Montag, 5. November 2012

Süße Belohnungen















Vorspiel
Frühes Aufstehen, das ganze Wochenende. Gestern für die Anreise, heute für das Spiel, morgen für die Rückfahrt. Man sollte sich eine Woche Urlaub für solche Aktionen aufbewahren um die Montage danach im Bett bleiben zu können. Gestern noch gut reingefeiert mit lecker Chinafood und viel Sauschwanzlbeißer, trotzdem komm ich gut hoch. Mr.T erweist sich wieder als außerordentlich guter Gastgeber, er hat schon Brötchen besorgt. Und Brezn. Sehr wichtig, denn die Brezn gibt es zu den Weißwürsten.

Orakelfrühstück ist angesagt, einzig Herr L. weigert sich diese für ihn zu exotische Speise zu sich zu nehmen, auch Drohungen nutzen nichts. Sein Bruder ist zwar ähnlich skeptisch, das Urteil nach dem Genuss der ersten Wurst fällt dann doch überraschend milde aus und er schafft noch die zweite. Die restlichen acht Stück fallen Mr.T und mir zum Opfer, das sollte für nen fetten Auswärtssieg reichen. Heilige Scheiße, wieso nur bin ich so optimistisch. Muss am Wetter liegen, die Sonne lacht in Bayern als wir losfahren, wenigstens zeitweilig.

Wir kommen gut durch, knappe 140 Kilometer ohne Stau, dann sieht man schon von der Autobahn die Arroganz-Schüssel. Monströses Teil. Freie Einfahrt in das riesige Parkhaus dahinter, bei dem man bis ins oberste Deck fahren sollte. Weil wir das nicht wissen nehmen wir ganz unten den ersten Parkplatz den wir finden, ist eh ziemlich leer, und rennen dafür etliche Treppen nach oben, denn da befindet sich der Ausgang.

Auf dem Weg zum Stadion fällt mir mein vom letzten Heimspiel lädiertes Sitzfleisch ein, diese kalten Plastiksitze im Stadion sind Gift für mich. Die Lösung gibt es im mobilen Fanshop, jetzt hab ich ein Sitzkissen, ich werd echt alt. Gustl bekommt sein Feuerzeug und wir lassen die anschließende sehr oberflächliche Kontrolle über uns ergehen, alles sehr entspannt und freundlich hier. Kaum Heimpublikum zu sehen, die ganze Ecke in braun-weißer Hand. Polizei eher als Motiv für Fotos, ansonsten kaum zu sehen. Das lässt hoffen, ich erkundige mich nach dem Getränkeangebot und erfahre zu meiner freudigen Überraschung, es gibt Vollbier. Da Herr L. seine übliche Stadionwurst haben will müssen wir ohnehin eine Arenacard kaufen, bei Vollbier wird die nicht reichen bis Spielende.

Bisschen rumgucken in der Schüssel und dann auf unsere Sitzplätze, direkt über den Stehrängen, der Gästeblock ziemlich gut gefüllt, bestimmt an die 3000 Sankt Paulianer. Und los gehts mit bayrischem Rahmenprogramm, Fahnenschwenker & Folklore, letztere nicht ganz so schlimm wie in Ingolstadt und Regensburg. Das Maskottchen hüpft herum, immerhin kann man erkennen was es darstellen soll. Stört heute alles nicht wirklich, ich steck mir ne Sportzigarette an und freu mich aufs Spiel. Nicht einmal der Stadionsprecher nervt, diese bayrischen Animateure sind sonst oft ganz schlimm.

Spiel (1)
Die Aufstellung gefällt mir gut, genau die hätt ich auch spielen lassen, Torre und Mohr innen, Avevor und Schachten außen. Der Rest wundert mich ein wenig, Bartels nicht mal auf der Bank kann nur eine Verletzung heißen. Mist das. Ändert aber an unserer immer noch höchst optimistischen Grundhaltung nicht das geringste, es ist egal wer spielt, die machen das heute klar. Prost und auf in die Schlacht.
Und dann steht man so nach den ersten fünf bis zehn Minuten da und denkt, kann mich mal jemand kneifen bitte? Das sieht ja wirklich ganz genau so aus, wie ich mir das gewünscht hab. Es spielt nur eine Mannschaft, und die Münchner gucken zu. Wenn was auf unseren Kasten kommt, dann ist Tschauner auf Draht. Herr L. ist ohnehin felsenfest davon überzeugt, dass Tschauni an seinem Geburtstag zu null spielt. Heute kann uns nichts passieren, heute ist Auswärtssieg angesagt.
Das Spiel ist enorm kurzweilig, und so wie wir die Münchner beherrschen kann es nur eine Frage der Zeit sein bis wir belohnt werden. Chancen gibt es zur Genüge, Kiraly dürfte ziemlich ins schwitzen kommen. Nach einer knappen halben Stunde hat sich der unermüdliche Einsatz unserer Stimmbänder gelohnt, Fabian Boll Fußballgott mit einer sehenswerten Direktabnahme schön in die Ecke. Jetzt spielen die nicht nur schön, jetzt schießen die auch noch schöne Tore, das ist kaum auszuhalten heute bei dem schönen Wetter. Wir belohnen uns dafür mit einer neuen Runde Bier, das lässt sich sehr gut an alles.
Kurz darauf geht Boll vom Platz, was nur auf eine Verletzung hindeuten kann, verdammte Hacke. Für ihn kommt Funk, aber wie wir vor dem Spiel schon vermuteten, es ist egal wer heute spielt. Das geht auch ohne Brüche so weiter, wir sind weiter überlegen, wenn München mal was versucht wird das von unseren Jungs konsequent unterbunden, die sind sofort hinterher. Ich frag mich was Frontzeck denen gegeben hat, das ist einfach nur erstaunlich. Es hat auch niemand das Gefühl, dass sich daran irgend etwas ändern könnte, außer das wir noch einen nachlegen. Zur Pause hüpft die ganze Kurve und wir singen und singen und singen.

