Donnerstag, 16. August 2012
Schlaumichels große Stunde
Fotoamateure gibt es hier wie Sand am Meer, das merkt man besonders in Wochen wie den Hamburg Cruise Days. Selbst in den entlegensten Ecken kommt einem um Mitternacht noch jemand mit voller Ausrüstung entgegen, und wenn man glaubt man hat einen besonders exklusiven Standpunkt entdeckt, dann steht da schon mindestens ein Stativ rum. An den bekannten Ecken wie am Altonaer Fischmarkt ist es auch nicht ungewöhnlich wenn man sich hinten anstellen muss für den besten Blickwinkel, aber Geduld musste man für dieses Hobby schon immer aufbringen.
So dauert es auch eine gute halbe Stunde bis ich am Stintfang in die Ecke des Balkons komme und mein Geraffel zurechtrücken und einstellen kann, als wieder Zuwachs zu verzeichnen ist. Ein besonders ambitionierter Fotograf mit Kompaktknipse und Stativ stellt sich mit seinem Kram direkt daneben und sieht mir bei meinen diversen Tätigkeiten zu. Anscheinend dauert ihm das alles zu lange, ich habe gerade die ersten Aufnahme im Kasten, da feuert er seine erste Frage ab. "Fotografieren sie eigentlich immer dasselbe Motiv?" Ich bejahe knapp, aber freundlich. "Das letzte Foto war aber ziemlich unterbelichtet." Ja, das waren auch nur knapp zehn Sekunden Belichtung. "Macht ihre Kamera das nicht automatisch?"
Ach du Scheiße denk ich, von solchen Leuten habe ich bisher nur in Foren gelesen, aber es gibt sie wirklich. Hoffentlich kommt nicht auch noch die Megapixelfrage auf den Tisch, ich kämpfe gerade mit der Fernbedienung, die dringend eine neue Batterie benötigt, und habe nicht viel Lust auf Gespräche. Ich erzähle ihm was von Belichtungsreihen, und dass ich so etwas ungerne einer Automatik überlasse, das beschäftigt ihn für ein paar Minuten.
Während ich an der Okularabdeckung herumfummel um noch einen anderen Bildausschnitt auszuwählen macht er ein paar Aufnahmen, immerhin ohne Blitz, das beruhigt mich ein wenig. Meine Kiste rechnet ewig an der letzten Aufnahme herum und spuckt ein um mindestens zwanzig Sekunden zu lange belichtetes Ergebnis aus, da hält er mir triumphierend sein letztes Bild vor die Nase. "Da! Perfekt belichtet und gestochen scharf! Mit Neidschott!" Neidwas? Ach, Nightshot, alles klar. So etwas hab ich leider nicht. "Schönes Foto" sag ich und wundere mich warum ihm nicht auffällt, dass der Himmel gerade nachtschwarz und tiefblau ist und nicht mittelblaugrau wie auf seiner Aufnahme, bin aber froh dass es ihm gefällt. "Sind ja auch nicht gerade einfache Lichtverhältnisse" tröstet er mich. Währenddessen ist die dritte Aufnahme im Kasten, ungefähr die goldene Mitte zwischen den ersten beiden. "Das sieht doch schon ganz gut aus" lautet die fachmännische Kritik. "Aber mir wäre das zu viel Gefummel, bis da mal eine Aufnahme was taugt hab ich mit meiner schon zwanzig andere gemacht. Und die taugen fast immer. Ganz automatisch."
Langsam fängt der an mich mental zu stressen. Hätte ich nicht schon so derbe viel Stress in der Firma gehabt hätte es mich amüsiert, aber dann wäre ich auch eine Stunde eher hier gewesen und dem Gespräch entgangen. Hätte hätte Fahrradkette. Noch zwei Aufnahmen und ich bin hier fertig. Als die Kamera an der letzten noch herumrechnet hol ich sie schon vom Stativ. "Na? Ist die letzte denn wenigstens was geworden?" streift mich ein letzter mitleidiger Blick, während ich das Dreibein zusammenklappe.
"Die sind alle was geworden" grins ich ihn an. "Alle genau so, wie ich sie haben wollte." Und das ist nicht gelogen, aber wahrscheinlich hielt er das nur für eine dumme Ausrede.
btw: HDR rockt. Demnächst mehr.
