Montag, 14. Mai 2012

Rollatorfestival mit kleinen Perlen















Barmbeks schönstes Straßenfest soll es sein, die "Bunte Maile" rund um die Köster-Stiftung, mit Musik, Kinderprogramm, Flohmarkt, Infoständen sozialer Einrichtungen und der üblichen Versorgung mit B&B. Da die Prinzessin noch zwei Stunden auf ihren kleinen Freund warten musste war das nur als Überbrückung gedacht, bevor wir zum Hafengeburtstag aufbrechen konnten. Außerdem eine willkommene Gelegenheit für mich, das aus Zeitgründen ausgefallene Frühstück nachzuholen.
Dieses sollte eigentlich aus einem anständigen Fischbrötchen bestehen, lecker Matjes oder Bismarckhering mit Zwiebeln. Kein Problem am Hafen, in Barmbek schon. Bekommen habe ich die wahrscheinlich schlechteste Currywurst meines Lebens, deren dünnflüssiger Billigketchup mir als erstes das frische Sweatshirt versaute. Das hätte ich als Warnung verstehen sollen, denn der hinterher "genossene" Crêpe (der wahrscheinlich schlechteste meines Lebens) war nicht geeignet, diese Scharte wieder auszuwetzen. Aber wer kann schon ahnen, dass man sogar etwas simples wie einen Crêpe versauen kann. Sogar die Prinzessin hat, trotz Schokoladenfüllung, den größten Teil verschmäht, ein geradezu vernichtendes Urteil.
Das Oldtimejazzgedudel der im Hintergrund aufspielenden "Combo" war ebenfalls nicht dazu angetan mein körperliches Wohlbefinden zu verbessern, aber die angemessene Musik für das überwiegend ältere Publikum, von dem gefühlte dreißig Prozent mit Gehhilfe unterwegs war. Das Fest rund um die Köster-Stiftung, hätte man auch drauf kommen können.

Grandios schrottig auch der Flohmarkt, auf dem Dinge feil geboten wurden, die ich nur in dunklen Winternächten zur Mülldeponie fahren würde, hätte ich jemals so etwas besessen. Dazu zähle ich jetzt ausdrücklich nicht die Very Best of ABBA, obwohl ich bestimmt nicht deren größter Fan war. Überhaupt besteht der Sinn vieler Flohmärkte wohl eher darin, seine Freizeit relaxt hinter einem Tapeziertisch zu sitzen, dabei seinen Kaffee zu trinken und mit den Besitzern der Nachbartische ausgiebig Konversation zu betreiben. Ernsthafte Verkaufsgespräche wären dabei eher hinderlich, deshalb bietet man Waren an, die möglichst niemand haben will. Videorekorder, die schon bei Neukauf von zweifelhafter Qualität gewesen sein müssen, jede Menge Rasierapparate, die den Eindruck erweckten, schon jede Menge Vorbesitzer von Haaren in Körperregionen befreit zu haben, die ich mir nicht einmal in Alpträumen vorstellen will. Von Fotoapparaten, die als Gratisbeilage eines Comics vor 30 Jahren vielleicht für Aufsehen gesorgt hätten, bis hin zum hsv Trikot aus der letzten Saison gab es unglaublich viel unnützen Kram, für den sich dann auch kein Mensch interessiert hat.        

Einzig das Pflichtbewusstsein ließ mich auf den wenigen Ständen mit gebrauchten Tonträgern nach einer Bibi Blocksberg CD suchen, nach der von anderer Seite verlangt wurde. Bibi Blocksberg war leider Fehlanzeige, aber dadurch habe ich die wohl einzigen beiden Perlen gefunden, die sich in dem ganzen Gerümpel versteckt hatten, Sinéad O'Connors Throw Down Your Arms in der Special Edition, bei der zu meiner Überraschung die zusätzliche Dub CD gleich in doppelter Ausführung enthalten war, und eine mir bis dahin unbekannte Scheibe von R.L.Burnside aus dem Jahr 2000, zu einem Stückpreis von 2 Euro.
Kann man nicht meckern, unter der Rollatorkundschaft war glücklicherweise niemand, der sich dafür interessiert hat.

