Dienstag, 19. Februar 2013

Viel zu umständlich














Vorspiel
Um 8 Uhr klingelt mich das Telefon aus dem Schlaf, die heiser krächzende Stimme des Langen fragt mich ob ich seine Karte haben will, er wär krank. Nicht lange überlegt, ich hab zwar eine, aber sitzen wär nicht schlecht heute Abend. Meine Stehplatzkarte werd ich in der Firma los, das spart den Weg zum AFM Büro, jetzt muss nur die Kartenübergabe klappen. Die Dauerkarte ist inzwischen beim Dartmeister gelandet, von dem ich eine SMS bekomme. Ich soll mich um halb sieben bei ihm einfinden, dann müssen wir nicht mit zwei Autos fahren. Als ob ich jemals mit dem Auto zum Fußball fahren würde, ich bin doch nicht wahnsinnig.

Also sitz ich im Bus, statt in der U-Bahn. Natürlich sitze ich im falschen Bus, was ich leider erst merke als der um die falsche Ecke biegt. Dass die beiden Linien hier auch immer um die gleiche Zeit abfahren müssen, ich hasse das. Ich muss echt mal lernen auf das dämliche Schild am Bus zu achten, an der Endhaltestelle ändert sich zwar nichts, aber der hier braucht zehn Minuten länger. Nur gut, dass ich die Zeit mal nicht zu knapp kalkuliert habe.

Als ich auf den Anschluss warte erfahre ich per Handy, dass der Dartmeister schwächelt, ob ich den alten Benz eventuell ...
also zum Stadion vielleicht, aber zurück fahr ich sowieso mit der U-Bahn, das ist mir alles viel zu umständlich hier. Außerdem dürfte ich zurück sowieso nicht mehr fahren, aus Gründen. Damit ist das Thema glücklicherweise durch und ich hab den Beifahrersitz. Durch den Dartmeister lerne ich eine völlig neue Strecke zum Stadion. So etwas ähnliches hat mir mein Navi auch mal vorgeschlagen, aber ich hab das damals schon ignoriert, viel zu umständlich. Ich vermute mal er will den dicken Verkehrsströmen in Wandsbek entgehen, aber die hier sind nicht besser. Dafür ist die Ampelschaltung kreuzdämlich, wir stauen uns durch die Stadt und ich muss noch meine Stehplatzkarte übergeben. Ich weiß schon, warum ich zu Spielen mit der U-Bahn fahre.

Am Millerntor flüchten wir aus dem Auto, der Chef darf alleine parken, wir sehen uns am Bierstand. Die Jungs stehen am Kölner Bus, Kartenaustausch, Klönschnack und ab ins Stadion, damit die Steher wenigstens noch eine Chance auf passable Plätze haben.

Herr L. und ich sind deutlich entspannter, so ein Sitzplatz in der ersten Reihe läuft ja nicht weg, also erst mal Bratwurst/Bier und auf den Dartmeister und die anderen warten. Das Catering hier oben ist völlig entspannt, ein Bier dauert keine drei Minuten, die Wurst kommt sofort, der Dartmeister auch irgendwann. Der Klönschnack zieht sich hin, langsam werd ich nervös, das Bier ist eh zu kalt und ich muss ja noch Fotos machen, außerdem singen die auf den Rängen schon die ganze Zeit, ich will auch. Ab auf die Plätze.

Alter Falter, was für ein Traum. Erste Reihe direkt über den Stehern, bequeme Klappsitze, massig Platz und ein grandioser Blick. Vierzig Jahre Dauerkarte machen sich halt irgendwann bezahlt. Für einen Platz in der Ecke würd ich meine Oma verkaufen, hätt ich noch eine.

In der einen Hand das Bier, in der zweiten die Kamera und in der dritten Hand Pyrotechnik, die unsere weibliche Begleitung heimlich ins Stadion geschmuggelt hat, weil man selbst bei Wunderkerzen nicht mehr sicher sein kann. Alles Pyro, alles Randale. Hells Bells und ab dafür.

Frontzeck setzt auf St.Pauli Urgestein, Bruns und Kalla spielen, Boller sitzt immerhin auf der Bank, endlich. Warum Buchtmann auf der Bank sitzt versteh ich allerdings nicht, der war gegen Sandhausen immerhin der einzige Einäugige unter den Blinden. Auf der Torwartposition erspart er mir Gott sei Dank irgendwelche Experimente, ich hatte schon Befürchtungen.

Spiel (1)
"Wir kassieren zu viele Treffer in den ersten zwanzig Minuten" hatte der Lange mir heute morgen noch ins Ohr gehustet, "die sind nicht wach genug am Anfang" und dass uns das noch das Genick brechen wird wenn wir das nicht abstellen können. Die Abstiegsangst geht um, ich bin gespannt wann es bei mir auch soweit ist. Das Spiel läuft gefühlte Sekunden, da senst Torre schon einen Kölner um. Sofort greift der Schiri in seine Tasche, gelbe Karte. Nee was fürn Scheiß denk ich, in den ersten fünf Minuten kann man es auch mal bei ner Ermahnung belassen, so wild war das nun nicht. Keine Ahnung was fürn Kartengott das ist, sieht nicht aus wie Aytekin, benimmt sich aber so. Viel schlimmer find ich aber momentan den Freistoß, die Entfernung gefällt mir nicht. Ungutes Gefühl. Scheiß ungutes Gefühl, trügt mich nicht, nach drei Minuten steht es 0:1 und ich erinnere mich wieder an das Gespräch heute morgen.

