Mittwoch, 18. September 2019

Bierduschen und Pyroduelle



















Es ist die 18. Spielminute, als Dimi im Strafraum schneller schaltet als van Drongelen und Knollis Pfostentreffer im Tiefflug zum 1:0 verwandelt, da trifft mich von oben eine volle Bierdusche. In Block G4! Im Block der Fussi guckenden alten Männer, die sich im Normalfall allenfalls zu etwas aufmunterndem Beifall hinreißen lassen, eine Bierdusche! Auch wenn es heute kastriertes Holsten  ist, irgendwie habe ich das vermisst, ohne stinkende Klamotten nach Hause zu kommen.

Früher galt ja oft, je nasser man war, desto geiler war das Spiel. Auf meinem alten Stehplatz hätte ich heute wahrscheinlich sehr viel nassen Spaß gehabt, trotz der Plörre.

Nicht im Ansatz habe ich das erwartet, man traut es sich fast nicht einzugestehen, aber so etwas wie Derbyfieber wollte sich bei mir vor dem Spiel nicht einstellen. Null. Eher eine seltsam emotionslose Scheißegalhaltung und die frohe Gewissheit, Stellingen nach ihrem Aufstieg ein paar Jahre nicht wiedersehen zu müssen. Das 0:4 im letzten Spiel war doch ein ziemlicher Wirkungstreffer, was nichts mit dem Ergebnis zu tun hatte, nur mit der Art und Weise wie es zustande kam.

Wer konnte auch ahnen, dass die Jungs sich das ebenso zu Herzen genommen haben und hier so ein geiles Spiel abliefern, mit viel Willen, viel Kampf, der nötigen Aggressivität und scheinbar auch mit einem Plan, denn sie spielen richtig guten Fußball. Die Scheißegalhaltung verschwindet und sofort schlägt das Derbyfieber zu, weil Du merkst, hier geht was. Heute geht was und egal wie es am Ende ausgeht, das ist eine ganz andere Truppe als die im März und dann geht auch was auf den Rängen. Inklusive Bierdusche in Block G4.

Endlich ein Derby, das den Namen verdient. Natürlich auch mit viel Zittern und Zagen, als Stellingen gegen Ende der ersten Halbzeit aufdreht und eine Ecke nach der anderen ausführen darf. Immer dieser Blick auf Robin, der sich lieber auf seine Reflexe verlässt statt rauszukommen, immer dieses schwere Aufatmen wenn das Ding danebengeht, das Entsetzen wenn der auf einmal drin ist und die Erleichterung, wenn der Schiri das Tor aus welchen Gründen auch immer nicht gibt. Auf Dauer ist das nix für meine Nerven, für meine Stimmbänder gibt es nur Mineralwasser und die zweite Sportzigarette ist auch schon weg, da kommt die Halbzeit wie gerufen zum durchatmen.

Die dauert unnatürlich lange und als ich mich gerade frage, ob die das vielleicht absichtlich machen, damit genug Zeit für die Pyro bleibt, geht es auch schon los. Wunderschönes Raketenfeuerwerkgedöns auf der Süd, sogar die Gegengerade entscheidet sich nach wenigen kurzen Unmutbekundungen dafür, dass doch irgendwie geil und einem Derby angemessen zu finden.

KlauMi Kühnes Arbeiterklasse will dem nicht nachstehen und zündelt auch ganz fleißig, dieses Mal sogar ohne ihre Blockfahne dabei abzufackeln. Das gibt natürlich Ärger mit dem scheiß DFB und der scheiß DFL und kostet viel Geld und deswegen gibt es auch immer diese Durchsagen das doch bitte zu lassen und ich weiß, das müssen sie sagen, aber man kann auch einfach Antifa Hooligans so lange spielen bis sich der Rauch verzogen hat und der Schiri anpfeift.

Die Rauten fangen so druckvoll an wie sie aufgehört haben, wir haben längst nicht mehr alles im Griff, nur haben wir heute einen ganz anderen Knoll als den im März, einen wieder einmal unglaublich starken Buballa, einen immer besser werdenden Becker und vor allem Mats den Schatz, bei dem ich nach der ersten Hälfte schon gedacht habe, dass der nach spätestens 70 Minuten völlig platt sein muss und das wohl ein Teil des Plans ist.

