Donnerstag, 10. April 2014

Entwicklungshilfe













Handbücher liest kein Mensch, zumal man sich Handbücher meistens kaufen müsste. Kauft man sich einen Fernseher, einen Computer oder einfach nur Software, liegt da meistens ein dreiseitiger Zettel mit den ersten Schritten bei und ein etwas dickeres Büchlein mit den Garantiebedingungen in 55 Landessprachen, das war´s. Wer mehr wissen will guckt auf die beiliegende CD, wer Glück hat findet dann ein Handbuch als pdf vor, doch selbst daran wird heute gerne gespart.

Infolgedessen durchsucht man das Internet nach Tipps und Tricks, lädt sich Handbücher als pdf von der Herstellerseite oder guckt nach Lehrvideos. Zu Lightroom zum Beispiel findet sich bei Adobe einiges an Material und auch bei youtube habe ich etliche mehr oder weniger nützliche Videos gefunden, weil es immer ein paar freundliche Menschen gibt, die ihr Wissen kostenlos weitergeben.

Einem dieser freundlichen Menschen widme ich heute diesen Blogpost, weil ich dermaßen begeistert bin von seiner Webseite, dass ich die allen fotobegeisterten Mitmenschen (mit einem zumindest rudimentären Verständnis der englischen Spache) wärmstens ans Herz legen möchte. Wer mit Lightroom, Photoshop oder Photoshop Elements arbeitet findet dort jede Menge Entwicklungshilfe.

Anthony Morganti ist Fotograf und Grafiker aus Buffalo/NY, hat recht früh das Hobby zum Beruf gemacht, irgendwann kurz vor dem Burnout das Handtuch geschmissen und 30 Jahre keine Kamera mehr angefasst. Gott sei Dank hat ihn die Fotografie nie ganz losgelassen und er ist irgendwann dem Reiz des digitalen Zeitalters erlegen.

Auf seiner Seite Learn Photography with Anthony Morganti finden sich inzwischen über 30 Lightroom Tutorials, vom kurzen Einstieg bis zu detaillierten Erklärungen der einzelnen Tools und Möglichkeiten,  Lightroom Plugins wie Photomatix, HDR Efex Pro, Silver Efex Pro, alles dabei. Wenn jemand etwas spezielles erklärt haben will macht er auch gerne Wunschvideos, was dazu führen kann, dass er sich mit dem Buchmodul beschäftigen muss und sich das erste mal für 60$ ein Fotobuch bestellt. Das Ergebnis fand er dann auch ganz okay, war aber nicht gerade Werbung für den Laden mit dem Adobe da in den USA verbandelt ist.

Wenn man sich einmal an das einleitende "Hey Guys, this is Anthony Morganti from anthonymorganti dot com" gewöhnt hat bekommt man einen fantastischen Erklärbären, der nicht nur in jedem Schritt erklärt, warum er was macht, sondern in späteren Videos auch, warum er das irgendwann doch anders macht, weil man ja selber nie auslernt bei der ganzen Geschichte. Denn erst wenn man den Leuten erklären soll, wie das mit dem Importieren und der Dateiverwaltung am besten funktioniert in Lightroom, stellt man fest, dass man sich vielleicht selber mal Gedanken darüber machen sollte.

Ob es kurze Videotutorials über gezielte Anpassungen mit Gradationskurve und HSL-Panel sind, oder die Frage gestellt wird wie man eine Nachtaufnahme entwickelt, Tony macht alles. Wenn er keine Nachtaufnahme hat geht er auch eben los und knipst schnell mal eine, wenn die völlig unterbelichtet ist macht das nichts, da können die Leute gleich mal sehen was man alles falsch machen kann.

Sehr viele Leute wollten genauer wissen was sie besser machen können und haben Tony ihre Fotos geschickt, für die Reihe Photo Critiques, in der er dann Verbesserungen oder Veränderungen vorschlägt, wobei ihm eins ganz besonders wichtig ist: Entwickel deinen eigenen Stil. Tu nichts so, nur weil ich es tue.
Nachher waren das so unglaublich viele Leute dass die Tutorials darunter litten, deswegen macht er das jetzt leider nicht mehr. Ich finde solche Seiten einfach immer zu spät.

