese Schotten, also nee, das ist doch nichts für mich. Sind das überhaupt Schotten?"
Ähm, nein, die Real McKenzies sind Kanadier. Neulich im Auto fand sie die noch gut, aber da war wohl mehr der Dudelsack dran Schuld. Ist doch zu viel Punk, das war mir eigentlich klar.
"Aber diese Iren oder was das sind, diese Poogs oder wie die heißen. Was heißt das überhaupt?"
Das heißt eigentlich nix. Früher hießen die Pogue Mahone, das ist so'n irischer Ausdruck für "kiss my ass" aber das wollte die Plattenfirma nicht.

Schallendes Gelächter.
"Egal, die find ich ja suuuuper. Tolle Musik. Die Platte läuft hier den ganzen Tag, rauf und runter.
Und laut! Die Nachbarn gucken schon immer wenn sie hier vorbeigehen."

Mit über 80 noch zum Schrecken der Nachbarn zu werden, das geht eben nur mit Shane MacGowan.


Nachbarschaftsbeschallung: The Pogues - If I Should Fall From Grace With God

Freitag, 22. November 2013

Im Oarsch, des samma mir















Neulich hat Inchtomania sich in ihrem Blog Sorgen gemacht um diesen Planeten und sich angesichts der aktuellen Katastrophen gefragt, was die Experten noch für Expertisen brauchen um einen Klimavertrag zu basteln und zu unterzeichnen.

Diese Sorgen habe ich mir auch mal gemacht. Die macht sich jeder der Kinder hat – und ich habe wie Inch schon ein Enkelkind, ich müsste mir noch mehr Sorgen machen. Unter anderem deshalb habe ich damals gegen Brokdorf demonstriert, in Menschenketten gestanden gegen Atomkraftwerke und bin gegen Nazis auf die Straße gegangen (was ich weiterhin machen werde). Ich habe ein Patenkind in Ruanda, dem dadurch hoffentlich irgendwann eine Flucht über das Mittelmeer erspart bleibt und selbstverständlich beziehe ich Ökostrom und kaufe mein Bier nur in Pfandflaschen.

Aber ich kann und will mir nicht mehr Sorgen um diesen Planeten machen, so derbe viel Jahre werde ich hier eh nicht mehr verbringen und der ist auch viel zu groß für mich. Es regt mich auch nicht mehr auf, dass in einem Monat soundsoviel Bundesländer Regenwald vernichtet werden, denn das habe ich schon vor Jahren gelesen. Inzwischen müssten sie mehrfach Regenwald in der Größenordnung Deutschlands vernichtet haben, solche Mengen an Wald kann sich eh kein Mensch wirklich vorstellen, so wenig wie 100 Millionen Tonnen an Plastikmüll im größten Meeresstrudel. Aber jeder Idiot kann sich ausrechnen, dass das irgendwelche Auswirkungen haben wird, trotzdem holzen sie fröhlich weiter und es wird sie niemand daran hindern. Die 100 Millionen Tonnen Plastikmüll im Meer werden ebenfalls nicht weniger, nur weil wir überlegen ob wir eventuell demnächst die Plastiktüten verbieten oder wenigstens teurer machen.

Wer soll denn den Planeten retten? Mutti Merkel und Barack Obama, zusammen mit wem? Kim Jong-un, Xi Jingping, Robert Mugabe und dem lupenreinen Demokraten aus Moskau? Der eine interessiert sich mehr für Schneekanonen und Skilifte, die anderen veranstalten mittelalterliche Hexenjagden auf Schwule, Öko-Aktivisten und kleine Punkmädchen - und Mutti muss gerade mit dem dicken Sigmar verhandeln, die hat keine Zeit für globale Probleme. Ich kann mich täglich über die kleinen und großen Arschlöcher dieser Welt aufregen, aber außer erhöhtem Blutdruck bringt mir das nichts ein, das lerne ich langsam. Unternehmen kann ich höchstens etwas gegen die Arschlöcher in meinem Umfeld, und das auch nur sehr begrenzt, will ich mich nicht strafbar machen.