Nach einer guten Viertelstunde finde ich mich langsam damit ab, noch mindestens eine weitere halbe Stunde Nervenschlacht durchstehen zu müssen, als Conteh von den Beinen geholt wird, der anschließende Freistoß zum 2:0 führt und das Dach vom Schalldruck erzittert. Ganz sicher, ich hab's wackeln sehen!

Jo, der Rest ist Geschichte. Schnecke darf noch mitspielen und damit seinen zweiten Derbysieg feiern, Mats wird nicht ausgewechselt, kann aber beinahe noch das 3:0 erzielen, was Buballa kurz vor Schluss leider ebenfalls misslingt. Wäre es gerade für die beiden noch die Kirsche auf der Sahne gewesen.

Scheißegal, Stadtmeister! Mein erster Derbysieg am Millerntor, mehr geht eigentlich nicht.  Ich glaube Thees Uhlmann hat recht, es wird Zeit für den Europapokal. Träum' ich schon lange von...

Was sonst noch gut war:
Kein Schienenersatzverkehr. Muss man ja auch mal lobend erwähnen.
Der Schiedsrichter. Recht unbeeindruckt von der Kacke im Gästeblock einfach mal abgepfiffen und auch sonst meist gut auf der Höhe.

was sonst noch schlecht war:
Mit Pyrofackeln den Torwart bewerfen ist dermaßen hirnlos, dass ich mal wieder weiß, warum ich diesen Verein nicht mag. Geht kacken, von mir aus gerne in Liga 1.

was zu tun ist:
Vertrag für Mats bis 2025, der ist gerade so drauf dass er den wirklich unterschreibt

Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - Hamburger SV 2:0
Musik dazu: Marcus Wiebusch - Konfetti / Kettcar - Ich vs. Wir

Mehr zum Spiel:
Gröni kann Gänsehaut nicht fotografieren
Arbeitstitel:Derbysieg beim Millernton
Magischer FC über den Jahrzehntstadtmeister

























Sonntag, 8. September 2019

Abgerechnet wird zum Schluss



















Eine Stunde steht man in der Küche um sich lecker Biryani zu köcheln, mit Shrimps, Huhn, Cashews, Rosinen und allem was so dazu gehört, nur um hinterher bei der Kalorienzählerei von der App die fette Rechnung zu bekommen. Der Pfanneninhalt hat locker 1700 Kalorien, dabei habe ich das zum Braten notwendige Ghee noch nicht einmal eingerechnet und das Zeug haut garantiert doller rein als Butter. Immer der gleiche Ärger mit dem Lieblingsfutter, genau wie die 1300 Kalorien beim Pflaumenpfannkuchen, sollte man nicht allzu oft machen.

Glücklicherweise ist die veranschlagte Menge ausreichend für zwei Tage und 872 Kalorien hören sich nicht mehr ganz so übel an, vor allem wenn das Frühstück dafür etwas schmaler ausgefallen ist.

Vor ein paar Monaten hätte ich noch nicht im Traum daran gedacht meine Kalorienzufuhr zu überwachen, doch die moderne Technik macht das inzwischen relativ einfach. Als Junior mit Lifesum um die Ecke kam, war ich durch die simple Bedienung schnell überzeugt. Lebensmittel einscannen und *zack* hat man (meist) exakte Ergebnisse, jedenfalls solange das Lebensmittel einen Barcode besitzt. Bei frischen Zutaten guckt man einfach mal in die große Internetdatenbank, der Arbeitsaufwand hält sich jedenfalls in Grenzen und ein bisschen mehr auf die Ernährung achten kann nicht schaden.

