Sonntag, 17. Mai 2026

Ausgeträumt

 







Letzte Nacht hatte ich einen selten dämlichen Traum: Ich stand an irgendeiner staubigen Straßenkreuzung in Mississippi und habe eine Gitarre so lange misshandelt, bis der Teufel erschien. Und er so: „Alter, was machst’n für’n Scheiß? Du hast ja mal gar kein Talent.“ Und ich so: „Ja, weiß ich. Geht mir auch gar nicht um die Klampferei, aber vielleicht könntest du Abdoulies Buffer so verzaubern, dass er damit Wolfsburg aus dem Stadion schießen kann?“ Doch bevor ich in größere Verhandlungen bezüglich meiner Seele eintreten konnte, bin ich aufgewacht. So ein Scheiß aber auch.

Seit Wochen schwirrt mir der Kopf von den ganzen möglichen Szenarien, und schließlich ist nicht nur das befürchtete Endspiel gegen Wolfsburg dabei herausgekommen, wir müssen auch noch auf andere Plätze schielen. Wahrscheinlich stochern wir uns ein glückliches Unentschieden zusammen und Heidenheim ist der lachende Dritte. Ich mache mir keine Illusionen mehr über einen Ligaverbleib. Das Ding haben wir viel früher vergeigt, jetzt bräuchten wir schon ein kleines Wunder.

Und an dieses mögliche Wunder glaubt man dann doch plötzlich: weil der Nachbar den Mainzer Führungstreffer bekannt gibt, weil Fujita den Ball an die Querlatte hämmert, weil Niko im Gegenzug Wolfsburger Großchancen verhindert – und weil auf den Rängen von der ersten Minute an die Post abgeht. Der massive Endspiellärm wird die Jungs zum Sieg treiben, es wird vielleicht doch noch alles gut.

Wie gewohnt kriegen wir dann irgendwann doch die kalte Dusche. Möglichst lange die Null halten gelingt heute bis Minute 38, und weil eine kalte Dusche nicht reicht, um die Hoffnung weiter schrumpfen zu lassen, vergibt Hountondji kurz darauf die Chance auf den Ausgleich. Bei einer dieser seltenen Möglichkeiten, die meine Oma im Rollstuhl gemacht hätte und die 28.000 Menschen kollektiv verzweifeln lassen.

Trotzdem ist noch immer alles möglich, denn Mainz führt in der Halbzeit mit 0:2 in Heidenheim, und unten auf dem Rasen macht sich Abdoulie Ceesay bereit. Auch mein Umfeld ist deutlich optimistischer, als es der Spielstand vermuten ließe. Ich lasse mich von der Stimmung anstecken und prophezeie drei Tore von Ceesay in der zweiten Halbzeit und die endgültige Ernennung zum Fußballgott. Wir müssen einfach nur dieses Spiel gewinnen. Irgendwie.

Zwölf Minuten braucht Abdoulie, dann steht es 1:1 und das Stadion steht Kopf. Wie geil ist das denn? Wenn der jetzt wirklich noch zwei macht, gehe ich als Wahrsager auf den Kiez. Und warum war er nicht in der Startelf? Dann wären die vielleicht längst gefallen.

Stattdessen fällt wieder eins auf der anderen Seite, sorgt für endlose Diskussionen und letztendlich für Schiris Gang zum Monitor. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt – der Treffer zählt. Der endgültige Genickbruch droht uns durch einen Handelfmeter in der 77., den Eriksen an die Latte setzt. So etwas kann durchaus noch einmal einen Schub geben, aber nicht, wenn es drei Minuten später doch im Kasten klingelt. Um drei Tore zu schießen, brauchen wir mehrere Spiele. In zehn Minuten ist das wahrscheinlich nicht mal möglich, wenn ich meine Seele verkaufen würde.

Spätestens da war der Drops gelutscht, der Bundesligatraum ausgeträumt. Ahnen konnte man das schon lange, dass es nicht reicht für die erste Liga, aber Hoffnung hat man ja immer. Und die ist auch wirklich sehr spät gestorben diesmal.

 

Was sonst noch schlecht war:

Nach You'll never walk alone und Thees hätte man die Brüllwürfel auch mal ausmachen können, hab schon befürchtet dass irgendwer noch Vicky Leandros auflegt 

Was sonst noch gut ist:

Wir können wieder "Ich liebe Dich, ich träum von Dir" singen 

 Kein Relegationsstress gegen Hangover oder Paderboring

 

Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - VfL Wolfsburg, Endstand 1:3 

Tore dazu: Koulierakis (38.) Ceesay (57.) Eriksen (64.) Pejcinovic(80.)

Links dazu: Ein verdienter (und trotzdem bitterer) Abstieg (Millernton) 10 Minuten Hoffnung (Stefan Groenveld)

Musik dazu: Massive Attack - Blue Lines / Mezzanine 















 





Montag, 4. Mai 2026

Nichts erwartet und noch weniger bekommen

 











Morgens um 6 Uhr aufwachen und dann nicht wieder einschlafen können, weil im Kopf das Abstiegsgespenst herumspukt, ist auch so ein denkbar schlechter Start in den Tag. Wir haben noch nie gegen Mainz gewonnen, und irgendetwas sagt mir, dass wir damit heute ganz sicher nicht anfangen werden. Alles, was dafür sprechen würde, ist die Tatsache, dass jede Serie einmal endet. Nach dem blutleeren Auftritt in Heidenheim fürchte ich jedoch, dass das die Aufgabe einer zukünftigen St.-Pauli-Mannschaft sein wird – falls Mainz irgendwann mal absteigt.

