Donnerstag, 11. August 2016
Am anderen Ufer sind alle voll lieb
und weil ich das weiß, gehe ich auch jedes Jahr unheimlich gerne auf den CSD. Die Musik ist zwar ähnlich schrecklich wie auf dem Schlagermove, aber seltsamerweise stört mich das hier nie, wahrscheinlich weil das Publikum einfach sehr viel angenehmer ist. Hier habe ich jedenfalls noch nie Leute in Hauseingänge kotzen sehen und auch stark angeschickert sind alle noch voll lieb.
Nicht zuletzt ist es die einzige politische Demonstration, auf der einem unglaublich viel fantasievoll gekleidete Menschen vor die Kamera springen - und bei gutem Wetter nutze ich so etwas natürlich aus. Zum Frühstück gibt es prompt Gewitter und Starkregen, doch laut Wetterradar kommt da nichts nach. Wenig später auf der Lombardsbrücke scheint mir die Sonne derart auf den Pelz, dass ich über jedes bisschen Schatten froh bin. Viel zu früh, wie immer...
Eine Stunde später dann endlich Blaulicht, de Zoch kütt. Hinter der Mottotapete hätte eigentlich die Sozialsenatorin laufen sollen, aber entweder hat die den Aufenthalt am Rathausmarkt genutzt um sich zu verpissen, oder ich hab die anders in Erinnerung. Tatjana Taft verwechsle ich jedenfalls nicht mehr mit Olivia Jones, so viel steht mal fest. Immer wieder erstaunlich, wie sie diese Strecke unfallfrei auf Schneewittchens Glashighheels bewältigt. Von Olivia hingegen ist auf dem ganzen Zug nichts zu sehen.
Der ist im ersten Abschnitt noch eindeutig eine politische Demonstration, aber spätestens wenn die Gutelaunebären der Schola Cantorosa singend und Arme wedelnd vorbeiziehen, fängt man schnell an das zu vergessen, weil alle um einen herum singen, tanzen und ebenfalls mit den Armen wedeln. In der Partyzone fällt Politik nur noch auf, wenn man aus Versehen Katja Suding auf ihrem FDPLKW fotografiert. Dem leichten Schrecken folgt sogleich ein zweiter, eine ganze Gruppe schwarz-weiß-blau gekleideter junger Männer die sich Volksparkjunxx nennen kommt auf mich zu. Rautenalarm!
Glücklicherweise sind auch die vom anderen Ufer und voll lieb, einer nimmt mich sogar in den Arm und versichert mir, sie würden auch Sankt Paulianer mögen. Das finde ich unheimlich nett, auch wenn ich persönlich ja lieber Wonder Woman in den Arm nehmen würde. Aber auf so 'ner Gay Party haste bei Wonder Woman ganz sicher nicht mal als Superman eine Chance.
Uferfotos: CSD Hamburg 2016, Nikon D90
Uferbier: Kehrwieder Phoenix Pale Ale, 5.7%
Ufermusik: Paul 'Wine' Jones - Mule (1995)
Labels:
Feiern,
Fotosafari,
Politik,
Spaßkram
Standort:
Neustadt, Hamburg, Deutschland
Samstag, 6. August 2016
Vier Teiche
und nicht eine scheixx Libelle! Dabei ist das ganz einfach, haben sie im Forum gesagt und Fotos gepostet, von "Gabel-Azurjungfern" und ähnlichen Viechern, in allen möglichen Farben, beim chillen, beim fressen, sogar beim kopulieren, unglaubliche Fotos.
Für die richtig coolen Aufnahmen sind die bestimmt auf allen Vieren durch das Gras gerobbt, haben das bevorzugte Landeblatt schon drei Wochen vorher ausgekundschaftet und dann stundenlang auf der Lauer gelegen, aber "normale" Libellenfotos wären angeblich nicht weiter wild. Dafür müsste man nicht einmal früh aufstehen, das ginge auch Mittags. Einfach mal an nem Teich spazieren gehen und *zack* haste Libellenfotos. Wozu hab ich mir eigentlich dieses teure Makro gekauft, wenn ich das nicht ausnutze? Teiche gibt's hier ja genug.
Der Kupferteich in Farmsen ist die erste Pleite, aber das hätte ich mir denken können, hier ist die Chance auf Fernlenkmotorboote größer als auf Libellen. Vielleicht sollte ich für solche Exkursionen mal einen Schrittzähler installieren, den Rundgang hätte ich mir jedenfalls sparen können, alles viel zu gepflegt hier, ich brauche Unterholz.