In den inzwischen über 170 Photo Critique Videos findet man aber trotzdem haufenweise Anregungen, kann sehen welche Fehler man selber schon gemacht hat, aus Fehlern anderer lernen und manchmal findet man, wie Tony, unglaubliche Aufnahmen von 15jährigen Kids wie Aaron, bei denen man sich denkt, wow, das ist cool. Wie krieg ich das auch hin?



Musikalische Entwicklungshilfe: Dirtmusic - Lion City

Sonntag, 6. April 2014

Gegenregengemurmel















Ach Hamburg, Du zeigst dich mal wieder nur von deiner zweitbesten Seite: es regnet nicht. Angesichts der vorherigen sonnigen Tage ein geradezu winziges Zugeständnis an den Erstbesuch des netten Herrn Sleeper und seiner entzückenden Gattin, die ich am Samstag von Oevelgönne bis nach Blankenese, an die Alster und durch St.Pauli führen durfte. Kurzprogramm mit kurzen Aufenthalten, die immerhin halbwegs trocken abliefen.

Möglich, dass wir das der einsam vor der Strandperle sitzenden, vor sich hin trommelnden und Mantras murmelnden Dame zu verdanken haben. Was ich zuerst misstrauisch für eine Art Regenzeremonie hielt war vielleicht doch das genaue Gegenteil. Oder sie ist in der Regenbeschwörung nicht sonderlich geübt.


Klasse Regenbeschwörer: Mark Lanegan - Bubblegum / Whiskey For The Holy Ghost

Freitag, 4. April 2014

Der Frühling wird bunt















Um eventuellen Befürchtungen entgegenzutreten hier würden demnächst nur noch farblose Bilder erscheinen, gibt es heute eine volle Dröhnung Futschicolor. Wenn die Natur schon so nett ist und uns mit geradezu verschwenderischer Farbenpracht erfreut, dann muss man das auch mal würdigen, woll.

Ganz alte Farbwahl dazu: Jethro Tull - Stand Up / Benefit



Mittwoch, 2. April 2014

Kommt ein Wagen vorgefahren...




Der Wagenmeister des Hotels Atlantic kennt jeden Fahrzeugtyp, das habe ich jedenfalls mal in irgend einem Käseblatt gelesen. Früher habe ich ja immer gedacht, der wäre dazu da die Fahrzeuge der Gäste ins Parkhaus und zurück zu befördern, aber angesichts der doch etwas ausladenden Dienstkleidung des Herrn kommen mir leichte Zweifel. Einen Bentley, oder eine S-Klasse von Daimler Benz, so etwas in der Richtung kann man sicher auch mit dickem Mantel und Zylinder fahren, bei einem Cabrio notfalls das Verdeck öffnen, aber in den Klamotten würde ich den Mann nicht ans Steuer meines Maserati lassen. Also, wenn ich einen hätte. Manchmal fahren die Gäste des Edelschuppens ja auch in weit bescheideneren Fahrzeugen vor, was für ein Segen dass die Dinger dann schon einen Fahrer haben.

Fahrradtaxis scheinen für Touristen ein durchaus lohnenswertes Vergnügen zu sein, bei dem was ich bisher so beobachten konnte machen die Jungs und Deerns einen ziemlich guten Job. Wem es zu anstrengend ist die Stadt per pedes zu erkunden der sollte das ins Auge fassen, viel teurer als eine Hafenrundfahrt ist es auch nicht.

