Freitag, 6. Januar 2012

Trottel und Held liegen eng beieinander















Heute habe ich mich das erste mal gefragt, wieso jemand den Beruf des Elektrikers bzw. Elektroinstallateurs ergreift. Sind das alles Leute, die als Kind mal so einen Elektrobaukasten geschenkt bekamen, und sich über die lustig blinkende Lampe nach erfolgreicher Verkabelung gefreut haben? Oder ist es die Berufsberatung, die das als Alternative zu den Traumberufen anbietet, für die es leider zu wenig Lehrstellen gibt? Seit ich mal in einem Anflug von Wahnsinn eine Kippsicherung auswechseln wollte, mit dem Schraubendreher abrutschte, dabei drei Stockwerke mitten im sonntäglichen Tatort rüde unterbrach und knapp mit dem Leben davonkam, hat dieser Berufszweig noch weit mehr an Reiz verloren, und der war vorher schon nicht wirklich vorhanden. Damals war ich der Trottel, der Held war Elektriker und wohnte glücklicherweise einen Stock unter uns. So kann man neue Nachbarn doch auch mal nett kennenlernen.
Trotzdem, eindeutig zu gefährlich und zu wenig Heldenpotenzial. Rennfahrer, Astronauten oder Jetpiloten werden für ihren möglicherweise tödlichen Job wenigstens anständig bezahlt. Allein schon diese Kabelberge überall, mir reicht ein abschreckender Blick unter meinen Schreibtisch völlig, so etwas beruflich? Auf keinen Fall. Denn die Gefahren lauern überall.

Heute klingelt mein Kollege Hassan an der Tür, ich drück den Öffner und Hassan sagt: Mischer 4 nix gutt. Nix Motor. Nix drehen. Ein kurzer Blick auf den Monitor zeigt, es ist alles in Ordnung. Alles im grünen Bereich, sag ich, und Hassan verschwindet wieder. Keine 5 Minuten später ist er wieder da. Mischer 4 noch nix gutt. Nix drehen. Auf dem Monitor zeigt sich nichts ungewöhnliches, der Motor dreht. Dreht der Rest nicht mit, dann ist das Getriebe wohl im Eimer, das ist Schlossersache. Bevor ich jemand anrufen kann, klingelt schon einer der Schrauber an der Tür.  Du, ich war eben im Conthermraum, die Motoren stehen alle.
Ich guck auf die Monitore, alles in Ordnung. Alles dreht sich, alles bewegt sich. Auch die Temperaturen sind im normalen Bereich, wären die Rotoren ausgefallen, dann wären die längst durch die Decke gegangen. Kann nicht sein, sag ich, das sind bestimmt nur die vier defekten Motoren von Linie 3. Er will noch mal genauer gucken und ist kurz darauf wieder da, alles steht. Motoren, Pumpen, alles. Glücklicherweise auch die Dampfventile, sonst hätte man schon was gerochen. Irgend etwas stimmt hier nicht.

Nachdem ich minutenlang auf die Monitore starre fällt mir auf, das Bild wird nicht aktualisiert. Eine winzige rote Leuchte zeigt mir an, dass die Kommunikation unterbrochen ist. Ein Reset bringt leider ebenfalls keine neuen Erkenntnisse, ich bekomm keine aktuellen Signale. Was für ein Glück, dass das hier kein Atomkraftwerk ist. Ich weiß schon, warum ich die Dinger nicht mag.
Während meiner angestrengten Grübelei klingelt es mehrfach an der Tür, der Raum füllt sich mit Kollegen, die alle sehr ratlos aus der Wäsche gucken, der Betriebsleiter guckt ebenfalls rein und will wissen was los ist, der Elektrochef ist angefordert und dürfte gleich erscheinen.
Das wird mir zu viel Hektik, ich schmeiß alle raus die ich nicht gebrauchen kann, dabei fallen mir die beiden Elektroinstallateure auf, die schon seit Stunden irgendwelche neuen Kabel durch die Schaltschränke ziehen, in den letzten 30 Minuten recht still gewesen sind und gerade leise diskutierend in der Ecke stehen. Mit einem deutlich erkennbaren P in den Augen.
Naa, grins ich,  falschen Stecker gezogen? Mit dieser Vermutung liege ich richtig, blöderweise hat niemand den Hauch einer Ahnung, welcher Stecker das nun war, denn eigentlich sind alle an ihrem Platz. Darauf folgt eine hektische Suche, der Fußboden wird geöffnet, Kabelwege verfolgt, Stecker auf ihren Sitz überprüft, nichts zu finden.
Darüber vergeht eine weitere halbe Stunde, inzwischen ist die komplette Besatzung der Elektrowerkstatt anwesend, inklusive Fremdhandwerker. Von denen kommt dann endlich einer auf des Rätsels Lösung, eine ganz banale Klemme, die einen Stecker vom abrutschen hindern soll, ist nicht umgelegt. Muss aber, weil der Sitz abgefragt wird.
Als die ganze Chose wieder läuft will ich nur noch wissen, wer denn jetzt der Trottel war, und wer der Held. Als Held entpuppt sich der dicke Harry, der nicht nur wegen seiner Haartracht und seinem Vollbart häufig für meinen Bruder gehalten wird, und irgendwie erfüllte mich das mit tiefer Befriedigung, denn den Mann fand ich schon immer sehr sympathisch. Als zweiten Kopf würd ich den immer nehmen.

Den Job als Elektriker aber, den könnt man mir schenken, das wär nichts für mich. Aber ich hatte als Kind auch glücklicherweise keinen Elektrobaukasten.

Hauptsache die Anlage hat Strom, z.B. für Jackson Browne & David Lindley - Love Is Strange - En Vivo con Tino

Kommentare:

  1. Am schönsten an der Schilderung Deines Arbeitsalltages (?) finde ich " Ein kurzer Blick auf den Monitor zeigt, es ist alles in Ordnung."
    "Ich guck auf die Monitore, alles in Ordnung."
    Hihihi
    Aber Elektriker wäre auch nicht meins. Und das habe ich im Produktionsunterricht bewiesen

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  2. Ich gebe zu, in meinem Job tendiert man dazu, den Computern mehr Glauben zu schenken als manchen Mitarbeiten. Was nicht unbedingt an den Computern liegt *g*

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  3. loool, dein job kann tatsächlich mal stressig sein? wenn wir telefonieren hört sich das immer ganz anders an *fg*

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  4. Ich glaub wir haben gerade zweimal telefoniert, außerdem werde ich dafür bezahlt bei Stress die Ruhe zu bewahren :p.

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  5. hättste mal auf den Kollegen Hassan gehört, ab und zu hat analog doch recht...
    lg Larsen

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  6. Äh... läuft denn die Videoüberwachung nicht komplett unabhängig von allem anderen? Oder war das nur ein zufälliges Aufeinandertreffen zweier verschiedener Defekte?

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  7. Das ist keine Videoüberwachung, die Anlagen werden grafisch dargestellt. Wenn die letzten Daten sagen, dass ein Motor läuft, dann ist der bei mir grün und lustig animiert, so lange keine anderen Daten kommen die das Gegenteil besagen. Leider kamen aber keine aktuellen Daten mehr, weil die Jungs besagten Stecker gezogen hatten. Analog hat seine Vorteile, nur muss man dann halt seinen Hintern bewegen, oder glauben was Hassan sagt.

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