Mittwoch, 11. November 2015
Ganz entspannt mal Fussi gucken
Tolle Jahreszeit für Winterschläfer, um 18 Uhr stockdunkel und dazu noch mindestens 98% eklige Hamburger Luftfeuchtigkeit, da macht schon der Weg zur U-Bahn keinen Spaß. Das macht einen Heimsieg zur Notwendigkeit, denn nichts ist deprimierender als nach einer Niederlage auch noch durch so ein Dreckswetter zurücklaufen zu müssen. Richtig fies wird es vor dem Stadion, der Wind treibt fantastrilliarden mikroskopisch kleiner Regentropfen durch die Luft, was im Schein des Flutlichtes sehr beeindruckend aussieht und professionelle Fotografen zu wunderschönen Schietwetterfotos animiert, während ich meine Knipse schön in der Tasche lasse. Bei dieser Tropfendichte wäre ein Unterwassergehäuse ganz praktisch....
Außen feucht und innen feucht. Das Wetter macht seltsamerweise tierisch durstig, liegt möglicherweise aber auch am dürftigen Inhalt meines Kühlschrankes und der versalzenen Frikadelle, die ich mir kurz vor der Abfahrt reingezogen habe. Ich brauche unbedingt ein kaltes Bier. Vor dem Spiel spendieren die Ultras angeblich 1000 Liter Freibier, weil sie in der Südkurve heute keinen Alkohol bekommen, als Strafe für den bunten Rauch beim letzten Spiel. Eine bahnbrechende neue Maßnahme der Hamburger Polizei, irgendwo zwischen "Ätschibätsch" und "jetzt gibbet aber drei Tage kein Internet", die ganz sicher Wirkung zeigen wird. Noch in zwanzig Jahren werden Betroffene von diesem schicksalhaften Tag berichten. "Wisst Ihr noch, damals gegen Fortuna, als wir in der Süd kein Bier trinken durften? Das war ne irre Party!"
Olympia nix gut. Zeckensalon und der Supportblock Gegengerade machen mobil, heute sollen jede Menge Tapeten gegen die Hamburger Olympia(be)werbung zu sehen sein. Ich freu mich auf ein Kontrastprogramm zum täglichen Prolympiawerbegetöse in der Presse, denn mir ist fast nix scheißegaler als Olympia in Hamburg. Nationenwertung und Medaillenspiegel finde ich ähnlich prickelnd wie Dressurreiten und Bodenturnen, oder die Frage, welche Nation die geschicktesten Ärzte und Chemiker beschäftigt. Die einzigen Gewinner, die bei diesem Zirkus von vornherein feststehen, sind Funktionäre und Konzerne. Kann ich drauf verzichten, für die Kohle kann man besser Wohnungen bauen.
Bier und Klönschnack mit den Veteranen vor dem Spiel, der Dartmeister tippt ein vorsichtiges 2:1, sonst will sich niemand festlegen. So schlecht können die Düsseldorfer nämlich gar nicht sein, wenn man sich den Kader ansieht. Und schließlich verschenken wir gerne Punkte an Mannschaften am unteren Tabellenende, ein Gerücht, dass sich komischerweise immer noch hartnäckig hält. Wahrscheinlich ist es das komische Gefühl das auch mich immer beschleicht, wenn ich uns da oben in der Tabelle sehe und denke, nee, eigentlich gehören wir da oben nicht hin, irgendwann wird es auch wieder abwärts gehen. Was niemanden wirklich beunruhigt, jeder hier ist mit einer ganz entspannten Saison oberglücklich, darauf trinken wir noch ein entspanntes Gegengeradenvollbier, was kann uns schon groß passieren...
Fünfzehn Minuten vor Anpfiff auf dem Platz, so spät war ich schon lange nicht mehr dran. Verpass ich doch glatt die Gästehymne, was'n Pech aber auch. Die Düsseldorfer haben tatsächlich keinen schlechten Kader, allein schon Ya Konan, was der bei Hannover damals abgezogen hat auf dem Platz war nicht übel, der kann nicht alles verlernt haben. Rensing, Koch, Sararer, Demirbay, wieso sind die auf nem Relegationsplatz?