Wagenmeistermusik: Van Morrison - Moondance

Samstag, 29. März 2014

Warum man immer einen Aufkleber dabei haben sollte

















Vorspiel
Das fängt ja gut an, nach gerade einmal sechs Stunden Schlaf klingelt das Telefon. Ich muss die Prinzessin nicht aus dem Kindergarten abholen, weshalb ich weiterschlafen dürfte. Definitiv einer der sinnlosesten Anrufe ever, jetzt bin ich wach. Also Brötchen holen, anständig frühstücken, Sportzigaretten für das Spiel basteln, was man so macht um sich die Zeit zu vertreiben. Auf der Webseite lese ich, dass die Jungs sich heute richtig reinhängen wollen. Laufen, kämpfen, alles geben. Die Idee find ich gut, hätten sie eher drauf kommen können.
Ich verpasse den Bus, nehme dafür den in die andere Richtung, den die dusselige HVV Seite eh immer vorschlägt. Umständlich, aber geht auch. Vor dem Stadion stehen jede Menge Verkäufer mit dem Übersteiger. Billiger Sensationsjournalismus, sehr reißerischer Titel, könnte direkt von der Morgenpost kommen. Muss ich natürlich haben das Blatt.

Im Stadion kurz beim Dartmeister vorbeisehen, wie immer drehen sich die Gespräche um.. Dart. Keine Ahnung wie viele Dartmannschaften wir inzwischen haben, aber auf diesen Sport scheint der Verein gewartet zu haben. Eine Sportart bei der man kräftig picheln kann passt halt zu St.Pauli. Auf dem Weg zur Tribüne schnell zwei Bier geholt und die Stadionzeitung. Die Titelstory kommt mir seltsam bekannt vor. Noch mehr Sensationsjournalismus, haben wir das wirklich nötig?

Herr L. ist schon auf dem Platz, da er keinen Geburtstag feiern muss ebenfalls mit zwei vollen Bechern. Der Umsatz dürfte heute ohnehin in den oberen Bereichen zu finden sein, es sind jede Menge Celtic Supporters anwesend, die mal wieder richtig Fußball genießen wollen. Die Mannschaftsaufstellung sorgt für Verblüffung, wo kommt Schindler auf einmal her? Und wieso ist Torre wieder drin für Mohr? Ratsche für Bartels war erwartbar, mit Nöthe und Verhoek gleich zwei Stürmer und Schnecke als Kapitän. Wie viele Kapitäne hat´s eigentlich schon gegeben diese Saison?

Die weibliche Nachbarschaft hat Gefallen an Konfetti gefunden und macht sich wurfbereit, kurze Kontrolle, Bier in Sicherheit, kann losgehen. In der Südkurve gibt es eine wahre Konfettiexplosion nachdem das Banner unten ist, aber die blöde Taschenknipse ist nicht in der Lage ein einziges halbwegs scharfes Foto davon einzufangen.

Spiel (1)
Das fängt ja gut an, nach gerade einmal zwei Minuten kriegen wir eine Ecke und das Ding landet an der Latte. Kurz darauf zieht ein Fürther ab und trifft die Latte auf der anderen Seite, da wäre Tschauner nicht rangekommen. Minuten später rettet Ratsche mal wieder auf der Linie, das ist verdammt eng, verdammt. Aber eins hat sich geändert gegenüber dem Spiel gegen Ingolstadt, die Jungs haben Biss. Sie gehen auf den Mann, sie rennen, sie kämpfen, geben Bälle nicht verloren, ein ganz anderes Gesicht. "Sieh mal einer an" sag ich zu Herrn L., "sie lassen ihren Worten Taten folgen. Warum geht das nicht einfach mal so, ohne Ankündigung? Das ist doch der Job."  Sind aber auch Kämpfer auf dem Platz heute, Schachten und Verhoek panzern sich rein und Johnny hat Chancen. So gute Chancen, dass ich einmal laut Tor schreien muss, aber just als Herr L. mir um den Hals fallen will bemerke ich den Irrtum. Scheiß Außennetz. Das Spiel selber ist nicht unbedingt eine Delikatesse, aber es ist spannend. Buchti muss die Notbremse ansetzen und kassiert ne Karte, bei dem muss man auch immer mitzählen.