Davon gibt es im Pulverhofpark so viel, dass ich eine halbe Stunde lang den dusseligen Teich suchen muss. Vor einigen Jahren noch konnte man den von der Straße aus sehen, aber seit sie den Wandselauf renaturiert haben versteckt sich das Gewässer hinter dichten Schilfgürteln, Urwald und anderen Hindernissen. Um auch nur in Ufernähe zu gelangen bräuchte man mindestens Gummistiefel, wenn nicht gleich eine Wathose, für Libellen lohnt das aber nicht, keinerlei Flugbewegungen erkennbar, nirgends. Wenn hier überhaupt welche fliegen, dann sind die garantiert unerreichbar.
Dafür liegen sagenhafte Kletterbäume herum. Für einen Augenblick wäre ich jetzt gerne wieder sechs Jahre alt und hätte keine teure Spiegelreflexkamera um den Hals, das wäre ein super Abenteuerspielplatz gewesen. Ein Wunder eigentlich, dass hier nicht Scharen von Kindern herumturnen.
Der Kletterbaum am Ammersbeker Mühlenteich liegt dort schon seit -zig Jahren, wie das Skelett eines Urzeitkäfers, inzwischen umgeben von Brennnesseln und anderem Gestrüpp. Normalerweise wird der fleißig genutzt, während Mami und Papi gegenüber in einem der Cafés sitzen, heute sind keine Gören zu sehen.
So wenig wie Libellen, eine komplette Teichumrundung und nichts fliegt, außer Mücken. Im gegenüberliegenden Uferbereich stehen jede Menge von diesen komischen Pömpelsträuchern, auf die wir als Kinder immer mit dem Luftgewehr geschossen haben. Das sind bestimmt ideale Libellenlandeplätze, doch leider hab ich kein Boot um das herauszufinden.
Letzte Chance ist der Teich im Rodenbeker Quellental, aber den habe ich schon so oft zu allen möglichen Jahres- und Tageszeiten fotografiert, da wären mir Libellen aufgefallen. Die gibt es heute natürlich auch nicht, dafür zwei neue Fotos vom Teich und ein kaltes Alsterwasser im Quellenhof.
Mit Libellen versuch ich's dann vielleicht im Naturkundemuseum, da muss man sich auch nicht mehr ranpirschen.
Libellenfotos: Nikon D90, alles ohne Makro weil: keine Libellen.
Libellenbier: Kehrwieder Hamburger Rot, Red Ale, 5.0%
Libellenmusik: Nick Drake - Bryter Layter / Pink Moon
Labels:
Fotosafari,
Hamburg,
Irrtümer
Standort:
Rahlstedt, Hamburg, Deutschland
Sonntag, 31. Juli 2016
Auf Weltmusiksuche #Altonale 2016
Normalerweise hab ich auf der Altonale einen Plan, wer spielt wann und wo und wen davon will ich unbedingt sehen. In diesem Jahr wird das gleich dreifach erschwert, mir bleibt nur der Sonntag, ich kenne nicht eine der Bands an diesem Tag - und ich bin nicht alleine, außer mit meinem Musikgeschmack.
Wie üblich hat die restliche Meute nichts gegessen, damit man sich auf der Straße ungehemmt allerlei Spezialitäten hingeben kann. Schnöde Bratwurstbuden haben in Altona keine Chance, die größten Schlangen bilden sich hier immer vor den privaten Initiativen und sozialen Institutionen, die für wenig Geld authentische Speisen anbieten, oder vor den bekannten Restaurants im Viertel. Die Damen vom türkischen Kulturverein kneten und backen Gözleme am Fließband, gegenüber grillen die Männer Kebabfrikadellen auf Holzkohle und verpacken sie, zusammen mit reichlich Schafskäse, Salat und Sauce in frisch gebackener Pide.
Hier duftet es überall derart verführerisch, dass man sich schwerlich entscheiden kann, an welcher Schlange man sich zuerst anstellen soll. Bei den Portionen ist aber ziemlich sicher, das die erste auch meine letzte sein wird, folglich verzichte ich vorerst gänzlich und gehe eine Runde fotografieren, bis die Mägen meiner Begleiter gefüllt sind. Die brauchen danach natürlich noch etwas zum runterspülen, die Damen fallen völlig begeistert über eine "Kussbude" her, in der furchtbar bunte und wahrscheinlich sehr süße Schichtschnäpse angeboten werden, vom harmlosen Haselkuss bis hin zum Blowjob, der wär dann mit Sahne.