Überhaupt wundere ich mich seit Wochen über die Tabellenrechnereien mancher Menschen, die uns am Ende mit 35 Punkten auf Platz 15 sehen. Da war der Auswärtssieg in Heidenheim schon eingepreist, genau wie die Heimsiege gegen Mainz und Wolfsburg. Mir geht die Düse, ehrlich gesagt, schon, seit das erste Mal der Satz fiel: „Wir haben es noch in der eigenen Hand“, denn dafür müsste man Tore (Mehrzahl) schießen – und darin ist aktuell niemand schlechter als wir.

Die Erwartungen sind also nicht wirklich hoch, aber es gibt ja nichts, was man nicht noch unterbieten könnte. Die miserable Torausbeute hatten wir schon in der letzten Saison, aber da waren wir wenigstens nicht so dämlich, den Gegnern auch noch ihre Dinger aufzulegen. Für genau fünf Minuten sieht es so aus, als würde die Mannschaft ihre Ankündigung umsetzen und eine Reaktion zeigen, dann lässt sich Smith das Spielgerät klauen, und schon steht es 0:1 für Mainz.

Das war es dann auch gleich mit der Reaktion. Was da in der Folge plan- und hilflos herumgekickt wird, ist nicht nur ausgesprochen unansehnlich und wenig erfolgversprechend, es hat auch nicht wirklich etwas mit Abstiegskampf zu tun – dafür ist zu wenig Kampf enthalten. Und wenn man vorne schon nichts gebacken bekommt, sollte man wenigstens hinten aufpassen, aber auch das klappt nicht wirklich.

Ein feiner Spielzug zum Mainzer 0:2 – einfach, präzise, wirkungsvoll. Hat ja auch niemand wirklich stören wollen, dann geht so etwas. Der Schiri pfeift zur Halbzeit, Teile der Gegengerade schließen sich an, und kurzzeitig bin ich irritiert, weil ich trotz des desaströsen Auftritts nicht daran glaube, dass das irgendwie aufbauend für die Mannschaft sein kann – und darum geht’s doch eigentlich beim Support.

Ich kann mir das nicht mal schönsaufen, weil ich mit dem Auto angereist bin. Ein zweites Bier in der Halbzeit muss trotzdem sein, anders ist das Elend nicht zu ertragen. Es ginge auch noch deutlich mehr für Mainz, Aluminium und Adam verhindern den dritten Treffer, der den Stecker wohl endgültig ziehen würde.

Die Stimmung ist ziemlich im Arsch, einzig die Südkurve ist hier noch zu hören, bis in der 75. Minute der Lärmpegel noch einmal anschwillt, als Ceesay mit dem Ball am Fuß alleine auf den Mainzer Torhüter zuläuft. Das MUSS einfach der Anschlusstreffer sein, wird’s dann aber doch nicht, weil Abdoulie sich nicht traut und das lieber Kaars überlassen will. Falsche Entscheidungen sind auch ein sehr großer Faktor in dieser Saison.

Kurz vor Schluss macht er dann doch noch sein Tor, wie es sich für eine Nummer 9 gehört – und vielleicht sollte man ihn dafür mal in die Startelf befördern, denn fast zwei Tore hat schon lange niemand mehr bei uns gemacht.

 

Was wir daraus gelernt haben: 

Alex Blessin: Für die nächsten beiden Spiele müssen wir mitnehmen, die einfachen Geschenke abzustellen und möglichst lange die Null halten. 

Die einfachen Geschenke verteilen wir jetzt schon eine ganze Weile, weshalb "möglichst lange die Null halten" einfach nicht klappen will. Aber nehmt den Gedanken ruhig mit nach Leipzig, ich bin sicher wir können auch in den letzten Minuten Gegentore kassieren

Hauke Wahl: Wenn wir die Energie der letzten 20 bis 30 Minuten auf den Platz bekommen, sind wir eklig zu bespielen. Das müssen wir über 90 Minuten schaffen.

Dass so ein Spiel tatsächlich nicht 20 bis 30 sondern unter Umständen sogar länger als 90 Minuten dauern kann sollte doch eigentlich bekannt sein, dann kann man sich vielleicht drauf einstellen.. 

Jackson Irvine: Wir sind gut ins Spiel gestartet und hatten eine gute Energie. Diese Energie brauchen wir in den nächsten Spielen von Beginn an.   

Wenn die Energie nicht für mehr als fünf  Minuten am Anfang und zehn Minuten am Ende reicht, dann wird das eher nicht zum Erfolg führen.

Eric Smith: Wir müssen in den Spiegel schauen und in den weiteren Spielen eine andere Bereitschaft an den Tag legen. 

Also eine Reaktion zeigen? Ein anderes Gesicht? Das wievielte wäre das dann?

 

Was sonst noch schlecht war:

No Manolis no fun 

 

Was sonst noch gut war:

Das Wetter

Parkplatz HGF verlassen in weniger als 5 Minuten 

 

Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - FSV Mainz 05, Endstand 1:2

Tore dazu: Tietz (6.) Mwene (40.) Ceesay (87.) 

Links dazu:Es fehlt so vieles (Millernton) Manchmal ist Fußball gar nicht wichtig (Stefan Groenveld)

Musik dazu: Leftfield - Leftism