Sonntag, 12. April 2026

Once in a lifetime

 











Heimspiele gegen Bayern München sind ungefähr so angenehm wie ein Zahnarztbesuch. Man kann dem natürlich ein paar Jahre aus dem Weg gehen, was die Sache aber garantiert nicht angenehmer macht. Warum tut man sich das trotzdem an? Wegen der vielleicht nullkommanulleinsprozentigen Chance auf ein historisches Ergebnis, von dem man seinen Enkeln noch erzählen kann? Wie wir ausgerechnet gegen Bayern die nötigen Punkte für den Klassenerhalt eingefahren haben? Realmadridauswärtssiegerbesieger? Once in a lifetime, bury Bayern in your ground?

Haben wir in meiner Lifetime schon mal geschafft – das ist 24 Jahre her. Also eher unwahrscheinlich, dass das noch einmal passiert. Aber letzte Saison hätten wir fast ein torloses Unentschieden erreicht, ohne diesen Sonntagsschuss von Musiala. Für ein torloses Unentschieden würde ich heute den doppelten Eintritt bezahlen – wer braucht schon Tore, wenn man auch ohne einen Punkt mitnehmen kann?

Auf den Plätzen liegen jede Menge Flyer, auf denen der werte Stadionbesucher darauf hingewiesen wird, dass wir uns spätestens seit heute im Abstiegskampf befinden und entsprechend lauter Support durchaus helfen könnte – inklusive Gesangsvorschlägen für die ersten zehn Minuten. Ich finde es durchaus ein wenig peinlich, dass wir dafür jetzt anscheinend Zettel brauchen.

Ich war immer so naiv und habe gedacht, dieser berühmte Millerntor-Roar entsteht ganz spontan – nur weil irgendjemand anfängt zu roaren und die Umstehenden es für eine gute Idee halten, mitzumachen. Dafür braucht man doch keine Zettel, zumal die Stapel darauf hinweisen, dass die eh keiner gelesen hat.

Mein Nachbar fragt mich doch tatsächlich nach einem Tipp – was soll man denn da ernsthaft antworten? Einsnull für uns natürlich, sonst hätte ich doch gar nicht erst kommen müssen. Natürlich glaube ich selbst nicht mal im Ansatz daran, aber sollte der Unwahrzu doch irgendwie eintreffen, werde ich am Ende mein breitestes Ich-habs-doch-gesagt-Grinsen aufsetzen können. Einen Versuch ist es allemal wert.

Unwahrscheinliche Zufälle gibt es leider nur in den fantastischen Romanen von Walter Moers – und nicht am Millerntor. Es ist auch weniger ein Zufall, sondern Jamal Musiala, der nach nicht einmal zehn Minuten dem Traum einen Dämpfer verpasst. Der kann also auch köpfen. Nun denn.

Nach 20 Minuten hat das Stadion einen neuen Liebling: Michael Olise und Karol Mets machen Trikottests an der Seitenlinie und werden beide vom Schiri ermahnt. Fortan wird Olise bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen, was sich nicht im Geringsten auf sein Spiel auswirkt, dafür aber jeglichen Support im Keim erstickt – denn Olise ist leider ziemlich oft am Ball.

Immerhin spielen wir ein wenig mit, können mit etwas Glück und stabilem Alu weitere Treffer verhindern und haben sogar die Chance auf den Ausgleich, die wir natürlich nicht nutzen. Mit einem 0:1-Rückstand gegen Bayern in die Pause zu gehen – das passiert sogar Real Madrid. Es hätte schlimmer kommen können.

In der Pause flachse ich noch rum, dass man gegen Bayern theoretisch auch was fürs Torverhältnis tun kann, indem man einfach nicht so viel kassiert wie die Konkurrenz. Das fällt mir umgehend auf die Füße: Wieder brauchen die Bayern keine zehn Minuten. Goretzka und Olise schrauben das Ergebnis innerhalb von zwei Minuten auf 0:3, und damit ist der Drops wohl auch gelutscht. Once in a lifetime? Same as it ever was, same as it ever was.

