Samstag, 28. November 2015

Radioaktives Model auf der Autobahn

















Ein großer Fan von Kraftwerk bin ich nie gewesen, hier steht mit dem 78er Mensch-Maschine gerade mal ein einziges Album im Regal und das wahrscheinlich auch nur, weil es ein Sonderangebot war. Viel zu minimalistisch, sowohl die Texte als auch die Musik. Wir sind die Rrobotärr pling pling düdelüt, diese tolle Computerstimme kenne ich von meinem Commodore Amiga, der konnte das auch. Allerdings konnten Ralf Hütter und seine Kollegen das schon, als noch niemand an einen Commodore 64 dachte, geschweige denn überhaupt an so etwas wie Computer im Haushalt.

Trotzdem musste ich keine zehn Sekunden überlegen, als Herr H. vor ein paar Monaten  mit den Konzertkarten wedelte. Kraftwerk live kann man sich einfach nicht entgehen lassen, in 3D ist das ja möglicherweise nicht so minimalistisch wie der Rest und immerhin ist das eine ziemlich legendäre Truppe, wer weiß ob diese Gelegenheit je wiederkommt. 

Die Einlasskontrolle im CCH ist krasser als bei jedem Fußballspiel, personalisierte Karten, Ausweis bereithalten, Taschen öffnen, abklopfen. Suchen die Pyrotechnik, Terroristen oder einfach nur Tonaufnahmegeräte?  Herr H. und der Exilwestfale suchen ein Bier, ich finde nur Holsten und verzichte dankend. Danach gibt es noch für jeden eine schick verpackte Pappbrille für die Effekte und eine Einladung zum Konzert von Andreas Bourani, wenn man so doof ist und spontan zugreift, sobald einem jemand etwas vor die Nase hält.

Unsere Plätze befinden sich direkt neben der fetten Beamerbatterie in der ersten Reihe, was Herr H. zum Anlass nimmt auf seinem Platz herumzuturnen und die Technik genauer zu begutachten. Strahlend präsentiert er uns einen verlassenen 13er Maulschlüssel, was dem Exilwestfalen den ersten Angstschweiß auf die Stirn zaubert. Glücklicherweise findet er auf Anhieb keine passenden Schrauben, dafür aber immerhin heraus, dass die sechs Klötze ihre warme Luft nach hinten blasen. Andernfalls wäre es hier nach kurzer Zeit selbst für ein T-Shirt zu warm gewesen.

Kurz vor acht sind noch nicht alle Plätze besetzt, aber nur wenige Minuten später ist es voll und dunkel, bis auf den Kasper hinter uns, der sich mit seiner gleißend hellen Handylatüchte den Weg bahnen muss. Kann man ja nicht ahnen dass solche Konzerte pünktlich anfangen, nech?

Maine Damän und Härrän schnarrt es blechern durch den Saal, die Mensch-Maschine. Eins zwei drei vier fünf sechs sieben acht plärrt der Computer. Während uns die Nummern dreidimensional um die Ohren fliegen, stehen unten vier Herren in elektronischen Strampelanzügen fast reglos hinter illuminierten Stehpulten und machen Computermusik. Drücken mal hier und mal da, schieben irgendwelche Regler hin und her und manchmal singen sie sogar, zumindest einer, das wird der Hütter sein.

Natürlich ist, wie könnte es anders sein, auch die 3D Show minimalistisch bis ins Mark, keine Supadupalserhastenichgesehnpyroshow sondern 80er Jahre Klötzchengrafik, Sinuskurven aus dem Atari Heimcomputer und Schwarzweißfilmchen, das wirkt alles wie aus der Zeit gefallen hier - und es passt wie die Faust aufs Auge, zu jedem einzelnen Pling und Plong aus den Lautsprechern. Davon erkenne ich doch weit mehr als erwartet, nach und nach fallen einem wieder die Titel ein, Trans Europa Express, Tour de France, Metropolis, Radio-Aktivität, das schöne Neonlicht, natürlich gibt es auch das Model und die Autobahn, die Mensch-Maschine und die Computerwelt, eine vollständige Zeitreise durch die elektromusikalische Frühgeschichte.    

Das wäre vielleicht auch ohne dicke Beamer und 3D schon spannend genug gewesen, aber durch die fliegenden Klötzchen aus der Computerfrühzeit haben auch die Augen etwas zu tun und müssen nicht zwei Stunden lang (mit Zugaben) auf reglosen Herren ruhen.


Fotos: Canon 280SX Taschenknipse, Kraftwerk/Congress Centrum Hamburg
Bier: Brewers & Union Unfiltered Helles Lager, 5.0% 
Musik: Kraftwerk - Die Mensch-Maschine










Kommentare:

  1. Schön wars! Das vorher war noch schöner!

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    1. Noch schöner ist das vorher aber erst nachher, also in 5 Monaten.
      Trotzdem: Vorfreude!

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    2. hätten da jetzt 9 monate gestanden könnte ich das nachvollziehen *g*, aber was ist denn in 5 monaten so schön? *neugierigfrag*

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  2. furchtbar! fuuuurchtbar! wirfaahnfaahnfaaahnauffaautobahn, nach zehn minuten spätestens hätte ich die segel gestrichen. bei so computermusik frage ich mich sowieso warum dabei leute auf der bühne stehen. living decoration? *fg*

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    1. Weil man mit Computern auch live Musik machen kann. Klang jedenfalls schon etwas anders als auf Konserve.

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  3. Hm, ich hätts wie du gemacht. Halte die auch für maaaaaaßlos überschätzt, aber mitgegangen wär' ich doch. Die "Autobahn" hab ich ja mal besessen. Und die "Radioaktivität auch, von Jugoton - knisterknister - hohles Ding. Früher gefielen mir auch mal kurz Tangerine Dream, aber das hat sich gelegt.

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    1. Naja, ob die nun maßlos überschätzt werden, darüber möchte ich mir kein Urteil erlauben. Innovativ wars auf jeden Fall, musikhistorisch haben die sich ihren Platz damit so sicher verdient wie die Sex Pistols oder Clash, für nen alten Rock'n'roller ging das nur besser in die Magengrube *g*
      Tangerine Dream hab ich damals live gesehen und für gut befunden, als ich mir vor ein paar Jahren mal diverse CDs ausgeborgt habe hat sich das auch wieder gelegt.

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  4. Kraftwerk würde ich mir auch in lebend ansehen, das habe ich noch nie zuvor.
    Ich werde nie vergessen, wie etwa 1970 das erste Album ins Haus schneite und Ruckzuck die Ärmelelternhallen durchschallten.
    MACH DAS SOFORT AUS ODER ich dreh die Sicherungen raus. Hat er natürlich nicht gemacht, wollte ja Spottschau oder sowas glotzen *ggg*

    Tangerine Dream höre ich heutzutage 1x im Jahr (max.). Mir fehlen zum Genuss die damals bevorzugten bewusstseinserleuchtenden Tickets, sozusagen *///*

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    1. Die sind bei Tangerine Dream auch nötig, sonst ist das auf Dauer nix *gg*
      Aber 1970? Das war ja noch die Krautrockphase mit Dinger (und Rother?) außer Ruckzuck kenn ich davon glaube ich nichts.

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