Montag, 8. Februar 2016

Eine wahrhaft spirituelle Messe

















"Hallo Spätschicht" grüßt mich eine SMS vom Hawk in der letzten Woche, "am 6.2. ist Hansespirit!" Ahja, die habe ich im letzten Jahr schon verpasst und im Jahr davor, aber hinterher die wundertollsten Geschichten gehört, was es da so alles gibt. Da könnte man für ein paar Euro Single Malts probieren, die man sich im Leben sonst niemals nicht leisten würde - und wenn man ganz viel Pech hat überzieht man danach sein Konto. Das mache ich nicht mit! Konsumterror! Oder doch? 

Doch. Gucken kann man ja mal. Zum Beispiel ob es einen Rum gibt, der noch besser schmeckt als der Botucal Reserva Exclusiva. Da sich von fünf Leuten gleich drei um flüssiges Zuckerrohr kümmern wollen erhöht das die Chancen etwas passendes zu finden, der Rest ist immer noch auf Malz und Torf. Davon steht allerdings inzwischen so viel im Schrank, dass ich selber ein gepflegtes Tasting abhalten könnte.

Für fünfzehn Euro wird der Eintritt gewährt, dazu gibt es ein Probierglas und ein Festivalbändchen, welches vom freundlichen Kontrolleur höchstpersönlich am Handgelenk befestigt wird, wenn man selber dazu keine Lust hat. So geht Service, Freunde!

Erstmal rumlaufen, dann Rum saufen. Bei so einem großen Angebot an spirituellen Spezereien ist Information alles. Freunde des gepflegten Schädels können unter unzähligen Wodkasorten wählen, Premium, High Premium, Ultra Premium oder die gleich doppelt so teure Luxusvariante aus Skandinavien, alles voll edel. Die Moldawier liefern zu ihrem Firestarter gleich den passenden Löscher mit, ein garantierter Blickfang in jeder Dorfbar von Himmelpforten bis zum Kaukasus. Der Andrang hält sich dennoch in Grenzen, probieren will das trotz viel Premiumgedöns scheinbar niemand.

Selbstverständlich gibt es auch deutschen Wodka (edel!), deutschen Gin (edel!) und deutschen Single Malt (!), aus dem Schwarzwald, mit dem sinnigen Namen Black Forest, auch als Creamlikörchen zu haben. Verantwortlich dafür ist die Rothaus Brauerei, die zwar "since 1791" existiert, den Whisky aber erst seit 2006 destilliert, was den Spaß überschaubar macht für Menschen die auf 18 Jahre Sherryfasslagerung stehen. Der Schwarzwald ist möglicherweise vergleichbar mit Sauerländer Höhlenwhisky und höchstwahrscheinlich einige Klassen besser als Schlacke Hauchzart, aber dafür simma ja nich hier.

Bei dem Überangebot an Whiskys wüsste ich auch überhaupt nicht mehr wo ich anfangen soll. Man könnte aus lauter Sympathie mit Drogenopfern mal den offiziellen Bandwhisky der Pogues verkosten, oder sind das vergeudete Gehirnzellen?  Und wie viele verdammte Täler gibt es in den Highlands eigentlich? Ich habe an die 500 Flaschen Whisky im Regal, aber von der Hälfte der ganzen "Glens" hier habe ich noch nie etwas gehört, wahrscheinlich buddeln die in Schottland immer noch.


Einen 1988er Auchentoshan, 25 Jahre mit Finish im Weinfass, könnte ich für nur 10 Euronen probieren, für eine Flasche müsste ich auf jeglichen Luxus im nächsten Urlaub verzichten. Den Auchentoshan den ich kenne finde ich aber auch schon ganz gut und der zwingt mich nicht zu Sparmaßnahmen. Für 30 Euro bekommt man entweder einen halben Liter Nikka from the Barrel (die Japaner sind ja schwer im Kommen bei Whisky, auch ohne viel Glens) - oder einen Dram Glenfarclas 1966 Fino Sherry Cask, der mich möglicherweise völlig aus den Socken hauen würde, aber wer bitte verzichtet für eine Flasche davon auf seinen kompletten Jahresurlaub?

Bei der ganzen Rumsucherei stößt man aber immer mehr auf flüssiges Zuckerrohr und statt Glens auf karibische Inseln. Manchmal auch auf ausgesprochenen Blödsinn, wie weißen Rum aus Afrika, den man am besten mit farbloser Cola aus Berlin genießen soll. Trotzdem natürlich ein schickes Design und garantiert der Blickfang in jeder Bar von Berlin bis Botafogo. Die Zeiten in denen Rum nur etwas für Hein Mück sien Grog war sind jedenfalls lange vorbei.

