Mittwoch, 11. April 2012

Mehr Hunger auf Tore














Vorspiel
Vier Stunden Schlaf sind nach diesem Osterwochenende eindeutig zu wenig, das merk ich in der Firma, ich krieg nichts auf die Kette und brauch erst einen dreifachen Espresso, danach läuft der Laden. Nur mein Magen knurrt noch, weil morgens um 4 Uhr kein Bäcker geöffnet hat, muss ich fünf Stunden auf die Öffnung der Kantine warten, bis ich das Geräusch endlich unterbinden kann. Die Restzeit verläuft erträglich, leider hat mein Kollege eine Reifenpanne und so verspätet sich die Ablösung noch um eine halbe Stunde, weil er zurück muss um das Fahrrad zu wechseln.
Besonders tragisch ist das nicht, denn das übliche Montagsspielnickerchen am Nachmittag kann ich sowieso knicken, das Spiel fängt schon um 17:30 an. Siebzehnuhrdreissig! Mitten in der Woche ist das an Schwachsinn kaum zu überbieten, aber wer das meiste Geld zahlt legt die Anstoßzeit fest, und das sind nun mal die Fernsehfritzen und Werbebanausen.
Eine knappe Stunde bleibt mir, deshalb fahre ich erst einmal zum Backhus, ich brauch Berliner. Die Mannschaft spielt einfach grottig, seit mir kein Orakel mehr einfällt, bei Union ist das einfach. Mir ist zwar klar, dass die Dinger in Berlin aus unerfindlichen Gründen Pfannkuchen heißen, aber hey, das ist ein Heimspiel, da lege ich die Regeln für Orakel fest.
Im Backhus dann die große Enttäuschung, wochenlang liegen die da rum wie sauer Bier, wenn ich welche brauche gibt es keine mehr. Ich hol mir dafür Brötchen, damit ich nach dem Spiel wenigstens etwas Essbares im Haus hab. Auf dem Rückweg denk ich mir, verdammt, das kann es nicht sein, du musst das hier wirklich ernsthafter betreiben. Also fahre ich etliche Kilometer zurück und geh zum Hansebäcker. Auf den ersten Blick auch hier Ebbe, aber ein paar finden sich tatsächlich noch in einer Ecke. Drei Tore gegen Union müssten reichen, also nehm ich drei mit und fahr wieder nach Hause.
Bevor jetzt jemand was sagt, ich weiß, das ist Schwachsinn. Eigentlich. Ich gesteh mir selber ein, schwer einen an der Waffel zu haben, und esse nur zwei Berliner. Vom dritten wird mir garantiert schlecht, außerdem drängt die Zeit. Noch schnell zwei Sportzigaretten gedreht für das Spiel, nebenbei Herrn L. seine Abflugzeit durchgeben, Schal um, Mütze auf, wech nu.
Herrn L. treffe ich erst am Ausgang der U-Bahn St.Pauli, der fährt lieber mit der Regionalbahn, weil das zwei Minuten weniger Fußmarsch sind. Am Versorger vor der Gegengerade will ich gerade zwei Bier ordern, da brüllt irgendjemand  "hol vier" von der Seite. Ich erblicke den heftig winkenden Dartmeister und ändere die Bestellung. Nach einer Bierlänge beschließen wir, das nächste auf der anderen Seite des Bauzaunes zu trinken und entern das Millerntor. Das Bier geht mit auf die Plätze, heute Block 4, letzte Reihe. Herr L. sitzt einen Block weiter, dank der Millerntorkartenlotterie.
Auf der Süd ist man der gleichen Meinung wie ich, und wahrscheinlich mindestens 99% der restlichen Anwesenden, was die geniale Terminierung betrifft. DI 17:30 - geht's noch früher?
Hoffentlich hält das nicht jemand in Frankfurt für eine Aufforderung, die verstehen unseren Humor dort eh nicht.
Dann geht es endlich los, Hells Bells und Papierschlangen. Here we throw again, auch das werden sie beim DFB nicht amüsant finden, und das ist auch gut so. Ich muss darüber aber dummerweise lachen und verwackel deshalb die meisten Fotos von der Kassenrollenwurfaktion.
Fängt ja gut an, doch schon der Mann im grünen Dress vermag mich zu beruhigen, nur durch seine Anwesenheit in unserem Tor. Tschauner ist zurück, ich muss endlich nicht mehr Bene gegen seine Kritiker verteidigen, wäre mir wohl auch langsam schwerer gefallen.

