Samstag, 28. Januar 2023

Eine mordsmäßig schreckliche Familie

 








Wer klettert absurd glatte Felswände hoch wie eine Eidechse, springt aus noch absurderen Höhen herunter ohne sich einen Knochen zu brechen, balanciert auf dem Mast eines im Sturm schwankenden Schiffes, massakriert haufenweise Athener, Spartaner und andere Gangster, ist aber zu doof die klapprige Holztür eines bäuerlichen Anwesens einzutreten? Kassandra von Sparta, Tochter des Pythagoras, angebliche Enkelin von Leonidas und Protagonistin in Assassin's Creed Odyssey. Nach Origins der zweite und höchstwahrscheinlich letzte Teil der Serie den ich durchgespielt habe. Aus diversen Gründen.

Habe ich bei Origins noch die simple Handlung bemängelt, war der Rachefeldzug Bayek von Siwas wenigstens nachvollziehbar und die Charaktere einigermaßen glaubwürdig. Aber wer sich die völlig schwachsinnige Geschichte dieser Spartanerfamilie ausgedacht hat, muss ein wahrhaft teuflisches Kraut geraucht haben. Was für eine Sippe. Alles Schlampen, außer Mutti. Weil Mutti aber gerne ihre Familie glücklich vereint sehen will, geben wir uns alle Mühe und verschonen das Pack für ein Happy End, nur weil ich das aus purer Gewohnheit immer anstrebe.

Erst Vati, der uns als Kind nach alter Spartanersitte über die Klippen geworfen hat, dann das arrogante Arschloch von Stiefbruder und am Ende sogar den leiblichen Bruder, der sich inzwischen zur Nummer zwei des feindlichen Templerordens hochgemordet hat. Dann hat man zwar am Ende eine sehr fähige Schiffsbesatzung für die Adrasteia, aber sollte ich jemals in Versuchung kommen das noch einmal zu spielen mach ich sie alle kalt. Ist mir dann auch egal was Mutti dazu sagt.

Das wird höchstwahrscheinlich aber nie passieren, denn Griechenland ist, verglichen mit dem Ägypten in AC Origins, nicht halb so interessant und nicht halb so abwechslungsreich. Alexandria und der Leuchtturm von Pharos schlagen Athen mitsamt Akropolis um Längen, die Pyramiden von Gizeh sind ohnehin unerreicht und lieber reite ich im Galopp durch die Wüste oder das Nildelta, als wieder vor der Felswand eines griechischen Gebirges zu stehen, das ich dann entweder weiträumig umreiten oder erklettern kann, je nachdem was schneller erscheint. Schlimmer als Norwegen.

Hat mich AC Origins noch durch seinen Detailreichtum beeindruckt, ist es bei Odyssey die schiere Größe der Karte die einen erschlägt, der drölfzigste griechische Tempel auf dem Berg gegenüber wird aber irgendwann langweilig. So ganz überzeugt waren die Programmierer wohl auch nicht, weshalb einen die Hauptmission nicht einfach in den Hafen von Piräus einlaufen lässt, was ja naheliegend wäre, will man nach Athen. Statt dessen ankern wir irgendwo vor der Küste und müssen einen Berg besteigen, der zufällig einen beeindruckenden Blick auf Athen samt Akropolis bietet. Ist man in dem von Sparta belagerten Loch allerdings erst mal drin, will man da auch schnell wieder weg.      

Was mich bei Laune gehalten hat waren die Nebenquests um Hippokrates, Sokrates, Alkibiades, Perikles und anderen Figuren der griechischen Geschichte, die zwar nicht minder blödsinnig, aber stellenweise immerhin witzig waren, die Seeschlachten mit der voll aufgerüsteten Adrasteia gegen legendäre Piratenschiffe und die ziemlich herausfordernden Kämpfe gegen Wesen der griechischen Mythologie. Als nicht besonders geschickter Spieler bin ich immer noch überrascht, dass ich den Zyklopen, die Medusa und den Minotaurus (fast) immer beim ersten Versuch erledigen konnte.

