Donnerstag, 30. Juni 2011
Nur nicht aufregen
„Sie brauchen mit Sicherheit eine größere Manschette.“ Die Apothekerin blickt abschätzend auf meine Oberarme. „Wenn Sie einverstanden sind tausche ich die beiliegende Manschette gegen eine in Größe L.“
Natürlich bin ich einverstanden, schließlich kaufe ich gerade ein Blutdruckmessgerät zu Apothekenpreisen. Mein Hausarzt hat die Kosten auf etwa 30 Euro geschätzt, plus/minus 5 Euro, für einen Preis von 52 Euro hätte ich schon gerne die passende Manschette inklusive. Bei Amazon oder einem der anderen Elektrodiscounter kostet das Ding bestimmt nur die Hälfte, aber ich will nicht warten, nicht lange in der Gegend rumfahren und ich will Beratung.
Die fällt relativ knapp aus, denn außer diesem Gerät gibt es in der Apotheke nur noch eins fürs Handgelenk und die Dinger funktionieren bei mir aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen nicht. Auf die Anprobe der Manschette können wir ebenfalls verzichten, größere gibt es angeblich nicht, die muss ganz einfach passen. Alles eingetütet, 60 Euro gelatzt und fertig.
So bin ich 10 Minuten später auf dem Weg nach Hause und hab das blöde Gefühl, mal wieder alles falsch gemacht zu haben, was man so falsch machen kann.
Das verstärkt sich noch, als ich zu Hause mit dieser dämlichen Manschette kämpfe, um das Teil irgendwie um meinen Oberarm zu kriegen. Wenn das bei mir schon nicht passt, was macht dann ein Herr Klitschko? Der dürfte meinen Armumfang bei weitem übertreffen, bestimmt gibt es die Dinger auch in XL, nur in meiner Apotheke nicht. Irgendwie sitzt das alles schief, so kann das nicht funktionieren. Sagt auch das Gerät, das auf dem Display einen Error nach dem anderen anzeigt.
Tief durchatmen, alles entwirren, logisch denken, nicht aufregen. Alles nicht gut für den Blutdruck. Nach 10 Minuten hab ich endlich den Nippel durch die richtige Lasche gefummelt, die Manschette sitzt halbwegs vernünftig um den Oberarm, der gemessene Wert ist wohl realistisch. Um den Blutdruck wieder zu erhöhen guck ich gleich mal im Internet nach Preisen und bin überrascht. Ich hab nicht nur den Testsieger bekommen, die Apotheke war auch noch 9 Euro billiger als Amazon, nur hätte ich bei denen keine größere Manschette bekommen, so etwas wird nicht einmal angeboten.
Da sag noch einer was gegen unsere Apotheken, die sind besser als ihr Ruf.
Schreibmusik: Thea Gilmore - John Wesley Harding (hat überhaupt keinen Ruf in Deutschland, wird Zeit, dass sich das ändert)
Sonntag, 26. Juni 2011
Schietwetter-Samba
Ein lauschiger Sommerabend unter den Schatten spendenden Bäumen von Planten un Blomen, dazu ein reichhaltiges Picknick mit gesunden Spezialitäten, einem(!) kühlen Bier und viel guter Musik. Genau die richtige Freizeitbeschäftigung für Rekonvaleszenten, jedenfalls bis ich eine fundierte gegenteilige Meinung eingeholt habe, also mindestens mal bis Montag.
Gottlob spenden Bäume nicht nur Schatten, sie bieten an nicht ganz so freundlichen Sommertagen auch ein wenig Schutz vor erhöhter Luftfeuchtigkeit, damit muss man in Hamburg halt immer rechnen. Nicht gerechnet habe ich mit angenehmen Sitzplätzen, aber das durchwachsene Wetter hat wohl viele potenzielle Besucher abgeschreckt. So musste ich nicht einmal mit den Picknickdecken vorlieb nehmen, wir haben uns einfach ein paar der im Park verteilten Holzsessel geschnappt und alle schön um die Fresskörbe drapiert. Sehr erfreulich, denn auf dem Boden rumkriechen war schon immer der unangenehme Teil eines Picknicks.