Daher veredelt er jetzt mir den Abend: R.L.Burnside - Wish I Was in Heaven Sitting Down

Samstag, 12. Mai 2012

Tanzmusik und Windjammer














Wenn einem 5 Meter vor der Bühne des Jolly Roger der Bass in die Magengrube fährt, die Leute zu "Tanz Deine Revolution" hüpfen was das Zeug hält, während im Hintergrund einer der großen Kreuzfahrer den Hafen verlässt, vorbei an den letzten großen Segelschiffen, dann ist wieder Geburtstag angesagt. Hafengeburtstag.

Der läutet regelmäßig den Monat mit den meisten Geburtstagen in meinem Kalender ein, inklusive dem eigenen, daher versuche ich diesem Großereignis (und den Millionen Touristen) eigentlich aus dem Weg zu gehen, der Mai ist hart genug. Beim Bühnenprogramm in diesem Jahr war da allerdings nicht dran zu denken, Bastard-Pop mit Rainer Von Vielen und St.Pauli Tanzmusik mit Le Fly direkt hintereinander auf meiner Lieblingsbühne, das konnte ich schlecht ignorieren, nach Rainers Auftritt beim letzten Wutzrock ist diese Band Pflichtprogramm. Auch für Herrn H. und den Exilwestfalen, obwohl die noch zur Ostsee durchstarten wollten und daher den Bulli irgendwo am Hafenrand abgestellt hatten.
Hätte man mich nicht wieder zu Freitagsarbeit gezwungen wäre wenigstens die Anreise nicht so stressig gewesen, vom Bahnhof bis zur Hafenstraße musste ich mich im Eiltempo durch die Menschenmassen kämpfen, was für'n Glück, dass Konzerte selten pünktlich anfangen.
Nervend auffällig dabei wieder die Massen an Personal, die scheinbar von staatlicher Seite nötig sind, um einen reibungslosen Ablauf der Feier zu gewährleisten. Während der normale Hamburger Schupo eher tiefenentspannt daherkommt, und sich höchstens für die Ausnahmegenehmigung der am Fischmarkt parkenden Luxuskarossen interessiert, wirkt der laufende Schnittlauch immer, als hätte er "möglichst blöde böse gucken" als Wahlpflichtfach auf der Polizeischule gewählt.
Wahrscheinlich hat man sie gleich richtig eingenordet, Hafenstraße, Jolly Roger, Sankt Pauli, Feindgebiet. Möglichst nicht betreten, kann ich da als Tipp anbieten. Ohne Schnittlauch passiert in der Regel nämlich nichts.
Scheinbar haben sie eine ähnliche Anweisung bekommen, denn der restliche Abend verlief ganz nach Wunsch. Friedlich, laut, hüpfend, singend, tanzend und ganz entspannt.  Das grandiose Konzert von Le Fly wäre perfekt gewesen für den bewegungssüchtigen Herrn H, aber der wollte ja lieber seine Jolle an der Ostsee flicken, während der Trabantenstädter und ich am Ende noch ein paar lustige Bierchen zischten und uns ganz den Refrains widmeten. War aber eher was für St.Pauli Fans, der Exilwestfale konnte heute dafür seinen Verein feiern. Glückwunsch nach Dortmund bzw. an die Ostsee.

Heute spielte die Tüdelband am alten Elbtunnel, was Hawk scheinbar verborgen geblieben ist. Auf meine Begleitung hätte er allerdings verzichten, oder zwei Kleinkinder in Kauf nehmen müssen. Durch die hab ich immerhin eine Fahrt mit dem Riesenrad auf mich genommen, was die Prinzessin weit mehr begeistert hat als mich, aber solange ich von dort oben fotografieren kann lenkt es mich von der Höhenangst etwas ab. Nur diesem Umstand ist es zu verdanken, dass es auch noch ein paar Fotos von Segelschiffen gibt.
Jetzt stecken schon zwei Tage Geburtstag in meinen Knochen, und ich überlege tatsächlich, ob ich morgen den Herrn L. anrufe, denn die Charly Schreckschuss Band spielt um 16:45 am alten Elbtunnel. Aber erst mal werd ich ausschlafen, schließlich hab ich Urlaub.
Der ist nötig im Mai, anders übersteh ich diesen Monat nicht.

