Sonntag, 14. August 2016
Fahnenmeer, Fußball weniger
Fanfreundliche Anstoßzeiten gibt es gefühlt zweimal pro Saison, ganz am Anfang und ganz am Ende. Fünfzehndreißig! Was könnte man da nicht alles machen, ausschlafen, opulent frühstücken, etwas Einstimmungspunk hören, sich die PK vor dem Spiel reinziehen, die Vorfreude über unsere neuen Zauberfüße langsam steigern und dann mit Herzklopfen zum Spiel fahren. Was mach ich? Sitze um 8 Uhr in der Karre und fahr nach Kappeln, die Prinzessin vom Ponyhof abholen.
Minutiös ausgerechnet, zwei Stunden hin, eine halbe Stunde um Kind nebst Klamotten einzupacken, zwei Stunden zurück, eine halbe Stunde Kaffee trinken, eine halbe nach Hause und dann mal langsam fertigmachen. Dank Baustellen, Umleitungen und Staus wird daraus eine Hetzjagd, die erst endet als ich an der Einlasskontrolle stehe, während drinnen schon das Herz von St.Pauli gesungen wird.
Die Aufstellung kriege ich dank Twitter in der U-Bahn geliefert. Kein Miyaichi, kein Sahin, kein Neudecker, keine neuen Zauberfüße. Kein Ziereis? War der in Stuttgart wirklich so schlecht, dass er es nicht einmal mehr in den Kader schafft?
Gonther neben Lasse in der IV, Kalla im Mittelfeld und mit Hedenstad und Bouhaddouz immerhin zwei neue Nasen auf dem Platz. Aber wenn Buchti und Nehrig das defensive Mittelfeld sind, wer is'n dann die 10? Sobota? Schnecke? Oder kann man auf eine 10 verzichten wenn man mit zwei Stürmern spielt? Naja, Ewald hat den Plan. Nehme ich an.
Die Choreo kriege ich noch halbwegs auf den Chip, jedenfalls das was man sehen kann, wenn auf jeder Seite mit Fahnen gewedelt wird. Sogar die Sitzplätze auf allen Tribünen wurden damit ausgestattet, die Jungs und Deerns müssen in der ganzen Sommerpause nichts weiter gemacht haben als Fahnen genäht, sieht vom Rasen aus wahrscheinlich ganz fantastisch aus. Ich bin schon jetzt gespannt, wie viele Leute diesmal gedacht haben sie dürften die hinterher mit nach Hause nehmen.
Das Spiel ist leider noch nicht ganz aus meinem Gedächtnis verschwunden, die Verletzung von Lasse nach zehn Minuten und die fies angeschnibbelten Bälle des Braunschweiger 12ers, die nur dank des Skyman nicht schon in der ersten Hälfte für eine krasse Vorentscheidung gesorgt haben, habe ich leider ebenso gut im Kopf wie den Gontherschen Slapstick vor dem 0:2 und die unfassbar grauenhaften Abspielfehler über die gesamte Spieldauer. Wenn man in der 40. Minute zur Stadionuhr guckt und denkt, pfeif bloß ab bevor hier noch etwas passiert, ist natürlich völlig klar dass es kurz darauf passieren muss, die Einladung stand ja lange genug.
"Die sind völlig verunsichert" sagt unser Vorsänger in der Halbzeit, "wahrscheinlich eingeschüchtert von der Atmosphäre." Da muss ich echt lachen. Was denn für 'ne Atmosphäre? Die Gegengerade ist nahezu nicht zu hören, völlig tot. Außer etwas lala aus dem Süden und dem Braunschweiger Gästeblocktrommler hört man nix. Wahrscheinlich sind hier alle derart erschüttert von der hölzernen Truppe, dass es ihnen komplett die Sprache verschlagen hat. Die reagieren ja kaum auf Wechselgesänge, geschweige denn dass sie selber die Initiative ergreifen.