Olise bedankt sich nach seinem Tor für die Pfiffe vor der Südkurve, was seine Beliebtheit noch einmal enorm steigert. Gott sei Dank nimmt Kompany ihn dann vom Platz. Die Stimmung ist trotzdem im Arsch – trotz der vielen Zettel. Wenn es erst einmal so weit gekommen ist, hilft nur noch Schadensbegrenzung oder die Hoffnung, dass die Münchner Bemühungen ähnlich erlahmen wie der Support auf den Rängen.

Die denken leider nicht im Mindesten daran, mit dem Gekicke aufzuhören – wo’s doch gerade so viel Spaß macht. Und vielleicht würde es nicht ganz so schlimm kommen, wenn man mal aufhören würde, am laufenden Band krasse Geschenke zu verteilen, die von Leuten wie Jackson und Guerreiro dankend angenommen werden. Weil sie’s können. Beinahe schon erleichternd, dass der sechste Münchner Treffer mit dem Schlusspfiff wegen Abseits zurückgenommen wird.

Nichts erwartet, nichts bekommen? Naja – doch, eine Lehrstunde war’s schon. Mal sehen, ob die Jungs die bis Freitag verdaut haben. Das ist das wichtigere Spiel.


Was sonsr noch gut war:

In den Farben getrennt, in der Sache vereint. Alle zusammen gegen den Faschismus. 

Nach einer 0:5 Klatsche singt das ganze Stadion "Wir sind ooooh Sankt Pauli" und das war schon wieder so ein bisschen Gänsehautmoment. 

Was sonst noch schlecht war:

Die fünfte gelbe Karte für Fujita 

Prepaidkarten an HVV Automaten aufladen ist ein sinnloses Unterfangen, aus diesem Grund war ich heute kostenlos unterwegs. Bringt euren Scheiß in Ordnung.

 

Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - FC Bayern München, Endstand 0:5

Tore dazu: Musiala (9.), Goretzka (53.) Olise (54.) Jackson (65.) Guerrero (89.) 

 Links dazu:Grenzen aufgezeigt (Millernton) Zweiklassenunterschied (Stefan Groenveld) Das war ziemlich ganz knapp (Übersteiger)

Musik dazu: Les McCann & Eddie Harris - Swiss Movement

 












 

Montag, 23. März 2026

Igor, was hast Du getan

 











Eigentlich hätte das alles anders laufen müssen, schließlich hat der Dartmeister seinen Dreimalnichtverlorenglücksschal um den Hals, ich trage meinen abgerockten Dreimalnichtverlorenglückshoodie und zu guter Letzt liegt der Skipper schon wieder flach (gute Besserung). Und wenn der auf der Couch liegt, gewinnen wir ja immer mit 2:1. Das wäre wirklich oberfantastisch, nachdem Werder am Vortag das Kellerduell mit Volkswagen glücklich gewonnen hat. Wir brauchen dringend mehr Abstand nach unten – zu wem auch immer.

Durch den Ausfall sitze ich nach langer Zeit mal wieder auf der Seniorenbank. Hier ist es schon durch die Nähe zur Südkurve deutlich lauter, und viel Lärm ist genau das, was ich heute brauche. Nach dem ganzen Busempfangsbengalozirkus wird die Mannschaft hoffentlich ordentlich angefixt sein – das muss krachen im Abstiegskampf.

Die erste Halbzeit läuft für uns auch ganz wunderbar: Wir sind gieriger, immer einen Tick schneller am Ball als die Freiburger; wir haben Joel Chima Fujita, der Knoten in Beine spielen kann, und wir haben Danel Sinani, der uns mit 1:0 nach 24 Minuten verdient in Führung bringt. Sieht von hier aus mehr nach einem reingestocherten Zufallstreffer aus als nach einer großartig herausgespielten Chance – aber wen juckt das schon.

