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Mittwoch, 14. Oktober 2020

Kaufrausch im Nerdshop









Graphic Novels heißen heutzutage diese Bücher mit bunten Bildern, die man vorher mal als Comics und in noch früheren Zeiten sogar als kinderverderbende Schundliteratur bezeichnet hat, weil man fürchtete es könne negative Auswirkungen auf den erlernten Wortschatz haben, wenn Kinder mit Zack, Päng und Woooosh anfangen, statt mit Hegel und Kant. Was die deutsche Superman Erstausgabe von 1966 auf dem Markt heute bringt will ich besser gar nicht wissen, die wurde vom Familienoberhaupt ebenso entsorgt, wie meine restliche Sammlung an bunten Heftchen.

Im Nachhinein betrachtet nicht weiter tragisch, ein zerfleddertes Konglomerat aus Fix und Foxi, Micky Maus, Superman, Falk, Sigurd, Prinz Eisenherz und Zorro, von denen ich einzig Don Diego de la Vega vermisse. Das schmale Taschengeld meist mehr in Masse statt Klasse investiert. Ob Fix und Foxi schon als "Graphic Novel" durchgeht, da habe ich leise Zweifel, bei Prinz Eisenherz ist das ganz sicher anders, denn der ist inzwischen 83 Jahre alt und so etwas wie Kulturgut. Teures Kulturgut nebenbei, denn für die komplette Hal Foster Gesamtausgabe in 18 Bänden darf man um die 450 Euro latzen und hat dann immer noch nicht alles vom Prinzen aus Thule, weshalb Asterix wohl die einzige größere Gesamtausgabe in meinem Bücherregal bleiben wird.

Seit ich vor etlichen Jahren François Bourgeons Gefährten der Dämmerung in die Hände bekam, habe ich nicht mehr in bunte Bücher investiert. Zu teuer einfach, wenn die Preise auch angemessen sind, aber eine komplette Serie aus mehreren Bänden kostet schnell mal über 100 Euro, dafür bekommt man eine ganze Menge Text in vielen Büchern und die Bilder dazu entstehen im Kopf wenn's was taugt.

Dummerweise habe ich mich von einer Rezension im Spiegel verführen lassen und gedacht, ich könnte mich mal wieder mit etwas belohnen, macht ja sonst keiner. Der große Indienschwindel, ein Gaunerstück von Alain Ayroles und Juanjo Guarnido, wohl so etwas wie die Graphic Novel des Jahres und der Stil gefällt mir auch, will ich haben.

So etwas bestellt man nicht bei Amazon, dazu sucht man den Fachhandel auf und der ist tatsächlich ganz großartig, auch wenn die beiden Typen, die am Tisch in den dünnen Heftchen blättern, nicht Sheldon und Leonard heißen und die Frau hinter dem Tresen auch mit Schutzmaske sehr viel hübscher ist als Stuart, aber der Laden ist ein wahres Nerdparadies. Lauter Dinge, die ich vielleicht noch unbedingt haben müsste, würde ich mich nur ein wenig genauer umsehen, was ich tunlichst vermeide.

Den großen Indienschwindel haben sie natürlich nicht, vor einer Stunde den letzten verkauft. Das ist wirklich ärgerlich, aber wenn man schon mal da ist, nunja. Man soll den lokalen Handel doch unterstützen, gerade in diesen Zeiten und Long John Silver in der Gesamtausgabe kann nicht so verkehrt sein, Piratengeschichten gehen immer. 

Etwas von Moebius, da wäre ich auch nicht abgeneigt und Der schwarze Incal gilt ja als Meisterwerk und Lanfeust von Troy hatte ich mal zwei Bände in den Händen vor Jahren, das sollte man aber in der richtigen Reihenfolge lesen, genau wie Aldebaran und Antares und wenn auf einem Buchrücken steht: Schwarzer Humor. Intelligente Geschichte. Derbe Satire, dann triggert mich das dreimal heftig und ich muss das haben, zumal es der Komplett-Sammelband der gesammelten Chroniken von Wormwood ist und somit keine Folgekosten nach sich zieht.    

Da ich für weitaus mehr als 50 Euro eingekauft habe, hätte ich vielleicht nach dem Batman Multifunktionstool fragen sollen, das gibt es bei Onlinebestellungen nämlich dazu. Ein Batman Multifunktionstool! 1966 wäre ich damit der King gewesen.