Rockt auch, aber ganz sanft und chillig: Fun Lovin' Criminals - Come Find Yourself/100% Colombian
Labels:
Fotosafari,
Hamburg,
Typen
Dienstag, 14. August 2012
Papagei auf Reisen
Etwas frische Luft für Haustiere ist bei diesem Wetter sicher nicht verkehrt. Dass es Menschen gibt, die mit ihrem Frettchen an der Leine durch Parks spazieren hab ich neulich schon mit Verwunderung bemerkt, aber ein Papagei auf dem Fahrrad bzw. auf dem Fahrradfahrer erschien mir auf den ersten Blick doch sehr gewagt, immerhin können die Viecher normalerweise fliegen.
Der Freiheitsdrang des Aras hielt sich allerdings in Grenzen, obwohl die schräge Sitzposition sehr unbequem aussah nickte er unaufhörlich mit seinem Kopf, als wollte er der Umgebung damit signalisieren es wäre alles in Ordnung.
Solange man nicht selber in die Pedale treten muss ist gegen diese Art der Fortbewegung ja auch nichts einzuwenden.
Musikalischer Freiheitsdrang gerade: Panteón Rococó - Ejército De Paz. Sehr ärgerlich, die haben gestern in der Fabrik ein Zusatzkonzert gespielt weil das erste so schnell ausverkauft war. Ich hätte meinen Urlaub eine Woche vorverlegen sollen.
Sonntag, 12. August 2012
Überall Baustellen
Vorspiel
"Auf der Reeperbahn nachts um halb eins didelidelid" weckt mich mein Handy. 9 Uhr, also mitten in der Nacht. Ohne Brille erkenne ich verschwommen den Dartmeister auf dem Display, der erlösende Anruf, auf den ich schon so lange warte. Schwangere Frauen stehen ungerne mehrere Stunden im Fußballstadion, mein Glück, dadurch hab ich heute eine Dauerkarte, und das beim ersten Spiel auf der noch nicht ganz fertigen neuen Gegengerade. Vorausgesetzt wir sind früh genug da, nach 4000 gezählten Zuschauern wird geschlossen, mehr erlaubt die Behörde nicht.
Ich verabrede mich mit dem Dartmeister um 14 Uhr vor dem Kartencenter, die Dauerkarte muss aufgestockt werden. Da kurzfristig noch 1000 Karten in den freien Verkauf gegangen sind mache ich mich auf ein größeres Chaos gefasst, das fängt allerdings weit früher an, der Bus steht minutenlang vor einer roten Ampel. Scheiß Baustelle, dabei habe ich ohnehin nur vier Minuten für den Umstieg und wollte vorher noch Kippen holen.
In der letzten Sekunde springe ich in den letzten Waggon und lande in einer Horde Kinder, die Wagen sind berstend voll mit Kindern, wo wollen die alle hin? Ach ja, ist Dom. Kindergeburtstag wohl auch noch irgendwo, ein Papi schleppt sich mit einer Tortenhaube ab, darunter schimmert es rot. Erdbeeren, das wäre jetzt was. Ein vernünftiges Orakelfrühstück ist ausgefallen, was gibt es schon in Ingolstadt, außer Audi. Man hätte sich vielleicht ein paar Audis aus Marzipan kneten können, aber ich bin künstlerisch eher nicht so begabt.
Als ich vor dem Kartencenter ankomme ist alles schon erledigt und wir machen uns zu dritt auf den Weg in Richtung Baustelle. Kein Chaos, alles klappt reibungslos, das ist nicht mehr mein Verein. Keine zehn Minuten später stehen wir auf den neuen Stufen, und ich muss sagen, es steht sich verdammt gut darauf. Gott sei Dank, immerhin sind es noch 90 Minuten bis Spielbeginn.
Bewegen lässt es sich deutlich schlechter, der Bierstand ist zu weit weg und keiner hat Lust etwas zu holen, was sich noch rächen wird. Kein Bier vor dem Spiel wird mir nie mehr passieren, schwör.
Eine volle Stunde stehen wir nur grinsend rum und freuen uns wie Bolle über die neue Tribüne, die Skepsis war nicht angebracht. Das wird richtig geil, wenn der Beton später noch die richtige Farbe erhält. Die ersten Verschönerungen kann man schon auf den Wellenbrechern bewundern. Dazu ist der Blick auf das Spielfeld ein Traum, ich krieg mich gar nicht mehr ein, hoffentlich gehts bald los. Ich hab jetzt schon Durst, verdammt.