Es wären auch noch genug Nebenmissionen und Herausforderungen für zehn bis zwanzig Spielstunden vorhanden, aber inzwischen geht mir das seltsam emotionslose Wachsgesicht von Killer-Kassandra ein wenig auf den Zeiger, ich war auf jedem Gipfel und auf jeder Insel Griechenlands, hab 1000 Tempel besucht, 1000 Soldaten getötet und die Adrasteia und ihre Besatzung können es mit jeder Flotte aufnehmen, es reicht.

Vielleicht guck ich mich demnächst mal ganz woanders um. Der wilde Westen wäre vielleicht eine Möglichkeit, endlich mal Cowboy spielen und wenn man schießt fällt wirklich einer um, so etwas hatten wir ja damals nicht und Red Dead Redemption sieht schon krass geil aus.

Allerdings bin ich noch nicht sicher ob es mir gefällt Banken auszurauben, Postkutschen zu überfallen und armen Farmern auf's Maul zu hauen, weil die ihre Schulden nicht bezahlen können. Das ist nicht mein Stil, normalerweise schieß ich lieber untoten Unterweltfürsten einen Pfeil ins Auge. 

Fotos dazu werden auch immer realistischer, jetzt sogar mit Sensorflecken: Assassins Creed Odyssey

Musik dazu: Klangstrahler Projekt - The Secret Files 

 














 

 

 

   

 



Donnerstag, 19. Januar 2023

Geschichten aus der Küche

 









Früher war zwar nicht alles besser, einiges dafür sehr viel einfacher. Zum Beispiel diese Ernährungssache. Man hatte entweder Brot und Aufschnitt in der Firma liegen, holte sich vor der Schicht Brötchen oder nutzte die Kantine. Wenn ich am Wochenende mal am Herd stand, weil dem Appetit auf anständige Frikadellen anders nicht beizukommen war, blieb das eher die Ausnahme. Unterwegs ein Restaurant, nach Heimspielen der Lieferservice, alles ungesund, aber macht satt und spart Zeit, von der man eh zu wenig hatte. 

Hat man aber auf einmal viel Zeit und keine Kantine mehr, sieht die Sache schon anders aus. Der Lieferdienst ist nicht nur aus finanziellen Gründen keine Option, will man sich nicht dauerhaft von Pizza, Burgern und Sushi ernähren. Nach Jahrzehnten der spannenden Wahl zwischen Kantine oder Stulle wird jetzt also gekocht. Nicht immer, aber doch relativ häufig.

Obwohl schon recht viele Menschen meine Fähigkeiten in der Küche mit Lob bedacht haben, stehe ich der ganzen Sache eher skeptisch gegenüber, möglicherweise waren die auch alle nur zu faul selber zu kochen. Für gänzlich untalentiert habe ich mich zwar nie gehalten, aber seit ich einen wahren Meister dieses Fachs kennenlernen durfte, hat das dem Selbstvertrauen einen ziemlichen Dämpfer verpasst. Jetzt weiß ich wenigstens, woher die teils absurden Zubereitungszeiten in Rezepten kommen. Die machen alles gleichzeitig und alles dreimal so schnell wie Otto Normalkoch, trotzdem alles aufwändiger, weil sie gleich drei Pfannen benutzen statt einer und natürlich schmeckt das dann auch alles dreimal so gut wie gewohnt.

Ist man mal ein paar Tage von so einem Sterneküchenbrutzler verwöhnt worden, kann man sich gut neu einschätzen, weil man jetzt immerhin weiß wie es schmecken könnte, würde man einen ähnlichen Aufwand betreiben, das nötige Können vorausgesetzt. Trotzdem bin ich nicht ganz ungeschickt in der Küche und einfache Rezepte sollten mir eigentlich keine Schwierigkeiten bereiten, schließlich will man sich nicht auf Bratkartoffeln oder Spaghetti Bolognese beschränken und auch mal Experimente wagen.