Die gute Musik erklang aus dem nur wenige hundert Meter entfernten Musikpavillon, ab und zu unterbrochen von Dezibelrekordversuchen irgendwelcher Harley-Honks auf den umliegenden Straßen. Für die angenehme Beschallung verantwortlich war das Jazzbüro Hamburg, das dort die15. Hamburger Jazz Open veranstaltete. So konnte man wunderbar entspannt den Tag genießen, ab und zu mal in Richtung Bühne wandern und auf den Hauptgrund für unsere Anwesenheit warten, den Drehleierzauberer Matthias Loibner aus Graz.
Für viele der Anwesenden waren die freien Improvisationen des Dieter Glawischnig Hamburg Ensembles wohl etwas gewöhnungsbedürftig. Zugegeben, als Hintergrundmusik kann Avantgarde schon sehr anstrengend sein, direkt vor der Bühne macht das aber einen Heidenspaß. Gegen den Herrn Dhonau am Schlagzeug wirkt Animal jedenfalls reichlich blass.
Um 19 Uhr dann der ersehnte Auftritt des exzessiven Herrn Loibner aus Österreich, auch "Jimi Hendrix der Drehleier" genannt. Vorher kannte ich nur einen kurzen Clip bei Youtube, der natürlich nicht einmal entfernt den Sound wiedergeben kann, den Loibner mit Drehleier und Laptop auf die Bühne bringt. CD ist bestellt, ich hoffe Katzengold und Mooreiche halten auch in der Studioversion dem Liveerlebnis stand. Großartig, ganz fantastisch, den muss ich dringend noch einmal sehen.
Für den Headliner des Tages hätte es gerne etwas wärmer sein können. Samba mit João Bosco und der NDR Bigband, bei Nieselregen und geschätzten 18° Lufttemperatur, schien nicht sehr erfolgversprechend. Aber die inzwischen zahlreich angetretene brasilianische Gemeinde trieb die Temperaturen vor der Bühne doch ein paar Grad in die Höhe.
Zu guter Letzt hab ich es endlich auch mal geschafft mir die Wasserlichtkonzerte anzusehen, seit Jahren schon geplant und nie dazu gekommen.
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Freitag, 24. Juni 2011
Der Dingens kommt
Live und akustisch, der Dingens, der nicht so ganz berühmte Bruder des anderen Dingens, der aber ebenfalls bei dieser berühmten Rockband spielte, wie hieß sie doch gleich, achja, Dire Straits.
Auf den Tourplakaten des berühmteren Bruders steht 16 Jahre nach deren Ende noch immer "The Voice and Guitar of Dire Straits", auch wenn der Herr Knopfler (Mark, berühmt) so gut wie immer die großen Hallen füllt und jede Menge Soloalben verkauft. Die Veranstalter fürchten wohl immer noch, dass der Name alleine nicht zieht, man muss den potenziellen Konzertbesucher darauf hinweisen, dass er wenigstens Sultans of Swing, vielleicht sogar Telegraph Road oder Romeo and Juliet zu hören bekommt.
Der andere Herr Knopfler (David, weniger berühmt) spielt nicht ganz so umwerfend Gitarre, schreibt nicht ganz so umwerfende Songs und spielt deshalb eher nicht in großen Hallen, aber was auf den Plakaten auf keinen Fall fehlen darf ist der Hinweis auf die Zeit mit Dire Straits. Die war für David zwar sehr kurz und hat gerade mal für die ersten beiden Alben gereicht, dazu wird auf seinen Konzerten mit ziemlicher Sicherheit weder Sultans of Swing noch Telegraph Road zu hören sein, doch es könnte ja trotzdem die eine oder andere Karte mehr verkauft werden.
Angesichts der überschaubaren Größe der Musikkneipe Bierstein in Ahrensburg stehen die Chancen auf ein ausverkauftes Konzert sicher nicht so schlecht, da ich den David eigentlich mag werde ich mir das vielleicht sogar ansehen, einige Monate kann ich noch überlegen.
Hier spielt erst einmal ein anderer David die Gitarre, David Lindley - El Rayo-X.
Donnerstag, 23. Juni 2011
Kein Entkommen
Der eindeutig männliche Oberkörper dieser Statue lässt darauf schließen, dass es sich nicht um Amalie Sieveking handelt, die hier den Weg zum Ausgang weist.