Aber wen soll man denn auch anfeuern da unten? Wenn der Ball spätestens nach dem zweiten Kontakt wieder beim Gegner landet ist außer kollektivem Stöhnen nicht viel zu erwarten. Am Ende sind wir mit dem 0:2 noch gut bedient und ich bin froh, dass die Gegengerade heute so einen schlappen Eindruck gemacht hat, sonst hätten am Ende womöglich noch welche gepfiffen.
Ist wohl noch zu früh für die Saison, für alle.
Fahnenmeerfotos: Gegengerade Millerntor, U-Bahn St.Pauli
Fahnenmeerbier: Kehrwieder Maria Dubbel, 7.5%
Fahnenmeermusik: Motor Bikin' - The Best of Chris Spedding
Labels:
Freizeitstress,
Fußball
Standort:
St. Pauli, Hamburg, Deutschland
Donnerstag, 11. August 2016
Am anderen Ufer sind alle voll lieb
und weil ich das weiß, gehe ich auch jedes Jahr unheimlich gerne auf den CSD. Die Musik ist zwar ähnlich schrecklich wie auf dem Schlagermove, aber seltsamerweise stört mich das hier nie, wahrscheinlich weil das Publikum einfach sehr viel angenehmer ist. Hier habe ich jedenfalls noch nie Leute in Hauseingänge kotzen sehen und auch stark angeschickert sind alle noch voll lieb.
Nicht zuletzt ist es die einzige politische Demonstration, auf der einem unglaublich viel fantasievoll gekleidete Menschen vor die Kamera springen - und bei gutem Wetter nutze ich so etwas natürlich aus. Zum Frühstück gibt es prompt Gewitter und Starkregen, doch laut Wetterradar kommt da nichts nach. Wenig später auf der Lombardsbrücke scheint mir die Sonne derart auf den Pelz, dass ich über jedes bisschen Schatten froh bin. Viel zu früh, wie immer...
Eine Stunde später dann endlich Blaulicht, de Zoch kütt. Hinter der Mottotapete hätte eigentlich die Sozialsenatorin laufen sollen, aber entweder hat die den Aufenthalt am Rathausmarkt genutzt um sich zu verpissen, oder ich hab die anders in Erinnerung. Tatjana Taft verwechsle ich jedenfalls nicht mehr mit Olivia Jones, so viel steht mal fest. Immer wieder erstaunlich, wie sie diese Strecke unfallfrei auf Schneewittchens Glashighheels bewältigt. Von Olivia hingegen ist auf dem ganzen Zug nichts zu sehen.
Der ist im ersten Abschnitt noch eindeutig eine politische Demonstration, aber spätestens wenn die Gutelaunebären der Schola Cantorosa singend und Arme wedelnd vorbeiziehen, fängt man schnell an das zu vergessen, weil alle um einen herum singen, tanzen und ebenfalls mit den Armen wedeln. In der Partyzone fällt Politik nur noch auf, wenn man aus Versehen Katja Suding auf ihrem FDPLKW fotografiert. Dem leichten Schrecken folgt sogleich ein zweiter, eine ganze Gruppe schwarz-weiß-blau gekleideter junger Männer die sich Volksparkjunxx nennen kommt auf mich zu. Rautenalarm!
Glücklicherweise sind auch die vom anderen Ufer und voll lieb, einer nimmt mich sogar in den Arm und versichert mir, sie würden auch Sankt Paulianer mögen. Das finde ich unheimlich nett, auch wenn ich persönlich ja lieber Wonder Woman in den Arm nehmen würde. Aber auf so 'ner Gay Party haste bei Wonder Woman ganz sicher nicht mal als Superman eine Chance.
Uferfotos: CSD Hamburg 2016, Nikon D90
Uferbier: Kehrwieder Phoenix Pale Ale, 5.7%
Ufermusik: Paul 'Wine' Jones - Mule (1995)
Labels:
Feiern,
Fotosafari,
Politik,
Spaßkram
Standort:
Neustadt, Hamburg, Deutschland
Samstag, 6. August 2016
Vier Teiche
und nicht eine scheixx Libelle! Dabei ist das ganz einfach, haben sie im Forum gesagt und Fotos gepostet, von "Gabel-Azurjungfern" und ähnlichen Viechern, in allen möglichen Farben, beim chillen, beim fressen, sogar beim kopulieren, unglaubliche Fotos.
