Sonntag, 16. Dezember 2018

Adventsschießen: Drei zum Dritten



















Die Engländer hab ich ja früher immer für leicht bekloppt gehalten mit ihrem Boxing Day. Fußball am zweiten Weihnachtsfeiertag, also wirklich. Aber ehrlich gesagt, ich hätte Zeit. Oder würde sie mir nehmen, gerne um 15:30 oder auch am Abend, völlig egal.

Aber zwei Heimspiele vor Weihnachten, beide am Samstag um 13 Uhr, wenn man weder vorher (zu früh) noch nachher (zu breit) etwas auf die Kette kriegen müsste, was ja vor den Feiertagen durchaus vorkommen soll, das ist schon selten dämlich. Immerhin, in zwei Jahren keine Montagsspiele mehr, das ist ja auch ein Erfolg. Dem Braten trau ich zwar noch nicht recht, weil sie dafür die englischen Wochen vielleicht verdoppeln oder anderen Blödsinn einführen könnten, wie die Europaliga für Zweitligisten oder so etwas. Geld macht erfinderisch, Onkel Dagobert fällt schon was ein.

Guckt man vorher auf die Tabelle und die letzten Ergebnisse, dann ist Fürth einer dieser Vereine, gegen die man etwas fürs Torverhältnis tun könnte. Schon der bloße Gedanke daran verbietet sich eigentlich, man spricht kurz ein mea culpa und denkt, Punkteverhältnis ist eh wichtiger und hofft, dass es wenigstens ein paar Punkte werden. Ein Heimsieg wäre mal wieder ganz schön, scheißegal wie. Nur nicht abheben.

Die schneidende Kälte lässt sich gut aushalten, wenn die Mannschaft erfrischend offensiven Fußball spielt, man kurz nach Anpfiff schon durch einen Lattentreffer aus den Sitzen gerissen wird und nach zwanzig Minuten einen Debütantentreffer feiern kann. Debütantentreffer sind zu geil. Dieser kurze Moment des Erstaunens vor dem unbändigen Jubel. ICH HAB EIN TOR GEMACHT! HIER UND JETZT AM MILLERNTOR! JALECKMICHFETT! Erinnert mich an Chois Treffer gegen Düsseldorf, der ist auch richtig steil gegangen damals, weit mehr noch als Florian Carstens nach dem 1:0.

Weil die Fürther weiter harmlos sind und größtenteils auch bleiben, schließen wir uns dem Stil an, während die Kälte langsam durch die Daunenjacke kriecht. Nichts erwärmendes in Sicht, der Support so lahm wie das Spiel. Ballverlustfußball, nicht schön anzusehen. Samstags um 13 Uhr ist bei Gefrierpunkttemperaturen noch beschissener als eh schon und gehört als nächstes abgeschafft.

Die zweite Hälfte weiß anfangs wieder zu überzeugen, zumindest auf dem Platz. Lattentreffer, Abseitstor und die Fights von Schnecke Kalla (Fußballgott!) können immerhin ein wenig das Herz erwärmen, der Rest bleibt kalt wie Sau, auch weil ich die Handschuhe vergessen habe. Das 2:0 durch Ryo freut dann nochmal ungemein, schließlich hätte man noch zwanzig Minuten Zeit, Torverhältnis und so, aber wie ich schon schrieb, allein der Gedanke daran..

Drei Punkte zum dritten Advent sind ein nettes Geschenk, nehm ich mit. Schade, dass es für den vierten Advent keine vier Punkte gibt, aber vielleicht könnte man gegen Magdeburg ja was fürs Torv... jaja, ich hör ja schon auf. 


Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - SpVgg Greuther Fürth 2:0
Musik dazu: Bruce Springsteen - Springsteen on Broadway / The Promise

Mehr zum Spiel:
Gröni
KleinerTod



















Sonntag, 2. Dezember 2018

Das blöde Volk war wieder da



















Was schreibt man nur über ein Spiel, das so viele Neben(kriegs)schauplätze bietet, dass am Ende das Ergebnis beinahe zweitrangig wäre, ginge es nicht ausgerechnet gegen Dünamö, den Verein aus der Nazihauptstadt, der eine der ekelhaftesten Fanszenen überhaupt mitschleppt. Was sie heute wieder einmal eindrucksvoll bewiesen haben, aber von vorn...

Samstag 13:00 Uhr, Supportboykott! Gegen miese Anstoßzeiten, gegen Montagsspiele, immer mal wieder, jahrelanger Kampf gegen Windmühlen, heute soll ganze 45 Minuten lang geschwiegen werden. Keine Choreo, kein Aux Armes, kein Konfetti, keine Gesänge, kein Support, von beiden Seiten. Kann man mal machen und wäre vielleicht halb so schlimm, würde der Boykott sich auf dem Rasen nicht fortsetzen, denn es gibt auch keinen Fußball. Jedenfalls nichts, außer einem Abseitstor von Waldi vielleicht, dass man irgendwie als Fußball bezeichnen könnte. 