Nach einer halben Stunde gibt es Tumulte. Erst wird Tschauner körperlich im Strafraum angegangen, kurz darauf der Linienrichter verbal, in der Summe macht das zweimal Gelb für Fürth. Schulle tauscht mit dem Spieler noch einige Nettigkeiten aus, prompt ist Ramba Zamba vor den Trainerbänken und Schulle muss auf die Tribüne. "Würde mich wundern wenn hier am Ende 22 Spieler vom Platz gehen" sag ich, "besonders geizig ist der mit dem Karton nicht." Die Greuther werden langsam unsymapthisch, fünf Minuten vor Halbzeit fliegt einer durch unseren Strafraum, bevor ich einen Elfmeter auch nur befürchten kann kassiert auch der eine Karte für seine Schwalbe. Zwei Minuten Nachspielzeit, dann geht es mit 0:0 in die Pause.

Zwischenspiel
Herr L. ist durstig und verschwindet schon zwei Minuten vor dem Pfiff um Nachschub zu holen. Das gibt mir die Gelegenheit auf den Tribünen nach Motiven zu suchen, eins taucht gleich mehrfach auf: Nur Pfeifen pfeifen. Dem muss ich unbedingt beipflichten, allerdings kann man heute gut sehen wie man Pfiffe vermeidet. Sich den Arsch aufreißen auf dem Platz ist die beste Möglichkeit, heute pfeift nicht einer, es gibt Beifall als die Jungs den Platz verlassen.

Spiel (2)
Frisches Bier zur zweiten Hälfte, keine frischen Spieler und weiter Angriffsversuche auf beiden Seiten. Und weiter gelbe Karten, eine für Schindler, der Diskussionsbedarf hat, eine für ´nen Fürther wegen Foulspiel, das geht niemals mit 22 Spielern zu Ende. Sieht der Fürther Trainer auch so und tauscht vorsorglich einen aus. Unsere Jungs kommen besser ins Spiel, weil sie immer noch giftig sind und nachsetzen. Verhoek stört den Fürther Torwart, doch den Fehler kann Nöthe leider nicht ausnutzen. Verdammt verdammt, verdammt spannend. Ich komm vor lauter singen und gröhlen kaum zum trinken, Herr L. ist mir weit voraus, aber der singt auch nicht gerne. Auf den Rängen tobt heute echt mal das Leben, so kann´s gehen wenn die Mannschaft ebenfalls Leben zeigt. Ich würde den neuen Chant gerne mal mitsingen, aber immer wenn ich mit "die ganze Kurve singt und tanzt für dich" ankomme guckt Herr L. komisch. "Wir sind ´ne Gerade" sagt er, "keine Kurve." Was für Nebensächlichkeiten.

Bei uns kommt Thy für Schindler. Mehr Sturm, da geht noch was. Doch was geht ist Schachten, der geht steil, weil Buchti einen Freistoß in den Strafraum bringt und die Fürther Defensive den Ball nicht weg.  Schachtööööööööööööööööööön. Woohoo, 1:0 für die Guten, wie geil ist das denn. Diesmal darf Herr L. mir auch um den Hals fallen, das war im richtigen Netz. Und fast noch das 2:0 oben drauf, leider nur fast. Die Fürther sammeln weiter Karten, einmal Foulspiel und einmal erhöhter Diskussionsbedarf beim Schlussmann. Heute gehen nieeeemals 22 Mann vom Platz. "Das geht nieeemals 1:0 aus" prophezeit Herr L. "entweder wir machen gleich noch eins oder die schießen den Ausgleich."

Blöderweise passiert letzteres. Freistoß für die Franken, Kopfball, drin. Verflucht und zugenäht, darauf brauch ich ´ne Sportzigarette und ´nen großen Schluck Bier. Alarm machen, die Mannschaft nach vorne peitschen. Flutlicht, Dom, Iren und Schotten im Stadion, alle Voraussetzungen für ein Fest. Forza Sankt Pauli. Und was passiert? Flanke, Kopfball, 1:2.