Musik dazu: Andreas Vollenweider - Caverna Magica



Sonntag, 14. Juli 2019

Ein Wälzer voll Musikkritik















Kann sich von den Älteren unter uns noch jemand an Badfinger erinnern? Nein? Immerhin waren das die legitimen Nachfolger der Beatles, so oder ähnlich hat es der Rezensent im Sounds jedenfalls damals gesehen. Ein verzeihlicher Fehler, verzeihlicher jedenfalls als Alben wie Dylans Blood on the Tracks und Led Zeppelin IV nicht umgehend als Meisterwerke zu erkennen, oder die Behauptung Z.Z.Top könnte die Allman Brothers Band ganz locker auf der Überholspur abhängen. Die Allman Brothers! Mit Duane! Vollkommen lächerlich.

Kann man (wahrscheinlich um die peinlichsten Schnitzer gekürzt) alles nachlesen, denn das Kompendium Sounds: Platten 66-77, 1827 Kritiken, wird noch (gebraucht) ab 55 Euro auf dem Buchmarkt gehandelt. Obwohl es hin und wieder Spaß machen kann in alten Schwarten zu blättern, die Platten von 66 bis 77 kenne ich so auswendig wie dieses Buch, denn die Hälfte davon steht ohnehin im Regal. Langsam musste unbedingt etwas Neues her.

Gute und schlechte Musik aus drei Jahrzehnten, zusammengefasst in über 3000 Plattenkritiken und geschrieben von einem Musikjournalisten mit exquisitem (rein zufällig dem Verfasser dieser Zeilen sehr ähnlichem) Musikgeschmack, wäre genau der passende Nachfolger. Kostet in der gedruckten Version nur wenig mehr als das antiquarische Gelöt aus dem 2001 Verlag und bietet zudem noch ein Vorwort des von mir sehr geschätzten Jan Plewka. Muss man einfach zugreifen.

Mindestens 1173 Kritiken mehr als die alte Schwarte, sehr viel aktueller (1989 bis 2016) und ein garantiert hoher Unterhaltungswert. Einmal sicher durch die (vom Herrn Wagner inzwischen selber eingeräumten) Fehldiagnosen, zum Anderen durch die Neugier auf Rezensionen eigener Lieblingsbands oder Platten, nicht zuletzt durch den bekannten Sprachwitz des Autors - und dazu natürlich durch die unschätzbare Möglichkeit, irgendwelche Perlen der Musik zu entdecken, die bisher aus unerfindlichen Gründen an mir vorübergegangen sind. 

So wie etliche Perlen möglicherweise auch an Musikjournalisten vorübergehen, denn leider lese ich, mit nur einer Ausnahme, nichts über meine zehn Platten für die Insel und auch bei den Interpreten sieht es doch schmaler aus als gedacht. Vielleicht ist der Beruf des Musikjournalisten doch nicht so erstrebenswert, wenn man sich Mariah Carey anhören muss, statt Tamikrest, Florence + the Machine oder Tara Nevins. So manches Geheimnis wird also nie gelüftet werden, aber immerhin bescheinigt er Townes Van Zandts No deeper Blue die Schönheit der untergehenden Sonne, für die restlichen neun Alben lässt das hoffen.

Für geradezu lächerliche 2.99 Euro gibt es das auch in einer Version für das eBook, was den Vorteil hat, dass man seine Regalbretter nicht versetzen muss, damit das 1.6 Kilo schwere Monstrum noch in die Musikabteilung passt.

Aber Papier ist irgendwie doch analoger und schöner zum Stöbern, es reicht schon dass die Musik digital geworden ist.

Fotos dazu: Nikon D7200, Tokina 100mm Makro (1)
Musik dazu: 75 Dollar Bill - I Was Real



Mittwoch, 22. Mai 2019

Viele Zettel ergeben ein Buch















Biografien waren für mich immer die uninteressanteste Kategorie in der Literatur, abgesehen von den abgedrehten Drogenexperimenten eines Jerry Garcia oder Deke Leonards Geschichte der Waliser Band Man konnte mich bisher nichts dazu bewegen eine Biografie zu lesen. Schon gar nicht die Biografie eines Fußballers. Bis heute.

Das liegt hauptsächlich daran, dass Ewald Lienen nicht nur als Spieler und Trainer in Erscheinung getreten ist, sondern mir auch als politischer Mensch, Linker und Friedensaktivist wesentlich näher steht als alle Kaiser Firlefranzes und Loddars dieser Fußballwelt, ganz egal wie schön sie den Ball streicheln konnten.
Und natürlich, weil Ewald seit ein paar Jahren für den Verein meines Herzens arbeitet, wenn auch um Jahre zu spät und nicht mehr in der Position, in der ich ihn gerne sehen würde.