Unterwegs mal eben das kleine Hüngerchen mit einem "Premiumburger" von Macces bekämpfen überlegt man sich nämlich zweimal, wenn man feststellt, dass der auch nicht besser schmeckt als der Rest, nur für eine knappe Stunde sättigt, aber dafür mit fast 900 Kalorien zu Buche schlägt. Ein paar leckere Merguez vom Grill und dazu Pommes aus dem Ofen? Auch 900. Mayo auf die Pommes verdoppelt das Ergebnis. Ben & Jerrys kaufe ich, wenn überhaupt, nur noch in kleinen Bechern, weil ich bei 500ml gerne mal die Beherrschung verliere und sich 1225 Kalorien nur noch kompensieren lassen, wenn man sich den Rest des Tages von Feldsalat ernährt.

Sehr praktisch ist es, dass man seine eigenen Rezepte eingeben kann, gerade bei öfter gekochten Lieblingsrezepten fällt nur einmal kurz etwas Arbeit an, die man locker erledigt während der Reis kocht oder der Makkaroniauflauf mit Schinken im Ofen ist, den ich jetzt auch etwas seltener machen werde. 

Dabei stößt Lifesum leider an seine Grenze, will man mehr als zwei Rezepte speichern muss man zur Bezahlversion greifen, die in der günstigsten Variante jährlich 40 Euro kosten soll. Die Alternative kommt - ausgerechnet - von Under Armour, womit ich jetzt das erste Mal ein Produkt dieser Firma nutze. Für MyFitnessPal kann man zwar auch Geld ausgeben, die wichtigen Grundfunktionen sind aber in der kostenlosen Version nicht limitiert und die Werbung nervt nur so mittel, da kann man mit leben.    

Die Nahrungsmitteldatenbank soll über 300.000.000 Einträge haben, was mich nicht wundert, denn durch den regen Datenaustausch kennt die inzwischen auch den Slawischen Brotschmaus meines lokalen Edekahökers.

Der ist übrigens ziemlich lecker auf frischem Dinkel-Kürbis Brot vom Backhus. Ist alles in der Datenbank, kann man alles mal essen. Abgerechnet wird dann zum Schluss. 

Foto dazu: Biryaniphone - Canon SX 
Musik dazu:  Ahmedou Ahmed Lowla - Terrouzi

Dienstag, 27. August 2019

Rausch mit Krämpfen




















"Sankt Paulihiii!" tönt es während der zweiten Halbzeit von der Südtribüne und die Gegengerade antwortet ungeahnt laut diesmal, bis in die letzte Ecke. Diese eigentlich simplen Wechselchants sind ja sehr beliebt bei uns, wenn nichts mehr geht, das geht immer. So acht bis zehn Mal, dann sind alle zufrieden und machen wieder ihr Ding, was immer das auch ist.

Heute ist alles anders, es ist nicht nur verdammt viel lauter als sonst, es will auch nicht enden, gefühlt steigert sich das von Minute zu Minute, angeblich soll man das im 3 Kilometer entfernten Ottensen noch hören und ich zweifle das keinesfalls an. "Sankt Paulihiiii!" und keiner will auch nur ansatzweise leiser werden oder gar aufhören, nicht einmal irgendwelche Aktionen auf dem Rasen können das unterbrechen. Ich habe Gänsehaut am ganzen Körper und vergesse vor lauter Begeisterung zwischendurch an der Sportzigarette zu nuckeln, es berauscht aber auch so schon ziemlich gut. Der längste und lauteste Millerntormoment seit Neubau, mindestens.


Als ich mich noch frage wie lange meine Stimme das durchhält, macht Conteh das einzig richtige in dieser Situation, sprintet wieder einmal seinem Gegner davon und lupft das Ding zum 2:0 in die Maschen. Was! Für! Ein! Fest! Das musste einfach so kommen, diese geradezu magische Aufladung der Luft durch mindestens 20.000 Stimmen verlangte geradezu nach einer würdigen Entladung und wer wäre besser dafür geeignet als der schnellste Mann auf dem Platz. Falls die für The Flash mal ein Double suchen ist die Gage hoffentlich nicht allzu verlockend, denn Conteh hat immer noch keinen Profivertrag (und damit ist die Stimmung im Text auch gleich wieder im Arsch).