Auch nötig sind momentan chillige Klänge: Sinead O'Connor - Throw Down Your Arms
































Donnerstag, 10. Mai 2012

Der Sucht ausgeliefert














Als ob ich nicht ohnehin ein schlechtes Gewissen hätte, wenn ich mir ein bis zwei Stücke New Yorker Cheesecake gönne. Vielleicht dreimal im Jahr, öfter kommt das sowieso nicht vor. Meist mache ich es davon abhängig, ob in unmittelbarer Nähe ein Parkplatz ist, in der Max-Brauer-Allee noch viel unwahrscheinlicher als in der Paul-Roosen-Straße, je nach Sichtweise Vorteil oder Nachteil des ungeplanten Umzugs ins Mamalicious. Vorher kämpfe ich noch Stunden mit dem inneren Schweinehund, fahre häufig einen Umweg um nicht in Versuchung zu geraten, oder erinnere mich daran, dass ich seit Monaten fast nur noch Mineralwasser trinke und die kleinen Erfolge durch eine einzige unbedachte Handlung zunichte mache. Das wirkt dann meistens.
Aber zwei- bis dreimal im Jahr kann ich nicht widerstehen und letztens bekam ich dann zu lesen, was die kleine kanadische Zuckerbäckerin von den innerlich ausgefochtenen Kämpfen ihrer Kundschaft hält, nämlich gar nichts. Da geht sie eiskalt drüber hinweg.
Wie ein Drogendealer, wenn man die Kundschaft angefixt hat, dann kommt sie immer wieder, sie kann nicht anders.

Hat mich vor über 30 Jahren schon angefixt: Joe Jackson - Beat Crazy

Montag, 7. Mai 2012

Einfach mal glücklich sein














Vorspiel
Um 10 Uhr klingelt das Telefon und ist damit nur um Sekunden schneller als der Wecker. Herr L. ist am Apparat und will von mir die Abfahrtszeit wissen, um die ich mich natürlich noch nicht gekümmert hab. So wie immer halt, wird schon klappen. Ich bin im Stress, ich brauche noch Utensilien für das Rauchvergnügen und muss zur Tanke. Die Esso hat nichts, die Aral auch nicht, der Mann bei Shell schickt mich zum Bahnhof, Stiehlke hat das, was ich suche. Dabei verdaddel ich eine halbe Stunde kostbare Zeit, das geht alles vom Frühstück ab.
Wenigstens den Bäcker kann ich dafür auslassen, ich hab Paderborner Brot gekauft. Schwein gehabt, dass mich vor ein paar Tagen jemand darauf aufmerksam gemacht hat, sonst hätte ich womöglich Paderborner Pilsner zum Frühstück trinken müssen. Die erste Scheibe geht noch halbwegs runter, langsam gerate ich in Zeitnot. Während ich mich anziehe futtere ich eine zweite Scheibe, Schal um den Hals, den letzten Bissen reingestopft und wech..
Zwei Tore gegen Paderborn? Reicht das? Wahrscheinlich platzt dieser ganze Orakelblödsinn heute sowieso, oder wir kassieren zwei Tore, weil ich auf der Haupttribüne sitze. Ausgerechnet für das letzte Spiel der Gegengerade, noch ein schlechtes Zeichen, ganz sicher. Ohnehin steht hier wieder alles auf Sturm, dämliche Presse, dämliche Trainerdiskussionen, reihenweise Spieler die gehen, dieser Verein zerrt auch dann an den Nerven, wenn er sportlich und finanziell eigentlich gut dasteht. Irgendwas ist immer, und wenn nicht, dann sorgt schon irgendwer für Stress. Das wiederum sorgt dafür, dass ich nach Rostock schon zum zweiten mal hintereinander mit Scheißlaune zum Fußball fahre.
Am Mülleimer der Bushaltestelle fällt mir ein Aufkleber auf, Stellinger Reviermarkierungen. Wuff. Der Platz ist gut gewählt, Müllexperten unter sich. Der Bus kommt pünktlich, aber nach ein paar Stationen gibt es unvorhergesehene Probleme. Eine Familie steigt zu, Vater, Mutter, kleines Kind. Vaddern ist lattenstramm und kann sich kaum auf den Beinen halten, reife Leistung für Sonntag 12 Uhr denk ich noch, aber die Diskussion um seine Fahrkarte will kein Ende nehmen und das nervt. "Die is von ccheute" lallt er mit schwerer Zunge und unverkennbar russischem Akzent, aber der Fahrer zeigt sich unnachgiebig. Gott sei Dank ergreift seine Frau die Initiative, zahlt endlich den Fahrpreis und schubst die Schnapsleiche in Richtung Sitzbank, wo sie sofort in sich zusammensackt. 
Das hätte auch keine zwei Minuten länger dauern dürfen, ich bekomme gerade noch die U-Bahn, schaff es aber nicht mehr zu den Jungs in den ersten Wagen. Macht nichts, wir müssen wenig später sowieso gemeinsam umsteigen.
Im Stadion schnell Bier holen, Herr L. braucht seine Bratwurst, dann ab auf den Platz. Mal gucken wie die Haupttribüne so ist, und Fotos machen von der Gegengerade. Die letzten Aufnahmen, bevor die alte Heimat einer neuen weichen muss. Ein letztes mal Konfetti und Bierduschen auf den ausgetretenen alten Stufen. Ein würdiger Abschied soll es werden, das hat sie sich verdient. Von der Süd werden Spieler verabschiedet, Calle Rothenbach, Deniz Naki, seltsamerweise auch Fabio Morena, ich hoffe auf einen Irrtum, aber zur Zeit ist alles möglich.