In der Halbzeit: zufriedenes Grinsen auf der Seniorenbank. Das hatten wir nicht unbedingt so erwartet – schließlich haben die Genk gerade fünf Dinger eingeschenkt im Eurobokal. Sollten wir es schaffen, noch so eine Halbzeit abzuliefern, ist ein 2:1 durchaus nicht unrealistisch, und der Skipper muss den Rest der Saison auf dem Sofa bleiben. Hülft ja nix.

Ein zweites Tor wäre meinen Nerven durchaus zuträglich. Aber wie wir alle wissen, zählt das Toreschießen nicht unbedingt zu unseren Stärken, und Freiburg startet ganz anders in die zweite Hälfte – mehr wie ein Eurobokalteilnehmer. Gegen diesen können wir zwar eine Zeit lang das Torekassieren verhindern, aber just nachdem wir uns ein wenig vom Freiburger Druck befreien können, schlägt es ein.

Und natürlich wird es jetzt wieder welche geben, die mit der alten Weisheit kommen von den ehemaligen Sankt-Paulianern, die besonders gerne gegen den alten Verein treffen. Denn natürlich – und ausgerechnet – muss es das alte Toptalent Igor Matanović sein, der gegen uns trifft. Der Mann, der nach vergebenen Großchancen immer wie ein bedröppelter George McFly auf dem Rasen stand, als er noch das braun-weiße Trikot trug. Inzwischen spielt er für das liebliche Schwarzwalddorf und hat wohl gelernt, wo das Tor steht – sehr zu meinem Missfallen.

Kaum habe ich mich von dem Schock erholt und mich mit dem Gedanken befasst, auch ein Punkt wäre vielleicht noch vertretbar und immer noch besser als leere Hände, geht Freiburg in Führung. Dann doch wieder nicht, weil der VAR sich meldet und es wohl Abseits war. Ja, liebe Freiburger, ich kann den VAR auch nicht leiden – außer jetzt gerade, weil Abstiegskampf ist echt anstrengend.

Statt daraus zu lernen und es besser zu machen, steht es keine vier Minuten später doch 1:2. Wieder ist es schlecht verteidigt, wieder ist es Igor. Der vorausgehende Freiburger Konter wird freundlich unterstützt vom angeblich Unparteiischen, der gleich drei Fouls in Reihe an unseren Jungs völlig ignoriert – und ich bin gerade froh, nicht auf meinem angestammten Platz zu sitzen. Mein Nachbar dort dürfte explodiert sein.

Noch zwölf Minuten plus Nachspielzeit, in der sich die Gegengerade nicht mehr so genau zwischen Support und Schiedsrichterauspfeifen entscheiden kann. Wir sind uns eigentlich schon länger einig, dass man mal einen Stürmer einwechseln könnte, müssen auf Hountondji aber bis zur 84. Minute warten – scheinbar reicht seine Luft nur für zehn Minuten.

In der Nachspielzeit reißen wir dann auch nichts mehr raus, und das ist insgesamt schon ein wenig enttäuschend. Denn wenn ich mir vorstelle, am letzten Spieltag im direkten Duell mit Wolfsburg um den Relegationsplatz spielen zu müssen, packt mich das nackte Grauen.



Was sonst noch gut war:

Gemeinsame Fanaktionen gegen dämliche Anstoßzeiten

Tapete im Umlauf der Gegengerade, leider am falschen Block, aber bei G3 sind halt die Wurstbuden.

 

Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - SC Freiburg, Endstand 1:2 

Tore dazu: Sinani (24.) Matanović (65./78.) 

 Links dazu: Eine Halbzeit reicht nicht (Stefan Groenveld) Mut wird belohnt (Millernton)

Musik dazu: 1001 Songs you must hear befor you die:  572. R.E.M. - Radio Free Europe  573. Grandmaster Flash - The Message 

 










 

 

Montag, 9. März 2026

Unerwartet zufrieden: Ein Punkt gegen Frankfurt

 










Nach dem gestrigen Spieltag wären drei Punkte gegen die Frankfurter Eintracht natürlich ganz fantastisch, aber erwarten tu ich nix. Man lernt ja dazu - seit ich nichts mehr erwarte werde ich regelmäßig positiv überrascht. Die erste positive Überraschung des Tages gibt's schon vor dem Spiel: Die infektiösen Ablagen an der Wand im Umlauf sind gereinigt worden, außer Stickern klebt da jetzt nichts mehr. Hilft also tatsächlich, wenn man dem Herrn Brux mal eine Mail schreibt (ich war's nicht).