Zugegeben, zur Halbzeit bin ich nur halb zufrieden mit dem jungen Mann, so schnell und tricky er auch sein mag, körperlich ist er eher ein Hemd, einmal kurz die Schultern raus und er liegt auf der Nase. Selbst ein Spieler wie der Kieler Baku wirkt da stabiler und der ist nun wahrlich keine Kante. Wie man sieht muss man aber nur einmal schneller laufen können als der Gegner foult, dann passt es wieder.

Ein Brachialkopfball von Lawrence zum 1:0, ein entlaufener Speedy Gonzalez zum 2:0 und ein komplett ausrastendes Stadion, es gibt kaum etwas, was mich derzeit glücklicher machen könnte. Vorteilhaft für Herz und Nerven wäre es allerdings, wenn unsere Jungs nach 70 Minuten nicht immer völlig platt wären. Dass Conteh nach seinen dauernden Sprints irgendwann mit Krämpfen auf dem Platz liegt war zu erwarten, aber der ist leider nicht der einzige, der rapide abbaut.

Es ist zwar schön zu sehen, dass der Skyman immer noch über fantastische Reflexe verfügt, aber spektakuläre Flugeinlagen und die stabilen Pfosten der Millerntore sollten besser erst ins Zentrum des Geschehens rücken, wenn wir mit drei Treffern vorne liegen. So kommt es wie es kommen muss, Kiel drückt, schafft den Anschlusstreffer und dann sind vier Minuten Nachspielzeit einfach auch viel zu lang manchmal für Herz und Nerven.

Dieses Spiel hätte aber keinen anderen Ausgang verdient gehabt, auch wenn die Kieler das sicher anders sehen. Deswegen 4 von 40. 

Was sonst noch gut war:
Kaltes Bier für Umme.
Voll das Wetter ey.
Dom (fast) weg.
Buballa.

Was sonst noch schlecht war:
Dass man nach Montagsspielen nicht noch Zeit für 1 Bier mehr + Klönschnack hat. Fuck Monday.

Gelb/Rot für Penney wg. Blödsinn. Wg. Foul hätt ich noch gesagt geiler Einstand.
Das Personal am Bierstand, das ich glücklicherweise nur 1 mal in Anspruch nehmen musste. Beschäftigt bitte Leute die das beherrschen.

Was noch zu tun wäre:
Dem Skipper eine SMS schreiben und fragen, warum genau er eigentlich mit Buballa nicht verlängert hätte.

Fotos dazu: Gegengerade Millerntor / FC St.Pauli - KSV Holstein Kiel, 2:1
Musik dazu: Kate Bush - Hounds Of Love

Mehr zum Spiel:
Millernton
Magischer FC 
Gröni (mit Fotos) 















Sonntag, 25. August 2019

Kochbananen mit Musik

















Wüste, Gitarre, Blues, Westafrika. Stehen auch nur zwei dieser vier Wörter in einem Absatz bin ich sofort elektrisiert. Der Name "Romantic Tigers" sorgt zwar für dezente Skepsis, aber als ich das lese ist es eh zu spät, die multikulturelle Band aus Burkina Faso, Mali, Togo und Deutschland spielt, während ich noch im Auto sitze. Trotzdem kein Grund, sich das inzwischen 17. Afrikafestival in Altona nicht mal anzusehen.

Die Küche kann dann heute kalt bleiben, weil es da garantiert keine öden Bratwurstbuden gibt, sondern eher leckere Spezialitäten aus Afrika, bestimmt auch etwas mit Erdnusssauce. Was ich mir schwer überlegen sollte, weil das wahrscheinlich die Kalorien der nächsten drei Tage decken würde. Eventuell könnte man Kochbananen probieren, vielleicht schmecken die ja in würzigen Gerichten besser als diese überflüssigen gelben Teile. Interessanter als Currywurst wird das allemal.

Da sich die Black Community in Hamburg natürlich nicht auf Afrika beschränkt wird es dann ein scharf gewürztes frittiertes Ding mit einer Füllung aus diversen Pasten, Gemüsen und Shrimps aus Brasilien und die Musik dazu kommt von einer kubanischen Tanzschule. Sehr afrikanisch sind hier ansonsten nur die tollen bunten Stoffe aus denen man tolle bunte Klamotten machen kann, sofern einem so etwas steht und aus recycelten Materialien hergestelltes Kinderspielzeug, das ich vor Jahren schon einmal im Museum für Völkerkunde bewundern durfte.