Spiel (1)
Die Geräuschkulisse in dieser Ecke habe ich befürchtet, so dicht am Gästeblock hört man fast nur Paderborner. Die fallen durch durchgehend lauten Support auf, durch schwarze und blaue Luftballons und leider auch durch Pyrotechnik. Auffälliger jedenfalls als ihre Mannschaft, die nicht so wirkt als wolle sie die kleine Chance zum Aufstieg mit letzten Mitteln nutzen. Unsere Jungs sind engagierter und haben das Spiel über weite Strecken im Griff, von den gefährlichen Leuten wie Proschwitz und Alushi ist wenig zu sehen.  Wenn sich überhaupt mal Chancen auftun, dann auf unserer Seite, aber zwingend ist das noch nicht, wir rennen uns zu oft fest in der Deckung. Nach zwanzig Minuten erhöhen wir den Druck und Paderborn fängt an zu schwimmen, das sieht oftmals brenzlig aus im Strafraum, das Runde nähert sich dem Eckigen. Die ersten gefährlichen Dinger können sie noch klären, aber in der 30. Minute ist es so weit, Lasse Sobiech hat die Lufthoheit und schädelt einen Eckball unhaltbar in den Winkel. Woohoo, das hab ich ihm echt gegönnt, endlich hat er seine Kopfballstärke mal vorne nutzen können. Kurz darauf wieder eine Ecke, wieder gefährlich, aber der Nachschuss bleibt hängen. Dafür spielt Ebbers beim nächsten Angriff den Ball wunderschön per Kopf in den Lauf von Kruse, der alleine auf den Paderborner Torwart zuläuft und eiskalt abschließt. Woohoo, 2:0 in wenigen Minuten, das macht Spaß. Nur schade, dass keine weiteren Tore mehr fallen werden, ich hab schließlich nur zwei Scheiben Paderborner Brot gegessen.  Dementsprechend gelassen seh ich die letzten Minuten bis zum Halbzeitpfiff.