Keine große Hilfe dabei sind seltsame Youtubekanäle, die mir laufend most delicious dishes empfehlen, die allesamt easy to cook sind und in der Hauptsache aus Resten, Dosenthunfisch und/oder Hackfleisch bestehen, die man zusammen in der Pfanne erhitzt, oder irgend etwas damit füllt um es in den Ofen zu schieben. Das kann wirklich jeder Trottel (ich hab's versucht) und das Ergebnis schmeckt so wie es aussieht. Ungesund, macht aber satt.

Auf Twitter bekommt man am laufenden Band zu sehen, was sich die Leute so an Leckereien gönnen, aber selten die Rezepte dazu und auf chefkoch.de sind mehr Witzbolde als Chefköche unterwegs, da muss man nach Perlen lange suchen. 

Bei Spiegel Online hat es mir ganz besonders die Rubrik "Nervennahrung" von der Frau Lugert angetan, in der sie jedes Wochenende ein neues Rezept veröffentlicht und ihre Gerichte derart märchenhaft blumig beschreibt, dass man den zart schmelzenden Käse und die Kräuter fast schon riechen kann. Interessant ist die Rubrik vor allem, weil von Älplermagronen bis Bibimbap lauter exotisches Zeug dabei ist, das des Köchleins Horizont erweitern könnte. Ganz besonders gefreut hat mich neulich ein relativ einfaches Rezept fürt Mole Poblano, was ich beim nächsten Versuch noch etwas verfeinern werde, für's erste Mal aber schon recht zufriedenstellend war. 

Der Chicorée-Mandarinen Salat mit Ziegenfrischkäsedressing und karamellisierten Walnüssen war ganz großartig, hab den an einem Abend weggeknuspert. Simpel und gut, sieht man von der nervtötenden Arbeit des Mandarinenfiletierens ab, aber dafür musste man wenigstens den Herd nicht anmachen. Soll man den allerdings benutzen kann es schon mal kritisch werden, denn von der Vorstellung, man müsse sich nur sklavisch genau an Mengen, Zutaten und Garzeiten halten, dann hätte man am Ende ein professionelles Sternekochgericht auf dem Teller, hab ich mich inzwischen verabschiedet.

Dabei bin ich nicht mal sicher, dass das immer an mir liegt, aktuell bringt sie mich wieder zur Verzweiflung mit einem Kimchi Grilled Cheese Sandwich. Eine Kalorienbombe, aber bestimmt großartig! Das köstlichste Käsesandwich aller Zeiten!

Das hörte sich nicht nur fantastisch an, das kam auch gerade zur rechten Zeit, da mir eine Freundin neulich den Rest ihres selbst angesetzten Kimchis vermacht hatte und noch ausreichend Raclettekäse übrig war. Wenn schon zufällig alle Zutaten im Haus sind, muss man das natürlich sofort ausprobieren.

Aber entweder bin ich zu doof oder die Frau Lugert hat eine Pfanne mit Oberhitze, denn mein Käse schmilzt nicht in 5 Minuten bei heruntergeschalteter Hitze, auch nicht wenn ich einen Deckel auf die Pfanne lege und schon gar nicht der Käse, der auf dem Kimchi liegt. In zehn Minuten sah das zwar schon besser aus, aber nicht auf der Unterseite, die war schwarz, wie es Brot halt wird, wenn es zu lange in der Pfanne liegt.

Meiner bescheidenen amateurhaften Meinung nach (ich bin ja kein Koch wie die Frau Lugert) ist da schon die Reihenfolge falsch. Wenn ich das eine Brot mit Senf bestreiche, erst den Kimchi und dann den Käse drauflege und auf das andere draufzuklappende Brot nur Käse, ist erstens der Zeitpunkt des Schmelzens unterschiedlich und zweitens hab ich die Reihenfolge Brot -> Senf -> Kimchi -> Käse -> Käse -> Brot. Das macht in meinen Augen keinen Sinn, weshalb ich die Reihenfolge Brot -> Senf -> Käse -> Kimchi -> Käse -> Brot bevorzugen würde, wenn ich noch Kimchi hätte, aber der ist nu alle.

