Montag, 22. April 2019

Die Kirche der Seefahrer

















Das Wahrzeichen von Rømø steht direkt an der Hauptstraße nach Havneby und ist somit kaum zu verfehlen. Normalerweise sind Kirchen verschlossen sobald ich eine Kamera in der Hand und ein Stativ im Kofferraum habe und wären bei meinem zweiten Besuch nicht gerade ein paar Besucher ins Freie getreten, wäre ich wohl auch diesmal an der Tür gescheitert. Dass man sich mit seinem ganzen Körpergewicht dagegen stemmen muss um die zu öffnen kann Mensch ja nicht ahnen, in Zukunft gehe ich bei verschlossenen Kirchen resoluter vor, um mir Eingang zu verschaffen. 

Von der St. Clemens Kirke, benannt nach dem heiligen Schutzpatron der Seeleute, bietet nämlich ganz besonders der Innenraum viele interessante Motive. Segelschiffe, schicke Kronleuchter (deren Lichtschalter ich leider nicht gefunden habe) und Haken für die herrschaftlichen Hüte hängen von der hölzernen Decke, die bunt bemalte Kanzel ist ebenfalls aus Holz geschnitzt und könnte man Orgelpfeifen aus Holz herstellen, hätte mich auch das nicht gewundert. Die Reederdynastie Maersk und andere wohlhabende Familien besitzen eigene Kirchenbänke, die allerdings auch nicht bequemer aussehen als der Rest, man soll ja auch ein wenig büßen beim Besuch.

Der ist jedenfalls äußerst empfehlenswert wenn man auf Rømø weilt, nicht nur aus Mangel an Alternativen. Kräftig gegen die Tür drücken.

Fotos dazu: St.Clemens Kirke Rømø - Nikon D7200
Musik dazu: Dynamite Deluxe - Deluxe Soundsystem / TNT








Samstag, 20. April 2019

Willkommen auf Sylt

















Angeblich ist das hier ja die Insel der Reichen und Schönen. Da ich noch nie wirklich reich war, hat sich ein Besuch bisher nie angeboten und obwohl durchaus viele Menschen von dieser Insel schwärmen, war das nie ein angestrebtes Urlaubsziel. Bei der viel zu komplizierten Anreise macht ein Tagestrip auch überhaupt keinen Sinn, es sei denn man befindet sich gerade auf der dänischen Nachbarinsel, denn von Rømø aus sind es nur 40 Minuten mit der Fähre und das muss ich natürlich ausnutzen.

Für jeweils 20 Minuten ist die Fähre im Fahrwasser des jeweils anderen Landes, wer genau weiß was er will kann in der knappen Zeit zollfreie Waren kaufen, Kippen, Schnaps, Uhren, Parfum und ähnlich überflüssiges Gedöns. Man kann sich die 40 Minuten aber auch mit Kaffee und Kuchen, Burgern, Hot Dogs, Pommes und Bier vertreiben, oder sich an Deck den Wind um die Nase wehen lassen, was mich um ein Haar meine St.Pauli Kappe gekostet hätte.

Auf den ersten Blick ist das alles sehr flach. Überall hat's hier Strand, so weit das Auge reicht, was den Erfolg dieser Insel schon ein wenig erklären würde. Die Auswirkungen dieser Beliebtheit findet man dann im Lister Hafen, wo einem der Kommerz mit dem nackten Arsch voran ins Gesicht springt.
Viele bunte Holzbuden, in denen wirklich alles zu bekommen ist, was einen Sylttouristen so interessieren könnte, vom Kugelschreiber bis zum Friesennerz, von der Robbe aus Plüsch für die Kleinen bis zur sündhaft teuren schwedischen Designermütze für Leute, denen ständig die St.Pauli Kappe wegzuwehen droht.

Der Knaller allerdings sind die Fruchtgummis von Nordsee Bär, die man exklusiv nur an der Nordseeküste bekommen kann, obwohl sie in Baden-Württemberg hergestellt werden. Ganz besonders gelungen ist die Sorte Habanero-Orange-Chili, die bei Arbeitskollegen wahre Tränen der Begeisterung auslösen kann, wenn man sie unter die üblichen Haribos mischt.

Ein großer Teil dieser Geschäfte gehört dem Entdecker und Gouverneur der Insel, Jürgen Gosch, dessen Wahrzeichen an und auf vielen Gebäuden prangt, in denen man hauptsächlich seine Fischspezialitäten kaufen kann. Oder eine Biografie, in der man nachlesen kann "wie der Jürgen das alles geschafft hat". 
 