Natürlich fängt das Buch mit dem Ereignis an, durch das Ewald schlagartig berühmt wurde, DAS Foul der Fußballgeschichte überhaupt. Das Bild von der klaffenden Wunde auf Ewald Lienens rechtem Bein, aufgeschlitzt durch die Stollen des Bremers Norbert Siegmann, kann wohl jeder ältere Fußballfan aus seinem Gedächtnis abrufen. Selbst an Fußball eher weniger interessierte Schwiegermütter muss man nur auf dieses Foul hinweisen und sie erinnern sich wieder, wer Ewald Lienen ist. Dabei ist der Mensch Ewald Lienen sehr viel mehr.

Nach dem Prolog aus dem Schlachthaus geht es streng chronologisch weiter, Kindheit, Jugend, Schule etc. pp., recht konventionell erzählt, aber durch den immer wieder aufblitzenden Humor Ewalds und die für einen Fußballer sehr ungewöhnlichen "Nebenbeschäftigungen" in privaten, sozialen und politischen Bereichen, lesen sich die 420 Seiten recht flüssig weg, Anekdoten gibt es zuhauf.

Achtung Spoiler! 

Man erfährt, wie Lothar Matthäus ein Teil der Friedensbewegung wurde, wann er Felix Magath auf die Eier ging, wieso er auf eine mögliche WM Teilnahme in Argentinien verzichtete, weshalb er früher keine Autogramme gab, warum aus dem immer geplanten und mehrfach begonnenen Studium nie etwas wurde und warum Hannover 96 unter Martin Kind so ein Scheißverein ist, auch wenn Ewald das niemals so direkt sagen würde.

So richtig das Fett weg bekommt eigentlich niemand, außer einem Schreiberling der Vierbuchstabenzeitung und einem Herrn Kaenzig, der inzwischen für den VfL Bochum arbeitet. Zumindest von der Seite dürfte in nächster Zeit wohl keine Abwerbung zu befürchten sein. Meine Vorurteile über Bördivogts wurden zwar des Öfteren bestätigt, doch selbst ein Bördivogts ist kein schlechter Mensch und hilfsbereit in wirklich wichtigen Dingen und so etwas vergisst Ewald halt auch nicht.


Ein echtes Highlight ist seine äußerst kurios verlaufene Trainerkarriere in Griechenland und Rumänien, zumindest den Vereinen der ersten griechischen Liga hätte ich halbwegs professionelle Arbeit zugetraut, ein Wunder ist für mich eigentlich nur, dass Ewald es trotzdem bei gleich drei Vereinen versucht hat. Das Wetter ist da unten allerdings auch echt nicht zu verachten.

Für Fans des magischen FC ist das letzte Kapitel ganz sicher am interessantesten. Wer immer schon mal wissen wollte, wieso nach der grandiosen Rückrunde nicht mit dem Team Ewald und Olaf Janßen auf der Bank weitergemacht wurde, erfährt hier wenigstens seine Sicht der Dinge. Was mir auch nach der Lektüre immer noch nicht ganz klar wurde ist sein momentanes Betätigungsfeld im Verein, es scheint ein wenig, als könnte er machen wozu er gerade Lust hat. Gönn ich ihm.

Fazit: Ewald Lienen Trainergott! Zumindest Trainergott der Herzen. Irgendwann lass ich mir das Ding signieren, inzwischen sieht er das mit den Autogrammen ja nicht mehr so eng.

Foto dazu: Ewald Lienen - Ich war schon immer ein Rebell, Piper Verlag
Musik dazu: Zachary Richard - Coeur Fidèle / Last Kiss

Dienstag, 29. Januar 2019

Wenn Rapunzel sich an ihrem Haar erhängt
















Ehrenwerte Städter, bitte denkt daran, etwaige Passanten zu warnen, bevor ihr die Nachttöpfe aus dem Fenster ausleert.
Der Rat der freien Stadt Novigrad.