Unser Trainer Ewald Lienen vertraut der bewährten Defensive, Basti Maier ist wieder fit und Choi in der Startelf. Der hat Fortuna letzte Saison hier abgeschossen, da hat Ewald wohl gedacht, das kann er gerne noch einmal versuchen. Das Herz von Sankt Pauli ist schön laut, stottert am Ende aber gewaltig, bis sich alle einig werden den Refrain doch noch einmal zu singen. Gab es irgendwo zu viel Freibier oder was? Meine Nachbarn sind aus dem Urlaub zurück, Flutlicht, Dom und jede Menge Kinderpyrotechnik, könnte Spaß machen heute, wäre ein netter Abschluss am letzten Urlaubstag des Jahres.
Erste Halbzeit geht los wie die Feuerwehr, leider bleibt Waldi bei seinen solistischen Bemühungen hängen, aber nach fünf Minuten holt er damit einen Freistoß raus, ein Fall für Maier, der könnte mal wieder ein schickes Freistoßtor machen. Wie viele Meter sind das? Dreißig? Auf jeden Fall muss man schon ein breites Kreuz haben, wenn man den direkt aufs Tor bringen will. Sieht aber nicht so aus, Basti wedelt wild mit den Händenn und gibt irgendwelche Zeichen, maaan ey, das wird sicher wieder so ein blöder Trick der in die Hose geht. Anlauf. BÄM, doch direkt. Was für ein Pfund, leider abgefälscht und knapp vorbei am Tor, aber geil gemacht.
Geil gemacht ist auch der lange Pass an unseren Strafraum, wo ein Düsseldorfer ungestört den Ball annehmen und abziehen kann. Das nenn ich mal Direktspiel. Gott sei Dank auch daneben, solche Einladungen sollten wir vermeiden sonst ist der nächste drin, verdammt.
Aber jetzt, schöner Angriff über die linke Seite mit Maier und Buballa, schöne Flanke in die Mitte auf Lenny, aber ach, der wird von zwei Mann angelaufen und muss den Ball erst mal unter Kontrooooooooooor! Tooooor! Wasdennwasdennwasdenn, wie geil ist das denn. Lenny! THY! 1:0 Woohoo, Song 2. Ich habs ja immer gesagt, wenn der Junge mal verwertbare Bälle bekommt macht er die auch rein und eigentlich war der nicht mal verwertbar, den hätten dreitausend andere Stürmer versiebt. Geilgeilgeil.
Das Spiel macht langsam richtig Spaß, wir kommen oft gut nach vorne, verteilen keine Geschenke mehr, haben die Düsseldorfer gut im Griff, alles sehr entspannt gerade. Die ganze Gegengerade ist sehr entspannt, außer ein paar von der Nord initiierten Wechselgesängen kommt nicht viel und das bei Flutlicht und Führung, entweder das muss spannender da unten oder es muss mal wieder ein Tor fallen. Erst einmal fällt Thy und es gibt ne Karte für Bellinghausen, Lenny ist heute echt nicht zu stoppen. Freistoß again, wieder wird gewedelt wie blöd. Noch n Trick?
Jau, noch n Trick. Und was für einer, die üben so etwas wohl wirklich. Anticken, weitergeben, Flanke auf den langen Pfosten, Kopfball, Lenny, Tor, 2:0. Das war alles zu schnell für die Düsseldorfer, das hab ich ja von hier aus kaum gesehen, so schnell ging das. Woohoo, i werd narrisch. Lenny! THY! Doppelpack Digger!
Und dann kann er den dritten machen, nee, eigentlich muss er den sogar machen, kriegt die Pille von Choi wunderschön in den Lauf gespielt und ist durch, nur noch Rensing, aber der rettet für Düsseldorf. Mensch Kerl, das wäre so geil gewesen, ein lupenreiner Hattrick und Deine Kritiker halten drei Monate die Klappe.