Um unseren ökologischen Fußabdruck möglichst klein zu halten (und weil das Übersetzen der Karre 80 Euro gekostet hätte) gehen wir zu Fuß oder nehmen den öffentlichen Nahverkehr. Das Inselticket für den Tag kostet schlappe 9 Euro, dafür kann man wo immer auch ein- und aussteigen so viel man lustig ist.

Am liebsten wäre ich schon nach zehn Minuten wieder ausgestiegen um die äußerst bizarre und faszinierende Dünenlandschaft zu fotografieren, in der bestimmt früher mal Raumpatrouille Orion gedreht wurde. Leider kann ich mir das nur durch die Busfenster ansehen, ein längerer Spaziergang durch das Dünengebirge steht nicht auf dem Programm, denn Herr L. will nach Kampen um dort Kuchen zu essen, was ganz sicher weniger anstrengend wäre als durch die Dünen zu kraxeln.

Jedenfalls wenn man nicht an der erstbesten Kampener Haltestelle aussteigt, sich dann per Smartphone orientiert und feststellt, dass Ziel befindet sich am anderen Ende des Dorfes. Wenn Kampen überhaupt ein Dorf ist, zu sehen sind nur Reetdachhäuser in allen möglichen Größen bis hin zur Jackson-Ranch. Sogar die Haltestellenhäuschen haben ein Reetdach, alles andere ist hier so sicher verboten wie Silvesterraketen. Jetzt wissen wir also wo die Reichen wohnen, da aber weit und breit niemand auf der Straße ist können wir nicht mit Sicherheit sagen, ob die mit den Schönen identisch sind.

Schön groß sind auf jeden Fall die Kuchenstücke in der Kupferkanne, geradezu gewaltig groß, was einerseits toll ist, weil ich selten so einen hammergeilen Apfelkuchen (unter der Bienenstichdecke, die ja bekanntermaßen der einzige Grund ist Bienenstich zu essen) gegessen habe, andererseits aber doof, weil man von den anderen fünf oder sechs wahrscheinlich ähnlich fantastischen Kuchensorten beim besten Willen nichts mehr probieren kann. Zum runterspülen hingegen ist der Eiergrog dort sehr empfehlenswert. Der ist ebenfalls nötig um den Rückweg zur nächsten Haltestelle zu versüßen, denn die Armen und Doofen, die ohne eigenes Auto auf Sylt rumwandern, haben einiges an Strecke zu bewältigen. 

Next Stop Westerland. Die Ärzte haben Westerland besungen, das muss etwas bedeuten. Ich muss mir den Text aber wohl noch mal genauer zu Gemüte führen, vielleicht ist das auch alles ironisch gemeint, bei Die Ärzte weiß man ja nie. Mir jedenfalls will sich der Zauber dieses Ortes so ganz und gar nicht erschließen, möglicherweise ist das zur Hauptsaison anders, wenn das Leben hier tobt, die Straßen gestopft voll sind mit Touristen und man nicht der einzige ist, dem der staatlich angestellte Strandräuber drei Euro für den Besuch der großen Sandkiste aus dem Kreuz leiert.

Im März hingegen ist das noch recht entspannt, man könnte in aller Ruhe nach Phosphor suchen und den für Bernstein halten, oder umgekehrt. Das machen heute scheinbar recht viele, der Kopfhaltung nach zu urteilen. Kann aber auch am Wind liegen, der stetig an meiner neuen teuren Designermütze aus Schweden zerrt. Nordsee. Nordfriesisch herb. 

Irgendwann muss ich da nochmal hin, schon wegen der Dünen. Vielleicht wieder von Rømø aus, für den Kuchen kann man ja einen Rucksack mitnehmen.

Fotos dazu: Sylt Nordspitze, List Hafen, Kampen, Kupferkanne, Westerland, Strand, Rathaus - Nikon D7200
Musik dazu: Dynamite Deluxe - Deluxe Soundsystem / TNT

























 


Sonntag, 14. April 2019

Die zwei Gesichter des FCSP



















"Als wir das letzte Mal zuerst auf die Süd spielen mussten haben wir viernull verloren." Mein Nachbar kann einem schnell die Laune verderben, aber vielleicht war mein Tipp mit 4:0 auch etwas sehr optimistisch, denn im Normalfall haben Trainerwechsel nicht so einen Knalleffekt, schon gar nicht nach nur einer Woche. Nicht einmal bei einem Luhukay, der vor ein paar Jahren im Forum noch als leider von uns nicht bezahlbare Spitzenkraft gesehen wurde. Aufstiegstrainer! War Kauczinski auch mal, nur halt eine Liga tiefer, daran hätte man eher denken sollen.