Man könnte eine Special Edition rausbringen, mit Riechstäbchen in den Richtungen Blut, Schweiß, Verwesung und Kloake. Am besten zusammen mit einer brandneuen Erweiterung in der Größe von Blood & Wine, ich würde fast jeden Preis bezahlen. Auch ohne Riechstäbchen. Denn der einzige schwere Fehler bei The Witcher 3: Wild Hunt ist, wie bei jedem guten Film, Buch oder Spiel: Es ist irgendwann vorbei. Und der Hexer war nicht nur gut, der war atemberaubend. So gut, dass ich mir anschließend sogar die Buchvorlage besorgen musste, aber auch fünf Wälzer sind in ein paar Wochen weggelesen.

Genau wie bei Game of Thrones stellt sich wieder einmal heraus, dass man nur fantastisch gute Romanvorlagen benötigt, um wahrhaft fantastische Fernsehserien oder Spiele produzieren zu können. Jedenfalls wenn man sich Mühe gibt und die Vorlage liebt, wie die Entwickler bei CD Projekt Red, was man dem Spiel in jeder Sekunde ansehen kann. Auch wenn sich Sapkowski etwas zäh liest am Anfang, spätestens ab Band 2 legt man den kaum noch weg. Dabei lässt er derart Blut und Gedärme spritzen, dass es geradezu nach einer Computerspielausgabe verlangt hat. Detailgetreu umgesetzt, hat die dann folgerichtig auch den FSK 18 Sticker verpasst bekommen.

Wer also demnächst 18 wird, ein Faible für Märchen, Sagen und sonstige Fantasy hat und einen ausreichend schnellen Computer besitzt, der sollte sich das unbedingt zum Geburtstag wünschen oder einfach kaufen. Alle anderen haben das wahrscheinlich ohnehin schon getan in den letzten drei oder vier Jahren, darum könnte ich hier auch spoilern was das Zeug hält, kennt eh fast jeder der sich auch nur ansatzweise für so etwas begeistern kann.

343 Stunden Spielzeit habe ich gebraucht sagt mein Account bei Steam, also ungefähr dreimal so viel wie der Durchschnittsspieler benötigt schätze ich, davon sind bestimmt so viele Stunden an Dialog-, Start-, Zwischen- und Endsequenzen, dass es für mehrere abendfüllende Filme gereicht hätte.

Nicht eine Stunde davon war verschwendete Zeit. Kein Film kann so festnageln wie der erste Pfeil, der dich bei vollem Galopp aus dem Sattel holt, oder auch nur annähernd so fesseln wie der Trupp orientalischer Soldaten, der dich zur Hinrichtung nach Ophir schleppen will, weil du gerade unwissentlich ihren Thronfolger gekillt hast. Keine Fete kann so unterhaltsam werden wie die Sause des toten Mannes und kein Skatabend so hart wie das Gwint-Turnier von Beauclair.

Ich mag meine Filme gerne interaktiv, ganz besonders wenn man außer spannenden Geschichten, witzigen Momenten, faszinierenden Charakteren und herausfordernden Kämpfen noch einen zynischen, an der Welt, den Menschen und sich selber zweifelnden alternden Berufskiller spielen kann, der dem ganzen Wahnsinn um sich herum mit viel Ironie, einem eigentlich goldenen Herzen und zwei sehr scharfen Schwertern begegnet. Phänomenal. Da kommt kein Peter Jackson gegen an, der im Maximalfall für den dreifachen Preis knappe 11 Stunden zu unterhalten weiß und dabei mit seinen Hobbitwanderungen sehr viel weniger Adrenalin in die Blutbahn bringt.

Auf den blutigen Schlachtfeldern von Velen, in den vom Bürgerkrieg oder großen Schlachten zerstörten Dörfern, in den großen Städten wie Oxenfurt und Novigrad und im sonnigen Beauclair findet man immer wieder Anspielungen auf bekannte Sagen, Märchen, Bücher oder Serien: Artus und der heilige Gral, Nibelungen, Robin Hood, Herr der Ringe, Game of Thrones, Gebrüder Grimm und nicht zuletzt die titelgebende Wilde Jagd, alles dabei was Rang und Namen hat. Wo sonst könnte man gegen Basilisken, Sirenen, Waldschrate, Djinns, Werwölfe, Vampire, Kobolde und Zyklopen besser kämpfen als in so einer Welt. Wenn man erst einmal gelernt hat das zu überleben, macht das einen Heidenspaß und man kann sich ganz der eigentlichen Aufgabe widmen, dem hoffentlich glücklichen Ende.