Spiel (1)
Die Jungs kommen etwas schwer in Fahrt scheint mir, die werden doch nicht Frankfurt wiederholen wollen? Das erste gefährliche Ding kommt jedenfalls von Union, aber der grüne Mann hat ihn sicher. Yessss. I feel good. Die ersten zehn Minuten gefallen aber nicht, noch weniger gefällt mir ein gellendes Pfeifkonzert, was zum Teufel? Wo sind wir hier? Mein Nebenmann ist außer mir der einzige der sich aufregt über das neue Anspruchsdenken am Millerntor, später erfahr ich von irgendeiner blöden Aktion im Gästeblock, die dafür verantwortlich war.  So weit ist es schon gekommen, dass man ein Pfeifkonzert auf die eigene Mannschaft bezieht. Die wird langsam wacher und erspielt sich ein paar Möglichkeiten, nur leider ohne Abschluss, aber der Wille ist klar erkennbar. Das wäre die richtige Zeit für mehr Support, aber von hier oben kommt nichts. Auf dem Platz ist man weiterhin bemüht, aber ohne die zwingende Chance, Union kämpft, nicht nur auf dem Rasen. Der Gästeblock ist gut gefüllt und laut, das nötigt mir Respekt ab, gerade an so bescheidenen Dienstagen. Dann eine Riesenchance für die Berliner, geht grad noch drüber, aber kaum hab ich mich beruhigt ist das Ding drin, nach der folgenden Ecke. Maaaaaaaan geht das schon wieder los, so eine blöde Bogenlampe, nicht zu halten, so darf der nie zum Kopfball kommen. Glückstreffer, bräuchten wir auch mal.   

Die Jungs versuchen es weiter, mehr oder weniger geschickt, manchmal verunsichert. Bartels setzt einem Ball nicht energisch nach, ich brülle etwas von "mehr Einsatz" und meine damit ebenso meine Umgebung, die auf come on you boys in brown keinen Bock hat. Mein Nebenmann schafft noch die erste Zeile und gibt dann auf, ich bei der dritten. Tschauner glänzt durch eine Stolpereinlage von geradezu pliquettesker Anmut, aber der Ball geht links vorbei. Meine Güte, wenn jetzt schon der grüne Mann solche Aussetzer hat..
Halbzeitpfiff. 0:1 Pausenstand.

Zwischenspiel
Ich brauche dringend ein Bier für meine Stimmbänder, drängel mich durch die Reihen und gebe auf dem Weg Herrn L. zu verstehen, dass ich mich anders orientieren werde. Sitzen ist für'n Arsch, hab ich immer gesagt. In der letzten Reihe sitzt zwar niemand, aber die Blöcke 4 und 5 sind klinisch tot, das mache ich nicht länger mit. Ich hol mir vor Block 2 ein Bier, weil das schneller geht als an den anderen Ständen, lauf den Weg wieder zurück und begebe mich zu Herrn B. und Koschi auf die billigen Plätze der Tresenkurve. Lieber beschissen gucken als beschissen supporten. Da geht noch was.

