Sonntag, 25. Januar 2026

Derby des Grauens

 










Ein schlauer Mensch hat mal gesagt, er würde Fußballspiele lieber gewinnen wollen, als nicht nur nicht zu verlieren. Dummerweise war er dann nicht schlau genug, diese Weisheit für sich zu behalten, und darf jetzt weder gewinnen noch nicht mehr verlieren. Ob sich daran etwas ändern würde, dürfte dieser Mensch wieder spielen, werden wir wohl leider nicht mehr herausfinden.


Fakt ist jedenfalls, dass man auf das gegnerische Tor schießen muss, wenn man gewinnen will, und das schafft diese Mannschaft in den ersten 45 Minuten des Derbys einfach nicht, weil: Ködel in der Büx. Ängstlich, verunsichert, keine erkennbare Spielidee – es sei denn, es ist die Idee, den Ball einfach blind Richtung gegnerische Hälfte zu dreschen und auf den Fußballgott zu hoffen.


Mein Nachbar ist nach zehn Minuten dermaßen auf Zinne, dass man um das Leben des Trainers fürchten müsste, wäre die Trainerbank in Reichweite. Bisher hab ich ihn immer noch verteidigt, aber so langsam fehlen mir die Argumente – und die sind auch heute eher schwach, zugegeben. Folglich vermeide ich lieber längere Diskussionen, die bei dem Lärm ohnehin zu nichts führen, und konzentriere mich auf mein eigenes Gebrüll. Schließlich ist das ein Derby.


In der 17. Spielminute fällt mein linkes Hörgerät aus, als wir einen Handelfmeter nicht zugesprochen bekommen. Das war zu laut und hat sich nicht mal gelohnt, weil der VAR den auch nicht gesehen hat. Bis zu diesem Zeitpunkt ist der Support immerhin noch angemessen für ein Derby – ob es dann am Hörgerät oder am Spiel liegt, mag ich nicht sagen, aber es ist nicht im Mindesten erwärmend, was man auf dem Rasen zu sehen bekommt, was bei Minusgraden im Stadion durchaus fatale Konsequenzen haben kann.


Bei der Grütze, die wir da unten fabrizieren, würde uns wohl jede andere Mannschaft aus dem Stadion schießen. Gott sei Dank ist es nur der bekannt auswärtsschwache Nachfolgeverein des SC Germania von 1887 mit dem zweitschlechtesten Sturm der Liga (nach uns), und so sieht das dann auch aus. Nichts, wofür man sich freiwillig den Arsch abfriert, jedenfalls.


Bei Hürz hatte man immer die Gewissheit: Selbst wenn wir 45 Minuten lang nichts gebacken kriegen, dann hat der in der Halbzeit eine Idee – und dann wird’s besser. Die Fanblöcke beider Seiten haben die Idee, man könnte die Innentemperatur etwas erhöhen, indem man ordentlich Pyro zündet, und ich muss zugeben, die Stellinger Tapete dazu find ich schon lustig. Dass sie schon wieder zu doof sind für Blockfahnen allerdings auch.


Die Südkurve war an Silvester einkaufen und zündet ein paar schicke Raketen. Das ist natürlich verboten und steht von diesem Moment an bis zum Spielende ungefähr alle fünf Minuten auf der Anzeigetafel, weil es da stehen muss – Sinn hin oder her. Im sich langsam lichtenden Nebel sieht man Sands und Pyrka, die sich mit einem Stellinger die Bälle zuspielen, und das hat schon beinahe Freundschaftsspiel-Vibes hier.


Die Idee von Blessin ist es, Ricky-Jade für Martijn zu bringen, was am bisher traurigen Auftritt erst mal nicht viel ändert, weil der Gegner einen Luka Vušković in der Abwehr hat, an dem einfach nichts und niemand vorbeikommt. Besser wird es erst, als Sinani und Irvine eingewechselt werden – für die letzten 25 Spielminuten in der Gefriertruhe.


Es folgen ein paar der seltenen Highlights dieses grauenhaften Derbys: ein Sprint, bei dem man sehen kann, wie unfassbar schnell Ricky‑Jade Jones wirklich ist, zwei(!) Torabschlüsse von uns innerhalb von zwei(!) Minuten, die Heuer Fernandes leider beide parieren kann, und ein Drei-gegen-eins‑Konter der Rothosen, die glücklicherweise zu doof sind, den auszuspielen.


Insgesamt nicht ganz so grausam wie die erste Hälfte, aber wenn wir gegen diesen wirklich schwachen Gegner einen so mutlosen Auftritt hinlegen, dann weiß ich nicht, gegen wen wir noch Punkte holen wollen. Innerlich mach ich mich schon wieder bereit für Zweitligaanstoßzeiten – und ich hasse alles daran.


Was sonst noch gut war:

Cola hat die ideale Trinktemperatur erreicht, wenn sich oben eine leichte Eisschicht bildet. Das hat heute keine zehn Minuten gedauert.
Die Anreise war so geschmeidig, dass ich mir 30 Minuten länger den Arsch abfrieren konnte als sonst. Die Schlange vor dem Pommesstand war mir trotzdem zu lang.
Wir sind nur noch auf Platz 17.


Was sonst noch schlecht war:

Wir sind auf Platz 17.

 

Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - Hamburger SV, Endstand 0:0

Links dazu: Eiskaltes Derby (Stefan Groenveld) Angst frisst Fußball auf (Millernton)

Musik dazu:  1001 Songs You Must Hear Before You Die, aktuell Mahalia Jackson - Take My Hand Precious Lord

 

 













 

  

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