Endlich gibt es etwas Unterhaltung, die Spieler machen sich warm, wir singen uns etwas ein und ich stelle fest, meine Kehle ist zu trocken. Dafür gibt es die ersten Tapeten in der Südkurve zu sehen, Homofobi ve aydingensda, das ist wahrscheinlich türkisch oder kurdisch und hat möglicherweise etwas mit einem homosexuellen Schiedsrichter in der Türkei zu tun, der seit drei Jahren nicht mehr eingesetzt wird. Könnte bei uns sicher nieee passieren. Grazie Balotelli les ich auf einer anderen Tapete, keine Ahnung was Mario wieder gemacht hat, aber scheint was vernünftiges gewesen zu sein.
Während ich versuche mit der Kamera die Fahne des Langen einzufangen verpasse ich beinahe die großartige Choreo auf der Nord, Nord-Support bedankt sich bei Ultra Sankt Pauli für 10 Jahre Leidenschaft und so manches andere, ganz großes Kino.Das Leben kann so schön sein, wenn sich alle lieb haben.
Dafür ist die Süd heute ganz in schwarz, im Gedenken an den großen Sankt Paulianer Günter Peine, der vor kurzem an seinem 92. Geburtstag verstarb. 82 Jahre seines Lebens war er Mitglied beim magischen FC und sorgt für das leiseste Stadion, dass ich jemals nicht gehört habe. In der Schweigeminute könnte man eine Stecknadel fallen hören. Danke an die Gäste, die sich benehmen konnten. Bewegender Moment, als auf der Videowand noch einmal sein Gedicht eingespielt wird, dass er auf der 100-Jahr-Feier vor 20.000 Menschen zum Besten gab. You'll Never Walk Alone mit Gänsehaut, da ist so manches Auge feucht geworden. R.I.P. Günter Peine.
Spiel (1)
Endlich geht es los, endlich wieder ernsthafter Fußball. Leider ist nach 20 Minuten schon zu erkennen, dass die Mannschaft auch noch eine Baustelle ist. Da geht noch nicht recht was zusammen, keine zwingenden Chancen die herausgespielt werden, nach vorne passiert wenig. Dafür ist die Abwehr weiterhin das Prunkstück, Torre und Mohr haben alles unter Kontrolle, auch Kalla gefällt mir heute ziemlich gut. Sollte er doch noch den Durchbruch schaffen?
Aber wo bleibt der Ideengeber? Bruns ist es heute jedenfalls nicht und auch sonst drängt sich niemand auf. Sobald die Mittellinie überquert wird ist vorbei mit Präzision, dabei haben die Ingolstädter auch nicht mehr Beine. Meine Stimme hat inzwischen deutlich gelitten und meine Zunge fühlt sich an wie ein trockener Klumpen Wolle, der die ersten Fäden verliert. Ich brauch dringend ein Bier sonst muss ich sterben. Als ich mich nach der Stadionuhr umdrehe sehe ich aus dem Augenwinkel den Ball bei uns einschlagen, so ein verd.. Glücklicherweise täuscht der Augenwinkel, das Ding geht ans Lattenkreuz, noch mal Schwein gehabt. Langsam frag ich mich nämlich, wer bei uns heute ein Tor schießen soll. Kurz vor der Halbzeit vibriert auch noch mein Handy und ich muss eine SMS beantworten. Nein, bitte kein Gedeck für mich. Fußball schlägt Grill. In Kurzform: bin stadion. Als ich das hinbekommen habe pfeift der Schiri zur Pause.
Zwischenspiel
Ja, die neue Tribüne ist super. Sind wir uns alle einig, anständige Stufen, die zudem noch derart sauber sind, dass man sich bequem hinsetzen kann. Trotzdem ist das eine total dämliche Idee, denn sitzende Menschen brauchen mehr Platz und das wiederum verhindert ein anständiges Durchkommen wenn man an die Tränke stürzen will. Endlich schaff ich es nach unten und bemerke am letzten Wellenbrecher einen festgeknoteten Schal. Ich vergattere den Besitzer das Ding ja hängen zu lassen, damit ich mich auf dem Rückweg orientieren kann, das sieht alles gleich aus hier. Gott sei Dank haben die Jungs hinter uns nicht übertrieben, für ein Notfallcatering werden die Schlangen am Bierstand recht zügig abgebaut, selbst Dixis sind genug vorhanden, nirgendwo steht jemand lange an. Mit drei eiskalten Bieren in der Hand mach ich mich auf den Rückweg, balanciere über Beine, Körper und Stufen ohne etwas zu verschütten und kann gerade noch zum Anpfiff der zweiten Hälfte endlich meinen Durst löschen. DAS war nötig.