Das sieht für genau vier Minuten auch ganz gut aus, bis Park es mit dem Pressing etwas übertreibt und Bielefeld einen Elfmeter geschenkt bekommt, den der immer wieder sympathische Herr Klos dann verwandeln darf. Okay denkt man sich, ist zwar Kacke, aber nach vier Minuten ist eigentlich noch nichts passiert was man nicht wieder geradebiegen könnte.

Dafür wäre es allerdings nötig etwas zu können, am besten Fußball. Das scheint nach dem Gegentor abrupt eine völlig fremde Sportart zu sein, mit der die Jungs überhaupt nicht zurechtkommen. Nach vielen schlimmen Auftritten ist das hier einer der schlimmsten, so dermaßen verunsichert habe ich die Mannschaft zuletzt in den Fastabstiegsaisons gesehen. Die Aufstellung kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, den Knoll haben wir als Innenverteidiger geholt, also warum sitzt der auf der Bank statt Avevor zu ersetzen?

Den Jungs geht eindeutig zu viel im Kopf rum. Ryo bricht einen Lauf ab, weil er glaubt den Ball nicht mehr zu erreichen und realisiert in der Sekunde, dass er ihn erreicht hätte, wäre er einfach weitergelaufen. Manchmal ist das die Lösung, einfach weiterlaufen. Wenn man das noch irgendwie koordinieren könnte, nicht auszudenken. 
 
Für den äußerst schmeichelhaften Halbzeitstand dürfte der Skyman von seinen komplett verwirrten Vorderleuten mindestens eine Einladung zum Griechen erwarten, außer viel Glück verhindern nur seine manchmal wirklich unglaublichen Reflexe die nächste Blamage gegen Schwarzweißblau. Über ein 0:3 oder 0:4 zur Halbzeit hätte man sich durchaus nicht wundern dürfen.

In der Pause phantasieren meine Nachbarn, ob uns Marco Reus, Lars Ricken oder doch besser gleich Lionel Messi helfen könnten, hätte man jemanden dieser Güteklasse auf der Bank sitzen. Wir haben Alex Meier, das müsste im Normalfall reichen, aber wie kommen wir wieder dahin, dass der Normalfall eintritt? Das weiß der Luhukay.

"Pass ma auf" sag ich, "wir machen das jetzt so wie Union bei uns, zwei Tore in zwei Minuten, 47. und 48. Minute, zack zack Spiel gedreht."
Glaubt niemand so recht, außerdem wäre es in der 86. und 87. genehmer, weil man auf der Tribüne lieber an einem Herzinfarkt sterben möchte als vor Langeweile und wir nach einer Führung den Spielbetrieb bekanntlich einstellen.

Luhukay scheint tatsächlich etwas zu wissen, Knolli kommt für den ziemlich indisponierten Mats und verstärkt die, ääh, Offensive? Okay wir haben viele Verletzte, aber echt jetzt? Bevor ich mir weitere Gedanken machen kann erfüllt das auch schon einen Teil meiner Prophezeiung, 48. Minute Flanke Knoll, Kopfball Miyaichi, Ausgleich und man hört sogar die Gegengerade jubeln! Wie geil ist das denn und wie geil wäre es gewesen, hätte es das Davortor in der 47. auch gegeben, denn blöderweise machen wir hinterher keins mehr.

Das ist einigermaßen tragisch, denn das Spiel hätte durchaus einen Sieger verdient gehabt, zumindest die zweite Hälfte und natürlich uns, weil die Bielefelder unerträglich schauspielern, der sehr unterdurchschnittliche Schiedsrichter auf jedes Schauspiel reinfällt und unsere Jungs zeitweilig ein wahres Offensivfeuerwerk abbrennen! Na gut, das mag jetzt etwas übertrieben sein, aber im Vergleich der letzten Wochen? Wenn die Gegengerade schon mitsingt ist das ein deutliches Zeichen. Jetzt müssen sie nur noch das Passspiel lernen, dann fürchtet uns die Liga. Also nächstes Jahr vielleicht, so lange wird es wohl noch dauern.

Das ist auch ganz gut so, endlich Schluss mit dem Aufstiegsgesabbel. Es sei denn Stellingen verkackt es noch, dann nehme ich den Platz, auch auf die Gefahr hin Tasmania zu unterbieten.



Was sonst noch gut war:
Ryo und Robin
Kevin Lankford
Finn Ole Becker, quasi der Jann-Fiete Arp des magischen FC, mit seinem Debüt.
Schicke Derbypyrosticker von USP.
Die Diskussion, ob eigentlich alle Spieler die regelmäßig gegen uns treffen unsympathische Arschlöcher sind. Ergebnis: Ja, alle, außer Torsten Mattuschka.
  