Es gibt echt Frauen, die lachen sich darüber tot. Oder kichern zumindest verschämt. Ich kann mir allerdings auch welche vorstellen, die ihm dafür die Bude abfackeln würden, but Alice Schwarzer doesn't live here anymore. Bisher scheint das Geschäftsmodell aber zu ziehen und die Kundschaft ist, zumindest in den zehn Minuten die wir da stehen, ausschließlich weiblich.
Auch danach ist noch keine Musik in Sicht, geh mit Frauen auf eine Veranstaltung auf der es Klamotten und Glitzer gibt, haste keine Chance. Hiermaguckendamagucken, ach wie schön, ach wie schick, ach wie günstig. Noch günstiger geht kaum, es sei denn man stellt sich unter die Rabattdusche und lässt sich nass machen, dann gibbet nochmal 30% auf allet.. und natürlich muss das sofort jemand ausnutzen. Bei dem Wetter und der eigenen Bude zwei Straßen weiter hätte ich das möglicherweise auch gemacht, aber eigentlich will ich MUCKE. Verdammt!
Die bekomme ich auf der Elbemeile, es ist ausgerechnet Vocal Jazz, der natürlich sofort auf Protest bei den Kostverächtern stößt, das könnt man ja auf Dauer nicht aushalten. Meine Fresse, eine der beiden Damen heißt sogar Herbolzheimer, wenn das kein Qualitätsbeweis ist. Nutzt aber alles nix, ich kann ein paar Fotos machen und eine Bierlänge später geht es weiter.
Auf der Motte Bühne am Spritzenplatz hätte ich gerne die beiden Damen von YU'n'ZU gesehen, Musik mit türkischen und japanischen Einflüssen klingt spannend, aber die sind wohl noch nicht dran. Die beiden Mädels auf der Bühne machen jedenfalls einen mehr folklorigen Eindruck. Akustische Gitarre und barfuß, Melanie Safka ick hör dir trapsen. Der Bühnenaushang sagt mir "Nomi und Lou", meine Begleitung sagt "laaangweilig" und weiter geht's, Richtung Bahnhof.
Die kann ich wenigstens beeinflussen, die Richtung, ich will auf die andere Seite der Max-Brauer-Allee, in der Bergstraße spielen Strom & Wasser feat. The Refugees, die kenn ich zwar auch nicht, aber wenn Refugees dabei sind verspricht das irgendwas mit Weltmusik zu werden, auf der Boogie Down Stage sitzen allerdings noch zwei Jungs und klopfen auf ihren Hanghang herum. Hört sich zwar sehr schön an, aber irgendwann dringt lautes Gejohle und wildes Getrommel von fern an meine Ohren, bin ich etwa vor der falschen Bühne?
Eindeutig, den ein paar hundert Meter weiter auf dem Tanzboden geht gerade die Post ab. Im Rahmen der "Welcome Music Session" spielt die Opatan Band und bringt die Leute zum tanzen, aber sowasvon. Mit nichts als ein paar Trommeln, einer Sackpfeife und einer mitreißenden Show. Wer vor der Bühne nicht gerade tanzt, klatscht oder wie verrückt ululiert, der zückt zumindest sein Handy und hält das irgendwie fest. Das geht echt mal ab hier, aber wenn das jetzt die Refugees sind, wer ist dann Strom & Wasser?
Die finden wir auf der anderen Bühne, nachdem die Opatan Band ihre letzte Zugabe gespielt hat. Ganz andere Baustelle, Liedermacherpunk oder so etwas, und schon dermaßen viele CDs am Start, dass ich mich frage wieso ich noch nie etwas von denen gehört hab. Das macht die ganze Sache allerdings problematisch, denn auch wenn mir Musik und Texte gefallen, welche sollte ich nehmen? Die mit oder die ohne Refugees, mit denen sie eine Platte gemacht haben, die aber aus Kostengründen nicht alle mitkommen konnten auf die Altonale, außer Djamila aus Hamburg, die Weltmusikperle im Liedermacherpunkprogramm.
Kann meinen Abflug aber auch nicht mehr verhindern, die Truppe drängt zum Rückweg. Girlpunk auf der Motte-Bühne gibt mir dann das Signal zum endgültigen Aufbruch, für einen Tag ist das genug auf die Ohren. Immerhin ein Volltreffer dabei.
Weltmusiksuchfotos: Altonale 2016, Nikon D90
Weltmusiksuchbier: Mashsee Hafensänger, Baltic Porter, 6.1%
Weltmusik: Abyssinia Infinite feat. Gigi Shibabaw - Zion Roots
Labels:
Hamburg,
Konzerte,
Kultur,
Lecker Futter
Standort:
Altona-Altstadt, Hamburg, Deutschland
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