Ich bin auch nicht sicher ob man den ganzen Kram in der Pfanne machen sollte wenn man einen Kontaktgrill besitzt, mit Butter beschmieren kann ich die auch so und brauch dafür keinen ganzen Esslöffel. Aber vielleicht hat Frau Lugert ja keinen Kontaktgrill und muss das deshalb in der Pfanne machen.

Heute hab ich einen Kopf Weißkohl gekauft. Nicht etwa, weil ich vorhätte Kimchi zu machen, das würde viel zu lange dauern und ich hätte Chinakohl kaufen müssen, aber Frau Lugert hat da wieder etwas in petto, was ziemlich einfach klingt und auch ein klein wenig exotisch, Krautfleckerl hatte ich jedenfalls bisher nicht auf dem Zettel. In diesem speziellen Fall werde ich mich allerdings nicht sklavisch an das Rezept halten, denn Kümmel ist so ziemlich das ekelhafteste Gewürz überhaupt. Das muss auch ohne gehen.

Sollte das dann zu einer Enttäuschung führen muss ich wohl wieder eine meiner simplen Eigenkreationen bemühen. Die Garnelen mit Schalotte und Knoblauch in Portweinsahne mit den roten Chilinudeln von Aldi waren ziemlich genial und die Zutaten sind alle vorhanden.

Foto dazu: Chicoréesalat mit Mandarinen / Samsung A33

Musik dazu: Mark Knopfler - Down The Road Wherever

Mittwoch, 14. Dezember 2022

Pictures at an Exhibition

 









Hannover ist durchaus auch jenseits von Auswärtsspielen eine Reise wert und wer jetzt darüber lacht dem sei gesagt, dass man in Hannover immerhin einen Parkplatz findet, wenn man da hin muss. An einem Samstagnachmittag. In einer Wohngegend. Zehn Minuten vom Hauptbahnhof. Versuch das mal in St.Georg.

Das erklärt natürlich nicht, warum ich mich jenseits von Auswärtsspielen in Hannover herumtreibe, aber auch da gibt es nette Menschen und Angebote, die man nicht ablehnen kann. Eine Freundin darf ihre Bilder in der Niki-de-Saint-Phalle-Promenade ausstellen, weil der Schuhladen noch keinen Nachmieter gefunden hat und ich darf Kunst und Künstler fotografieren. Endlich mal etwas anderes als Dorfteiche. 

Bei der Vernissage werden vernissagetypische Getränke angeboten, Sekt, Sekt mit O und Herri, wie man das Bier in Hannover nennt. Also eigentlich kein Grund sich dauerhaft an der Bar aufzuhalten, stünde da nicht die entzückendste Bardame überhaupt, von der ich mich leider irgendwann losreißen muss, weil es ja nicht mein Job ist Bardamen zu fotografieren.  

Immerhin kann ich endlich mal die Gelegenheit nutzen und Künstler zu ihrem Werk befragen, das erleichtert ungemein das Verständnis für alles, was über Bob Ross hinausgeht. Der in Künstlerkreisen übrigens durchaus wertgeschätzt wird wie ich erfahre, schon weil er viele Menschen zur Malerei gebracht hat. Angeblich sogar völlig untalentierte, ich werd's aber wohl doch lieber nicht versuchen.

Die Kunst bereitet mir ja jetzt schon leichte Kopfschmerzen, denn wie fotografiert man Kunst? Um das möglichst exakt abzubilden müsste man eigentlich in ein Studio gehen, aber solange der Name nicht Kandinsky und der Ort nicht das Guggenheim-Museum ist wird mein Einsatz noch reichen hoffe ich.

