Sonntag, 5. Mai 2013

Das Alte Land















Nachdem das mit der Kirschblüte am 1.Mai nicht geklappt hat wäre ich gerne am Samstag nach Jork gefahren, zur Krönung der Altländer Blütenkönigin, aber da muss ich arbeiten. Auf der Webseite seh ich aber, das geht über zwei Tage, und vielleicht kann man ja am Sonntag noch ein paar Leute mit komischen Hüten fotografieren, oder wenigstens Kirschblüten. Dank windfinder.com kann ich inzwischen super genau das Wetter vorhersagen, dadurch bekomme ich nette Gesellschaft und kann aufs Auto verzichten, wahnsinnig praktisch, wie sich später herausstellen wird.   

In Jork ist es brechend voll, wir eiern im Schritttempo in der Gegend rum und lassen uns irgendwann rausschmeißen, während die Fahrerin einen Parkplatz irgendwo am Deich sucht. Unterwegs hab ich schon jede Menge Motive gesehen, die ich mir für den Rückweg vornehme. Es blüht an allen Ecken und Enden, zumindest die Kirsche. Herr B. hat seine Augen woanders und entdeckt einen alten Opel mit Ausschank, die Holde einen Scampibrutzler mit Weißwein im Angebot. Der Opel lohnt sich, das Bier ist süffig und man kann es abstellen, wenn Leute mit komischen Hüten vorbeilaufen und man fotografieren muss. Das Dorf ist voll mit Menschen, aber alle sind unterwegs, einen Sitzplatz zu finden ist einfach.

Die Königin entdecke ich erst, als der Shantychor auf der Bühne steht und die örtliche Ballettschule gesanglich unterstützt. Der Kopfschmuck erinnert mich fatal an Bademützen der 50er Jahre, überhaupt hauen mich die Trachten nicht wirklich vom Hocker, sehr viel Perlengedöns aber sonst irgendwie.. seltsam. Burkamäßig seltsam. Liegt vielleicht auch daran, dass es fast ausschließlich von älteren streng blickenden Damen getragen wird.

Die Versorgung mit Spezialitäten ist hervorragend, sehr viel örtliche Erzeuger, Herr B. bekommt Bratwürste aus einer 300 Jahre alten Schlachterei und sorgt anschließend für eine Runde Obstler, die Damen nehmen Apfelprosecco zum Fischbrötchen und ich entdecke Ollanner Appelcaipi, von dem ich mir gerne ein paar mehr gegönnt hätte, aber vier Euro für zweimal am Strohhalm ziehen treiben mich schnell zurück zum Bier. Wir probieren uns durch etliche Angebote und wenn es bis zum Auto nicht so eine Schlepperei wäre, ich würde einiges mitnehmen. Ich bin auch ziemlich überzeugt davon, dass die hier einen anständigen Apfelwein machen könnten wenn mal jemand die Idee hätte. Einen den man trinken kann *fg*

Altländer Blütenfestmusik, beinahe: Maddy Prior with Hannah James & Giles Lewin - 3 for Joy































Freitag, 3. Mai 2013

Rollatorterror















Die Schlange beim Schlachter ist endlos, blöde Idee um diese Zeit Appetit auf Thüringer Mett zu entwickeln. Die ältere Dame da vorne könnte wenigstens mal aufrücken, sie wird ja schon bedient. Man könnte sie höflich fragen, ob sie eventuell ein paar Schritte weitergehen würde. Man kann es aber auch machen wie ihr Hintermann, der ihr kurzerhand seinen Gehwagen in die Hacken rammt. Ihr entfährt ein Schmerzensschrei, vorwurfsvoll sieht sie ihn an. "Können Sie nicht aufpassen?" Statt sich zu entschuldigen blafft er zurück: "Sie hätten ja auch weitergehen können." So viel Frechheit macht sprachlos, ich taste nach meiner Kamera, vielleicht werde ich Zeuge einer handfesten Prügelei unter Rentnern, dann bin ich vorbereitet.

Doch nichts passiert, ich werde durch eine Fleischereifachverkäuferin abgelenkt und verliere das Geschehen etwas aus den Augen. Später steht der Gehwagenmann vor mir an der Kasse und bleibt prompt mit seinem Rollator am Plastiktütenvorratsfach hängen. Wütend rockert er mit seinem Gestell hin und her, an dem aus leicht ersichtlichen Gründen schon ein paar Schrauben fehlen. Wie der Herr so's Gescherr, gab es schon Rollatoren als jemand diese Weisheit einfiel? Hier passt sie jedenfalls wie die Faust auf's Auge.