Diesen Weg wollte ich eigentlich heute morgen beschreiten, jedenfalls hatte man mir das in Aussicht gestellt, aber frag zwei Ärzte und du bekommst drei Antworten. Der Assi wollte mich ja gestern schon rausschmeißen, in völliger Unkenntnis der Tatsache, dass sein fabelhaftes Langzeit-EKG erst seit zwei Stunden um meinen Hals baumelte. "Naja, dann eben morgen früh."
Irgendwie hab ich das Gefühl, der mag mich nicht. Vielleicht sollte ich weniger mit den hübschen Schwestern schäkern, aber nee, das ist keine Option, so derbe viel Vergnügungsmöglichkeiten gibt es hier ja nicht. Außerdem ist Schwester Dorothea wirklich...wow. Sowas von.
Trotzdem wäre ich gerne verschwunden, die Taschen gepackt, frisch geduscht, Klamotten an, nur noch auf die entscheidende Unterschrift gewartet. Die nicht kam, weil Herr Oberarzt mich doch lieber noch einen Tag beobachten möchte und das EKG noch nicht ausgewertet ist und der Blutdruck noch zu hoch und überhaupt....eher morgen früh.
Mit sowas hab ich ja ganz schlechte Erfahrungen gemacht. Der bisher einzige Krankenhausaufenthalt meines Lebens zog sich ähnlich hin. Erst einmal drei Tage, dann doch bis zum Wochenende, dann eventuell nach dem Wochenende und am Ende waren es 14 Tage Aufenthalt. Und das nur wegen eines gebrochenen Sprunggelenks.
Momentan gibt's scheinbar kein Entkommen hier, da kann ich nur hoffen das Schwester Dorothea wenigstens wieder Frühschicht hat.
(P.S.: Vielen Dank für die aufmunternden Kommentare in den letzten Blogposts, leider kann ich selber dort nicht antworten, aus irgendwelchen Gründen lässt die UMTS Verbindung das nicht zu.)
Mittwoch, 22. Juni 2011
Der grüne Herr
Was es nicht alles gibt in Krankenhäusern, früher liefen gerade mal Schwestern und Ärzte rum, heute gibt es für jede Aufgabe einen Spezialisten. Transportspezialisten, die bettlägerige Patienten oder leere Betten von A nach B und zurück transportieren, zum Beispiel. Oder Verpflegungsspezialisten, die täglich bei den Patienten nachfragen, was man denn gerne zum Frühstück hätte und welches Mittagsmenü sie notieren dürfen.
Scheinbar sind die Ansprüche an solche Spezialisten nicht allzu hoch, denn die Transportfachleute ballern mit den Betten an jede Ecke und die Verpfleger erst...
Aus meiner Hühnersuppe mit Nudeln wurde ein Gemüseeintopf mit Rindfleisch, statt der bestellten zwei Brötchen zum Frühstück gab es nur eins, dafür mit jeweils zwei Portionen Butter und Marmelade, Honig, Wurst und Käse, ausreichend um mindestens vier zu belegen. Der Kaffee zum Abendbrot (nur Milch, ohne Zucker) entpuppte sich als Tee, schwarz mit zweimal Zucker. Verpflegungsspezialist ist wohl kein Lehrberuf, nehme ich an. Gott sei Dank verteilen sie nicht auch die Medikamente.
Heute Vormittag bekam ich dazu Besuch von einem netten älteren Herren, der sich mir mit einem "Guten Tag, ich bin der grüne
"Ahja" sag ich, "was genau macht denn so ein grüner Herr?"
"Er unterhält sich ein wenig mit den Patienten. Weiter eigentlich nichts."
Also kein Seelsorger, was für'n Glück. Einfach nur ein netter älterer Herr, der ehrenamtlich in der Klinik herumläuft um die Patienten mit einem Gesprächsangebot ein wenig aufzumuntern. Tolle Sache.
Hat gut funktioniert, auch wenn wir recht schnell beim Fußball gelandet sind und er sich als HSV Fan (mit sehr viel Sympathie für St.Pauli) entpuppte. Es gibt richtig nette Rothosen.
Ganz besonders, wenn sie mehr grün als blau-weiß daherkommen.