Für Düsseldorf gibt es noch ne Karte weil Ya Konan rumzickt, sonst fällt nur Rensing auf, die letzte Bastion gegen das Debakel, denn es gibt weitere Chancen durch weitere feine Spielzüge, ein richtig feines Fußballspiel von unseren Jungs. Choi, Maier, Ratsche, alle scheitern an Rensing, die können sich bei ihrem Keeper bedanken, dass es mit 2:0 in die Pause geht.
Halbzeit. Was für ein entspannter Abend, herrlich. Zwei Tore Vorsprung, souveränes Auftreten, ein frisches Bier vom Nachbarn spendiert bekommen und den Gang zur Tränke sparen, eine entspannende Rolle rauchen und Halbzeitpausentapeten knipsen. Auf der Gegengerade wandert auch sehr viel herum, nicht zu entziffern von hier aus, aber höchstwahrscheinlich alles Nolympia. Beim nächsten Spiel könnten ja mal die Befürworter mit Tapeten erscheinen, damit man ungefähr abschätzen kann wie die Verhältnisse so liegen hier im Stadion.
Bier und Pyro statt Brot und Spiele ist mein persönlicher Favorit, auch wenn ich den Unterschied nicht so recht erkennen kann, man weiß ja wie es gemeint ist. Überhaupt sorgt dieses alberne Alkoholverbot im Süden wohl mehr für Belustigung, bei einem entsprechenden Verbot auf der Gegengerade wäre ich allerdings nicht so sicher, alte Männer und kein Bier, das geht schnell an die Substanz. Da alte Männer aber eher selten rauchtöpfern müssen wir das wohl nicht befürchten.
Auf dem smarten Phone finde ich eine SMS von Herrn B. Heute ist der Tag! 20 Jahre Tresenkurve. Ich sollte auf die Durchsagen achten und falls auf der Anzeigetafel was erscheint eventuell ein Foto machen. Zu blöd wenn man das etwa eine Stunde später erst liest.
Zweiter Durchgang und Düsseldorf wehrt sich. Hat mehr Ballbesitz, mehr offensive Aktionen. Vor ein paar Monaten hätte mich das noch furchtbar aufgeregt, aber inzwischen haben wir ja eine Abwehr aus Granit, da kann man völlig unaufgeregt zugucken. Die Düsseldorfer kriegen auch nichts gebacken, werden immer wieder abgefangen. Ya Konan findet überhaupt nicht statt, sieht keine Schnitte gegen Ziereis, dem die Vertragsverlängerung scheinbar noch mehr Elan gegeben hat. Choi bringt heute auch ne Menge Elan mit, aber wenig Glück. Er ackert und rennt und macht und tut, doch immer ist ein Düsseldorfer Fuß dazwischen und wenn er fällt gibts trotzdem keinen Elfer. "Der kriegt nix mehr auf die Kette" entfährt es mir irgendwann, als der dritte Ball weg ist, "da muss frischer Wind rein. Fafa für Choi."
Ewald hat jedoch ganz andere Pläne und nimmt Basti Maier runter. Och nööö. Basti hätte bestimmt noch einen gemacht. Und wer ist der Blonde da unten auf dem Platz? Den kenn ich überhaupt nicht. Unsere Nummer Acht: Jeremyyyyyyyyyyy DUDZIAK. Auweia.
DAS sieht ja mal.. naja, Frisuren halt, wer drauf steht. Ist nicht ganz so wichtig gerade, es gibt mal wieder Freistoß, weil Sobota zu schnell war für die Düsseldorfer Defensive. Freistoß, Flanke, Kopfball, drin. Woohoo, toller Trcik Nummer 3 und 3:0, alle wieder wach! Wer war das? Wer kann es gewesen sein? Unsere Nummer 18: Lennart! THY! Das ist geradezu thytanisch heute. Und endlich singen hier oben auch mal mehr als zwei Leute mit, die letzten zwanzig Minuten könnte man das durchziehen.