Spiel (2)
Es geht weiterhin nicht wirklich voran, einzig Thy fasst sich mal ein Herz und zieht ab, das könnte ruhig öfter mal jemand versuchen. Ebbe kriegt heute nichts auf die Reihe und wirkt langsam mutlos, Bruns ist nahezu ein Totalausfall. Nur gut, dass die so hoch gehandelten Ingolstädter ziemlich harmlos sind. Und kaum hat man das zu Ende gedacht klingelt es auch schon in der Kiste, 0:1 durch Eigler, ich brech zusammen.
Auf den Schock ersma ne Sportzigarette und tief durchatmen. Die Stimme erheben um die Mannschaft nach vorne zu treiben, und zack, steht es 1:1 das geht fix. Florian Mohr per Kopfball, wenigstens ein Florian hat heute Lichtblicke, bis dahin sowieso schon bester Mann auf dem Platz. Alles muss die Abwehr bei uns selber machen.
Der andere Florian macht Platz für Akaki Gogia und der legt sehr engagiert los, das hat mir schon gegen Wedel gefallen. Giftig in den Zweikämpfen, traut sich mal was und bekommt Szenenbeifall von der Gegengerade. Leider gehts noch oft in die Hose was er versucht, aber der Junge hat Potenzial. Bringt uns heute aber nicht viel, statt nach dem schnellen Ausgleich einen draufzulegen wird weiter erfolglos das präzise Passspiel geübt. Das hätte man im Training machen sollen, hier ist immer ein Ingolstädter Bein dazwischen. Ebbe verballert wieder mal, kann den Mann mal jemand erlösen? Das ist heute nicht sein Tag. Endlich darf er raus, Ginczek kommt 10 Minuten vor Schluss und wohl mindestens 10 Minuten zu spät. Kaum ist er im Spiel hat er eine 100%ige und macht nichts draus. Das wär ihr Preis gewesen, so eine Einführung vor Heimpublikum ist doch ein Traum. Den kann er dann kurz vor Schluss noch einmal verwirklichen, aber mit einem Ball den seine Mudder gehalten hätte wird das leider nichts.
Dann ist es vorbei, zwei Punkte verschenkt gegen einen harmlosen Gegner, da warten noch ganz andere Kaliber. Ralle Gunesch holt sich verdienten Beifall ab für den erkämpften Punkt und bekommt ein lautes You'll Never Walk Alone mit auf den Weg nach Auditown. Aufstiegs- und Bokalheld, Sankt Pauli vergisst nie.
Nachspiel
Ich hol mir noch ein Bier und greife zum Handy um Junior anzurufen, wenn die zufällig bei diesem Traumwetter auf dem Spielplatz an den Wallanlagen sind könnte ich mich von der Prinzessin ein wenig aufheitern lassen, das ist ja um die Ecke. In diesem Moment bekomme ich eine SMS mit dem Inhalt AFM-Container? Also heute kein Spielplatz, dafür noch ein Bier mit der Tresengang. Natürlich haben die Herren einen Sitzplatz für mich, was nach fast vier Stunden auf Beton ein wahrer Segen ist.
Außerdem kann meinem neuen Hobby Feetfotografie nachgehen, heute durch die üppige Glasdekoration besonders spannend. Eine Sportzigarette gibt es noch dazu, sowie das Angebot mit aufs Methfesselfest zu kommen. Skinny Bitch spielen da, die sollte ich mir ja schon mal ansehen.
Ich bin kurz davor die Einladung anzunehmen, aber dann kommen mir enorme Zweifel an meiner Konstitution und ich entscheide mich für den Heimweg. In diesen Momenten fehlt mir dann so ein Pappenheimer, der mich noch mitreißen kann. Methfesselfest ist schon nett, aber mitten in der Nacht noch eine Stunde alleine mit ÖPNV rumgondeln müssen nervt mich einfach tödlich.
Vielleicht sieht man sich ja nächstes Wochenende auf dem Wutz, da hab ich Samstag um 15:30 eine Verabredung mit WellBad.