In zwei Minuten. Zum kooootzen. Noch zehn Minuten zu spielen, Maier kommt für Ratsche. Jetzt einen Freistoß bitte. Aber nix, noch fünf Minuten, Gregoritsch kommt für Ziereis. Totale Offensive jetzt. "Komm Gregor" brüllt Herr L. "mach ihn rein, du hast noch was gutzumachen." Kaum sind die Worte verhallt liegen wir uns in den Armen, auch wenn Gregoritsch nichts damit zu tun hat, es ist Torre, der den Ball zum Ausgleich in die Maschen ballert. Woohoo, 2:2. Rock'n'Roll Sankt Pauli.

Wir sind weiter am Drücker, ich will jetzt drei Punkte, alles oder nichts. Schachten kassiert ´ne gelbe Karte, inzwischen muss gefühlt jeder zweite da unten eine haben. Noch einen Freistoß, den könnte Maier machen. Macht er auch, direkt, aber Hesl hält. Dann ist Schluss, und scheiß auf den Punktverlust, das ist mal wieder eine Truppe die man feiern kann. Geht doch. Selbst wenn sie das Ding verloren hätten, heute war kein Tag für pfeifende Pfeifen, alles richtig gemacht.

Nachspiel
Herr L. hat Papier im Bier und geht erst mal eins wegbringen, während ich die Aussicht auf den Dom und die Restgänsehaut genieße. Nach so einem knapp gewonnenen Unentschieden muss noch etwas gefeiert werden, also auf zu den Fanräumen. Davor springt uns unser kleiner Ultrafeuerwehrmann in die Arme und wenig später finden wir die Tresenkurve. Hinter mir drückt sich ein Fassträger in der Gegend rum. "Biermann, bleib hier Mann" sag ich und ordere eine Runde Getränke, so geht mein letzter Schein über den Jordan. Nach einigen Minuten angeregt geführter Fussballfülosofie wird diese durch Sprechchöre unterbrochen. "Die Raute muss weg, die Raute muss weg." grölt eine ganze Gruppe hinter uns. Eine Raute? Hier und jetzt? Die muss ich mir ansehen.

Es ist ein Pinneberger und der sitzt in seinem Auto. Mit Hasivaunummernschildhalter. Dank der Schausteller ist es mal wieder arscheng vor der Gegengerade, hier gibt es weder Parkplätze noch eine Durchfahrt nach irgendwohin, wer ist so bescheuert und fährt hier Auto? Wo kommt der überhaupt her?

Wo er hin will ist klar, aber fahren ist nicht, seine Kiste wird von allen Seiten belagert, das Nummernschild ist schon verziert und hier und da hängt noch ein Aufkleber an Spiegeln und Fenstern. Es fällt mir wie Schuppen aus den Haaren, ich weiß was der hier will, der sammelt Sticker! Geschickt gemacht, ehrlich. Ich sammel die Dinger auch und habe rein zufällig noch den schönen "Gute Reise" Aufkleber dabei, den mir meine nette Nachbarin beim letzten Heimspiel geschenkt hat. Der sollte eigentlich längst zu Hause liegen, und eigentlich habe ich den auch nicht übrig, das ist ein Einzelstück. Andererseits ist es für Rauten immanent wichtig, die Auswärtsspielstationen der zweiten Liga zu verinnerlichen und die Gelegenheit den Sticker feierlich einer Rothose zu überreichen kann ich mir nicht entgehen lassen. Ich drücke Koschi mein Bier in die Hand, Herrn B. meine Hooliganpostillen und mache mich auf, das Heck des Fahrzeugs zu verzieren. Auf diese Idee sind natürlich auch andere schon gekommen, sehr viel Platz ist nicht mehr auf der Heckscheibe. Mein Aufkleber wird allgemein mit sehr viel Gelächter begrüßt und ist, wie das gesamte Heck des Wagens, das wahrscheinlich beliebteste Fotomotiv des Abends. Der Aufklebersammler hat aber auch ein Stück Glück, so viele verschiedene schicke St.Pauli Sticker habe ich nicht einmal zu Hause im Schrank.