Als alter Romantiker hätte ich nämlich auch gerne ein Happy End, mit allem was dazu gehört. Der Held kriegt die Liebste, das Kind wird gerettet, die wenigen netten Typen überleben und die schlimmsten Arschlöcher haben ins Gras gebissen, all killed by myself. Das ist hier allerdings ähnlich wahrscheinlich wie Doppelmord, Bürgerkrieg, Chaos und das Ende der Welt, hängt ganz davon ab, welche Entscheidungen man vor Stunden, Tagen oder sogar Wochen getroffen hat. Was den ganzen Ablauf nochmal deutlich spannender macht als diese zweistündigen Unterhaltungsstreifen mit Regieentscheidung, man kann dabei gehörig verkacken, sogar bei der Liebsten.   

Was immer noch nicht das Ende sein muss, dank der grandiosen Erweiterung Blood & Wine, einer tragischen Schwesterfehde im Land der fahrenden Ritter und des Weines. Dort wird man für die vielen Tage Scheißwetter in Velen mit reichlich Sonne entschädigt, bekommt ein abgewracktes Weingut geschenkt und darf am Ende sogar auf einem Einhorn durch das kunterbunte Märchenland reiten.
Dabei sollte man nicht nur gut auf die vielen wuselnden Wolpertinger und Däumelinchens winziges Dorf achten, denn die drei kleinen Schweinchen entpuppen sich als mindestens ebenso haarige Mistviecher wie der böse Wolf und Großmutters verfluchter Geist. In einem Märchenland, in dem sich Rapunzel an ihrem eigenen Haar erhängt, muss man halt mit allem rechnen.


Fotos dazu: Andrzej Sapkowski / Geralt-Saga - Screenshots The Witcher 3:Wild Hunt
Musik dazu: Tom Waits - Orphans




























 

Freitag, 25. November 2016

Das kleine Buch der vergessenen Schätze














Immer wenn die Nachbarin kocht riecht es im ganzen Treppenhaus derart lecker nach guter alter Hausmannskost, dass ich am liebsten klingeln und mich zum Essen einladen würde. Wie früher bei Muddern, nur dass Muddern schon lange keine Lust mehr hat zu kochen, das angeblich gar nicht mehr kann und so gut wie alles vergessen hat.

Während mein Schwesterherz ganz geschickt einmal im Jahr so etwas wie Curryhuhn oder wenigstens ein paar Kohlrouladen für den Tiefkühler abgreift, bekomme ich auf die Frage nach speziellen Rezepten immer die gleichen Antworten: So etwas habe ich mal gekocht? Das weiß ich doch nicht mehr. Daran kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Ach was, das hat Oma immer gemacht, ich weiß nicht wie das geht.

Und dann erfährt man nach Jahren vergeblicher Nachfragen irgendwann ganz nebenbei, dass ein Kochbuch existiert in dem sie all ihre Rezepte fein säuberlich aufgeschrieben hat. Alle! Rezepte! Auch das mit dem heißen Kirschauflauf und der Vanillesauce, auch die grünen Nudeln mit Schinken, das Curryhuhn und das Quarkbrot von Oma Frieda, von dem man immer nur eine Scheibe essen konnte, weil das Zeug wie Blei im Magen lag.

Demnächst werde ich wohl etwas mehr Zeit in der Küche verbringen.

Kochbuchbier: Mashsee/Buddelship Moonshine Midnight Brew, Imperial Pils, 7.0% 
Kochbuchmusik: Widespread Panic - Street Dogs






Dienstag, 10. September 2013

Intrigen, Sex, Verrat und blutige Morde















Irgendwann im letzten Frühjahr bekomme ich einen Anruf vom Gnorx aus Köln. Ein Wortschwall ergießt sich über mich. Eine sehr aufgeregte Stimme erzählt mir etwas von Lieblingsbüchern, die gerade verfilmt werden. Oder verfilmt wurden, zum Teil jedenfalls schon, denn es ist eine ganze Serie. Zehn Bände hätte er schon gelesen, aber es ginge weiter, der Autor schreibt noch. Das beste was er je im Bereich Fantasy gelesen hat, ein gewaltiges Epos und eigentlich nicht verfilmbar, macht man nicht eine ebenso gewaltige Serie daraus, aber scheinbar hat das gerade jemand vor. Und der Autor schreibt an den Drehbüchern mit, deswegen kann das eigentlich nur gut werden. Jedenfalls ist das alles der schiere Wahnsinn und ich würde mich doch mit dunklen Kanälen im Netz auskennen, ob ich mal gucken könnte, das müsste er uuuunbedingt sehen.

