Hat man schon mal liebe Gäste in der Stadt, möchte man ihnen natürlich auch etwas
bieten. Für Silvester wäre mir da ganz sicher nichts eingefallen, denn
normalerweise schließe ich mich zu Silvester ein. Die letzte Gelegenheit
sich von der gnadenlosen Weihnachtsfeierei zu erholen, bevor man das
neue Jahr angeht. Keine Party, kein Geböller und vielleicht sogar kein
Alkohol, lange schlafen, was leckeres futtern und tierisch laut Filme
gucken, weil's heute eh keinen interessiert.
Aus diesem Vorhaben wird diesmal nix, denn Käpt'n Stefan macht einen
Silvesterausflug an die Landungsbrücken. Zu den ganzen Bekloppten, die
sich dort stundenlang in engstem Gedränge ihr sauer verdientes Geld in
Form von Pyrotechnik um die Ohren ballern. Ein Erlebnis, auf das man an
Land wirklich verzichten kann, die Erfahrung habe ich vor Jahren schon
machen müssen, aber von der Wasserseite? In angemessenem Abstand zu den
ganzen Irren? Kann man mal machen.
Die Aussicht auf dieses Erlebnis zieht nicht nur den
exzessiven Pappenheimer in die Stadt, auch der
Herr Ärmel erfreut mich mit seinem
Besuch. Knappe neunzig Minuten gondeln wir mit dem Nahverkehr durch Hamburg, um am Kanalplatz die Omka zu entern. Nach der Begrüßungsansprache
folgt die übliche Runde durch den Harburger Binnenhafen, wo sich schon
wieder viel verändert haben soll, was man bei der Dunkelheit allerdings
schlecht sehen kann. Herrn Ärmels (und mein) Lieblingshausboot finden
wir immerhin an anderer Stelle, die Maria Rosa ist weg, verkauft
für 100.000 statt der ursprünglich angesagten halben Million und Gunther
Gabriels Hausboot hat schon wieder einen neuen Liegeplatz. Ein sehr unsteter Mensch.
Wir legen an, um uns an der köstlichen Bordsuppe zu laben. Heute ohne
Fleischeinlage, es sind einige Veganer an Bord auf die Rücksicht
genommen wird. Mit veganischem Futter konnte ich schon gute Erfahrungen
machen in letzter Zeit, auch heute ist das ganz ausgezeichnet, irgendwas
mit Möhren, Kürbis, Kartoffeln und Ingwer. Sogar veganischen Kuchen
gibt es zum Dessert, der um Klassen besser ist als die mit Erdbeerblut
und Kirschfleisch gefüllten Berliner der Carnivoren. Ich werd noch zum
Veganer wenn das so weitergeht..
Zwei kalte Astra und zwei Sportzigaretten später sind wir durch die Harburger Hafenschleuse, schippern unter Kattwyk- und Köhlbrandbrücke hindurch und nehmen Kurs Landungsbrücken. Wir kommen gerade noch rechtzeitig um den Beginn des Spektakels zu erleben, der absolute Wahnsinn was hier abgeht. Fast eine ganze Stunde wird ohne Unterlass geböllert, könnte man das halbwegs vernünftig koordinieren, es wäre ein grandioses Feuerwerk. Der Einsatz stimmt jedenfalls, manchmal auch mit nicht ganz legalen Mitteln. Ein paar völlig Wahnsinnige zündeln an den Brücke mit Pyrotechnik für Fortgeschrittene, die Lichtmenge ist bei der Fotografie allerdings kurzfristig hilfreich. Bei den Menschenmassen natürlich höchst unverantwortlich, so etwas gehört ins Stadion und nicht auf die Straße.
Unkontrolliert abgebranntes Feuerwerk von einem schwankenden Boot aus zu fotografieren, statt einfach den Anblick zu genießen, ist eine selten dämliche Beschäftigung. Durch den Sucher der Kamera betrachtet ist das nicht annähernd so beeindruckend, zumal sich die dollsten Explosionen oft genau da abspielen wo man gerade nicht hinsieht. Kaum hat man sich auf die Hafenstraße konzentriert suchen die ihre Feuerzeuge, dafür kracht es dann zwei Ecken weiter vor den Hafenhotels, man eiert ständig suchend mit dem Geraffel herum und kommt oft genug den einen Moment zu spät.
Irgendwann ist genug mit der Knipserei, unter mehreren hundert Aufnahmen werden sich sicher drei bis vier finden lassen, die man im Blog veröffentlichen kann. Für qualitativ wirklich hochwertige Fotos müsste man hier schon ein Stativ von Berlebach haben, mit automatischer Wellengangkompensationsdämpfung, wenn es das gibt. Die Kälte ist mittlerweile durch die Jacke gekrochen, mein Rücken fühlt sich an wie eine Eisfläche. Ich verzieh mich in die Kajüte und sehe Herrn Ärmel zu, der kurzfristig das Ruder übernehmen darf und gerade angestrengt versucht die richtigen Positionslichter unter all dem Lichtergewirr zu finden. Gott sei Dank ist der Fluss hier breit genug auch für Frankfurter Binnenschiffer, und alles weit genug entfernt als das man versehentlich etwas rammen und versenken könnte.
Arschkalte, aber sehr schöne Silvesterbeschäftigung. Wie immer ein unvergesslicher Omka-Tag mit vielen netten Menschen, aber nächstes Jahr zu Silvester schließe ich mich wahrscheinlich wieder ein. Noch einmal muss ich mir die Bekloppten nicht ansehen.
Allen nicht bekloppten ein frohes neues Jahr.
Fotos: Omka - Oles Dreckschleuder - Faultürme Klärwerk Köhlbrandhöft - Ausflugsverkehr vor Dock 10 - Pyromanie
Musik: Element of Crime - Mittelpunkt der Welt / Immer da wo du bist bin ich nie