Oder weiterhin ganz entspannt Fussi gucken, inzwischen wissen alle, warum die Fortuna auf Platz 16 steht. Da kommt nix, da ist keine Mannschaft auf dem Platz und die wenigen Einzelaktionen verpuffen. Ganz anders unsere Jungs, da ist ne Menge Spaß am Fußballspiel, Zuckerpässe, Zaubertore, das ist unser Sankt Pauli, echt mal. Demnächst verteile ich hier Texthefte. Das Wechselkontingent ist beidseitig erschöpft inzwischen, Choi ist draußen, Schnecke drin und in den letzten Minuten kommt Nehrig für Buchti, zum Ergebnissichern. Oder man macht es wie Ratsche und spielt die Abwehr schwindelig. Aber dieser Pass auf Lenny, wie soll der den bitte ins Tooooooooor kriegen aus dem Winkel. Ins Tooooooor! Toooooor! 4:0. Unfuckingbelievable Lennart! THY! Trotz Winkel und Torwart und allem, drin is der Fisch. Von wegen wir haben keinen Stürmer! Wir haben einen THYtanen! Wartet es nur alle ab!
Und aus die Maus. Abpfiff, Jubel, Heiterkeit und Lenny mit Spielgerät, der von Ewald fast zur Tribüne geschubst werden muss. Manchmal hat man sich stehende Ovationen verdient, kann man mal so hinnehmen. Im Kreis noch eine Dusche, die obligatorische Platzrunde mit HEY HÈY Hände hoch, eine entspannte Sportzigarette mit den Nachbarn, sehen wie sich das Stadion langsam leert, die Konfettireste und Pilskragen von Windstößen über die Tribüne gewirbelt werden, hach ist das entspannend in dieser Saison. Als Amapola von den Spotnicks erklingt fällt mir auf, dass ich den alten Rausschmeißer ewig nicht gehört habe, lange nicht so lange geblieben wie heute.
Trotz Montagabend muss ich die Tresenkurve vor den Fanräumen aufsuchen, wenn schon Jubiläum ist kann man noch ein Bierchen mitnehmen, dann ist Schicht im Schacht.
Äußerst angenehmer Saisonverlauf bisher, mal sehen wohin uns das am Ende führt. Mich führt es erst einmal nach München. Auswärtssieg allez.
Entspannte Fotos: Gegengerade Millerntor/Südtapeten/Gästeblock mit Senf/Ewald und der Thytan/Thytanenbecher/Nordkurvenherzen/Temporäre Stadionaußenbeleuchtung (Dom)
Entspanntes Bier: Firestone Walker Union Jack IPA, 7.5%
Entspannte Musik: Donna the Buffalo - Rockin' In The Weary Land/Silverlined
Labels:
Fußball
Standort:
St. Pauli, Hamburg, Deutschland
Samstag, 7. November 2015
In einer anderen Welt
Meine Hände sind gefesselt, zusammen mit zwei anderen Typen sitze ich auf der schaukelnden Pritsche eines Pferdewagens, auf dem Weg zu unserer Hinrichtung. Warum? Weiß ich selber nicht, ich bin rein zufällig irgendwo in die Revolutionswirren dieser Gegend geraten. Der Knabe neben mir sabbelt ohne Unterlass, muss wohl noch einiges loswerden bevor der Kopf rollt. Sein Gegenüber ist gezwungenermaßen schweigsam, man hat ihm vorsichtshalber einen Knebel in den Mund gestopft, denn angeblich kann seine Stimme töten.
Endlich in der Festung angekommen geht alles so schnell, dass ich keinen klaren Gedanken fassen kann. Als dieses riesige Feuer speiende Vieh auftaucht und die Soldaten gleich im Zehnerpack röstet bricht das totale Chaos aus. Drachen! Was für Monster!
Ich habe das unfassbare Glück, dass sich unter den Zivilisten ein Nordmann befindet, der sich seines Stammesgenossen erbarmt und mich von den Fesseln befreit. Gott sei Dank kennt er sich hier aus, ich muss nur hinter ihm herlaufen, so schnell wie möglich, keine Chance sich umzusehen und ehrlich gesagt möchte ich auch gar nicht wissen wo der Drachen gerade ist, es reicht dass ich ihn hören kann, ich muss hier weg...