Aha. Nun ist der Mann ein Bücherwurm vor dem Herrn, die ziemlich umfangreiche Bibliothek des Hauses ist ihm mit Sicherheit um ein vielfaches wichtiger als seine Glotze, deswegen überrascht mich das ein wenig, aber wenn Lieblingsbücher verfilmt werden kann man schon ein wenig aus dem Häuschen geraten.
Das Lied von Eis und Feuer finde ich jedoch nicht auf den einschlägigen Seiten, ist vielleicht ja noch in der Planung, aber ich frag mal rum bei Gelegenheit. Bei verfilmten Lieblingsbüchern wäre ich ohnehin sehr skeptisch, das kann eigentlich nur in die Hose gehen. Meine Lieblingsbücher waren im Kino immer Vollschrott, gekürzt und verstümmelt, und bei den beschränkten Möglichkeiten des Fernsehens kann, gerade bei aufwändigem Stoff, bestenfalls eine mittelprächtige Serie entstehen. Die Artussage als kleines Fernsehspiel muss ich nicht haben.

Kurz darauf fällt mir der Versandhandel als Quelle ein und siehe da, die erste Staffel gibt es sogar schon auf Silberlingen. Man hat sich gar nicht erst die Mühe gemacht den deutschen Buchtitel für die Serie zu verwenden, aber sucht man nach Game of Thrones ist die Beschaffung kein Problem mehr.

Nach inzwischen drei Staffeln kann ich nur sagen, das Fernsehen ist auch nicht mehr das, was es mal war. Dank des cleveren Geschäftsmodells amerikanischer Anbieter wie HBO sind heute qualitativ hochwertige Serien für Erwachsene tatsächlich kein Traum mehr. Angesichts der Tatsache, dass mit der dritten Staffel gerade mal zweieinhalb von inzwischen elf Büchern verfilmt wurden hoffe ich nur, dass sich das nicht in ein paar Jahren zum Alptraum entwickelt. Vor ein paar Wochen erst beklagte sich ein Freund auf meinem Anrufbeantworter, wieso ich ihm diese Serie empfehlen konnte. Das mache ja süchtig, etwas spannenderes habe er selten gesehen. Und natürlich die obligatorische Frage, wo gibt es die dritte Staffel, es ist egal was es kostet. Soviel zum Geschäftsmodell.

Dabei sind durchaus nicht alle zufrieden, wobei mir die wenigen negativen Rezensionen bei Amazon eher ein Grinsen abringen. Da fragen sich einige der Rezensenten, wieso man denn nur den Hauptdarsteller der Geschichte schon am Ende der ersten Staffel hat sterben lassen, ein Ding der Unmöglichkeit so etwas. Anderen fließt immer noch nicht genug Blut, die hätten gerne mehr Schlachtgetümmel, klirrende Schwerter, rollende Köpfe und nicht so viel Text. Zu wenig Äkktschn und viel zu viel Text, die sabbeln ja nur.

Ich frage mich dabei immer, warum ich zehn Minuten lang einem Haufen Leute dabei zusehen soll, wie sie sich die Schwerter in den Leib stechen und die Gliedmaßen abschlagen. Das sind zehn Minuten weniger Zeit für die Geschichte und am Ende ist ohnehin nur wichtig, wer lebend vom Schlachtfeld zurückkehrt. Denn in den nächsten Staffeln, davon bin ich überzeugt, werden noch sehr viel mehr Hauptdarsteller sterben, die wenigsten auf dem Schlachtfeld und keiner wenn man es erwartet. Manchen wünscht man einen möglichst qualvollen Tod, bei anderen hofft man, sie würden diese grausame Geschichte irgendwie überleben und nicht immer endet es so, wie man es sich wünscht. Das Leben ist hart auf dem Kontinent Westeros und der Tod macht keine Unterschiede. Der nimmt auch keine Rücksicht auf Kinder (und Hauptdarsteller), was diesem Plot, trotz all der fantastischen Gestalten und Figuren, einen rücksichtslosen Realismus verleiht. Neben den blutigen Schwertern so ziemlich das Härteste was ich je gesehen habe, auf so einige Szenen ist man nicht wirklich vorbereitet, wenn man die Bücher nicht gelesen hat. Wie oft mir während dieser inzwischen dreißig Folgen die Gesichtszüge entglitten sind vermag ich nicht zu sagen.