Der Schock ist kurz, abschütteln, weitermachen, kämpfen. Jetzt erst recht, 87 Minuten Zeit. Das wird anstrengend, das wird laut. Denn die Jungs kämpfen, geben keinen Ball auf und ackern sich richtig rein. Das ist das Positive, das ist anders als Sandhausen. Negativ ist nur, es kommt nichts dabei rum. Wenn mal was auf das Kölner Tor kommt ist es zu harmlos oder geht gleich um Meter vorbei. An Unterstützung von den Rängen mangelt es nicht, es ist verdammt laut auf der Gegengerade, selbst die Gesänge der nahen Südkurve gehen darin teilweise unter. So ungefähr hab ich mir das vorgestellt, in dieser Gegend bleibe ich. Wenn wir den Support über die volle Distanz durchhalten geht noch was, die Boys in Brown sind willig, wir sind es auch. Die Kölner ebenfalls, zwei gefährliche Situationen kann Tschauner entschärfen, solche Szenen wünsch ich mir mal auf unserer Seite, aber wir spielen zu umständlich. Oder zu dämlich, so ein Zuspiel mit der Hacke in die Mitte ist Grütze, wenn da niemand steht.  
Kurz vor der Pause fällt wieder ein Kölner um, wieder ist Torre beteiligt und bei den bisherigen seltsamen Schiedsrichterentscheidungen ist eigentlich allen klar was passiert. Gelb-Rot, wir spielen die zweiten Hälfte mit zehn Mann weiter. Ich bin völlig begeistert von dieser Situation, der Rest des Stadions ebenfalls, gellendes Pfeifkonzert zur Halbzeit, ich erfahre endlich wer die Pfeife ist dem das gilt, Manuel Gräfe. Der steht schon lange auf meiner will-ich-hier-nicht-sehen-Liste, voll der Unsympath.

Zwischenspiel
Exzellente Bierversorgung hier, ich kann stehen bleiben. Koschi und Herrn B. erkenne ich unten in der Meckerecke, aber Kontaktversuche scheitern, keiner von beiden greift zum Handy. Erst eine SMS wird wahrgenommen, wildes Gewinke, aber keine Anstalten den Platz zu verlassen, die Gegengerade ist zu groß geworden für gegenseitige Besuche in der Halbzeit. Also am AFM Container nach dem Spiel, das wollte ich bei der Witterung eigentlich vermeiden.

Spiel (2)
Die Mannschaft kommt unverändert auf den Platz. Wann kommt Boll? Wir brauchen jetzt den Leitwolf. Einen der auch mal nicht lange fackelt, denn wir spielen weiterhin viel zu umständlich. Dabei sind die trotz Unterzahl weiter verbissen dabei, aber der letzte Pass ist meist einer zu viel. Weiterhin mostly harmless, wer soll bei uns nur die Tore schießen? Nach zwanzig durchwachsenen Minuten kommen der Käptn und Ebbe. Die Erleichterung auf den Rängen ist spürbar, ein lautes "Boll" hallt durch das Stadion wie ein Ruf nach dem Erlöser. Boller ist wieder auf dem Platz, es gibt noch Hoffnung. Der versucht es auch gleich mal aus der zweiten Reihe, leider abgeblockt. Der Wille ist den Jungs heute nicht abzusprechen, entsprechend werden sie nach vorne gepeitscht, aber in der Abwehr tun sich gewaltige Lücken auf, Scheunentore, die von den Kölnern glücklicherweise nicht genutzt werden. Viel zu umständlich was die machen, die sind nicht besser, die sind nur einer mehr.
Für weiter spannende Unterhaltung sorgt Schiri Gräfe mit seinen skurrilen Entscheidungen, der Kasper veranstaltet einen unglaublichen Zirkus, über jeden Scheiß wird inzwischen diskutiert, jeder Ball muss beim Freistoß ein paar unglaublich wichtige Meter weiter zurück. Der kommt nach diesem Spiel auf meiner Schiedsrichterhassliste gleich hinter Aytekin.   
Die Uhr läuft gnadenlos runter und Köln macht das Spiel langsamer. Geht ganz simpel, man legt sich einfach auf den Rasen und mimt ein wenig den sterbenden Schwan, bis jemand auf den Schwerverletzten aufmerksam wird, der Gegner fairerweise den Ball ins Aus spielt und das Notarztrettungsteam sich kümmern kann. Dann hinkt man ein wenig unbeholfen und langsam über den Rasen, um kurz darauf frisch wie der junge Frühling über selbigen zu springen. Gibt natürlich Diskussionen und Unmutsbekundungen, als Ergebnis eine gelbe Karte für Boll, was der Beliebtheit Gräfes nicht zuträglich ist. Als hier das letzte mal jemand so beschissen gepfiffen hat flog anschließend ein Bierbecher.