Der einzig wahre Platz ist manchmal unter der Erde, wir schlagen uns durch den Keller der Festung und ein paar muffige Verliese. Das heißt, mein neuer Kumpel schlägt sich, ich gucke lieber zu. Mit dem rostigen Dolch den ich unterwegs aufgelesen habe wäre ich keine große Hilfe, weder bei den vier- noch bei den zweibeinigen Kanalratten die uns unterwegs begegnen. Irgendwann erreichen wir den Ausgang, ein rostiges Gitter ist das letzte Hindernis vor der frischen Luft eines schneebedeckten Berghanges. Zeit zum Atem holen.
Mein freundlicher Lebensretter verabschiedet sich Richtung Heimatdorf und lädt mich ein ihn zu begleiten, wahrscheinlich wäre es auch vernünftig ihm zu folgen, aber ich habe nicht einmal genug Gold in der Tasche um irgendwo etwas zu essen, geschweige denn für ein Zimmer im Gasthof oder, viel wichtiger, ein paar halbwegs anständige Klamotten. Ich muss nochmal zurück in die Festung, da liegt eine Menge Zeug rum, dass nach diesem Schlachtfest garantiert keiner mehr braucht.
Eine Stunde später habe ich immerhin eine abgewetzte Lederrüstung, ein Eisenschwert und einen Jagdbogen, für das Überleben in der Wildnis dürfte das vorerst reichen. Mal sehen wie weit das ist zu Fuß, bis zu diesem Dorf von meinem Kumpel. Vielleicht hätte ich mir seinen Namen besser merken sollen...
Mehr als zwei Jahre sind seit meinem letzten Anziehpuppenspiel für Jungs vergangen und mehr als fünf Jahre Spielentwicklung liegen zwischen Oblivion und seinem Nachfolger Skyrim, was man der Grafik mehr als deutlich anmerkt. Da ich meinen letzten Rechner schon mit einigen Hintergedanken zuammengebastelt habe was dieses Spiel angeht, ist natürlich alles an zusätzlichen Modifizierungen installiert was die Skyrim-Community hergibt. Realistisches Wasser, 4k Texturen für Gesichter und Landschaft, zusätzliche und verfeinerte Wettereffekte, dann alle Regler auf max - und löpt wie geschmiert.
Seitdem befinde ich mich in einer anderen Welt, was angesichts der Wetterlage und der langen Abende wieder richtig Spaß macht, jedenfalls mehr als die Welt draußen. Digitale Schneestürme sind nicht kalt und digitales Wasser nicht nass, auch wenn es noch so realistisch durch die Höhlen und über die Hänge plätschert, aber diese Detailverliebtheit selbst in den kleinsten Bereichen ist schon überragend, man wird förmlich hinein gesogen in diese andere Welt.
Es ist ganz und gar fantastisch, was man da zu sehen bekommt am Rand des Himmels. So fantastisch, dass man ab und zu einfach stehen bleibt, um die Lachse an den Stromschnellen springen zu sehen. Man sollte nur keinen Bären übersehen dabei.
Screenshots: The Elder Scrolls V: Skyrim
Bier: Rhöner Simco Serenade, 4.9%
Musik: Hazmat Modine - Extra-Deluxe-Supreme
Dienstag, 3. November 2015
Eulenspiegels verrummelter Marktplatz
Sonntagnachmittäglicher Sonnenschein wird in den nächsten Monaten seltener zu finden sein. Sehr lange spendet die Kugel auch kein Licht mehr, wenn man sich erst Mittags aus dem Bett bewegt. Was macht man in den drei bis vier Stunden die bleiben? Mölln wäre eine Idee, das ist in erreichbarer Distanz, Gugelmaps sagt was von 45 Minuten. Die Altstadt ist nicht besonders groß, dafür reicht die Zeit immer.