Zwischenspiel
Haupttribüne ist nicht so mein Ding stell ich fest. Hoffentlich planen die in der neuen Gegengerade mehr Getränkestände ein, bis ich endlich am Tresen angekommen bin habe ich 3 weitere Bier auf dem Zettel. Kulinarisch siehts auch bescheiden aus, Bratwurst oder Fischbrötchen, kein Vergleich mit der Auswahl auf der Gegengerade. Die hab ich zwar nie ausgenutzt, aber irgendwann möchte ich ja vielleicht doch mal einen Halbzeitcrepe essen, wer weiß das schon. Die Jungs sind mit ihren Plätzen in Block H1 ganz zufrieden, guter Support in der letzten Ecke, scheinbar besser als bei mir in H2, wo es selten gelingt die Leute vom Sitz zu reißen. Akustisch kommt von den anderen Tribünen kaum etwas an, der Paderborner Fanblock ist zu laut, nicht mal der Süden ist wirklich gut zu vernehmen. Wäre genau die richtige Ecke für Leute, die sich vom Dauersingsang der Ultras genervt fühlen, wenn die Gästemannschaften nicht auch immer Ultras mitbringen würden.
Zeitlich reicht es trotzdem noch locker, bis zum Wiederanpfiff  sind alle mit Getränken versorgt und ich kann wieder auf meinen Platz. Den erreiche ich, als die Gegengerade gerade die Gerade gegen Bullenschweine tapeziert, was voraussichtlich wieder Geld kosten wird, weil irgendein Bul Polizist garantiert beleidigt ist. 

Spiel (2)
Ich erwarte nichts und werde überrascht, die Jungs machen da weiter, wo sie vor der Pause aufgehört haben, es geht überwiegend in die richtige Richtung. Paderborner Vorstöße sind bei unserer Defensive gut aufgehoben und ich frag mich langsam, wie die so weit nach oben gekommen sind. Da hat Rostock hier mehr gekämpft. Der Gästeblock wird leiser und bei uns versucht man einen Wechselgesang mit der Gegengerade, der leider nicht klappt, weil unsere Ecke dort ganz sicher nicht zu hören ist, und weil Bartels beinahe das 3:0 erzielt. Kurz darauf macht Ebbe wieder den Vorbereiter, Bruns ist durch und schiebt locker ein, womit mein Tipp hinfällig ist. Woohoo, wenn die Haupttribüne schon als Orakelmultiplikator funktioniert, dann bitte mehr davon, es fehlt noch eins. 
Das lässt auch nicht lange auf sich warten, Paderborn fällt langsam auseinander, einen groben Abwehrfehler kann Volz nutzen, der den Ball über den Torwart hinweg zum 4:0 in die Maschen setzt. Zwischenzeitlich helle Aufregung auf den Tribünen, Duisburg soll 4:2 in Düsseldorf führen, das heißt Relegation gegen Hertha. Bestätigen kann das aber niemand, die Apps der Smartphonebesitzer in meiner Nähe versagen ihren Dienst und ich ruf den Pappenheimer an. Alle Aufregung umsonst, es steht immer noch 2:2. Mist, die Relegationsspiele hätten gut in meine Urlaubsplanung gepasst. Dafür müssten wir noch ein paar Treffer erzielen, aber das gelingt nicht mehr, in der letzten Minute macht Naki sich und uns noch mit dem 5:0 ein Abschiedsgeschenk, der höchste Sieg der Saison ist eingetütet, die alte Gegengerade hat ein würdiges Abschiedsspiel bekommen und der nicht von allen geliebte Aufstieg ist vermieden worden, Fußballherz, was willst du mehr.  Für die nächsten 24 Stunden kann man einfach mal glücklich sein, vielleicht werden es ja sogar ein paar Stunden mehr.
Die Gegengerade bleibt noch für ein offizielles Abschiedsfoto mit der Mannschaft und singt klaun, klaun, Äppel woll'n wir klaun, Naki und Calle Rothenbach machen ihre Abschiedsrunde und kämpfen dabei deutlich mit den Tränen. Wer hier mit Herzblut gespielt hat, der geht niemals ganz. Manchen Spieler möchte man auch gar nicht gehen lassen, aber so ist das Geschäft.