Spiel (2)
Und ob da was geht, wir sind am Drücker, aber sowas von. Da muss irgendwann einfach ein Tor fallen, wenn die so weiterspielen. Hier unten brüllt es sich auch gleich viel besser, man hört nicht nur den Gästeblock, der immer noch ausdauernd dabei ist. Nach etlichen vergeben Chancen und kollektivem Gestöhne wage ich mich aus der Deckung und prophezeie zwei Tore. Um die allgemeine Erheiterung darüber noch zu verstärken, weise ich auf die drei Berliner hin, von denen ich immerhin zwei verspeist habe. So etwas sollte man allenfalls in Fußballstadien verlauten lassen, woanders wird man dafür eingewiesen. Aber kaum hat sich das Gelächter gelegt, macht Max den Ausgleich. Woohoo, jetzt gehts ab hier, endlich. Noch eine halbe Stunde für den Siegtreffer, ich hätte alle drei essen sollen. Mehr Torhunger kann nie schaden. Orakelzeit Baby.
Aber die wird zäh. Nicht das Spiel an sich, das macht weiter Spaß, auch wenn die Tresenkurve natürlich wieder am falschen Ende ist. Daher schreien wir die Freude über ein Tor hinaus, das keines ist, singen schon das Woohoo mit, denn damit ist es wohl offiziell, aber verdammt nochmal, was wird da diskutiert? Der war doch drin, verdammte Hacke.
Immerhin hat das Konsequenzen, es wird endlich wieder richtig laut auf den Rängen, so mag ich das, hätte nur gerne früher kommen können. Kurz darauf wieder kollektives Stöhnen, es gibt nen Platzverweis. Nicht mal einen von unseren Jungs trifft es, doch sofort sagen drei Leute gleichzeitig, gegen 10 Mann können wir nicht, konnten wir noch nie, das wird nichts mehr. Ich verweise hartnäckig auf den zweiten Berliner, Ebbe muss noch sein Tor machen.
Ich bekomme Unterstützung durch das Bier von Herrn B., die Mannschaft durch meine Stimme, aber das Tor will einfach nicht fallen. Daube klatscht ein schönes Ding an die Latte, Tschauner fliegt auch noch mal richtig, denn Union hält eisern dagegen. Nachspielzeit irgendwas von drei Minuten und ich will schon resignieren, da kommt Bartels im Strafraum angerauscht und haut das Ding in die Maschen. Waaaaahnsinn, ausgerechnet Fin, der hat das Erfolgserlebnis ähnlich nötig wie Max, hoffentlich gibt das den nötigen Schub jetzt. Woohoo in der letzten Minute, fast so schön wie Duisburg, aber ihr könntet ruhig mal an mein Herz denken. Alternativ müsste ich sonst mehr Berliner essen, was für die Pumpe leider ebenfalls kontraproduktiv ist.
Sekunden später ist Feierabend und endlich einmal ist das verwöhnte Millerntorpublikum zufrieden und feiert seine Helden, sogar vom Gästeblock gibt es Beifall, trotz der paar Spinner die sich da herumtreiben ein überwiegend sehr angenehmes Publikum, das über die 90 Minuten Gas gibt, große Klasse.

Nachspiel
Ich mach noch ein paar Fotos, am Bierwagen treff ich die Jungs wieder und wir lassen uns Spiel und Bier durch den Kopf gehen. Ich beklage mich über die lausige, eher nicht vorhandene, Unterstützung der Gegengeradensitzplätze. Koschi beklagt sich, dass die alten Lieder nicht mehr gesungen werden. Das scheint nicht nur ein organisatorisches, sondern gleichzeitig auch noch ein Generationsproblem zu sein. Aber eins ist mal sicher, wenn ich irgendwann wieder in den Genuss einer Dauerkarte kommen sollte, dann sitz ich entweder in Block 2 bei den Kollegen, oder ich bleib einfach Steher.
Sitzplätze braucht kein Mensch, mit 80 gibts nen Rollator.

Der braucht noch keinen: Michael Franti & Spearhead - All Rebel Rockers

Eine Frage hätt ich noch. Was isst man eigentlich so in Rostock? 

Mehr Spielberichte und Bilder bei KleinerTod und dem Übersteiger mit weiterführenden Links.

