Zwischenspiel
Ein gellendes Pfeifkonzert zur Halbzeit, das erste mal dass die Löwenfans unsere Ecke übertönen. Baut die Mannschaft bestimmt unheimlich auf, aber das soll nicht mein Problem sein, ist ja nicht meine Mannschaft. Um uns herum überall strahlende Gesichter, teilweise fassungslos ob der gezeigten Leistung. Mein Handy muckt auf, ich hab Nachrichten. Herr H. will wissen wie viele Weißwürste wir gegessen haben, der hört wohl gerade AFM Radio.

Spiel (2)
Es ist ein Traum und der Traum geht weiter weil der Zauber wirkt. Die spielen Fußball als wäre es ihr Beruf. Eine kleine Schrecksekunde als Tschauner einen gefährlichen Kopfball abfängt und dabei scheinbar gegen den Pfosten rasselt, aber auch durch solche Situationen lässt sich die Mannschaft nicht aus der Ruhe bringen, es geht fast nur in eine Richtung. Keine zehn Minuten nach Wiederanpfiff ist es ausgerechnet der von mir unlängst gescholtene Schindler, der die Vorlage gibt für das 2:0 durch Daniel Ginczek. Die Kurve steht Kopf, unglaublich was hier abgeht. Das erfordert eine neue Runde Bier zur Stimmbandölung, Hacker Pschorr oder so, schmeckt gut. Siegerbier schmeckt immer gut. Wir könnten anschließend nachlegen und mal was für die Torbilanz tun, aber Kiraly stemmt sich ein wenig dagegen, von seinen Kollegen wird er schmählich im Stich gelassen. Ich läster ja gerne mal über die olle Turnhose, heute verhindert er alleine eine derbe Klatsche, der beste Mann bei 1860. Auf der anderen Seite gibt es nicht einmal so etwas wie eine Schlussoffensive, ein letztes Aufbäumen, nur ein einziges mal wird es noch gefährlich, aber selbst ein Anschlusstreffer würde denen nicht mehr helfen. Am Ende sind wir näher am dritten Treffer und die zahnlosen Löwen mit dem Ergebnis ziemlich gut bedient. Schlusspfiff, Auswärtssieg, kollektiver Taumel. Die Belohnung für all die Entbehrungen und Qualen der letzten Touren, eine unfassbar süße Belohnung. Lange hab ich keinen so überzeugenden Auftritt gesehen, aber auch lange nicht so einen harmlosen Gegner. Dem Rausch des Sieges tut das keinen Abbruch.  

Nachspiel (1)
Der Rausch des Auswärtssieges ist einer der stärksten überhaupt, den muss man gaaaanz langsam abklingen lassen, möglichst lange genießen. Daher bleiben wir auf dem Rang stehen, wir feiern die Mannschaft und eine halbe Stunde später feiern wir sie nochmal, als sie zum Auslaufen wieder auf den Platz kommen. Dazwischen werd ich von @diepauliane gefunden, die sich alleine per Zug aufgemacht hat nach München, das nenn ich mal Hardcorefan, ich weiß nicht ob ich die Energie aufbringen würde. Diesmal hat es sich allerdings gelohnt.
Gustl kommt inzwischen von der Toilette wieder und berichtet von atemberaubender Stimmung in Bauch der Betonschüssel. Der dort stattfindenden spontanen Tanz- und Gesangsparty schließen wir uns an, schön laut ist es hier. Wir haben auch noch lange nicht genug und solange die Stimmbänder noch was hergeben, immer raus damit. Für ein paar Nanosekunden bedaure ich die Löwenfans, die sich das mit anhören müssen, aber die meisten sind eh schon vor dem Ende gegangen. Hier feiert heut nur einer, Sankt Pauli und sonst keiner. Ich versuche den Pappenheimer am Handy zu erreichen, um ihm das unbeschreibliche Gefühl eines Auswärtssieges zu vermitteln, versage allerdings bei der Bedienung, vielleicht ist er auch nicht da. Möglicherweise ist er sogar rangegangen, nur kann ich bei dem Lärm hier eh nichts verstehen.
Im Parkhaus dann eine Überraschung, man könnte es auch als moderne Wegelagerei verstehen, die Einfahrt ist kostenlos, die Ausfahrt wird allerdings nur gewährt wenn man noch 10 Euro auf seiner Arenacard hat. Was wir natürlich nicht mehr haben, schließlich gab es Vollbier. Ist kein größeres Problem, sein Geld kann man hier überall loswerden.