Momentan hab ich eine mit Patti Smith - Easter/Wave/Trampin'
Samstag, 11. August 2012
Armer Ritter
Sollten die Preise für Chips, Bier und Popcorn in amerikanischen Kinos ähnlich abenteuerlich gestaltet sein wie hier, dann darf man sich nicht wundern wenn jemand Amok läuft. Mehr als acht Euro für ein Bier und eine paar Chips mit Sauce dürften selbst Bruce Wayne auf Dauer in einen armen Ritter verwandeln, rechnet man die zwölf Euro für eine Eintrittskarte dazu, dann hätte ich mir für das Geld in ein paar Wochen den Film auf Bluray kaufen und einen gemütlichen Abend mit Bami Goreng vom Chinaman machen können.
Man hätte keine Werbung ertragen und in der völlig unnötigen Pause nicht zehn Minuten blöde rumsitzen müssen, man hätte die Lautstärke etwas nach oben korrigieren können und wenn jemand frisches Bier aus dem Kühlschrank holen will drückt man kurz auf Pause.
Wäre ich ein eifriger Kinogänger hätte sich das Heimkino recht schnell amortisiert, andererseits bin ich nicht bekloppt und zahle solche Mondpreise für Gammelfutter. Zumal mir von den paar Chips die ich dem Hawk stibitzt habe und dem Rest Popcorn vom Herrn G. noch eine Stunde später schlecht war, wie man sich derartige Mengen von dem Zeug reinstopfen kann wie die Herren am heutigen Abend wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben.
Der Film ist dann auch noch ein wenig hinter den Erwartungen zurückgeblieben, nachdem ich vor ein paar Tagen erst The Dark Knight wieder gesehen hatte war mir eigentlich klar, dass der nicht zu steigern ist. Als Abschluss der von Christopher Nolan gedrehten Batman Trilogie war The Dark Knight Rises aber Pflichtprogramm.
Dabei sollte man es jetzt besser bewenden lassen, doch daran kann ich nicht ganz glauben. Es gibt Filme, da lässt man sich am Ende eine kleine Hintertür für Fortsetzungen auf, hier waren es ganze Scheunentore, hinter denen in neonfarbenen Buchstaben "Fortsetzung folgt" flackerte. Ohne die Kombination Nolan/Bale geht das garantiert in die Hose, aber das muss ich mir dann auch nicht antun. Erst mit Bami Goreng vielleicht.
Ohne Goreng aber mit Kora: Taj Mahal & Toumani Diabaté - Kulanjan
Labels:
Freunde,
Kino,
Schweinkram
Donnerstag, 9. August 2012
Gegengerade Sankt Pauli, 20359 Erinnerungen
Für Zahlen ist in meinem Speicher kein Platz, an Zahlen und Daten kann ich mich nur sehr schlecht erinnern, ich habe gerade die nötigsten drei Geburtstage im Kopf, die drei, die dafür sorgen dass ich den auch behalten kann.
Wann ich das erste mal in meinem Leben auf der Gegengerade am Millerntor stand weiß ich nicht, das muss 1975 oder 76 gewesen sein, noch vor dem ersten Aufstieg des magischen FC in die Bundesliga. Damals war der Verein noch kein "Kult", es wehte nicht eine einzige Totenkopfflagge im Stadion und Hells Bells wurde von AC/DC ein paar Jahre später erst aufgenommen. Wer ein Spiel sehen wollte kaufte sich eine Karte, das Wort "ausverkauft" war im Sprachschatz eines St.Pauli Fans nicht vorhanden. Das Erinnerungsstück an den Aufstieg ist ein Skatblatt mit Spielern und halbnackten Mädchen, das heute einen Sturm der Entrüstung hervorrufen würde. Für diese sexistische Idee würden Köpfe rollen.
Die Gegengerade war ein Erdhügel mit Stufen, der sich bei Regen in eine einzige Matschfläche mit tiefen Pfützen verwandelte, im Winter zog der eiskalte Wind durch die letzte Ritze der Klamotten und im Sommer hat man geschwitzt wie in der Sauna. Anfangs gab es keine hinderlichen Zäune, so dass man je nach Lust und Laune auch mal hinter das gegnerische Tor laufen konnte, um den Torwart bei Elfmetern zu nerven. Oder den eigenen zu unterstützen. Genau betrachtet gab es früher schon Zeichen für meine spätere Berufung als Fußballwahrsager, als ich unserem damaligen Keeper "Rille" Rietzke einen gehaltenen Elfmeter prophezeite, was meine Kumpels alle für höchst schwachsinnig hielten, aber ich sollte recht behalten.