Was sonst noch schlecht war:
In der ersten Halbzeit so gut wie alles.
Der Support in der ersten Hälfte war nicht schlecht, er war ganz einfach nicht vorhanden.
War es das jetzt mit Aux Armes? Hab ich was verpasst oder gehört das jetzt zum ich-spiel-nicht-mehr-mit-dir Gehabe zwischen Süd und Gegengerade?
Die schicken Derbypyrosticker von USP erinnern leider an einen furchtbaren Tag.


Was ausbaufähig ist:
Der Support in der zweiten Hälfte war nicht schlecht, konnte mit den Bemühungen der Mannschaft aber nicht recht schritthalten.

Was ganz hervorragend ist:
Dass die Faschos in Hamburg auch dann kein Bein auf den Boden kriegen, wenn die Hälfte der Hamburger Antifaschisten im Stadion ist. #nonazishh

Mehr zum Spiel bei Gröni

Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - DSC Arminia Bielefeld, 1:1
Musik dazu: Steve Harley & Cockney Rebel - The Psychomodo / The Waterboys - Too Close To Heaven: The Unreleased Fisherman’s Blues Sessions













 

Samstag, 6. April 2019

Die Berge von Rømø

















Es soll sie geben, gleich drei an der Zahl und alle ungefähr 18 Meter hoch. Berge auf Rømø, wer hätte das vermutet. Vom Höstbjerg soll man sogar einen spektakulären Blick haben über Nordsee und Wattenmeer, sagt der Reiseführer im Internet. Gefunden habe ich ihn allerdings nicht, den Berg - und daher auch nicht den spektakulären Blick. Dafür braucht man hier eigentlich keine Berge, mal einen Tag wat wandern gehen langt völlig, denn die Zahl der touristischen Attraktionen auf Rømø ist durchaus überschaubar.

Die Insel besteht gefühlt zu 98% aus Ferienhäusern und Appartementanlagen, mit etwas Glück findet man aber noch nette Ecken ohne viel Nachbarn und dafür mit Terrassenblick auf Wattenmeer und Ponywiese. Zumindest im März, im Sommer kommt hier wahrscheinlich 1 Anwohner auf 1000 Touristen und die kommen alle wegen Rømøs Hauptattraktion, dem kilometerlangen Strand. Auf den darf man sogar mit dem Auto fahren, wobei ich noch nicht sicher bin ob ich das gut finden soll, es ist allerdings ziemlich bequem.

Leider lockt das im fast menschenleeren März vollkommen schwachsinnige Idioten an, die Spaß daran haben mit ihren Pseudogeländewagen weit jenseits der erlaubten Geschwindigkeit durch die Pfützen zu brettern. Ein (wahrscheinlich weltweit einziges) im Watt installiertes Radargerät könnte Rømø so vielleicht eine weitere Attraktion bescheren, auch wenn die Tarnung desselben etwas Probleme bereiten dürfte.

Ansonsten lässt sich die Insel ganz locker an einem Tag erkunden, da wäre noch das Wahrzeichen der Insel, die Sankt Clemens Kirke, mit ihren Kommandörsteinen, den alten Grabplatten wohlhabender Walfangkapitäne. Die ist nicht nur durch die Gräber der vielen Kaptajne oder Dampskibsfører interessant und deshalb einen eigenen Blogeintrag wert. 

Des Weiteren ein Zaun aus den Kieferknochen des Buckelwals, an dem man dreimal vorbeifährt bevor man ihn bemerkt, die kleinste und älteste Schule Dänemarks (nicht mehr in Betrieb) und ein paar Außenstellen des Dänischen Nationalmuseums, die erst im Mai ihre Pforten für Besucher öffnen. Darunter auch eins über die Geschichte der Insel, die auf ähnlich vielen Quadratmetern stattfindet wie der damalige Schulunterricht.

Ach ja und natürlich der 9 Kilometer lange Rømødæmningen, über den man trockenen Reifens auf die Insel gelangen kann, um mit der Fähre nach Sylt überzusetzen, aber das ist eine andere Geschichte.

Fotos dazu: Dünenspiegelung - Römödamm - Wattenmeerdünen - Wattenmeerdünenbank - Amity? - Havneby Havn - Sankt Clemens Kirke - Kommandörsteine - Museum Kommandörgaarden - Toftum Skole - Lecker Salzwiesenlamm - Buckelwalzaun - Strand - Watt?
Musik dazu: Bob Marley & The Wailers - Babylon By Bus