Die zweite Überraschung wartet am Platz: Wir machen mal wieder Choreo, also nicht wirklich wir, sondern eher die Leute, die diese große Tapete, Blockfahne oder whatever gebastelt und installiert haben. Entfaltet werden soll das allerdings erst in der Halbzeit, ich bin gespannt. Doof ist halt immer, dass man davon selber nichts sieht, aber später gibt's garantiert genug Fotos, ich ahne auch schon wo.

Überraschung drei, die Frankfurter sind gar nicht mal so gut wie befürchtet, was die an Fehlpässen spielen schaffen wir an schlechten Tagen auch. Kein Vergleich jedenfalls mit den Hoffenheimer Anfangsminuten, bei denen man Schlimmes befürchten musste. Hier haben wir das Spiel weitestgehend im Griff und sogar ungefähr eineinviertel Torchancen bei denen zweimal Aluminium rausspringt. 

Ein Führungstreffer würde dem Spiel gut tun, ein etwas beherzteres Eingreifen des Schiedsrichters bei dem etwas zu körperbetonten Einsatz der Frankfurter Trikottester wäre auch nicht ganz schlecht, aber das ist halt Zwayer, mit merkwürdigen Entscheidungen muss man da leben. Mein hochgeschätzter Sitznachbar hat schon nach zwei Spielminuten die Hasskappe auf, da weiß ich noch gar nicht, dass es sich um den unglücklichen Felix handelt. Kann man das nicht irgendwie erreichen, dass man den Mann nur einmal pro Saison ertragen muss?

Torlos geht es in die Halbzeit, durch die zwei Alus liegen wir bei diesen ominösen expected Goals wahrscheinlich knapp vor den Frankfurtern und wenn wir die zweite Halbzeit in diesem Stil weiterspielen können sieht das doch gar nicht so übel aus. 

Vorher entfalten die Choreo-Leute jedoch erstmal die große Tapete, auf der wahrscheinlich irgendetwas zum Internationalen Frauentag steht. Ich könnte nachfragen statt Antifa Hooligans zu singen, werd das aber früh genug erfahren ohne jemanden anschreien zu müssen, also sing ich weiter.  

Als das Spiel wieder läuft ist die Sicht dadurch noch kurz eingeschränkt, was manche Menschen zum Anlass nehmen wutentbrannt am Stoff zu zerren und mich zu der Frage bringt, warum manche Menschen zum FC St.Pauli gehen. Der grandiose Fußball allein kann's eigentlich nicht sein, bleibt also nur die Haltung und die ist irgendwie...anders. 

Anders ist auch die zweite Halbzeit, durch die Tapete verpassen wir die Verletzung von Manos, der von Lars ersetzt werden muss. Wir stehen viel tiefer, es gibt wenig Entlastung nach vorne, Frankfurt überlegen, aber ohne wirklich gefährlich zu werden. Trotzdem sieht es nicht so aus als könnten wir hier mehr erreichen als einen Punkt und so langsam bin ich bereit, mich damit zufrieden zu geben. 

Die nächsten unfreiwilligen Wechsel gibt's in der 66. Minute, weil Ando kurz vor einem Platzverweis steht und dann noch in der 80. als sich auch James Sands verletzt. Das nimmt gerade wieder Ausmaße an, die mir so gar nicht behagen. Zwayer beschert uns noch sieben spannende Minuten Nachspielzeit, dann ist Schluss.

Hätten wir gewinnen können. Ob wir das hätten gewinnen müssen oder ob das ein entscheidender Punkt zum Klassenerhalt war wird man am Ende sehen.