Für die richtig coolen Aufnahmen sind die bestimmt auf allen Vieren durch das Gras gerobbt, haben das bevorzugte Landeblatt schon drei Wochen vorher ausgekundschaftet und dann stundenlang auf der Lauer gelegen, aber "normale" Libellenfotos wären angeblich nicht weiter wild. Dafür müsste man nicht einmal früh aufstehen, das ginge auch Mittags. Einfach mal an nem Teich spazieren gehen und *zack* haste Libellenfotos. Wozu hab ich mir eigentlich dieses teure Makro gekauft, wenn ich das nicht ausnutze? Teiche gibt's hier ja genug.
Der Kupferteich in Farmsen ist die erste Pleite, aber das hätte ich mir denken können, hier ist die Chance auf Fernlenkmotorboote größer als auf Libellen. Vielleicht sollte ich für solche Exkursionen mal einen Schrittzähler installieren, den Rundgang hätte ich mir jedenfalls sparen können, alles viel zu gepflegt hier, ich brauche Unterholz.
Davon gibt es im Pulverhofpark so viel, dass ich eine halbe Stunde lang den dusseligen Teich suchen muss. Vor einigen Jahren noch konnte man den von der Straße aus sehen, aber seit sie den Wandselauf renaturiert haben versteckt sich das Gewässer hinter dichten Schilfgürteln, Urwald und anderen Hindernissen. Um auch nur in Ufernähe zu gelangen bräuchte man mindestens Gummistiefel, wenn nicht gleich eine Wathose, für Libellen lohnt das aber nicht, keinerlei Flugbewegungen erkennbar, nirgends. Wenn hier überhaupt welche fliegen, dann sind die garantiert unerreichbar.
Dafür liegen sagenhafte Kletterbäume herum. Für einen Augenblick wäre ich jetzt gerne wieder sechs Jahre alt und hätte keine teure Spiegelreflexkamera um den Hals, das wäre ein super Abenteuerspielplatz gewesen. Ein Wunder eigentlich, dass hier nicht Scharen von Kindern herumturnen.
Der Kletterbaum am Ammersbeker Mühlenteich liegt dort schon seit -zig Jahren, wie das Skelett eines Urzeitkäfers, inzwischen umgeben von Brennnesseln und anderem Gestrüpp. Normalerweise wird der fleißig genutzt, während Mami und Papi gegenüber in einem der Cafés sitzen, heute sind keine Gören zu sehen.
So wenig wie Libellen, eine komplette Teichumrundung und nichts fliegt, außer Mücken. Im gegenüberliegenden Uferbereich stehen jede Menge von diesen komischen Pömpelsträuchern, auf die wir als Kinder immer mit dem Luftgewehr geschossen haben. Das sind bestimmt ideale Libellenlandeplätze, doch leider hab ich kein Boot um das herauszufinden.
Letzte Chance ist der Teich im Rodenbeker Quellental, aber den habe ich schon so oft zu allen möglichen Jahres- und Tageszeiten fotografiert, da wären mir Libellen aufgefallen. Die gibt es heute natürlich auch nicht, dafür zwei neue Fotos vom Teich und ein kaltes Alsterwasser im Quellenhof.
Mit Libellen versuch ich's dann vielleicht im Naturkundemuseum, da muss man sich auch nicht mehr ranpirschen.
Libellenfotos: Nikon D90, alles ohne Makro weil: keine Libellen.
Libellenbier: Kehrwieder Hamburger Rot, Red Ale, 5.0%
Libellenmusik: Nick Drake - Bryter Layter / Pink Moon
Labels:
Fotosafari,
Hamburg,
Irrtümer
Standort:
Rahlstedt, Hamburg, Deutschland
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