Nach den ersten flüssigen Lockerungsübungen inklusive gegenseitiger Glasschnüffelei fällt es kaum noch auf, dass wir uns in den öden Messehallen befinden. Ganz besonders die belagerten Rumspezialisten mit ihren geschickt illuminierten Ständen schaffen so etwas wie Atmosphäre, solange man nicht nach oben guckt. Auf einer fotografischen Soloexkursion entdecke ich den Händler meiner Lieblingssorte, der eigentlich keinen Rum ausschenkt weil das der Kollege am anderen Ende macht, aber da ohnehin gerade etwas offen ist darf ich die weitere Runde mit Don Papa bestreiten. Eine Aromabombe, flüssiger Honig mit Orangen und Vanille und keine Ahnung was noch alles. Intensiv wie Parfum, riecht und schmeckt nur besser.

Orangenmandarinenvanillehonigrum, fast fantastisch, nur etwas viel von allem. Das Glas riecht auch völlig ausgetrocknet noch derart intensiv nach Don Papa, dass ein Spülgang mit Mineralwasser möglicherweise nicht mehr reicht. Glücklicherweise bekomme ich beim Plantationstand anstandslos ein ganz frisches im Tausch, dazu ein Dram Plantation Single Cask aus dem Eisweinfass, auch der ist fast fantastisch, aber immer noch nicht ganz das, was mir vorschwebt. Gott sei Dank gibt es ja Fachleute wie den Plantationmann, der sich meine Vorstellungen geduldig anhört, weise nickt und das inzwischen wieder gespülte Glas mit flüssigem Dunkelgold füllt.

Hmmm, der ist ziemlich lecker, trotz der kräftigen Banane. Bananevanille! Ist das die 20th Anniversary Edition? Der Plantationmann bejaht und jetzt weiß ich warum mir der so bekannt vorkommt, der steht zu Hause im Schrank. Schon wieder ein paar Hirnzellen umsonst geopfert, auch hier finde ich nicht was ich suche.

Hawk sucht sogar in völlig abstrusen Regionen, wodurch ich jetzt weiß, dass auch Rum für knapp 300 Euro nicht unbedingt spirituelle Erleuchtung bringen muss. Kann man mal machen, der große Knalleffekt bleibt allerdings aus. Den verschafft mir Herr G. erst eine Weile später, als er mir ein Glas unter die Nase hält aus dem ein ganz und gar verführerischer Duft strömt. Da könnte ich mich dran festriechen. "Schütt runter," grinst er mich an "nicht lange nachdenken. Ist nur noch eine Flasche von da."

Die habe ich dann auch noch bekommen. Ich drängle mich eigentlich ungerne vor, aber in spirituellen Notfällen kann man auch das mal machen.


Spirituelle Fotos: Kompaktkipsendokumentation, Hanse-Spirit, Messehallen Hamburg
Spirituelles Bier: Hamburger Senatsbock, 7.7%, Ratsherrn Brauerei (legger!)
Spirituelle Musik: Peter Gabriel - Secret World Live









































Kommentare:

  1. Ach Du Sch****. Eine Schnappsbörse. Rum würde mir ja am A**** vorbei geben, Wodka, der nicht aus Russland, un Whisky, der aus keinem Glen kommt, auch. Trotzdem wäre da vermutlich noch zu viel da. Ich wäre wahrscheinlich hoffnungslos überfordert gewesen, hätte meine Geschmacksnerven eingebüßt und jetzt zu HAuse Zeug rum stehen, dass man nur trinken kann, nachdem man alle Geschmacksnerven eingebüßt hat.

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    1. Hohoho! Wenn da mal jemand noch nie einen guten Rum probiert hat.. meine Geschmacksnerven freuen sich jedenfalls schon auf die irgendwann anstehende Flaschenöffnung (bei Whisky der aus keinem Glen kommt seh ich das aber ähnlich)

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    2. Sie hat noch keinen guten Zuckerrohr probiert.
      Dessen bin ich mir ganz sicher, Digger ! ;-)

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    3. Vielleicht sollte ich etwas aufbewahren?