Man merkt dieser Serie in jeder Minute an, dass hier nicht ein paar professionelle Drehbuchautoren den Auftrag bekommen haben, eine Fantasyserie mit mittelalterlichen Rittern, Untoten, Drachen und ein wenig Sex und Blut zu konzipieren. Das ist eine Buchverfilmung ziemlich epischen Ausmaßes, eine fein gewebte Geschichte mit unglaublich spannenden Handlungssträngen, die alle unweigerlich auf ein furioses Finale zulaufen, das ich mir momentan nicht einmal im Ansatz vorstellen kann - und mit einem derart hohen Suchtfaktor, dass ich geneigt bin dem Rat meines Freundes Gnorx zu folgen und die Bücher zu lesen, die Spannung ist ansonsten kaum auszuhalten. Immerhin hat er mir neulich gesteckt, dass im zehnten Band tatsächlich noch einer der wenigen anständigen Charaktere lebt.
Einer?

Ich hoffe der verarscht mich nur (und wehe einer spoilert hier).

Immer noch Scheißsechstagewochenextrementspannungsmusik am laufen tun haben: Global Underground 6 - John Digweed in Sydney/Global Underground 12 - Dave Seaman in Buenos Aires

Freitag, 18. Januar 2013

Ein Fremdwörterbuch und andere Änderungen















Nach zwei Jahren musste ich die Blogrolle mal etwas umorganisieren, denn leider haben sich einige meiner Favoriten aus dem Bloggerleben verabschiedet. Dafür sind gerade im Fußballbereich einige dazugekommen, was das ganze für mich langsam etwas unübersichtlich machte, denn hauptsächlich dient das Ding dazu, mich selber über Updates meiner Lieblingsblogs zu informieren.
Folglich hab ich den Fußballbereich deutlich erweitert und abgetrennt, den Rest bereinigt, und weil sich die wenigsten Leser für Blogrollen interessieren nutze ich diese Gelegenheit, euch explizit auf ein fremdwoerterbuch von Kübra Gümüsay aufmerksam zu machen, das ich seit einigen Monaten regelmäßig lese. Die Dame ist Kolumnistin bei der taz, ihr Blog dürfte also schon bekannter sein, zumindest bei taz-Lesern. Außerdem war sie 2011 für den Grimme Online Award nominiert, müsste also auf etlichen Best-of-Internet Listen auftauchen. So etwas lese ich leider nicht, daher hab das erst vor einigen Monaten zufällig entdeckt und finde das ganz fantastisch. Völlig egal ob sie über Medien, Internet, Politik, Gesellschaft, Feminismus, Islam, Filme, Kunst, Musik oder Kultur schreibt, oder einfach nur einen gefilmten Reisebericht mit großartiger Musik unterlegt, ganz fantastisch.

Außerdem unglaublich spannend, die Sichtweisen einer in Hamburg geborenen und in England lebenden praktizierenden Muslimin mit türkischen Wurzeln kennenzulernen, Islam und Feminismus hab ich ehrlich gesagt vorher nicht in einen Zusammenhang bringen können.  
Das, finde ich, sollten viel mehr Menschen lesen als es wahrscheinlich ohnehin schon tun, es könnte helfen verkrustete Denkstrukturen zu lockern. Und manchmal ist es auch nur ungemein lustig und unterhaltsam.

Ähnlich wie Richard Thompson - Live at Celtic Connections 2012

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Der doppelte Boll














Als ich vor einigen Monaten die Ankündigung dieses Buches in der Zeitung las war ich wie elektrisiert. Eine Biografie über meinen Lieblingsspieler, meine unangefochtene  Nummer 1, Fabian Boll, das Herz von Sankt Pauli. Vielleicht ein wenig früh, schließlich spielt der Mann noch, die Karriere ist glücklicherweise noch nicht vorbei, wenn auch sicher nicht mehr viele Jahre auf dem Platz folgen.
Trotzdem konnte ich es kaum abwarten das Buch in den Händen zu halten. Vor ein paar Tagen bin bei Amazon wieder darüber gestolpert, erscheint voraussichtlich am 4.Oktober. Tonträger bekommt man da immer sehr pünktlich am Erscheinungstag, das wird mit Büchern nicht anders sein, da kann man schon mal vorbestellen. Gedacht, getan. Seit dem 4.Oktober war leider nichts mehr zu erfahren, das Datum wurde ersatzlos gestrichen und durch den lapidaren Satz ersetzt, man würde die Kunden zeitnah über das Datum informieren. Tolle Wurst.