 

Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - Eintracht Frankfurt, Endstand 0:0

Links dazu: Ein Punkt ist ein Punkt (Millernton) Verletzungen und wichtige Langeweile (Stefan Groenveld)

Musik dazu: 1001 Songs you must hear before you die: 490. Public Image Ltd. - Public Image, 491. Stiff Little Fingers - Public Ulster, 492. The Clash - White Man in Hammersmith Palais

 









 

 

Montag, 23. Februar 2026

Abstiegsk(r)ampf

 










Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände (auf beiden Seiten) müssen wir uns ausgerechnet gegen Werder Bremen um die Abstiegsplätze balgen – damit habe ich vor der Saison auch nicht unbedingt gerechnet. Mit einem 4:0-Sieg könnten wir sogar auf Platz 15 springen; damit ist bei unserer Offensivschwäche allerdings noch weniger zu rechnen. Bei aller Sympathie für Werder sollte trotzdem unbedingt ein Heimsieg her, sonst gehen hier langsam aber sicher die Lichter aus.

Mit genau sechs Euro Bargeld in der Tasche mache ich mich auf den Weg – das reicht gerade für die Parkgebühr auf dem Heiligenmatschfeld. Bratwurst und Bier zahle ich eh mit Karte, weil die Schlange da immer kürzer ist. Die Bezugsgruppe ist unvollständig: Der Skipper wird, wie schon gegen Stuttgart, von einem Virus behelligt und bleibt – wie schon gegen Stuttgart – auf der Couch. Sollten wir heute auch 2:1 gewinnen wird da hoffentlich niemand einen Zusammenhang sehen und heimlich seine Dauerkarte mopsen.

Andererseits ist auch so ein Strohhalm ein Strohhalm. Hilft ja nix, denn wenn wir so spielen wie in der ersten Halbzeit, brauchen wir jeden Strohhalm, den wir kriegen können. Das Beste, was man darüber sagen kann: Es ist nicht ganz so katastrophal ängstlich wie gegen Stellingen, aber super nervös und unglaublich hektisch, da passt nichts richtig zusammen. Ein schlapper Schussversuch von Kaars nach zehn Minuten, um kurz wach zu werden, danach ist Ebbe im Strafraum (nicht der Ebbe natürlich – sonst würd’s vielleicht mal klingeln).

Dass es kein fußballerisches Feuerwerk gibt, wenn der 16. gegen den 17. antritt, ist mir schon klar, aber das panische Gekicke da unten hat nicht einmal Zweitligaqualität. Abstiegskrampf mit leichten Vorteilen für Werder, die auf Platz 16 stehen, weil sie so etwas nicht nutzen. Liegt allerdings auch an unserer Defensive, denn wie ein Freund immer zu sagen pflegt: Eine IV ohne Hauke ist nur zweite Wahl. Zusammen mit Ando könnte das ein Dreamteam werden.

Mit vereinten Kräften schaffen sie es immerhin, die Null bis zur Pause zu halten. Die einen wollen nicht so richtig, die anderen können nicht so richtig – wer nicht will und wer nicht kann, wechselt dabei stetig hin und her. Das hat mit Fußball jedenfalls wenig zu tun.

Martijn Kaars erwischt einen rabenschwarzen Tag und sorgt bei meinem Sitznachbarn für erhöhten Blutdruck – fast auf Schiedsrichterniveau. Ein unnötiger Ballverlust sorgt dann nach zehn Minuten der zweiten Hälfte für seine Ablösung durch Mathias Pereira Lage. Mehr Hoffnung würde mir eine Führung geben, und die bekommen wir kurz darauf auch, recht überraschend. Kaum etwas könnte mich glücklicher machen als ein Tor von Hauke Wahl. Ich bin definitiv zu alt, um noch einmal für eine Jahrhundertelf oder Ähnliches abstimmen zu dürfen, aber in meiner ganz persönlichen rückt sein Einsatz mit jedem Spiel näher.