Beim scannen der Ware bemerkt die Kassiererin eine Doppelpackung Schinkenwürstchen, bei der offensichtlich die Hälfte fehlt, fein säuberlich an der Linie aufgetrennt. "Waren Sie das?" fragt sie ihn. "Das sind eigentlich vier Würstchen." "Die lagen da so" raunzt er sie an, "mir reichen auch zwei." 
 "Die kann ich aber so nicht verkaufen" sagt sie freundlich, "das nimmt der Scanner nicht an. Wenn sie einzelne Würstchen haben wollen holen sie die doch nächstes mal lieber am Fleischtresen."
"Dann behalt den Kram" knurrt er unwirsch und verstaut seine Einkäufe. "Krieg ich auch noch meinen Kassenbon?"  "Selbstverständlich" flötet sie mit geradezu bezauberndem Lächeln und reicht ihm das Verlangte. "Selbstverständlich ist in diesem Laden gar nichts" mault er sie an und schiebt mit seinem Rollator von dannen. Sein Abgang löst bei den Umstehenden erleichtertes (wenn auch sehr verhaltenes) Gelächter aus, scheinbar haben alle Angst er könnte wiederkommen. Mit Soziopathen ist nicht zu spaßen, selbst wenn sie auf einen Gehwagen angewiesen sind.

Obiges Bild ist ein Symbolfoto. Aldi hat keine Fleischtheke.


Rockin' Rollatorblues: Jeff Healey - House on Fire: Demos & Rarities


Donnerstag, 2. Mai 2013

Viel Mühe auf der Lühe















Glück muss der Mensch haben, vor einer Woche noch versprach die Wettervorhersage eine dichte Wolkendecke und massig Regen, doch je näher der Termin rückt desto besser wird es. Überwiegend blauer Himmel und Sonne, genau das richtige Wetter für einen Ausflug zur Kirschblüte. Ins Alte Land mit der Omka, die Lühe hochfahren und blühende Obstbäume fotografieren, von der Wasserseite aus sicher ein großartiger Anblick. Da die Prinzessin so gerne Boot fährt hab ich die Kinder eingeladen, doch Junior ist mal wieder krank. Seine Tochter hat in dieser Hinsicht glücklicherweise die Gene der Mutter erwischt und ist quietschfidel als ich sie abhole, mach ich die Tour halt mit den beiden Mädels. Herr H. und Mr.T haben sich auch angekündigt, das kann eine lustige Fahrt werden.

Herr H. hat seine Bahn verpasst und wird nach der obligatorischen Einführungsrunde durch den Harburger Binnenhafen eingeladen, bei strahlendem Sonnenschein geht es unter den beiden größten Hamburger Brücken hindurch auf die Elbe. Inzwischen entdeckt die Prinzessin den großen Teller mit Haribo und Hanuta in der Kajüte und legt auf ihren zahlreichen Runden immer wieder einen "heimlichen" Zwischenstopp ein. Kinder mit verschwörerischem Grinsen um den Schokoladenmund sind ein feines Motiv. Darunter leidet zwar etwas ihr Appetit bei der ausgezeichneten Bordsuppe, aber heute ist ja so etwas wie Sonntag, da darf man auch mal naschen.

Die Elbe runter an Blankenese und Wedel vorbei, links ab in die Lühe, irgendwo einen Liegeplatz suchen und dann zwischen blühenden Obstbäumen flanieren ist die Idee. Die Ausführung scheitert grandios, denn wir kommen auf der Lühe keine 100 Meter weit, dann sitzen wir fest im Schlick. Niedrigwasser hat irgend eine Bedeutung, die fällt dem Käptn dann auch wieder ein, wir sind eine gute Stunde zu spät. Und überhaupt, die Elbe baggern sie aus wie blöde, aber wer denkt denn bitte mal an die Lühe? Bei der letzten Tour ging das noch problemlos!