Auf das Schicksal der Menschheit wird das alles keinen Einfluss haben, der Planet ist im Eimer, früher oder später. Ganz egal ob ich meinen Müll trenne oder nicht, ganz egal ob ich ein Elektroauto fahre oder einen Porsche Cayenne oder nur Fahrrad und ÖPNV. Klimaprotokolle werden uns nicht retten, das sind alles Alibiveranstaltungen ohne Wert. Wir haben den Planeten ausgebeutet bis zum Exzess und wir werden ihn weiter ausbeuten, bis nichts mehr geht. Es werden weiter Wälder gerodet für irgendeinen Mist, für Ölpalmenplantagen oder was auch immer, es werden weiter ganze Landstriche vergiftet um Edelmetalle oder Öl aus diesem Planeten zu pressen. Kein Protokoll wird daran etwas ändern. Eher kommt jemand mit einer neuen bahnbrechenden Idee um die Ecke wie Fracking, gegen die man dann wieder auf die Straße gehen muss, weil die das-ist-alles-ganz-harmlos-Experten schon immer daneben lagen mit ihrer Einschätzung.

Die Auswirkungen dessen, was wir heute tun oder nicht tun, werden wir vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren zu spüren bekommen, das was wir heute erleben ist doch nur die Quittung für die letzten zwanzig Jahre unseres Daseins. Oder fünfzig, hundert, was auch immer irgendwelche Wissenschaftler herauszufinden geglaubt haben. Die Menschheit ist viel zu träge um auf globale Bedrohungen reagieren zu können, das funktioniert nur in Roland Emmerich Filmen. Die Menschheit ist der Frosch der im Kochtopf sitzt, und trotz seines Wissens um die Auswirkungen den Regler immer weiter aufdreht. Zu blöd für diese Welt.

Es werden weiterhin Menschen durch Tsunamis sterben, den Amis werden weiter ihre Hütten um die Ohren fliegen, die Eisbären werden immer weniger Eis haben und das alles könnten wir wahrscheinlich nicht einmal verhindern, wenn wir JETZT SOFORT aufhören würden, so viel Unsinn auf diesem Planeten zu veranstalten. Aber das werden wir nicht.

Daher wird irgendwann etwas passieren, was uns (oder den Menschen, die dann noch auf diesem Erdball herumlaufen) ganz und gar nicht gefällt. Je nachdem welcher „Wissenschaftler haben gerade herausgefunden“ Meldung man glaubt, kann das alles mögliche sein. Große Dürren sind sehr beliebt in der Vorhersage, nicht nur dort, wo sie jetzt schon auftreten und Menschen entweder dadurch sterben, oder auf der Flucht nach Lampedusa. Mehr Überschwemmungen sowieso, ein Wohnsitz in unmittelbarer Nähe von Flüssen und Meeren ist folglich keine gute Investition.  Größere Ozonlöcher. Noch viel schlimmere Stürme als sich selbst Roland Emmerich vorstellen kann. Und am Ende liegen sogar noch die Wissenschaftler richtig, die den Golfstrom abreißen sehen und die nächste Eiszeit vorhersagen.

Die tritt idealerweise genau dann ein, wenn wir sämtliche fossilen Brennstoffe verfeuert haben und die Wahl haben zwischen Arsch abfrieren oder der Flucht nach Afrika. Ob die uns da mit offenen Armen empfangen oder sich dran erinnern, dass wir ihnen x-hundert Jahre vorher den Mittelfinger gezeigt und sie wieder zurückgeschickt haben, wäre eine spannende Frage.

Nein, diesen Planeten wird nichts retten. Schon gar keine Gespräche über Termine für nächste Gespräche, keine Umweltbeauftragten, keine Arbeitsgruppen, keine Klimavertragbastler. Bis die den letzten Satz im Protokoll ausgehandelt haben ist kein Regenwald mehr da. Der Homo Sapiens wird sich in Rekordzeit selbst abschaffen, es war definitiv ein Fehler von den Bäumen herunterzukommen, wir wissen ja was in der Natur mit den Fehlentwicklungen passiert. 

Und jetzt ist auch noch Dieter Hildebrandt gestorben. Im Oarsch, des samma mir.


Arschtrittmusik: But Alive - Bis jetzt ging alles gut.../ Hallo Endorphin

Das Foto zeigt ein, von meinem alten Weggenossen Slartibartfass edel gestaltetes, Stück dieses Planeten, den wir gerade zu Grunde richten. Archivbild 2005, erste Digitalknipse.