Nachspiel
Raus aus der Haupt, rüber zur Gegengerade, die haben noch zwei Stunden nach Spielschluss geöffnet, inklusive Bierverkauf. Abschied nehmen, noch ein letztes Bier dort trinken, noch ein paar Fotos machen vielleicht, von den ganzen Verrückten, die für 19.10 Euro ihre Sitzschalen abschrauben und mitnehmen können. Kurz vorher werden wir von Herrn B. und Koschi abgefangen und versacken vor dem Bierwagen. Das Stadion zu betreten ist danach nicht mehr ohne Probleme möglich, die Ordner diskutieren sogar bei einem nötigen Gang zum Klocontainer, daher versuche ich es überhaupt nicht mehr. Wenn ich sehe, was da an Holz und Plastik aus dem Stadion geschafft wird, dann steht von der Tribüne nur noch die Hälfte, und traurige Reste mag ich nicht ablichten.
Als die Gruppe sich langsam auflöst marschieren Herr L. und ich in Richtung Knust, zu einer gewinnbringenden Veranstaltung von Fanräume, denn ich habe zwei Gewinnlose in der Tasche. Zwei von fünfhundert Preisen gehören mir, die Frage ist nur, welche. Möglicherweise der Hauptpreis, elf Karten für die Astra Loge an einem Spieltag der nächsten Saison, sehr wahrscheinlich nur ein Feuerzeug oder ein Aufkleber. Dazwischen alles mögliche an Trikots, Karten, Büchern, meistens mit Widmung, vielleicht ist mir das Glück ja hold.
Vor dem Knust versteigert der furchtbare "A.C." aus dem Alsterradio Devotionalien, unterstützt von Schnecke Kalla und Benedikt Pliquett. Ein Trikot von Ebbers aus der letzten Saison geht für über 200 Euro weg, das ist nicht meine Preisklasse, ich besorg lieber zwei Bier. Dabei fällt mir auf, wir sind nicht mehr alleine. Überwiegend weibliche, überwiegend schwarz gekleidete und manchmal seltsam bleich geschminkte Menschen warten vor dem Knust, um das Konzert einer Band mit dem merkwürdig kurzen Namen "D" zu sehen. Sehr wahrscheinlich nicht meine Musikrichtung, bevor sich die Pforten für das Fußballvolk schließen drücke ich Herrn L. meine Losnummern in die Hand und besuche schnell die Bierentsorgungseinrichtung.
Auf dem Weg dorthin renne ich beinahe den Quotenrocker um, der sichtlich überrascht ist von einem Wildfremden erkannt zu werden. Durch diesen glücklichen Zufall lerne ich auch noch die pauliane kennen und kann bei einem Bier meinen Gewinn mit vielen netten Leuten feiern.
War letztlich doch nicht die Astra Loge, was mir die Qual erspart zehn Freunde für diesen Tag aussuchen zu müssen. Ein Heimtrikot mit den Unterschriften der Mannschaft ist schon ganz schick für jemanden der sonst nie etwas gewinnt, es hätte auch ein Feuerzeug sein können.

Es war eine überwiegend tolle Saison, mit manchen Hängern, aber auch mit mitreißenden Spielen, mit großem Kampf und schönen Toren, vom Heimauswärtsspiel in Lübeck bis zum Abschuss von Rostock und Paderborn. Ein schöner Abschluss und ein emotionaler Abschied. Kann man einfach mal glücklich sein, wenigstens 24 Stunden.

Und dann alles auf Anfang.