Köln ist in den letzten Minuten näher am zweiten Treffer als wir am Ausgleich, aber ähnlich blind. Alles viel zu umständlich, zu langsam, zu unübersichtlich. Ginczek versucht sogar noch etwas ähnliches wie einen Fallrückzieher, alles saft- und kraftlos und daneben.  Kurz vor der Nachspielzeit löst sich unsere Innenverteidigung komplett auf, nach Thorandt geht jetzt noch Mohr nach einem angeblichen Foul mit gelb-rot vom Platz, eine völlig lachhafte Entscheidung. Selbst ein Sieg wäre damit teuer erkauft gewesen, aber hier schaffen wir nicht einmal den Punkt den wir verdient gehabt hätten. Den hat Gräfe zwar nicht alleine verhindert, aber er hat die nächsten möglichen Punkte noch schwerer gemacht. Wenigstens die Einstellung hat gestimmt, aber ob sich die lange halten kann wenn sie nicht belohnt wird steht auf nem anderen Blatt.
So langsam mach ich mir Sorgen.

Nachspiel
Scheiß Wetter, scheiß Ergebnis, scheiß Montag, kein Nachspiel. Kurzes Treffen am AFM Container und ab nach Hause, in vier Stunden ist Frühschicht angesagt. Der Dartmeister hat sich recht plötzlich verdünnisiert, sein Handy ist mal wieder aus. Dadurch bin ich plötzlich Besitzer eine lebenslangen Dauerkarte, die bis Freitag den Weg zurück zum Besitzer finden muss. Geiler Platz da oben, aber alles viel zu umständlich.

Musik, nicht umständlich: Mano Negra - In The Hell Of Patchinko













Kommentare:

  1. Dann wart ihr ja gar nicht mal so weit weg von mir, was ich an den Bildern erkenne. Ich hab das Transparent gehalten (Bild 1) meine Hand sieht man am Buchstaben N ganz links *ich bin perühmt*

    Ansonsten, wäre ich Herrn Gräfe gerne nach dem Spiel nochmals begegnet. Ob das alles dann in wohl gefallen zu Ende gegangen wäre...ich bezweifle es stark.

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    1. Ich bin froh, dass der Herr Gräfe nicht noch nähere Bekanntschaft mit einem Bierbecher geschlossen hat, wie man hört soll da wieder einiges geflogen sein. Einmal Lübeck reicht mir.

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  2. Patchinko Hell? Kann man nach diesem Spiel gut gebrauchen. Ich drück vorsichtshalber schon mal die Daumen für die Zukunft...

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    1. Danke, wir können jeden Daumen gebrauchen fürchte ich.

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  3. Ah, ich sehe im ersten Bild eine Sprengschnur.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Sprengschnur

    Gut.
    Sehr gut !
    ;-)))

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  4. hab bei den tribünenschwenker von sport1 immer mal nach dem comicbookguy geschaut - aber nur bei stehplatzschwenkern ... konnte ja nicht ahnen, dass du erste reihe "sitzt" - dabei ist das sitzen doch "für'n arsch!". aber okay, du wirst ja auch "älter"! ;)

    sportlich war das ja ziemliche grotte, von beiden teams - jede menge abspielfehler, über ein spätes 0:4 hätte sich pauli auch nicht beklagen können! so steigt köln garantiert nicht auf!

    kann verstehen, dass du dir "sorgen machst!" aber es wird schon klappen, wenn ihr irgendwann mal dresden und/oder konsorten bezwingen könnt.

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    1. Köln ist für mich auch kein Aufstiegskandidat, was die Sache nicht gerade beruhigender gestaltet, denn die Aufstiegskandidaten kommen noch.

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  5. Du hast noch keine Abstiegsangst? Dann wirds Zeit. Ich hab die eigentlich schon seit Frontzeck als Trainer vorgestellt wurde, erinner dich an meine Worte damals. Freitag 3 Punkte gegen Frankfurt oder wir stehen ganz unten drin.

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    1. Ich habe nur Angst, dass mir der Himmel auf den Kopf fallen könnte.

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  6. Nachdem ich mir das Spiel zu Teilen in der Glotze angeschaut habe, mache ich mir auch so Gedanken wo die Magischen am Ende der Saison so stehen werden. Wenn man so einige Statistiken, wie zB bei 150 Fernschüssen 0 Tore, hört kann man sich wirklich Sorgen machen. Vielleicht sollte man mal Torschusstraining und einfache Spielzüge auf den Trainingsplan setzen. Zumindest haben die Jungs viel Luft nach oben was die Leistung angeht.

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    1. Ich war mir eigentlich ziemlich sicher, dass die Torschusstraining im Trainingslager geübt haben, ich fürchte das ist wieder so eine Kopfsache. Vielleicht sollten die sich nicht Sandhausen auf Video ansehen sondern München, damit sie sich erinnern dass sie es eigentlich können.

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