Nur kurze Zeit später kriegen wir den Ball nicht aus dem Strafraum. Milosevic hat gleich zwei Versuche, den Ball in die Kiste zu befördern – der zweite sitzt. So schnell kann sich die Laune ändern: von himmelhoch jauchzend zu jaleckmichdochamarschdaskanneinfachnichtwahrsein. Immerhin ist das Stadion einigermaßen angezündet, und die Darbietung ähnelt inzwischen auch mehr einem Fußballspiel – gemessen an der ersten Hälfte.

Ekstatisch wird es dann, als Manos (eine Startelf ohne Manos ist eine Startzehn) Joel Chima Fujita im Strafraum bedient – und der zeigt endlich mal, dass er nicht nur am Tor vorbeischießen kann. Woohoo, Song 2, 20 Minutes to go. Bestimmt ist der Knoten jetzt geplatzt, bei Hartel hat’s auch so angefangen: einfach mal reinmachen das Ding und feststellen, hey, das macht ja mal richtig Spaß, das mach ich jetzt öfter.

Garantiert nicht so viel Spaß macht der Job des Schiedsrichters, deswegen will den auch kaum noch jemand machen. Im Jugendbereich pöbelnde Helikoptereltern, in der Bundesliga zigtausend Experten, die von ihrem Platz aus alles sehr viel besser sehen können als der blinde Otto da unten und außerdem wirklich unparteiisch sind. Trotzdem gibt es für das rüde Foul an Jackson Irvine nur die Gelbe Karte, auch wenn mein Nachbar beinahe platzt vor Zorn.

Die restliche Spielzeit ist durchaus unterhaltsam anzusehen – und dann vergeht die Zeit einfach auch schneller: eben noch die 82 auf der Uhr, dann die 90 – und die sechs Minuten Nachspielzeit kriegen wir auch ohne Unfall über die Runden.

Leider gibt es auch für ein Sechs-Punkte-Spiel auf dem Rechenschieber nur drei. Da müssen noch einige Punkte folgen, um die Klasse zu halten. Hoffentlich, ohne zu obskuren Strohhalmen greifen zu müssen.

Was sonst noch gut war:
Die gemeinsame Choreo beider Fanblöcke zu den Opfern von Hanau vor sechs Jahren.

Fotos dazu: Gegengerade Millerntor - FC St.Pauli - SV Werder Bremen, Endstand 2:1

Tore dazu: Wahl (55.) Milosevic (62.) Fujita (70.)

Links dazu:Krampf, Kaampf und Kacktore (Millernton) Des einen Freud, des andeen Leid (Stefan Groenveld)

Musik dazu: 1001 Songs You Must Hear Before You Die: 339. Rod Stewart - Maggie May 340. John Lennon - Imagine 341. David Crosby - Laughing   

 










 

 

Sonntag, 8. Februar 2026

Hurra, wir leben noch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit so wenig Erwartungen wie heute bin ich gefühlt noch nie zu einem Spiel gefahren. Was soll schon passieren? Die stehen halt oben in der Tabelle, gewinnen ein Spiel nach dem anderen und selbst wenn wir, wie so häufig, mal wieder gut mithalten können wird am Ende wieder irgendein Jamal oder Deniz seine individuelle Qualität auspacken und wir können einpacken. Ein Punkt gegen Stuttgart wäre schon ein Erfolg, aber wie wir alle wissen sind so kleine Erfolge zu wenig für die erste Liga.

Den großen Parkplatz vor dem Stadion könnte man in Heiligeneisfeld umbenennen, eine wilde Mische aus Schneeresten, Eis, sehr viel Matsch und trüben Rinnsalen, die das Überqueren zu einer halsbrecherischen Angelegenheit machen. Dafür will ich mich eigentlich mit Stadionpommes belohnen, bin aber wieder zu ungeduldig als ich den Andrang dort sehe. 

Die Erwartungshaltung bei der Bezugsgruppe ist ähnlich und auf merkwürdige Weise fast tiefenentspannt, denn sehr viel schlimmer kann es eigentlich nicht werden, aber besser geht immer. Also gucken wir uns erst mal an was die Jungs da fabrizieren heute, vielleicht überraschen sie uns ja und wenn nicht, dann halt das nächste Mal vielleicht. 