Die ganze Aktion zieht sich enorm in die Länge, weil aus der anderen Richtung noch ein Fahrzeug in Richtung Nordtribüne will. Der ist beinahe noch dämlicher als der Pinneberger, hat aber keine Rautendevotionalien am Auto und bekommt deshalb auch keine Aufkleber geschenkt.

Nach einer knappen Stunde verabschiedet sich dann die Tresenkurve in Richtung Heimat und wir brechen auf. Vor einer Dombäckerei überprüfe ich meine Habseligkeiten, aber der einzige Schein im Portemonnaie ist der Fahrschein und das Kleingeld reicht nicht einmal für eine Apfeltasche. Dadurch verliere ich sowohl Herrn L. als auch den Feuerwehrmann aus den Augen, laufe wahrscheinlich irgendwann an denen vorbei und setz mich alleine in die U-Bahn. Zu Hause gibt´s wenigstens was zu futtern.

Und falls jemand so einen "Gute Reise" Aufkleber übrig haben sollte, über einen Ersatz würde ich mich freuen...

Gute Reise Musik: Ryan Adams & The Cardinals - Cardinology / III-IV
























Mittwoch, 26. März 2014

Der Himmel über Hamburg
















Ziemlich dramatisch ist er in letzter Zeit, als würde er uns auf den Kopf fallen wollen. Ab Sonntag ist er dann eine Stunde länger dunkelhell, wovon ich leider nichts habe weil das in meine grandiose neue Arbeitszeit fällt. Dafür erwacht er morgens eine Stunde später, was ich nicht mitbekommen werde, weil ich dann noch in Morpheus Armen weile. Es warten acht harte Wochen, an denen mir eventuell vorhandenes Tageslicht nur am Wochenende begegnen wird, mit oder ohne Dramatik.

Nachtschicht. Ein Leben als Morlock, während die Elois den manchmal blauen Himmel genießen können. Solange er ihnen nicht auf den Kopf fällt.

Manchmal dramatisch: Beth Hart & Joe Bonamassa - Live in Amsterdam

Montag, 24. März 2014

Unsere kleine Folterstube















Vorspiel
Eine Stunde vor dem Anpfiff muss man nicht im Stadion sein beschließe ich. Schon gar nicht auf einem Samstag um 13 Uhr. Schon überhaupt gar nicht, wenn man danach noch auf einen Geburtstag muss. Das verspricht ein anstrengender Tag zu werden, Herr L. hat schon angekündigt höchstens ein Bier im Stadion trinken zu wollen, ich soll mich zurückhalten am Tresen.

Eine halbe Stunde vorher, das reicht für einen kurzen Schnack mit dem Dartmeister und den anderen Herren vom Fanclub. Die Jungs haben zwei neue Leute dabei, seit 30 Jahren nicht im Stadion gewesen und heute haben sie einen Sitzplatz, unser Block, unsere Reihe, da können sie mir gleich hinterherlaufen. Hat sich ja einiges verändert in 30 Jahren, man findet nix wieder.

Unterwegs schnell ein Bier abgreifen, mehr soll ich ja nicht. Als ich oben ankomme erwartet mich Herr L. entgegen seiner Ankündigung mit zwei vollen Bechern und wir können gleich einsteigen in die Ingolstädter Mannschaftsausstellung, die wie zu erwarten aus lauter Guneschs besteht, obwohl Felgenralle leider nur auf der Bank sitzt. Das finde ich ziemlich doof, denn auf der Bank sitzen können hätte er bei uns schließlich auch, aber er musste ja unbedingt Audi fahren.

Unsere IV besteht aus Gonther und Mohr, was nach den zuletzt gezeigten Leistungen nur logisch ist, muss auch Herr L. zähneknirschend zugeben, der alte Torre-Fan. Ansonsten eine ziemlich offensive Ausrichtung, Bartels, Gregoritsch, diesmal Nöthe vorne drin und Verhoek als Reservist. Hm. Hm hm. Buchti noch auf der Bank nach seiner Verletzung, aber Sebastian Maier in der Startelf. Gefällt mir, kann losgehn. 