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    4. Na ich habe aber sogar schon welchen aus Kuba und so. Schmeckt mir einfach nicht.
      Aber, ich lasse mich gern überzeugen. Wann? Wo? Ich bring ne Flasche Wodka mit :D Nur für den Fall

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  2. Ich hätte den Glenfarclas probiert, scheißegal ob ich mir den leisten kann oder nicht, aber einmal im Leben so etwas getrunken zu haben ist auch ne Erfahrung :p.

    Gruß, N. (der eine SLR mitgenommen hätte)

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    1. Die dreißig Euro hätten mir spätestens dann leid getan, wenn ich mir den Rum nicht mehr hätte leisten können. Und die SLR lasse ich lieber zu Hause wenn ich weiß dass ich nicht wenigstens halbwegs nüchtern bleibe.

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    2. Mit einer wasser- u. schnapsgedichteten Kamera wäre das alles kein Problem. ;-p

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    3. Es geht weniger um Dichtungen und mehr um einen promillegetesteten Wackeldackel ;)
      Dass der normale u.U. nicht ausreicht musste ich vor Jahren schon in Norwegen erfahren.

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  3. und was hat dich die tolle buddel rum nu gekostet? konto überzogen? *g*

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    1. Nein, mein Konto hätte zur Not auch den Glenfarclas verkraftet, dafür bin ich aber nicht wahnsinnig genug. Der Rum war nicht teurer als eine Flasche Single Malt in meiner bevorzugten Preisklasse, ist nur leider weniger drin.

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    2. Du hast versprochen, was aufzuheben, bis Ostern. Gell !
      *erinner*

      ;-)

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    3. Ich habe versprochen mich zu bemühen etwas aufzuheben bis Ostern, das ist etwas ganz anderes *fg*

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  4. Interessant - vielen Dank für den Einblick in eine fremde Welt.
    Hast vielleicht auch Hinweise auf guten deutschen Wacholder äähh Gin?

    Herr Ärmel

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    1. Fremde Welt? Du kennst Dich mit spiritistischen Sitzungen nicht aus? Mag ich kaum glauben *g*

      Der Hinweis auf guten (?) deutschen Wacholder findet sich auf Bild 2, auch wenn da London Dry Gin steht kommt der aus Hamburg. Die produzieren da angeblich schon Gin seit 1958, was mir bisher entgangen ist. Wird mir wohl auch weiterhin entgehen solange das Zeug viermal so teuer ist wie ein Tanqueray, dafür ist er aber auch Bio und Öko.

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    2. Kann ich mir auch nur sehr schwer vorstellen, daß der werte Ärmelherr sich in der geistigen Welt angeblich nicht wirklich zurechtfinden mag.

      ;-P

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    3. Btw... *Hicks*

      Beim Ansehen der Bilder wird einem ja schon ganz tüdelig ! ;-)
      Wäre ich gerne dabei gewesen.
      Mit der Gewissheit, daß der Blogautor mich schon sicher nach Hause geschleift hätte.

      *fg*

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  5. Näääää. Sowas schmeckt doch nicht! In fernen Studententagen hab ich zwar fleißig mitgehalten. Aber auf den "Geschmack gekommen" bin ich nicht. Flaschen voller hochprozentigem Würger gehören bei mir in die Hausapotheke für seltene Notfälle um als Grog zu enden. Aber nur mal so zum Spass ein Schnäpsken? Brrrr - da vergeht mir ja sofort derselbe.

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    1. Schnäpsken schmecken mir auch nicht. Schnäpsken sind Sachen, die man zu irgendwelchen Anlässen geschenkt bekommt und wenn die nicht am gleichen Abend weggesoffen werden stehen sie noch zwanzig Jahre später im Schrank. Bittermelonenbrand aus Timbuktu oder Lakritzgeist aus Rovaniemi. Selbst wirklich edle Tropfen wie der Himbeerwaldler kommen selten über den "musst Du unbedingt mal probieren" Status hinaus.
      Richtig edler Rum ist allerdings kein Schnäpsken und würgt nicht im mindesten, der geht runter wie Honig. Nur in lecker. Ehrlich.:)

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  6. Whisky schmeckt mir auch in teuer nur sehr selten, mit Rum hab ich diesbezüglich noch keine Erfahrung. Du könntest ja mal zum nächsten Heimspiel etwas abfüllen davon ;)

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    1. Das ist eine 0.5 Liter Flasche. Wenn ich zusammenrechne was ich davon alles aufheben und abfüllen soll darf ich da bald nicht mal mehr dran riechen :p

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