Kommentare:

  1. Soviel Herzblut für derlei bescheidene Leistungen - ich bewundere deine Leidensfähigkeit zunehmend je öfter ich deine Spielberichte ich lese...

    AntwortenLöschen
  2. Was gibts in Rostock auf Tisch? Fisch, Fisch, Fisch!

    AntwortenLöschen
  3. Es war nicht jeder begeistert von den Unionfans, ein paar Typen haben schon vor dem Spiel nach Stress gesucht und ihn gefunden, völlig ätzendes Pack. Geh mir wech mit Ostvereinen, die brauch ich alle nicht.

    AntwortenLöschen
  4. Also bei uns heißen die Dinger auch Pfannkuchen und es gibt dafür auch eine logische Erklärung. Und Union, mit denen sind wir früher rumgezogen, hatten so eine Art Koalition. Die konnten schon immer gut Stimmung machen. Gibt es bdei denen nicht auch das Weihnachstsingen? Oder sind das die anderen Berliner? Nein, so was können die anderen Berliner nicht. Das MUSS bei Union sein

    AntwortenLöschen
  5. Hm Pfannkuchen als Grundlage für ein zünftiges Bier? Da jammer nochmal einer rum, daß er im Regenwald nix vernünftiges bekommt.

    Btw Hut ab vor der Aktion von Ebbers, zum Glück habt Ihr auch ohne dieses "Tor Gottes" gewonnen, ansonsten wäre er wohl leider zum Deppen des Spieltages gekürt worden.

    AntwortenLöschen
  6. Herr Ärmel, Leidensfähigkeit ist eine Grundvoraussetzung um überhaupt St.Pauli Fan werden zu können, die Leistung war diesmal aber nicht bescheiden, nur die Ausbeute.

    Anonym, Fisch gibts hier frisch, Rostocker müsste ich suchen.

    Holzi, bei uns gibt es auch Typen die Stress suchen, das ist kein Alleinstellungsmerkmal von Ostvereinen. Und wenn ich mir angucke was bei unseren Auswärtsspielen so alles mit Totenkopf herumläuft, dann ist oft genug fremdschämen angesagt.

    Inch, die logische Erklärung hab ich eben bei Wikipedia gefunden, etwas ähnliches hab ich erwartet.

    Hippolyte, die Berliner waren die Grundlage für das Spiel, nicht für das Bier ;)
    Ebbes Reaktion fand ich gut, er wäre selbst bei einer Niederlage nicht zum Deppen geworden. Passt schon.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ihr Binnenländer, sucht doch immer noch die Küste.

      Löschen
  7. Nicht immer nur beklagen das die alten Lieder nicht mehr gesungen werden, etwas dagegen tun, selber singen.

    AntwortenLöschen
  8. Irgendwie sind hier wohl beide Orakel bzw. Wünsche in Erfüllung gegangen - zwei Tore für uns und das Siegtor in der Nachspielzeit. Persönlich weiß ich nicht, ob ich den Wunsch kurz vor Anpfiff nochmal wiederholen sollte, allzuoft halte ich so ein immens spannendes Spiel nicht aus. Und das Spiel fand ich eigentlich auch gut, von beiden Seiten.

    Ein wirklich lesenswerter Spielbericht, den ich mir wie immer hier gerne wieder zu Gemüte geführt habe.

    Bei einer Dauerkarte wäre es mir dann auch egal, ob ich stehe oder sitze - beides hatte ich schon über längere Zeit, das ist nicht entscheidend. St. Pauli, das zählt. Nichts anderes.

    AntwortenLöschen
  9. Anonym, nicht jeder ist zum Chorleiter geboren.

    kleinertod, ein unspektakuläres 2:0 schont sicher die Nerven, aber Spiele wie Duisburg oder Eisern bleiben dafür länger in Erinnerung. Zumindest gegen Union treten wir wohl nächste Saison wieder an.
    Bei Karten bin ich auch nicht wählerisch, dabei sein ist alles.

    AntwortenLöschen