Spiel (1)
Gefällt mir nicht, kann wieder abgepfiffen werden. In den ersten 15 Minuten gefühlt doppelt so viele Angriffe der Ingolstädter und auch die sind nicht gerade zahlreich. Ödes Mittelfeldgebolze, wenn über nen Konter (schnelles Umschaltspiel heißt das ja heute) was geht, dann maximal bis zum 16er, meist ist vorher schon Schluss. Bartels ist ein paar mal über Außen recht schnell unterwegs, verliert aber auch ebenso schnell den Ball. Sehr viel los ist vor dem Tor der Bayern nicht, nein, eigentlich ist da gar nichts los. Null. "Da heißt es immer wir haben Probleme mit tief stehenden Mannschaften" meckert Herr L. "aber die stehen gar nicht tief. Die sind alle in unserer Hälfte. Andauernd." Kann man nichts gegen sagen, wo er Recht hat..
Der Ingolstädter Offensivdrang wäre eigentlich die Gelegenheit unsere Stärken auszuspielen. Das besagte schnelle Umschaltspiel klappt auch manchmal, die irgendwann erforderlichen genauen Pässe landen allesamt in Gegners Füßen. Eine schöne Möglichkeit wird dann noch von Bibi Steinhaus verhindert. Der/die einzige Schiedsrichter(in) die man auch aus der letzten Reihe erkennt steht das ganze Spiel über gerne mal im Weg, und die Vorteilsregel ist auch nicht ihr Freund. Zudem ist Ingolstadt einsatzfreudiger, ich spähe schon dauernd in Richtung Trainerbank, normalerweise müsste Vrabec schon wie der Teufel am Rand rumspringen, aber nix, der steht entweder unter Schock oder spart sich seine Energie für die Halbzeitpredigt. Gegen Ende haben wir noch Glück, dass die Bayern vorne so blind sind oder einfach die Latte ein paar Zentimeter zu tief.

Zwischenspiel
"Was für ein Glück dass ich mir das nicht im Fernsehen angucken muss" sagt Herr L. Kann ich nachvollziehen, ich hätte wohl auch schon weggezappt bei der Grütze. Im Stadion kann man blöderweise nicht wegzappen, daher bleiben mir die vereinzelten Pfiffe zur Halbzeit nicht verborgen. Leider alles viel zu weit weg, deshalb kann ich keinen anranzen und muss den Frust in mich reinfressen. Jubeln kann ich grad auch nicht aber: Pfeifen.Geht.Gar.Nicht.
Biernachschub gibt es keinen, wir teilen uns den dritten Becher. Schön saufen kann man sich die erste Halbzeit eh nicht, bleibt die Hoffnung auf den Rest. "Haben die eigentlich jemals ein anständiges Spiel abgeliefert gegen Ingolstadt?" frag ich Herrn L. "Ja" sagt der "das Hinspiel, wo wir nicht hingefahren sind, weil es letztes mal so Scheiße war da."

Spiel (2)
Gregoritsch bleibt draußen und Buchti kommt. "Gott sei Dank" sag ich "endlich mal jemand, der ein paar Ideen haben könnte." Nach zehn Minuten passt Buchtmann sich dem immer noch nicht überzeugenden Spiel an, außer ein paar halbgefährlichen Distanzschüssen kriegen wir nach vorne nichts zustande. Ingolstadt fängt uns weiter vor der Mittellinie ab und macht Druck. Ich krieg ´ne Krise wenn ich sehe wie die sich bewegen, Ball anlaufen? Nicht doch. Schon ist die Pille weg. Gegner anlaufen, Druck machen, zu Fehlern zwingen? Machen die anderen gerade vor und müssen sich nicht mal viel Mühe geben dabei. Und dann ist Bibi wieder dran, Bartels geht in den Strafraum und wird gelegt, aber Steinhaus lässt weiterlaufen. Nicht, dass wir den Elfer zu diesem Zeitpunkt irgendwie verdient gehabt hätten, aber wenigstens hätte den jemand vorbeiballern können, das hätte das Kackspiel perfekt gemacht. Dann kommt Kringe für Maier. "Endlich" sag ich, "wenigstens einer der mal ´nen guten Pass spielen kann."