Die tatsächliche Fahrtzeit liegt dann bei etwas über einer Stunde, vor der Stadt geht nichts mehr. Baustellenampel, ein Kilometer Schlange davor und ein einziger freier Platz im Bahnhofsparkhaus, weil sich keiner in die hinterste Ecke traut außer mir. Was zum Teufel ist hier los? Volksfest? Volksfest! Scheiße!
Nur unten am See bleibt man davon verschont, hier werden gerade die Bürgersteige hochgeklappt. Die letzte Fahrt der Till vor der Winterpause, ich könnte sogar noch an der heiteren und informativen Stunde teilnehmen, aber heiter und informativ hört sich an wie Hafenrundfahrt in Hamburg, hinter Glas sitzen und flache Witze ertragen.
Die Altstadt ist zugestellt mit Buden, Wurstbude, Bierbude, Crepebude, Losbude, Bierbude, Spielbude, Pizzabude und wieder von vorne, auf den etwas breiteren Straßen gleich beidseitig. Bis auf die ganz schmalen Wege ist jede Straße und jede Gasse gestopft voll mit Menschen, man kommt kaum vorwärts. Beim nächsten Spontanausflug gucke ich vorher was da gerade abgeht, hätte ich das geahnt... egal, wo man schon mal da ist muss man das beste daraus machen.
Ausgerechnet der historische Marktplatz bietet genug Platz für ein paar Karussells, kein freier Blick auf das schöne Fachwerkensemble mit dem Eulenspiegelmuseum. Etwas oberhalb auf einem Hügel liegt das Wahrzeichen der Stadt, die backsteingotische Kirche Sankt Nicolai. Vor der im Abendsonnenrest leuchtenden Backsteingotik steht zwar kein Karussell, dafür war irgendein Genie der Meinung, dort müsste unbedingt ein großes behindertengerechtes Toilettenhäuschen hin. Wahrscheinlich für die vielen Offroadsportler unter den Rollstuhlfahrern, die täglich das historische Kopfsteinpflaster zur Kirche hinauf rollen.
Den Eulenspiegelbrunnen finde ich erst auf Nachfrage, der ist wesentlich kleiner als in meiner Erinnerung, eingeklemmt zwischen Karussellrückseite und Schaustellerwohnwagen und belagert von einer Menschentraube, kein Wunder dass man den übersieht. Alle wollen an Tills Daumen und Schuhspitze reiben, weil das angeblich Glück bringen soll. Bei den tausend klebrigen Rummelplatzfingern die da heute schon zugange waren verzichte ich lieber auf das Vergnügen, wahrscheinlich besteht das einzige Glück ohnehin darin, sich dabei nicht mit irgend etwas anzustecken.
Nach einer Stunde hab ich die Schnauze voll vom Rummel und suche ein paar ruhigere Ecken, der Till-Eulenspiegel-Gang und ein paar andere schiefe Gassen sind noch frei von Fressbuden, hierher verirrt sich kein Mensch, die Sonne allerdings auch nicht mehr, es wird Zeit zu verschwinden. Blöderweise führt der direkte Weg an so vielen Futterkrippen vorbei, dass ich nicht widerstehen kann und mich der Schnellverpflegung hingebe. Sollte man auf Rummelplätzen nur machen, wenn man die Buden kennt - und ich kenne nur die auf dem Hamburger Dom.
Auf dem Möllner Herbstmarkt kenne ich jetzt immerhin die mit den schlechtesten Satéspießen ever und das ist ja auch eine Erkenntnis.
Eulenspiegelfotos: Nikon D90, Sigma 10-20mm
Eulenspiegelbier: Ratsherrn Springbock, Helles Bockbier, 7.5%
Eulenspiegelmusik: Cambridge Folk Festival, Celebrating 50 Years (Richard Thompson, Seth Lakeman, Frank Turner, John Butler Trio, Heritage Blues Orchestra, Billy Bragg, Taj Mahal, Levellers, Nick Lowe, Eddie Reader, The Imagined Village, Fairport Convention, Thea Gilmore u.a.)
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Mölln, Deutschland
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