Fatalistisch, jetzt hab ich das Wort gefunden. Fatalistisch ist, wenn du in der Liga 12 mal auf die Mütze bekommst, aber höchstens die Hälfte davon verdient war. Da wird das irgendwann zur Normalität und man beginnt sich damit abzufinden. Der Fußballgott ist halt auch nur ein normaler Arsch wie alle anderen Götter auch.

Das beste Mittel gegen trübe Gedanken ist ein Fußballspiel. Die ersten zehn Minuten bin ich noch mit Gesang und Geschrei beschäftigt, dann setzt sich, noch etwas ungläubig  und überrascht, die Erkenntnis durch, dass wir das bessere Team sind. Erstaunlich viele Unsicherheiten bei den Stuttgartern, was ich so nicht erwartet habe. Wir haben die nicht nur weitestgehend im Griff, wir setzen auch offensiv Akzente und in der 35. Minute erfüllt sich ein lang gehegter Wunsch: Ein Tor von Manolis Saliakas Fußballgott.

Lieblingsspielertore sind immer besonders geil, da freu ich mich immer noch ein bisschen mehr, wenn das überhaupt möglich ist. Eine Führung im eigenen Stadion noch dazu, endlich mal wieder die Hoffnung, das könnte diesmal vielleicht sogar für mehr als einen Punkt reichen, wenn wir so weiterspielen - und bis zum Halbzeitpfiff kriegen wir das auch hin.  

Zur zweiten Hälfte bringt Stuttgart Jamie Leweling, einer aus der Abteilung individuelle Qualität. Die größte Gefahr geht jedoch vorerst von Adam aus, der einen Ball an den eigenen Pfosten setzt. Kurz darauf schreit das halbe Stadion "Hand" im oder am anderen Strafraum - und nach kurzer Schiridiskussion mit dem VAR fällt die Entscheidung, es war im: Handelfmeter. Da kann man mal jubeln find ich.

Noch lauter gejubelt wird dann, als Danel Sinani Fußballgott den sicher verwandelt. 2:0. Zwei Tore! Was sich da für Möglichkeiten ergeben, man darf gar nicht daran denken. Jetzt nur keinen kassieren und die Stuttgarter zum Endspurt einladen. Eine wirkliche Zitterpartie wird das aber nicht, weil Undav seine eine Chance nicht nutzt und wir ansonsten so ziemlich alles wegverteidigen können, vor allem an Tomoya Andō ist kein Vorbeikommen.

Bis zur 90. Minute können wir ein Gegentor verhindern, dann ist es Leweling der verkürzt und uns damit sechs zusätzliche quälende Minuten verschafft. In denen sind wir um ein Abseitstor besser und gewinnen deshalb verdient.

Hurra, wir leben noch. Gefühlt die halbe Mannschaft verletzt, der Kapitän spielt 90 Minuten mit Schmerzen, der neue Japaner in der Abwehr spricht angeblich nur drei Worte Englisch aber macht ein Spiel, als wäre er seit drei Jahren der Abwehrleader bei St.Pauli.

Hurra, wir leben noch. Am besten nächstes Wochenende bestätigen, nicht dass es nachher heißt, das wäre das letzte Zucken gewesen..

 

Was sonst noch gut war:

Man könnte eine Wand im Stadion nach Tomoya Andō benennen.

Manos. Natürlich. 

Ich hab mich auch auf dem Rückweg nicht auf die Fresse gelegt. 

Was sonst noch schlecht war:

Bei 3 Punkten? Was soll da schlecht sein am Tag? 

 

Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - VfB Stuttgart, Endstand 2:1

Tore dazu: Saliakas (35.) Sinani (55.) Leweling (90.)

Links dazu: Auf St.Pauli brennt noch Licht (Stefan Groenveld) Expect the unexpected (Millernton)

Musik dazu: 1001 Songs You Must Hear Before You Die, 131: Otis Redding - I've Been Loving You Too Long