(Das Foto zeigt natürlich nicht den grünen Herrn, mit diesem Knöpfchen kann man die hübschen Schwestern rufen)
Dienstag, 21. Juni 2011
Jump start my heart
turn it up, turn it up!
Gestern Abend noch sehr lange den Saxofonklängen von Clarence Clemons gelauscht, dem Big Man der E-Street Band, der gerade an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben ist. Zwei Stunden später hab ich gedacht, ein Notarzt für mich selber wäre vielleicht auch nicht ganz verkehrt. Wenn der eigene Kreislauf plötzlich so vehement dazu auffordert, dann muss das wohl mal sein.
Da standen sie dann um mich rum, 2 Sanitäter, 2 Ärzte und 2 Jungs von der Berufsfeuerwehr, hier ein Kabel, da ein Kabel, ein Schlauch in die Nase und einen in die Vene, Sauerstoff, EKG, Trage, das Wohnzimmer war voll. Was für ein Bohei, meine Güte, nicht einmal zum Rettungswagen durfte ich laufen. Dabei fühlte ich mich nach der Erstversorgung wieder ziemlich sicher auf den Beinen, sicherer jedenfalls als auf dem Tragegestell im engen Treppenhaus. Bequem ist es auf diesen Dingern nicht, das kann ich euch sagen. Wenigstens stehen morgens um 4 Uhr noch keine Nachbarn auf den Balkonen, so ein Großeinsatz mit drei Wagen für nur eine Person erscheint vielleicht doch etwas protzig.
Immerhin hatte ich das A-Team der Hamburger Rettungssanitäter erwischt, mit Blick auf meine Garderobe kamen gleich sehr beruhigende Bemerkungen, „wenigstens einen anständigen Fußballgeschmack haben Sie, Nord, Süd oder Gegengerade?“
Haupttribüne stand nicht zur Diskussion, augenscheinlich traute man mir weder VIP Plätze noch Becherwürfe zu. „Da kann ich ja von Glück sagen, dass ich heute nicht an eine Raute geraten bin“ entgegnete ich ihm. „Nee,“mischte sich Frau Doktor grinsend ein, „bei uns sind Sie schon ganz richtig.“
Mittlerweile hab ich ein exklusives Einzelzimmer mit Dusche beziehen können, die Schläuche und Kabel sind alle wieder ab, die Schwestern ausnahmslos jung und hübsch und genug elektronisches Spielzeug um die Zeit totzuschlagen ist auch vorhanden.
Trotzdem werde ich versuchen, hier so schnell wie möglich zu verschwinden. Die wünschen um 20:30 schon gute Nacht, das find ich gruselig.
Und bei der nächsten Aufrüstung sollte ich mir überlegen, ob zwei Herzen nicht sinnvoller sind als zwei Köpfe und drei Arme. So wie's aussieht taugt die Pumpe aber noch.
Sonntag, 19. Juni 2011
Ausgestrahlt
Ein lauschiges Plätzchen mit vielen netten Häusern und gepflegten Gärten, nur einen Steinwurf vom Ufer der Elbe entfernt, wäre in Hamburg kaum zu bezahlen. Unterhalb von Geesthacht war das einmal anders, doch nachdem das AKW Krümmel abgeschaltet bleibt, werden die Grundstückspreise auf der anderen Elbseite langsam aber sicher auch steigen. In die Infrastruktur wird auf jeden Fall kräftig investiert, in Marschacht gibt es jetzt schon mehr als nur eine Einkaufsmöglichkeit und auch Häuser werden wieder reichlich gebaut.
Die verbesserten Möglichkeiten konnten wir heute schon einmal ausnutzen, um kurzfristig noch etwas Bier und Grillkäse zu besorgen.
Beim Verdauungsspaziergang auf dem Deich zeigte sich dann, dass in Krümmel doch noch nicht alle Lichter ausgegangen sind. Wenigstens kann Vattenfall für die Festbeleuchtung nicht mehr den dort einmal produzierten Atomstrom nutzen.
Dreißig Jahre nach meiner ersten Anti Atom Demo, dass ich das noch erleben darf.
Klingt auch ohne Atomstrom gut: Captain Overdrive - Blackout Steammachine (2007)
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