Mit Mühe und Not, und unter guten Tipps des hinzugestoßenen Brückenwärters (habt ihr gerade Autoreifen verbrannt oder was stinkt hier so?), kommen wir immerhin mit dem Bug weit genug an den Anleger heran, um den ganz Wagemutigen den Ausstieg zu ermöglichen. Mit Hilfe einer außen eingehängten Bordtreppe und der an der Spundwand eingelassen eisernen Leiter. Ganz oben immerhin ein Metallbügel. an dem man sich festhalten kann wenn man am Ende über die Kante muss.
Die Prinzessin ist als erste oben, auf den Schultern von Käptn Stefan, allein vom Anblick bekomme ich schweißnasse Hände und entscheide mich für Kaffee und Kuchen an Bord mit Mr.T und dem Rest der Gesellschaft, während die Kinder sich an Land die Beine vertreten und Herr H. in der Gegend herumturnt um Rost zu fotografieren, was ja eigentlich eine Spezialität des Pappenheimers ist. Wir warten aufs Christkind auf die Flut, in einer Stunde etwa müssten wir wieder flott sein.   

Die Rechnung kommt auch ungefähr hin, wir verbrennen noch ein paar Autoreifen und weiter gehts, wenigstens noch kurz um die nächsten Biegungen des kleinen Flusses, ein paar Blüten gucken vielleicht und dann wieder zurück. Leider hat es sich noch nicht bis ins Alte Land herumgesprochen, dass wir auch hier inzwischen Frühling haben. Kirschbäume gibt es genug, aber blühen tut nix. Dabei soll am Samstag eine Obstblütenkönigin oder etwas in der Art gewählt werden, das könnte eng werden.

Die Strecke ist allerdings auch ohne Blüte äußerst idyllisch, an den Ufern trinken Menschen Kaffee oder schrauben an ihren Booten herum, die Sonne knallt und alle lümmeln gemütlich auf dem Vorderdeck, da sorgen wir plötzlich wieder für Aufsehen. Der Käptn lenkt den Kutter unvermutet frontal gegen die Uferböschung und wir sitzen wieder fest im Schlick. Den Trick kenn ich noch nicht, auf Nachfrage erfahre ich das Geheimnis. Man setzt den Kahn mit Schwung gegen das Ufer und lässt das Heck dann von der Strömung drehen. Quasi die 180° Handbremswende für Schiffe, saucool wenns funktioniert, aber auch nur dann. Blöderweise denkt die Strömung nämlich nicht daran irgend etwas zu drehen, so dass die Omka eine ausgezeichnete Sperre abgibt, über die gesamte Breite des Flusses.
Sportbootfahrer sind übrigens sehr humorvolle und geduldige Menschen, vielleicht hatten wir aber auch nur Glück, dass der Verkehr auf kleinen Flüssen nicht so extrem hoch ist.

Manchmal glaube ich ja, der Käptn macht das nur damit die Omka endlich in die Presse kommt. In Zeiten, in denen sogar Hafenfähren auf Grund laufen, und das auf der Elbe, kein leichtes Unterfangen.
Einen erfahrenen Skipper kann jedoch nichts so wirklich umhauen, auch keine misslungenen Handbremswenden, natürlich schaukeln wir uns irgendwann frei und der Rückweg verläuft ohne größere Probleme, dafür mit orientalischer Bratwurst im Brötchen vom neuen Grill, der einen weitaus tauglicheren Eindruck macht als der alte. Hier wird noch in die Gästeversorgung investiert, sehr löblich.

Mit Rücksicht auf die Prinzessin und die Anfangszeiten des Kindergartens sparen wir die lange Rückfahrt nach Harburg und lassen uns am Anleger Teufelsbrück absetzen, der bei diesem Wetter mehr einem Biergarten ähnelt und zwischen den voll besetzen Tischen kaum Platz zum aussteigen lässt. Grandiose Tour mal wieder, dieses Schiff (und seinen Skipper) kann man nur wärmstens empfehlen. Langweilig wird es nie, er gibt sich immer viel Mühe. Auch auf der Lühe.

Hätten wir nicht am 12. das schwere Heimspiel gegen Braunschweig würde ich auch die Hafengeburtstagstour am 11.Mai mitnehmen, die einzige Möglichkeit etwas von Hafengeburtstag und Feuerwerk zu sehen ohne von Menschenmassen erdrückt zu werden.

Danke an Käptn Stefan, Crew & Gäste, war wie immer großartig, auch die Kleine war begeistert.

Auch begeisternd, die neue CD von Richard Thompson - Electric

Klicken macht Foto groß, heute wieder mit der bewährten Bildunterschrift.