Nachspiel (2)
Die Verabredung mit sera fällt leider ins Wasser, die Dame liegt krank danieder, wir müssen leider alleine feiern, aber sie hat uns einen Tisch reserviert. Das Wirtshaus in der Au erweist sich als passender Abschluss eines perfekten Tages, guter Tipp aus dem St.Pauli Forum, die Auswahl auf der ausgezeichneten Karte ist allerdings schwierig. Herr L. spekuliert auf den dicken Pfannkuchen auf der letzten Seite, den gibt es aber leider nur zum Frühstück. Irgendwann hat er sich auf zwei Gerichte eingeschossen, die Entscheidung ist schwer genug, nur eine Portion Ente oder doch lieber gleich eine halbe? Auf der Dessertkarte locken viele süße Belohnungen, die passen hinterher auch noch locker rein, denn die Mengen sind recht übersichtlich für den Preis. München ist deutlich teurer als Hamburg, aber das Essen ist ausgezeichnet und die Bedienung ausgesprochen nett. Der batzige Schokobatz mit beschwipster Vanillebirne der Hammer, noch besser der Gugelhupf von der weißen Toblerone mit Himbeersoße, den ich beim Herrn L. probieren darf. Das nächste mal verzichten wir vielleicht auf das Hauptgericht und nehmen gleich das Dessertpfandl für zwei Personen.

Für jeden eins natürlich.

An so einem Tag sollte man sich keinen einzigen Höhepunkt entgehen lassen. Die süße Belohnung für die ganzen gebrauchten Tage die man so erwischt kann manchmal nicht süß genug sein.

Der Zauber wirkt immer noch: Fanta 4 - Live und direkt / Fischmob - Power






















Kommentare:

  1. Denn ma herzlichen Glückwunsch zum verdienten Auswärtssieg. Wie man sieht, war das Viktualienorakel nicht umsonst. Wäre gern dabei gewesen; auch um den überaus liebenswürdigen Herrn T. und die herzallerliebste Sera mal wieder zu treffen.

    Übrigens, Du hast es geschafft mich telefonisch zu erreichen ! ;-)
    Habe zu der Zeit grad beim Hippo in der Küche gehockt und wir haben Deinen "Anruf" per Lautsprecher genossen. *fg*

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    1. Mit der herzallerliebsten Sera hat es ja leider nicht geklappt, aber das nächste Auswärtsspiel in München ist schon geplant. Wir müssen noch öfter im Wirtshaus einkehren, wird nur etwas dauern :D

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  2. Einfach ein wunderbarer Bericht, vielen Dank!

    Bleibt für mich nur die Verwunderung über die absurde Gelbe, die es für ein Wegwerfen der Trinkflasche nach draußen bei einem Anspiel gab...

    Großartig, wie wir diese drei Punkte geholt haben. Jetzt will ich mehr! Nein, nicht vier, sondern gern auch drei daheim beim nächsten Spiel! Vielleicht sieht man sich ja wieder, auch wenn ich diesmal nicht H3 sein werde.

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    1. Die gelbe Karte war ein Witz, wir haben herzlich gelacht. Die nächsten drei Punkte sind fest eingeplant, wieder auf H3, daher überlege ich die Spiegelreflex mitzunehmen, jetzt wo man das darf bietet sich Flutlicht gegen Bochum an dafür.

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    2. Soweit ich weiß, ist eine Spiegelreflex nicht zugelassen, nur nicht-professionelle Kameras. Aber ich hab das konkret nicht nachgeschaut.

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    3. Dachte ich auch immer. Im Forum gab es aber mal eine Nachfrage und Sven sieht da kein Problem, verboten sind nur Videokameras. Die AGB sind diesbezüglich längst geändert worden, ohne dass ich das mitbekommen hatte.

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  3. Saugeiles Spiel, das hat echt Spaß gemacht. Wenn man so etwas vorher wüsste könnte man sich wirklich überlegen mal ein Auswärtsspiel zu besuchen, die Wahrscheinlichkeit eines solchen Sieges müsste nur höher sein *g*

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    1. "Man" wird so etwas nie erleben, weil "man" lieber zu Hause bleibt oder nach ein paar Pleiten keine Lust mehr hat auf Risiko. Daher kann "man" so etwas nicht mitfeiern und muss sich mit langweiligen Interviews auf sky begnügen *g*

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  4. Klasse Story...


    und ja wir haben Euch gehört!!!!!

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    1. Viele haben uns gehört, wir waren nicht zu überhören :)

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  5. Wenn ich hier weiter Deine Fußballberichte lese, werde ich noch zu einem Fan

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    1. Das ist doch gut so, wenn Du mal nach Hamburg kommst versuch ich dann ne Karte zu organisieren, das wär der nächste Schritt :))

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