Freitag, 15. August 2014

Eine Überdosis Zucker

















Auf und mit den Rothenburger Stadtmauern kann man sich schon ein paar Stunden beschäftigen, aber irgendwann muss man ja auch wieder runter. Die Touristenhorden auf dem Marktplatz haben sich etwas gelichtet, hält man zehn Minuten lang die Kamera ans Auge und wartet, besteht durchaus die Chance dass mal niemand direkt vor die Linse latscht. Eigentlich wollte ich dafür Stativ und Graufilter mitnehmen, aber mit etwas Geduld geht es auch so. Ganz menschenleer hätte der Platz wohl auch merkwürdig gewirkt und in den engen Gassen wäre das Stativ nur ein Hindernis gewesen.

Mensch, ist das süß hier. Alles. Die Fachwerkhäuser, die Tische und Stühle vor den Cafés, die ganzen schiefen Türmchen, eines sogar wie bestellt mit Storchennest. Zuckersüß, wie im Märchen. Wäre da kein richtiger Adebar gelandet, man müsste einen installieren. Würden sie hier wahrscheinlich sogar machen, denn die Stadt hat sich zu 100% dem Tourismus verschrieben und ich vermute, die Zielgruppe ist klar umrissen. Sind in Bamberg noch Brauereien und Biergärten vorherrschend, sind es hier Cafés bzw. Zuckerbäckereien, die eine anscheinend ortsübliche Spezialität anbieten. Schneeballen. Im Hochsommer.

Die Dinger sehen auf den ersten Blick aus wie überdimensionierte Berliner, bestehen aber unter der vielfarbigen Glasur aus Mürbeteig, hergestellt mit Zwetschgenwasser und wahlweise gefüllt mit allen möglichen Dingen, Marzipan, Schokolade, Nuss, Vanille oder Zitronencreme, ein gewaltiger Verkaufserfolg. In den zehn Minuten, die ich für ein Foto von der Schneeballenverkäuferin warten muss, gehen unglaubliche Mengen über den Ladentisch. Bunte zuckersüße Kugeln sind der Hit bei den Amis, denn zu 90% kaufen das amerikanische Touristen, die restlichen 10% bin ich, denn selbstverständlich muss ich den Kram auch mal probieren und kaufe gleich eine Viererpackung für stolze 12 Euro. Mit drei Leuten sollte das zu schaffen sein.

Am Plönlein heißt es wieder einmal Geduld haben. Die beiden Stadttore mit dem Fachwerkhaus an der Weggabelung sollen eines der weltweit meistfotografierten Motive sein, ähnlich wie das Bamberger Rathaus. Jede Minute bleiben hier Menschen stehen und zücken ihre Handys oder Kameras, erst nach einer halben Stunde und mehreren Anläufen bin ich zufrieden mit dem Ambiente. Kein anderer Fotograf auf dem Bild und auch kein Auto, denn sogar hier gibt es Autoverkehr.

Wären das nur Anwohner hätte ich dafür noch Verständnis, aber hier darf jeder Honk durch die Straßen kurven. Der größte Vollhorst fährt mit seinem vollgepackten Volvo Kombi prompt durch eine der wenigen Straßen die als Fußgängerzone ausgewiesen sind. Meinen freundlichen Hinweis darauf beantwortet er, indem er wortlos seine Fensterscheibe hochfährt. Das ärgert mich, weil es dadurch keinen Sinn mehr macht unfreundlich zu werden. Bei klar erkennbaren Idioten sollte man sich gleich deutlicher ausdrücken.

Versöhnlich stimmt allerdings der Umstand, dass er kurz darauf den ganzen Weg rückwärts fahren muss. Da niemand daran denkt, die Tische und Stühle in den immer noch vollen Straßencafés zu räumen, kann ich ihm auf seinem Rückweg den verdienten Beifall spenden. Man sieht sich halt immer zweimal, und manchmal sind die Abstände sehr kurz. 

Ob Rothenburg mich zweimal sieht wage ich zu bezweifeln, das ist zwar alles unglaublich süß, erst recht die Schneeballen, aber so eine Überdosis Zucker kann ich nur einmal vertragen.

Auch Zucker: Miles Davis - 'Round About Midnight / Miles Ahead


















Kommentare:

  1. niedliches städtchen, wirklich sehr sehr süß *gg*
    und wie schmecken die schneebälle nun? welche sorte ist empfehlenswert?

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    1. Schneeballen. Süß *g*
      Empfehlenswert ist wahrscheinlich die ganz normal mit Puderzucker oder Zimtzucker bestäubte Kugel ohne Füllung, eventuell schmeckt man dann was vom Zwetschgenwasser im Teig. Erdbeere und Schoko war ganz nett, Zitrone zum Abgewöhnen und Nuss so naja. Vom Hocker hauen tut´s nicht

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  2. Das ist schon millionenmal fotografiert worden, nur noch nicht von jedem *fg* Schöne Fotos, nur mit dem dramatischen Himmel übertreibst du manchmal ein wenig (13) :p
    Ich fahre demnächst nach Stade die bucklige Verwandtschaft besuchen, da gibt es auch alte Häuserzeilen. Nicht ganz so viel und vielleicht nicht ganz so süß aber dafür auch nicht ganz so weit weg.

    Gruß N.

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    1. Der dramatische Himmel auf 13 war Gegenlicht mit Polfilter, Sonne direkt an der Turmecke und reichlich dramatische Wolken, genau darum habe ich das so aufgenommen.
      Stade reizt mich auch, aber ich bin schneller in Lübeck. Nach Stade fahr ich mit dem Kutter wenn Stefan mal wieder eine Tour macht. Lüneburg wäre nett, nur ist da leider gerade eins der historischen Häuser in der Zeile abgefackelt.

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    2. Einen Polfilter muss ich mir wohl auch noch zulegen, was empfiehlt der Herr Präsident denn da? Bei Preisen zwischen 30 und 200(!) Euro muss man schwer überlegen was man tut.

      Gruß, N.

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    3. B+W Käsemann, kostet um die 120 als 72er. Etwas anderes würde ich nicht nehmen, schon gar nicht etwas für 30 Euro.

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