Auch Tomte -  Buchstaben über der Stadt und Thees Uhlmann






















Sonntag, 6. Mai 2012

Schmetterlinge sind nicht so wichtig














Ein Schmetterling! Ganz aufgeregt deutete die Prinzessin neulich auf einen simplen Kohlweißling, und ich hab mich gefragt, wann ich das letzte mal einen Schmetterling gesehen habe. Einen richtigen, nicht diese blassen Motten. Den weißen Flieger hätte ich wahrscheinlich nicht einmal bemerkt, dabei sind selbst die selten geworden in der Großstadt. Spontan fiel mir der Schmetterlingspark derer von Bismarck ein, irgendwo in Aumühle, nicht weit von hier. 
In meiner Kindheit musste ich keinen Schmetterlingspark besuchen, vor dem Haus des Nachbarn stand ein Busch, um den im Sommer tausende bunte Viecher tanzten. So etwas wie ein Tagpfauenauge war höchstens ein Achselzucken wert, die sah man an jeder Ecke. Oder Zitronenfalter, pah, Kohlweißling in Gelb, lächerlich. Also fasste ich den Entschluss, mit der Lütten mal einen Ausflug zu den leuchtend bunten Flugobjekten zu machen, ihren besten Freund konnte sie auch gleich mitnehmen.
Unterwegs hab ich dann erfahren, dass sie den Park schon kannte. Alle konnten sich noch ganz genau dran erinnern, wie sie in den Teich mit den Koikarpfen gefallen ist, am besten sie selber. Da mussten wir auch sofort hin, denn bunte Fische sind, wenigstens für Kinder, deutlich attraktiver als bunte Falter, Fische kann man füttern. Also erst einmal das an der Kasse gekaufte Fischfutter verbraten. Ich muss gestehen, ich habe selten etwas gierigeres gesehen, es hätte nicht mehr viel gefehlt und die wären an Land gesprungen. Das Wasser hat gekocht, ein Schwarm Piranhas kann nicht schlimmer sein.
Das machte aber deutlich mehr Spaß als die Flattermänner, die nur im Tropenhaus unkoordiniert vor sich hin taumelten und sich weigerten, auch nur eine Minute still zu verharren, am besten mit aufgeklappten Flügeln. Nach wenigen Minuten hatte ich die Nase gestrichen voll von den Viechern, die auch im Flug nicht zu erwischen waren, und hab mich lieber mit meinem Lieblingsmotiv beschäftigt. Die fand inzwischen Wasservorhänge auf Spiegeln und Rauchschwaden auf dem Wasser ebenfalls viel spannender als Schmetterlinge.
Abgesehen davon gibt es in der Natur dermaßen viel zu entdecken, man kann sich zum Beispiel eine Ameisensammlung zulegen, jedenfalls wenn man zufälllig seine Fußballkartensammeldose dabei hat. Oder einen Frosch, der sich glücklicherweise wohl nur sehr kurz in Gefangenschaft befand, weil sich niemand wirklich traute ihn anzufassen. Der muss wahrhaft gigantisch gewesen sein, auf der Kinderaufgeregtheitsskala eine glatte 10, im Gras allerdings nicht mehr zu erspähen. Und wenn man dann noch auf Felsen herumklettern, über kleine Bäche springen und Großvadder die St.Pauli Mütze klauen kann, um damit kreischend zwischen Büschen herumzurennen, dann sind Schmetterlinge nicht ganz so wichtig.   

Musik ist wichtig: Eddie Vedder - Music For The Motion Picture "Into The Wild"





 

Freitag, 4. Mai 2012

Für 4 Cent Verwirrung














Seit Wochen kauf ich jeden Morgen zwei Mälzer und meine Zeitung im Backhus, inzwischen liegen die immer schon bereit wenn ich komme, ein sehr netter Service und auch sehr praktisch für die freundlichen Mädels dort, denn wenn es keine Mälzer mehr gibt, dann dauert es mindestens fünf Minuten bis ich mich für eine Alternative entscheiden kann.
Nebenbei ergibt das eine runde Summe, und das ist manchmal nicht ganz unwichtig, ganz besonders wenn die Kasse den Dienst versagt. Denn heute morgen entscheide ich mich zusätzlich für ein Stück Apfelkuchen, wodurch die problematische Summe von 2.94 Euro entsteht. Ich habe keine Lust auf noch mehr Kleingeld, aber noch weniger Lust, nach 94 Cent zu kramen, also geb ich der Verkäuferin meinen letzten Schein und pack 4 Cent obendrauf.
Das verwirrt die junge Dame allerdings völlig, mit einer Mischung aus Ratlosigkeit und Entsetzen sieht sie mich an, blickt auf das Geld in ihrer Hand und wendet sich an ihre Kollegin, mit der Bitte um Hilfe. Mit einem schüchternen Seitenblick entschuldigt sie sich bei mir für die Verzögerung: "Ich bin nicht so gut im Kopfrechnen, ich kann nur die Brötchenpreise auswendig."
Das tut mir leid, und weil mir die Mädels da allesamt sehr sympathisch sind erspar ich ihr eine bissige Bemerkung. Sie ist noch sehr jung, wahrscheinlich Bäckereifachverkäuferin im ersten Lehrjahr, falls es so etwas gibt. Da hat sie ja noch ein paar Jahre Zeit um etwas Kopfrechnen zu üben.
Ich frag mich nur immer, was die in der Schule machen. Die Lehrer mein ich, die Schüler ja anscheinend nichts. Nicht einmal Kopfrechnen.