Für mehr Afrika muss man wohl früher aufstehen.

Fotos dazu: 17.Afrikafestival Hamburg/Afrikanischer Markt /Papito Chango - Nikon D7200
Musik dazu: Jeff Buckley - Grace











Dienstag, 20. August 2019

Mehr Kaffee kann nie verkehrt sein
























Vor einigen Jahren noch erschien mir ein Kaffeevollautomat eine der unsinnigsten Anschaffungen überhaupt zu sein, zumal die sündhaft teure Kiste in der Firma keine wirklich überzeugenden Ergebnisse zu liefern vermochte. Das mag allerdings auch ein wenig an den verwendeten Bohnen liegen, die nicht viel teurer sein können als die im Erasco Bohneneintopf. Dafür ist die Jura aus Edelstahl, sagt "Hallo" wenn man sie einschaltet. "Bitte" wenn der Kaffee fertig ist und kann vollautomatisch Latte fabrizieren wenn die Milch nicht sauer geworden ist. Außerdem hat sie eine nicht entnehmbare Brühgruppe, in die natürlich seit Jahren niemand hineingesehen hat, was ziemlich fatal sein könnte unter gesundheitlichen Aspekten.

Andererseits kann man auch nicht großkotzig mit einem Barista Barista Antifascista Shirt rumlaufen und zu Hause den Kaffee aus einer Padmaschine ziehen, das passt nicht zusammen.

Wenn der Arbeitgeber dann plötzlich Spendierhosen trägt (aus Gründen) und Gutscheine verteilt an ein paar Nächteumdieohrenschläger, man sonst eigentlich alles hat was man braucht, außer vielleicht einem fetten NAS, bestellt man sich halt doch mal so ein Ding. Aus der Billigklasse natürlich, weil der Gutschein für ein richtig fettes NAS dann doch nicht gereicht hätte.

Durch das Teil bin ich zwar immer noch weit mehr Antifascista als auch nur annähernd Barista, aber geschmacklich ist das auf jeden Fall eine deutliche Verbesserung, man kann endlich einen leckeren Espresso ziehen und die Schaumlanze ballert auch ganz gut, am ersten Cappu hab ich mir jedenfalls die Zunge verbrannt.

Jetzt könnte ich natürlich diese ganzen tollen Sorten ausprobieren, von Wildkatzen ausgekackten und im Elefantenarsch gerösteten Kaffeebohnen mit Noten von Schokolade, Brummbeere und Durian, aber bislang tut es die Espressomischung ganz gut, die ich auch für meinen Cold Brew nehme. Bei meinem dramatisch gesteigerten Kaffeekonsum wird es allerdings nicht allzu lange dauern, bis ich irgendwann über so einen Blödsinn stolpere.

Natürlich werde ich das dann auch kaufen, solange es fair gehandelt ist.


Foto dazu: DeLonghi Magnifica Esam / Nikon D7200
Musik dazu: Thin Lizzy - Live and Dangerous

Freitag, 16. August 2019

Vorsicht Zwetschgenbeschiss















Der jährliche Pflaumenpfannkuchenerinnerungspost kommt diesmal eine ganze Woche zu spät, weil ich in den letzten Tagen damit beschäftigt war 2.5 Kilogramm der kleinen blauen Früchte zu entkernen und einzufrieren, sowie weitere 2.5 Kilogramm in mein Leibgericht zu investieren. Laut Kalorienzählerapp schlägt ein so'n Teil mit 1312 Kalorien zu Buche und über den Zuckergehalt darf man dabei auch nicht nachdenken, aber wenn man beim Frühstück etwas spart und eine Tagesmahlzeit ganz wegfallen lässt und überhaupt - es ist nur ja einmal im Jahr Zeit für Bühler Zwetschgen. Scheiß was drauf.