Fotos dazu: Nikon D7200

Musik dazu: Thees Uhlmann - 100.000 Songs Live in Hamburg






  



Freitag, 9. Dezember 2022

Es klappert keine Mühle am rauschenden Bach

 









Auf der Rückfahrt von Hemmoor entdecke ich ein Schild, das meine sofortige Neugier weckt. "Zur Wassermühle" geht es da, an irgend einer Kreuzung zwischen Buxtehude und Hamburg und sofort habe ich Bilder im Kopf, von klappernden Mühlen und rauschenden Bächen, wie in dem alten Kinderlied. Und von Stativen und Langzeitbelichtungen. Da ich meine Neugier aus zeitlichen Gründen heute nicht befriedigen kann werde ich im Internet nachforschen müssen, wo hier eine Wassermühle steht und sich möglicherweise sogar dreht.  

Ganz überraschend finde ich sogar drei Wassermühlen in der Gegend, davon scheint das Mühlenmuseum Moisburg am interessantesten zu sein und wird der erste Anlaufpunkt einer geplanten Mühlentour, für die ich am Ende drei Anläufe brauche, denn für keine Wassermühle der Welt stelle ich mich freiwillig in einen zehn Kilometer langen Stau auf der Autobahn und das ist mittlerweile Alltag wenn man in den Süden will. 

Das Mühlenmuseum in Moisburg ist wirklich schön erhalten, hat aber natürlich kein schickes altes Mühlrad aus Holz, sondern eines aus Metall, was sicherlich sinnvoll, aber eben nicht romantisch ist. Dafür dreht es sich sogar ab und zu, aber leider nur an Sonntagen mit Autobahnstau. Um es einigermaßen vernünftig fotografieren zu können müsste man beim Nachbarn über den Zaun steigen, wofür mir sowohl die erforderliche Fitness als auch die nötige Frechheit fehlt.

Der nächste Versuch ist ebenfalls nicht sonderlich von Erfolg gekrönt, aber an der Holmer Mühle kann man gut sehen, warum Mühlräder nicht mehr als Holz sind. Schon der hölzerne Vorbau ist dermaßen verrottet, dass vor dem Betreten gewarnt werden muss. Auch hier gibt es feste Betriebszeiten, um das Mühlrad in Aktion zu sehen müsste ich am 12.11. zwischen 10 und 13 Uhr wiederkommen. Am besten mit sehr hohen Gummistiefeln, mit denen ich mich dann in der Seeve stehend so richtig schön auf's Maul packen könnte, aber das wäre die einzige lohnenswerte Perspektive.

Eigentlich wäre es das auch gewesen, aber wenn der Rückweg direkt an der Seppenser Mühle vorbei führt nutz ich das natürlich aus. Hier klappern allerdings nicht einmal die Fenster und ein sich drehendes Mühlrad würde den Schuppen garantiert endgültig zusammenbrechen lassen, was der Denkmalschutz auch nicht verhindern könnte.

Dafür böte die Seppenser Ruine den schönsten Blick aus dem Fenster, wenn es jemand reparieren würde.


Fotos dazu: Seeve bei Holm, Mühlenmuseum Moisburg, Holmer Mühle, Seppenser Mühle

Musik dazu: Townes Van Zandt - No Deeper Blue / Blaze Foley - Cold Cold World  

 










 

 

Sonntag, 20. November 2022

Land zwischen den Deichen

 









Kein Mensch, der noch halbwegs bei klarem Verstand ist, fährt freiwillig die Strecke von Hamburg nach Hemmoor. Auch wenn man sich einen Teil der berüchtigten B73 durch die Autobahn zwischen Horneburg und Stade sparen kann, es bleiben immer noch genug Kilometer übrig, auf denen Autos mit CUX auf dem Kennzeichen fahren, die LKW nicht überholen können, die wiederum Trecker nicht überholen können, weshalb man unter Umständen eine ganze Weile mit 25 km/h durch die Gegend zuckelt, wenn man nicht gerade zehn Minuten vor einer Baustellenampel steht.

Waghalsige Überholmanöver scheiden aus, denn wir besuchen die letzte noch lebende Verwandtschaft und es wäre doch ziemlich blöd, wenn die andere noch lebende Verwandtschaft dann nicht lebendig ankommen würde. Also erträgt man stoisch den Verkehr, es hat immer schon zwei Stunden gedauert und es wird bis in alle Ewigkeit zwei Stunden dauern, ganz egal wie viele Straßen die noch bauen.