Wir feierten den Aufstieg in die Bundesliga, den ersten Derbysieg gegen den Lokalrivalen und ich feierte meine neuste Eroberung, eine junge Dame die ich auf den Stufen der Gegengerade das erste mal geküsst hatte, und die in der Zukunft dafür sorgen sollte, dass ich nicht mehr viele Spiele zu sehen bekam.
Familienplanung schlägt Fußball. Man kümmert sich um das Geld, um den Nachwuchs und den Haushalt am Wochenende, wenn die Frau im Krankenhaus Nachtschichten schiebt, und der Bekanntenkreis setzt sich aus Leuten zusammen, die man aus der Krabbelgruppe kennt.
Der FC St.Pauli ist trotzdem immer "mein" Verein geblieben, schon durch die sehr erfreulichen Veränderungen, die von der neuen linken Fanszene aus Hausbesetzern der Hafenstraße und sonstigen Punks initiiert wurden, Totenkopf? Fand ich geil. Antifaschistisch und antirassistisch? Klar doch, Nazis raus. Ich hatte zwar früher nie welche bemerkt, aber wenn welche da sein sollten, auf jeden Fall raus. Bei seltenen Gelegenheiten konnte ich mir das vor Ort ansehen und hab mich gleich wieder gefühlt wie zu Hause. Ende der 80er hat man der Gegengerade eine zusätzliche Tribüne spendiert, auf der man sogar trocken sitzen konnte, wenn der Regen nicht direkt von vorne kam. Eine kurzfristige Lösung nur, aus Eisenträgern und Holzbohlen, die dann mit jährlich erneuerten Ausnahmegenehmigungen über zwanzig Jahre die Heimat vieler Fans war. Darunter und davor.
Manchmal war ich auch dabei, mal mehr und mal weniger häufig, meistens wenn die Mannschaft gerade in der dritten Liga herumkrebste, weil man zu der Zeit keine Probleme hatte Karten zu bekommen. Bis mir vor einigen Jahren schlagartig klar wurde, dass ich heute wieder machen kann was ich will und wann ich es will. Niemand kann mich noch hindern ein Fußballspiel zu besuchen. Jedenfalls, wenn ich eine Karte kriege. Das erwies sich nämlich inzwischen als so gut wie unmöglich, es sei denn man wird Mitglied, also wurde ich Mitglied. Was die Sache zwar nicht unbedingt erleichterte, aber die Chancen erhöhte, so dass ich in den letzten Jahren nicht nur den Verein meines Herzens wieder lautstark unterstützen konnte, ich hab auch noch die alten Herren wiedergefunden, die mich damals das erste mal ans Millerntor geschleppt haben, als sie und ich noch keine alten Herren waren. Die haben schlauerweise ihre Prioritäten damals anders gesetzt als ich, und seit Urzeiten eine Dauerkarte.
Auf so ein Ding habe ich spekuliert, weil die alte Gegengerade jetzt ihr Leben lassen musste, zugunsten einer modernen Tribüne aus Beton, mit viel mehr Plätzen. Leider gab es mehr als 1500 Interessenten, was die Wartezeit wieder um ein paar Jahre nach hinten schieben wird, das Leben ist nu mal hart an der Küste.
Seit ich realisiert habe, dass der alte Bau nicht mehr lange stehen wird, an dem nicht nur bei mir viele Erinnerungen hängen werden, hab ich etwas Zeit (und Geld für eine neue Taschenknipse) investiert um möglichst jeden Wellenbrecher, jede Schraube, jeden Sitz und jeden verlassenen Bierbecher abzulichten und noch schnell eine der letzten Stadionführungen mitgemacht, bevor die Abrissbirne zuschlug.
32 dieser Aufnahmen hab ich herausgesucht, vor und nach den letzten Spielen, die ein klein wenig die Stimmung wiedergeben sollen, und die vielleicht die eine oder andere Erinnerung wachrufen, wenn man sich an das neue Betondingens zu sehr gewöhnt hat.
Leider ist das Ding noch nicht fertig, so dass meine Chancen auf einen Heimspielbesuch in zwei Tagen eher als gering einzuschätzen sind. Aber dieses Drama bin ich inzwischen gewöhnt.
Gegengeradenerinnerungsmusik: Slime - Alle gegen alle (und klicken macht Bilder groß)
Abonnieren
Posts (Atom)