Gestern war es dann soweit, eine Paketzustellung an den Nachbarn, den ich um Mitternacht natürlich nicht mehr aus dem Bett klingeln wollte. Dafür bekam ich heute morgen ein ziemlich dickes Paket von ihm. Da passt mehr als ein Buch rein. Waren dann auch zwei.

Also echt, Amazon, dass ich das im Juli auch schon vorbestellt habe hättet ihr ja mal am Rande erwähnen können. Aber da seid ihr nicht anders als Saturn, wenn ihr Sachen doppelt und dreifach verkaufen könnt, dann fragt ihr nicht lange nach. In diesem Fall schick ich es trotzdem nicht zurück, auch wenn Herr L. dummerweise schon eins hatte, den nächsten Interessenten fand ich zwei Minuten später.

Geht weg wie geschnitten Brot, ist aber garantiert auch sehr viel lustiger als eine Biografie von Kaisern oder Titanen. Bis jetzt hatte ich zwar nur Zeit für die Bildunterschriften im bunten Mittelteil, aber alleine für das göttliche Foto mit Jarolim lohnt sich das Buch schon.

Ich freu mich. Auch über die kleine silberne Plastikscheibe die ich noch im Paket gefunden habe: Todd Snider - Agnostic Hymns and Stoner Fables

Donnerstag, 5. April 2012

Neues aus der Barbary Lane














Wann immer die Rede auf Lieblingsschriftsteller kam fielen mir nur die üblichen Verdächtigen ein, Douglas Adams, oder T.C.Boyle, was einfach daran lag, dass ich selten mehr als ein oder zwei Bücher von einem Autoren gelesen habe, mit den erwähnten Ausnahmen. Dabei gibt es noch einen dritten, den ich viel zu oft vergessen habe zu erwähnen, denn vor zwanzig Jahren habe ich kaum etwas mit größerem Vergnügen gelesen als die Stadtgeschichten von Armistead Maupin. Wie ich damals auf die Serie gekommen bin weiß ich inzwischen selber nicht mehr, ich nehme mal an es war eine Aktion bei 2001, wo ich mich sehr häufig mit günstigen Büchern eingedeckt habe.
Die oftmals haarsträubenden Erlebnisse von Mary Ann Singleton, Michael "Mouse" Tolliver und ihrer Mitbewohner im Haus der transsexuellen Vermieterin und Übermutter Anna Madrigal, die ihre Mieter mit den feinsten Cannabissorten aus ihrem verwunschenen Garten im Hinterhof der Barbary Lane zu verwöhnen pflegte, zwischen Schwulen und Heteros, Lesben und Transen, Stink- und Neureichen, Hippies und Obdachlosen, Sektierern und Junkies, im von der AIDS Epidemie geplagten San Francisco der 80er Jahre, sind zuerst als Serie im San Francisco Chronicle erschienen, später als Buchreihe veröffentlicht worden, und ein absoluter Süchtigmacher, den ich in der Zeit dreimal komplett durchgelesen habe. 
Bedauerlicherweise war nach sechs Bänden Schluss mit Lustig, doch neulich bin ich über eine Neuerscheinung gestolpert, die allerdings auch schon zwei Jahre auf dem Buckel hat, aber wer kann schon ahnen, dass Maupin zwanzig Jahre später noch einmal nachlegt.
Die Charaktere sind inzwischen auch zwanzig Jahre älter geworden, aber sofort wieder präsent, als hätte man sie nie aus den Augen verloren. Die damals aktuellen Themen wie AIDS oder der Massenselbstmord in Jonestown wurden abgelöst durch Internet und Facebook, ansonsten erwartet einen wieder die wilde Mischung aus skurrilen Figuren und unglaublichen Geschichten, die ich schon in den alten Büchern geliebt habe.
Daher komm ich momentan auch nicht zum schreiben, ich muss erst einmal lesen, in jeder freien Minute, und davon habe ich grad nicht so viel.

Passend zur Stadt gehört: Grateful Dead - American Beauty

Großartig find ich momentan wieder einmal Streetview, das mir erlaubt in den gleichen Gegenden herumzulaufen wie die Charaktere in den Büchern. Ausnahme ist leider die fiktive Barbary Lane, durch verwunschene Gärten passte das Googleauto nicht. Muss ich wohl doch nochmal hin da.