Zur Belohnung gibt es selbstgebackenen Pflaumenkuchen und ich kann im Familienarchiv wühlen, historische Fotos von Groß- und Urgroßeltern, Onkeln, Tanten, Unbekannten. Jede Menge Stoff, von der Feldpostkarte aus dem ersten Weltkrieg bis zur weitgehend unbekannten Verwandtschaft in Kanada. Muddern als Teenager ist die Krönung, aber was ich mir insgeheim erhofft hatte ist natürlich nicht dabei. Kein Mensch hat jemals Fotos von Hemmoor gemacht! 

Das ist zwar nicht weiter verwunderlich, weil die größte Attraktion eine über 100 Jahre alte Schwebefähre über die Oste ist und der Rest weitgehend aus Feldern besteht, aber so existiert scheinbar kein einziges Foto der legendären Dorfkneipe, in der sämtliche Festivitäten des Dorfes stattfanden, vom Schützenfest bis zur Feuerwehrhauptmannshochzeit. Und natürlich gibt es auch keins von meinem Großelternhaus.

Das allerdings könnte ich nachholen, denn das steht immer noch. Wahrscheinlich schon lange mit Warmwasser und ohne Plumpsklo und Kohleherd, aber möglicherweise auch ohne Birnenbaum, ohne Kirschbaum, ohne Stachel- und Johannisbeeren oder Rhabarber und ganz bestimmt ohne Erbsen. Um das zu verifizieren müsste ich vielleicht einfach nur hingehen und klingeln, aber da wohnen angeblich komische Leute mit großen Hunden die niemand kennt (die Leute, die Hunde aber wohl auch) und das finde ich geradezu schockierend. Hemmoor ist zu groß geworden. Leute die niemand kennt gibt es ja nicht mal in einer Kleinstadt.

Eins aber ist noch unverändert, seit Thees Uhlmann die Stadt verlassen hat:

Hier gibt es Restaurants, in die niemand gehtWeil das Essen um Punkt sechs auf den Tischen steht

Ich hätte, trotz des Pflaumenkuchens, irgendwie schon gern mal geguckt was das Familienrestaurant Pommes Piraten so zu bieten hat, weil Piraten triggert halt immer, aber das hat entweder die Coronakrise oder Hemmoor nicht überlebt.


Fotos dazu: Oste bei Hechthausen/Schwebefähre/FeldWaldWiese/Osten am Deich - Nikon D7200

Musik dazu: Bob Dylan - Blood On The Tracks/Hard Rain/Real Live 









Mittwoch, 9. November 2022

Fallwinde am Millerntor

 





Wer kennt sie nicht, die berüchtigten Fallwinde am Millerntor, die selbst überragend getroffene Bälle kurzerhand bis ins Hafenbecken befördern können, unsere Präzisionsschützen damit häufig zur Verzweiflung treiben - und die Zuschauer gleich mit. Was für ein Segen, dass ich nicht mehr genug Haare habe die ich mir raufen könnte, in der ersten halben Stunde hätte ich sicher auch noch den Rest verloren. Was war da eigentlich der Plan? Die Kieler so lange spielen zu lassen, bis sie in Führung gehen können? Die kommen mit einem One-Touch-Pass nach dem anderen ganz locker vor unseren Strafraum und erspielen sich eine Ecke nach der anderen, sind eigentlich immer schneller als ihre Gegenspieler und müssten längst in Führung gehen, wären da nicht zwei entscheidende Hindernisse, ein Eric Smith in Hochform und, naja, die Fallwinde halt.

Eigentlich sollte man nach solchen Spielen ein mindestens dreitägiges Schweigegelübde ablegen, zumindest so lange bis sich der Ärger gelegt hat, aber da habe ich gerade keine Hoffnung. Zu viel erinnert mich an die grauenhaften Hinserien der letzten Jahre, nach denen wir überragende Rückserien spielen mussten um nicht abzusteigen. Dagegen war die letzte Saison geradezu eine Erholung, um den Aufstieg zittern ist schon etwas anderes, da drohte wenigstens keine Vollkatastrophe.