Als informierter Mensch ist man auf so etwas vorbereitet und kann sporadisch sein Wissen weitergeben, meinen Nachbarn fällt nach guten zehn Minuten erst auf, dass es doch seltsam leise wäre heute. So groß scheint der Unterschied zu anderen Tagen auf der Gegengerade also nicht zu sein. Nach 45 Minuten Murmeltierstadion und Antifußball werden die letzten Sekunden gemeinsam runtergezählt und dann ist Schluss mit dem Elend, sowohl auf den Rängen als auch auf dem Rasen. Kann losgehen. Nach der Pause.

Und geht traumhaft los, wie aus der Wunschkiste gezogen. Aux Armes, volles Roar, Feuer unterm Dach und nach zwei Minuten die 1:0 Führung durch Jerry, woohoo, könnte doch noch ein Fest werden heute.

Wird es nicht, weil der Support nach kurzer Zeit wieder fast vollständig erlahmt und sich eine seltsam bedrückte Stimmung im Stadion breit macht. Der Grund dafür liegt seit einigen Minuten auf der Nordtribüne und muss scheinbar reanimiert werden, jedenfalls sind eine Menge Sanitäter, Ärzte und Ordner beschäftigt und je länger so etwas dauert desto ernster wird es sein.

Das hindert die Kackbratzen im Dünamöblock nicht dran, Sanitäter und Patienten beim Abtransport noch mit Bierbechern zu bewerfen und sich mit Lord Helmchens Garde zu prügeln. Was geht in den Hirnen solcher Menschen vor? Oder, besser gefragt, gibt es in deren Köpfen überhaupt genug Masse, in der etwas vorgehen könnte? Ist die Kapazität mit solchen Automatismen wie fressen-ficken-saufen-raufen vollständig ausgelastet? Als Arschloch geboren wird ja eigentlich niemand, aber irgendwo auf dem Weg vom Säugling zum aufrecht gehenden Dünamöfan hat entweder die Evolution oder die Erziehung versagt, wahrscheinlich aber beides. 

Am Ende glänzt der kackbraune Kindergarten noch durch widerwärtige sexistische Tapeten, die ich nicht fotografiere, weil man solche Scheiße nicht auch noch verbreiten muss - und weil wir mal wieder eine zehnminütige Bettelphase einlegen wird das blöde Volk auch noch mit dem Ausgleichstreffer belohnt. Was für ein Segen, dass uns der Haufen für mindestens sechs Monate erspart bleibt.


Was sonst noch schlecht war:
Scheiß Dynamo schlägt alles um Längen.
Außer vielleicht Mats und Knolli verletzt, das wär auch ziemlich schlecht.
Und der Spinner, der nach dem Spiel etwas von Todesfall in der Nord faselte, was bei allen Umstehenden für große Betroffenheit sorgte. Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten.

Was sonst noch gut war:
Henk! Veerman! Was für eine Ballbehandlung, schade dass seine doppelte Kopfballselbstvorlage nicht in der Sportschau gezeigt wurde, hätte Tor des Monats werden können. Leider hat er sich dafür nicht belohnt.
Das YNWA der Südkurve für den verunfallten Menschen in der Nord.
Dass es dem verunfallten Menschen scheinbar wieder besser geht, "inzwischen außer Lebensgefahr" hört sich jedenfalls danach an.


Fotos dazu: Gegengerade Millerntor / FC St.Pauli - SG Dynamo Dresden 1:1
Musik dazu: Donna the Buffalo - Dance In The Street

 




















Sonntag, 25. November 2018

Stadtansichten: Uhlenhorst


















An der südlichen Grenze des Stadtteils Winterhude, zwischen Osterbek- und Eilbekkanal, liegt das kleine feine Uhlenhorst und hat dabei fast so viele Kanäle und Alsteruferkilometer wie der größere Nachbar. Ähnlich wie in Winterhude hat man direkt am Ufer eine Bellevue, nur nennt man die in Uhlenhorst Schöne Aussicht. Genau diese sorgt für Rekordsummen bei den Villenverkaufspreisen, glatte 80 Millionen Euro wird hier für eine Altbaugranate mit Alsterpanoramafenster aufgerufen, dafür ist ein Häuschen für den Chauffeur immerhin inbegriffen.

Selbst im reichen Hamburg dürfte die Anzahl der Interessenten für solche Objekte in überschaubarem Rahmen bleiben, denn auch am Feenteich steht hier und da mal wieder eine der Villen zum Verkauf. Kostenlos wohnen kann man dort zwar auch, allerdings nur übergangsweise und nur als Gast der Stadt, im Gästehaus des Senats. Während des G20 Gipfels soll sich Melania Trump dort angeblich im Bad eingeschlossen haben, weil sie nicht mit Donald in die Elbphilharmonie wollte, aber ich halte das für ein Gerücht, wahrscheinlich waren diese linken Demonstranten schuld daran.    