Keine Ahnung ob die rechnen kann, singen kann sie: Florence + The Machine - Ceremonials

(Das Symbolfoto zeigt eine Filiale, in der sich diese Geschichte nicht abgespielt hat)

Mittwoch, 2. Mai 2012

Tiefflieger, Würstchen und Spaß bei der Arbeit














Älter werden hat nicht nur Nachteile, man mag es kaum glauben. Von den Vergünstigungen für Rentner bin ich zwar noch weit entfernt, aber sobald man die 50 überschritten hat bekommt man bei uns zweimal jährlich die Einladung, jüngeren Menschen bei der Arbeit zuzusehen und dabei Würstchen und Bier zu konsumieren. Also quasi ein kleiner Vorgeschmack auf das spätere Rentnerdasein.

Das hat sich natürlich nicht die Rentenversicherung ausgedacht, die Einladung kommt von der "Abteilung Fördernde Mitglieder" des magischen FC und findet üblicherweise auf dem Trainingsgelände statt, wo die Profis meines Vereins unter den kritischen Augen grauhaariger und -bärtiger Herren das Fußballspiel üben dürfen. Blöderweise ist das immer an einem Wochentag, weshalb ich meinen Brückentagsurlaub um einen Tag verlängern musste.
Zugucken darf man zwar auch an fast jedem anderen Tag, aber dann grillt wahrscheinlich niemand mehrere hundert Würstchen, und größere Fragerunden mit Spielern und Trainerteam dürften auch nicht an der Tagesordnung sein. Dazu hatte man noch eine Informationsrunde mit zwei Mitgliedern von Ultra Sankt Pauli organisiert, das sind die Jungs und Mädels, die im Stadion immer laut singen und viel hüpfen, was bei vielen älteren Menschen auf Unverständnis stößt, weil sie nicht mehr so gut hüpfen können mit ihren morschen Knochen. Da ich die Kritik an USP schon immer für meist überflüssiges Genörgel hielt hab ich mich auf eine lustige Fragerunde eingestellt, aber die Kommentarspaltenhelden der Boulevardpresse waren nicht anwesend, so hielt sich das Gemecker eher im Hintergrund und es wurde größtenteils sachlich diskutiert, wenn nicht gerade wieder eine im Landeanflug auf Fuhlsbüttel befindliche Maschine für Tonstörungen sorgte.

Für Unterschriftensammler sind solche Tage ideal, ich Trottel hab natürlich vergessen mein Fanräume-Shirt mitzunehmen und von Boller signieren zu lassen, aber das werd ich irgendwann nachholen, der ist glücklicherweise noch länger da. Ob Max Kruse auch noch länger da ist, oder ob die BLÖD mit ihrer Meldung richtig liegt und er nach Freiburg geht, das war die Frage des Tages, die niemand so deutlich stellen wollte. Außer ein paar NDR Reportern, die sich sichtbar enttäuscht mit den üblichen "wir wissen von nix" Auskünften zufrieden geben mussten.

Bei so einem Wetter guck ich da direkt öfter mal vorbei, auch wenn keiner Würstchen grillt. Für Fans und Interessierte gibt es auf der Webseite mehr Fotos in höherer Auflösung.

Bilderhochladmusik: Nova Drive - Headlong