Eigentlich war das Thema damit durch, denn auch ein Leibgericht hängt nach sieben Tagen zum Hals raus, was schließlich der Plan war. Dennoch begehe ich den Fehler und schaue ein paar Tage später in Ahrensburg beim Obst & Gemüsehändler rein, nur weil zufällig daneben ein Parkplatz frei ist. Mit wenn und dann und einer geht noch im Kopf betrachte ich die Auslage. "Was ist denn das für eine Sorte?" frage ich die Dame hinterm Tresen. "Bühler!" entgegnet sie mir strahlend. Für Bühler sind die eigentlich etwas zu groß finde ich, aber nachdem sie mir mit entwaffnendem Lächeln erklärt, sie würden immer nur die großen nehmen und sie hätten auch letzte Woche schon welche gehabt und nächste bestimmt auch noch, werde ich weich.

Statt eine zu probieren, ich Idiot. Beim Entkernen der ersten Zwetschge wird mir schlagartig klar, dass das keine Bühler sein können. Viel zu festes, helles und furztrockenes Fruchtfleisch, null Saft. Wahrscheinlich irgendein billiges Zeugs aus Ungarn, Sorte Orbán oder so, auf keinen Fall taugt das für Pfannkuchen, die Dinger kann man nicht einmal pur essen.

Bei einem Gegenwert von dreifuffzig mache ich normalerweise keinen Aufstand, aber wenn man mich um mein Lieblingsfutter behumpst werde ich stinkig. Das ist wie früher von der Schule nach Hause kommen und sich auf Frikadellen freuen und dann gibt es doch nur Fischstäbchen, kann den ganzen Tag versauen, so etwas nehme ich persönlich.  

Das ist entweder Absicht oder Ahnungslosigkeit. Ersteres wäre mindestens eine Unverschämtheit, letzteres für den Fachhandel ein Armutszeugnis, erst recht wenn man behauptet das schon seit 30 Jahren zu machen. "Die Kunden waren immer zufrieden" ist auch kein Argument, bei der Menge an mittelmäßigem Pflaumenkuchen in den Bäckereien traue ich anderen Kunden noch weniger als dem Fachhändler.

Außer der Frau Unger im weltbesten Sengana Hofladen, die mich am nächsten Tag zu trösten wusste. Nachher also noch einmal 1312 Kalorien, dann ist aber auch gut.


Foto dazu: nur echte Bühler für die Pfanne
Musik dazu: Johnny "Guitar" Watson - Bow Wow


Montag, 12. August 2019

Der Himmel überm Wutzrock

















Abwechslungsreich ist es ja immer, das Wutzrock. Musikalisch und meteorologisch geht auch alles an einem Tag, Liedermacher und Sonnenschein, Rock und Regen, Punk und Nebel, alles was das Herz begehrt. Außer Regen vielleicht, denn der nervt meistens gerade dann, wenn man sich nach einer halben Stunde Sonnenbad entschließt, dem ein oder anderen Künstler zu lauschen. Kaum ist man auf dem Gelände, zack, Wasser von oben.

Ohne diese höchst überflüssigen Erfrischungen hätte ich Strom & Wasser vielleicht etwas länger gelauscht, deren Musik + Texte ich schon vor Jahren auf der Altonale recht ansprechend fand. Dadurch kommt der Bewegungsapparat aber gut in Schwung heute, kaum sitzt man eine halbe Stunde im Luxuswohnmobil scheint die Sonne und man muss wieder los, nächste Band gucken.

Vor der Seebühne fällt mir überraschend meine völlig begeisterte Nachbarin nebst Tochter in den Arm, es ist ihr erstes Festival und sie ist völlig begeistert. Alles toll hier, ganz besonders die vielen Spezialitäten in den Fressbuden, man weiß gar nicht was man zuerst, aber die Falafel im Brot wären ganz toll und überhaupt wär das ein ganz großartiger Tipp von mir gewesen. 41 Jahre Wutzrock und man muss die Leute immer noch mit der Nase drauf stossen, also: selbst wenn Euch die Musik nicht unbedingt zusagt, das Essen ist ganz toll und es gibt jetzt Dithmarscher vom Fass statt Astra!