Neben protzigen Villen und teuren Appartements steht hier auch die viertälteste Moschee Deutschlands. Der Grundstein der Imam-Ali-Moschee wurde schon 1960 gelegt, als man Grundstücke mit schöner Aussicht noch für erschwingliche 250.000 DM bekam. Bei Ausnutzung aller Plätze passen 1500 Menschen in den Gebetsraum, der wahrscheinlich eine irre stimmungsvolle Location wäre für Konzerte von Tamikrest, Tinariwen oder Rachid Taha, wenn so etwa möglich wäre. Aber okay, Punk und Deathmetal wird in Kirchen halt auch selten gespielt schätze ich.

Eine irre stimmungsvolle Location für Hochzeiten für Freunde vom anderen Märchenbuch ist St.Gertrud, am südlichen Ende des Stadtteils in einem Park mit alten Bäumen, direkt am Kuhmühlenteich gelegen, irre romantisch. Dreimal dagewesen, dreimal Hochzeit gesehen, das Ding ist bestimmt über Monate ausgebucht. Wer keinen Bock auf blumengeschmückte Hochzeitsstretchlimousinenangeberei hat, erreicht die Kirche auch ganz einfach über den historischen Bahnhof Mundsburg, auf dessen 1912er Holzbänken man bestimmt irre romantische Hochzeitsbilder machen könnte.

Bessere als mit Stretchlimos ganz sicher.


Fotos dazu: Langer Zug - Kuhmühlenteich - St.Gertrud - Hochschule für bildende Künste - Gebildete Kunst - U-Bahnhof Mundsburg - Alsterprotzvillengedöns - Schöne Aussicht - Feenteich - Gästehaus des Senats - Anleger Uhlenhorst - Imam-Ali-Moschee - Hofwegkanal - Uhlenhorster Kanal  / Nikon D7200
Musik dazu: Pink Floyd - Obscured by Clouds / Delicate Sound of Thunder





















Sonntag, 18. November 2018

Und Sonntags in die Kirche















Für kulturelle Highlights war das ein äußerst mageres Jahr, außer Steven Wilson im Februar keine weiteren Konzerte, sieht man von den üblichen Festivals mal ab, keine Ausstellung, kein Theater, nix. Herrn H. geht es scheinbar ähnlich, der durchsucht sogar schon die lokalen Blätter nach irgendwelchen interessanten Veranstaltungen und wird dabei tatsächlich fündig.

In der Tymmo-Kirche Lütjensee spielt Frank Grischek und er würde auch die Karten besorgen wenn ich mitkomme. In die Kirche. Sonntags. Ein paar Links liefert er gleich mit, damit ich weiß worauf ich mich einlasse. Frank Grischek spielt Akkordeon. Aber schön. Nebenbei ist es auch noch Kabarett oder Comedy, der Mann begleitet immerhin Größen wie Henning Venske auf Tournee und hat mal beim NDR einen Preis für lustige Menschen gewonnen.

Entscheidend ist allerdings das Akkordeon, eine Borsini Superstar! Nicht, dass mir das etwas sagen würde, aber Akkordeon ist immer gut, ich liebe diesen Klang. Eines dieser Instrumente, bei denen ich mich immer frage, wie Mensch so etwas beherrschen kann. Links auf winzigen Tasten rumdrücken, rechts auf etwas größeren Tasten etwas ganz anderes drücken und nebenbei laufend dieses große Teil auseinanderziehen und wieder zusammendrücken. Magisch, wenn man es nicht gerade im Musikantenstadl missbraucht.

Im Programm Klassik, französischer Musette, Eigenkompositionen, argentinischer Tango, also wahrscheinlich sehr viel Astor Piazzolla, mit dessen Tango Nuevo ich ein wenig auf Kriegsfuß stehe, aber egal, einfach mal überraschen lassen.

Herr Grischek weiß dann auch, auf seine amüsant schlecht gelaunte Art, das anwesende Publikum über zwei Stunden bestens zu unterhalten und zaubert gar fantastische Klänge aus seiner Borsini Superstar, Händels Largo gefällt mir sogar so gut, dass ich in der Pause unbedingt eine CD erstehen muss. Dabei erfahre ich nebenbei, dass Cajun und Zydeco ohne passende Begleitung gar nicht so einfach zu spielen ist, daher befindet sich entsprechendes Material nicht im Programm, geplant wär's aber. Ich komm dann sicher wieder.

Wenn Herr H. weiterhin die lokalen Blätter nach solchen Highlights abklappert, sogar Sonntags in die Kirche.


Fotos dazu: Tymmo-Kirche Lütjensee/Frank Grischek - Samsung S5/Canon SX 280
Musik dazu: Frank Grischek - was zusammengehört