Die werden wir wohl nur vermeiden können, wenn Bornemann in der Winterpause wieder zwei Typen wie Marmoush und Zambrano irgendwo auftreibt, Serdar Dursun verpflichten kann oder vielleicht so einen wie Nils Petersen von den Freiburgern leihen könnte. Von Max Kruse träumen auch schon so einige in meinem Umfeld, der könnte sich wenigstens für ein halbes Jahr hier fithalten und uns nebenbei den Arsch retten, solange er sich dabei nicht verletzt schafft er das sogar alleine. In Hamburg gibt's doch eine Spielbank, oder? Garantiert wär der billiger als ein Abstieg.

Solche Kaliber werden wir benötigen, denn unsere zweite erste Reihe ist, genau wie die erste erste Reihe, an Mut- und Harmlosigkeit kaum zu übertreffen. Es ist völlig egal ob ein Matanovic wie ein müder Traber über den Rasen stolpert, oder ein Eggestein über seine eigenen Füße, sie kriegen den Ball nicht unter Kontrolle und sie kriegen ihn nicht auf's Tor. Kopfbälle gewinnen immer die anderen, bei fast jedem Gegner wird inzwischen auf die Kopfballstärke hingewiesen, vor der man sich in Acht nehmen müsste. Da könnte man glatt auf den Gedanken kommen, mal ein paar kopfballstarke Spieler zu verpflichten. Bis dahin sollten allerdings vermehrt Flanken geübt werden, am besten direkt am Millerntor.

Wegen der Fallwinde. 


Was sonst noch gut war:

Eric Smith, einsame Klasse. Große Freundschaft mit Wriedt wird das nicht mehr.

An alle "Nikola Vasilj ist ja ganz okay als Torwart aber er müsste uns auch mal ein Spiel retten" Loide: Hat er heute gemacht, dass es trotzdem nicht drei Punkte waren ist ihm nicht anzulasten.

Bier und Klönschnack nach dem Spiel vor der Südkurve, dabei gleich einen neuen Experten kennengelernt. Uns fehlt ein starker Sechser (war mir tatsächlich bis heute nicht bewusst) und es war ein Fehler die Sportpsychologen zu entlassen (was durchaus möglich ist, wenn wir in Karlsruhe keine drei Punkte holen brauch ich auch bald einen)

Was sonst noch schlecht war:

Wegen der verkackten WM in fucking Qatar die schönen Dezemberspiele bei Minustemperaturen zu verpassen ist eine Sache, aber im November mit Last Christmas aus dem Stadion geworfen zu werden, wer zum Geier hatte denn diese beknackte Idee? Wäre das Forum nicht ohnehin gerade offline hätte der sich eine Menge Feinde gemacht.

Die Verabschiedung von Roger Hasenbein hat leider gezeigt, dass vielen Menschen im Stadion der Name nicht bekannt war. Da hätte mehr kommen müssen von den Rängen. 

Was ein wenig Hoffnung geben würde:

3 Punkte in Karlsruhe

3 Punkte in Karlsruhe

3 Punkte in Karlsruhe

3 Punkte in Karlsruhe

3 Punkte in Karlsruhe

 

Fotos dazu: Gegengerade Millerntor - FC St. Pauli - KSV Holstein Kiel, Endstand 0:0

Links dazu: Endlich Winterpause findet Stefan Groenveld,  das M in FCSP steht für Mut kommentiert der Millernton 

Musik dazu: Fairport Convention - Unhalfbricking/What We Did On Our Holidays/Full House/Babbacombe Lee














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Sonntag, 6. November 2022

Herbstfarben, gespiegelt

 









Um etwas Farbe in den häufig trüben Herbst zu bringen reicht manchmal schon ein kleiner Tümpel. Bunter wird es wohl nicht mehr werden dieses Jahr.


Fotos: Seppenser Mühlenteich / Nikon D7200

Musik: Tinariwen - Imidiwan