Bei der zweiten sonnigen Platzrunde spielt Ilgen-Nur auf der Elbbühne und leider ist das kein von mir erhoffter türkischer Anti-Erdolf-Polit-Hiphop, sondern Indiedreampop mit Slackerattitüde oder so. Mit elektrischer Gitarre zwar und eigentlich klingt das auch gar nicht schlecht alles, aber auf Dauer etwas zu eintönig für meinen Geschmack.

Meine (wie immer entzückende) Begleitung findet das "Geleier" ebenfalls nicht sonderlich spannend und eigentlich sind wir sowieso auf dem Weg zur Seebühne um mit Shirley Holmes eine Dosis Berliner Punk zu tanken. Die beiden Mädels (+Schlagzeuger) waren vor zwei Jahren ein Höhepunkt auf dem Immecke, hätten eigentlich gut als Anheizer von Slime spielen können und haben doch lieber die kleine Bühne vorgezogen.

Möglicherweise war das auch die bessere Entscheidung heute, denn den Sound kriegen sie nicht gebacken. Da Gitarren bekanntlich niemals zu laut sein können sind es wohl die Stimmen, die etwas mehr Dampf vertragen könnten. Den bekomme ich dafür reichlich am Bühnenrand, der Knopf für die Nebelmaschine muss auf irgend jemanden (wahrscheinlich auf den, der für die Mikros verantwortlich ist) eine ungeheure Faszination ausüben. Für Asthmatiker wär das hier nix und dann ist auch noch laufend alles blau, die Farbe geht gar nicht.

Da eine soundtechnische Besserung nicht in Sicht scheint nehme ich etwas mehr Abstand und eine der von meiner Nachbarin empfohlenen veganen Antifa-lafeln im Teigfladen vom Stand gegenüber. Mit ordentlich scharf. Sehr sehr geil. Vegan, antifaschistisch und so lecker, dass man glatt zwei davon essen könnte. Die zweite auf dem Weg zur Elbbühne.

Dort macht gerade die Vorgruppe von Slime ihren Soundcheck und Danube's Banks aus Hamburg stehen fest auf meiner Liste, weil Gypsy Swing, Klezmer und Balkanbeats. Muss. Kann nur gut sein, mit Platz in der ersten Reihe ganz bestimmt.

Eine halbe Stunde später wäre der nicht mehr drin gewesen, wie ein Blick über die Schulter zeigt. Es ist pickepacke voll, während Danube's Banks ihren Gypsy swingen, doch so wirklich abgehen will dabei scheinbar keiner. Die Band ist trotzdem begeistert, weil sie sonst halt vor 80 Leuten im Cotton Club spielen und der Beifall von mehreren tausend Menschen wahrscheinlich besser rüberkommt, auch wenn er verhalten ist.

Einerseits natürlich toll, andererseits eine ziemlich heikle Aufgabe ausgerechnet vor Slime auftreten zu müssen, was sich Shirley Holmes vielleicht ebenfalls gedacht haben. Dafür ist das leider auch alles etwas zu brav was die Banks hier vortragen, kein Kaliber wie die 17 Hippies oder Fanfare Ciocarlia, nichts was die Meute zum Hüpfen animiert. Nach einer knappen Stunde reicht mir das, auch für den Tag. Slime habe ich schon zu oft gesehen als dass die Pflichtprogramm wären und überhaupt...

..ist das ein seltsam schwermütiges Gefühl in diesem Jahr, weil zwei wichtige Menschen dabei fehlen und einer davon für immer. Auch daran wird mich dieses Festival ewig erinnern.

Nächstes Jahr wieder, hilft ja nix.

Fotos dazu: Himmel über Wutzrock - Punk '82 - Eichbaumsee - Doofe Elbe - Strom & Wasser - Heiter bis sonnig - Ilgen-Nur - Zweierlei Basilikum - Shirley Holmes - Seechiller - Fressbuden - Danube's Banks / Nikon D7200
Musik dazu: Archive - Live at the Zenith / Controlling Crowds