Das ist leider ein ähnlicher Trugschluss wie schon bei Buchtmann, auch Kringe passt sich kurz darauf dem Gebolze an und ward nicht mehr gesehen. Fuffzehn Minuten vor Ende dann Verhoek für Bartels. Der geht in den ersten Szenen gleich richtig drauf, wie man es von ihm gewohnt ist. "Endlich einer der mal Arsch in der Hose hat und dem Ball hinterher geht" stoß ich Herrn L. begeistert an. "Außer Schachten ist da sonst keiner heute." Dauert keine fünf Minuten, dann fällt mir auch Verhoek nicht mehr auf. Dafür bekommt Ingolstadt fünf Minuten vor Ultimo ´nen Eckball. Normalerweise beunruhigend, aber die waren im Abschluss ziemlich blind bisher. Andererseits, da wär das blinde Huhn und der Korn, wer weiß. Ich bin doch beunruhigt. Mist.

Passiert aber nix. Auf der anderen Seite fällt Schachten noch mal im Strafraum um, das sieht allerdings selbst von hier hinten nicht nach Elfmeter aus, daher wundert mich der ausbleibende Pfiff wenig. Über den Schlusspfiff hingegen bin ich fast glücklich, der erlöst uns vom Übel. Immerhin einen Punkt, mehr haben beide nicht verdient heute, wir am allerwenigsten.

Nachspiel
Auf der Gegengerade scheint Pfeifen langsam in Mode zu kommen und ich hatte für neue Moden schon immer wenig übrig. Am Ende des Spiels weit deutlicher zu vernehmen und weit mehr als zur Halbzeit. Leider alles außer Pöbelreichweite, aber ich mache meinem Unmut lautstark Luft. Wenn ich Pfeifkonzerte hören will guck ich moderne Oper oder geh in Arenen mit komischen Namen. Im Kopf hingegen rechne ich derweil nach, wie viele der pfeifenden Idioten eine Dauerkarte haben könnten und die am Ende der Saison abgeben, weil ihrer Erwartungshaltung nicht entsprochen wurde. Angesichts der für die nächste Saison nicht zu erwartenden Saisonkarten bin ich möglicherweise auf eine Dauerkarte angewiesen, 200 Unzufriedene sollten reichen.

Herr L. hat zu Hause einen großen Topf Chili auf dem Herd, Brot und frischen Frischkäse, von dem er mir stolz berichtet. Aus dem Käseladen. Trotzdem holt er sich erst einmal ein Fischbrötchen bevor wir aufbrechen. Vor den Fanräumen gibt es dann doch ein Bier, weil außer Koschi und Herrn B. noch ein Bierfassträger dort herumsteht und seine flüssige Gabe unter den Menschen verteilt. Alle sind wir uns einig, dass es eine unglaublich schlechte Idee wäre mit dieser Mannschaft aufzusteigen. So viel Spaß die an guten Tagen machen kann, so sehr kann sie einen an schlechten Tagen foltern. Was mich am meisten nervt ist nur, dass sie ihre Folterkammer in dieser Saison ausgerechnet zu Hause aufbauen mussten. Auf schlechte Auswärtsspiele bin ich mental einfach eher vorbereitet, da sind Schmerzen eingeplant.
Die Tresenkurve rechnet dennoch mit unglaublichen sechs Punkten aus den nächsten beiden Spielen, ich kann nach diesem Geholze heute nur nicht recht erkennen, wie die zustande kommen sollen.

Nach ´ner halben Stunde Fußballphilosophie und Schwachsimpelei der Aufbruch, keine Apfeltasche auf dem Dom, dafür Chili aus dem Topf, lecker frischen Frischkäse, paar Kumpels, paar nette Leute, paar Gläser Gin Tonic und irgendwann ein Taxi.

Und dann irgendwann alles niederschreiben, wenn man sich erholt hat. Halbwegs.

Erholung: Jim Suhler - Panther Burn