Freitag, 6. März 2015

Verschollen auf dem Sofa
















Der Astronaut und Wissenschaftler John Crichton experimentiert mit neuen Antriebstechniken und wird dabei durch ein Wurmloch in einen entfernten Teil des Universums gesaugt. Scheiß Technik. Als wäre das nicht schon blöde genug, landet er mitten in einer Auseinandersetzung zwischen entflohenen Sträflingen und einer faschistoiden Macht die sich "Peacekeeper" nennt. Weil die ihn wahrscheinlich ähnlich genau untersuchen würden, wie es die Amis mit E.T. vorhatten, verzieht er sich zusammen mit den anderen Knastis in einem lebenden biomechanischen Raumschiff namens "Moya" in die unerforschten Gebiete dieser Gegend, die natürlich für alle (meistens unangenehme) Überraschungen bereithalten.
Seine neuen Freunde sind ein baumlanger luxanischer Krieger, der Menschen mit seiner Zunge problemlos K.O. schlagen kann, im Ernstfall aber lieber ein schießendes Schwert benutzt, eine blauhäutige Priesterin, die biologisch eigentlich der Pflanzenwelt zuzuordnen ist und daher bei starkem Lichteinfall stundenlange Orgasmen bekommt, ein fliegendes Furzkissen namens Rygel XVI, ehemals Herrscher über x-Milliarden Hynerianer und der pilzköpfige Pilot Moyas, der über Nervenstränge mit ihr verbunden ist und den Rest des Raumschiffs mit seinen Krakenarmen bedient. Mal ehrlich, dagegen spackt so etwas wie die Enterprise doch völlig ab.
Der Knaller allerdings ist die ebenfalls unfreiwillig auf Moya gestrandete Lederbraut, eine Peacekeeperkampfpilotin, die nach dem Ablegen der meisten Verhaltensauffälligkeiten langsam beginnt das Herz unseres Helden zu erobern. Yo baby yo baby yo! Lovestory! Episch! Meins!

Da können die Amis noch so viel Kirks durch das All trekken lassen, die gottverdammt verfrellteste Sci-Fi Serie aller Zeiten kommt Aus:Tralien. Leider waren nicht alle meiner Ansicht, weshalb nur drei der vier Staffeln für das deutschsprachige Publikum synchronisiert wurden und die dämlichen Amisender nach der vierten Staffel ebenfalls keine Lust mehr hatten auf Sex & Drugs im Weltall, wodurch das ganze Vergnügen mit einem üblen Cliffhanger endete. Immerhin war der weltweite Protest erfolgreich und Farscape - Verschollen im All konnte durch eine (aus unabhängigen Geldquellen finanzierte) Miniserie beendet werden. War ich wohl doch nicht der einzige Fan.

Der bin ich eigentlich auch erst jetzt so richtig, denn als das vor 15 Jahren in der Glotze lief konnte ich nur einige Folgen sehen. In chronologischer Reihenfolge und ohne Lücken ist das eine derart grandiose Zeitverschwendung, dass ich zu fast nichts anderem mehr komme gerade, zum Frell noch einmal. Fantastische Geschichten, noch fantastischere Orte, ekelhaft fiese und übermächtige Gegner, reichlich trockener Humor, außerirdischer Sex, abgefahrene Drogen und Aliens, die dank Jim Hensons Puppenspieltechnik endlich mal aussehen wie Aliens und nicht wie Menschen mit merkwürdigen Nasen- oder Schädelformen. Wenn mich die Erinnerung nicht trügt wurden in einer Folge sogar Puppen aus dem Henson-Klassiker Der dunkle Kristall verwurstet. Das ist natürlich lange nicht so perfekt wie moderne Computertrickserei, hat aber mindestens soviel Charme wie das Bügeleisen der Orion.

Und für hoffnungslose Romantiker wie mich, quasi als Dreingabe, die beste Sci-Fi Romanze seit Cliff Allister McLane und Tamara Jagellovsk. Nur sehr viel länger und sehr viel komplizierter, wie es halt so ist wenn man sich in eine außerirdische Amazone verguckt. Kommt im Romanzenranking gleich hinter Chuck, weshalb ich die nächsten Tage auch noch verschollen bin, nur auf dem Sofa. Er muss sie doch einfach nur mal in den Arm nehmen jetzt, verdammte Hacke, die wartet doch nur darauf...

Romanzenpausenmusik: Todd Snider - Viva Satellite

Montag, 2. März 2015

Nur ein Traum

















Vorspiel
Die ganze Nacht nicht vernünftig gepennt, dazu noch der Beginn einer nervigen Erkältung die ich schon seit München nur halb erfolgreich bekämpfe, die Stimme vor dem Spiel schon im Arsch und kein sonderlich gutes Gefühl im Bauch. Ein Tag kann kaum schöner anfangen. Immerhin scheint die Sonne, dabei war Hamburger Wetter angesagt.

Kaffee, Kippe, Internet. Was erlaube HVV? Egal was ich in die blöde Suchmaske eingebe, ich soll mit der Regionalbahn fahren. Zwischenhaltestellen akzeptiert er zwar, aber nur inklusive einstündiger Stadtrundfahrt. Sieht aus als wäre irgend eine Strecke gesperrt, es lässt sich nur beim besten Willen nicht herausfinden welche, für mich ist eigentlich nichts relevantes dabei. Ich beschließe den Vorschlag zu ignorieren, sitze am Ende aber doch in der Regio, die einzige Alternative bei verpasstem Bus.

Eine Stunde vor Anpfiff im Stadion, eine Wurst zum Frühstück, ein Bier zum wegspülen und den letzten freien Platz am Wellenbrecher einnehmen. Ganz schön voll schon um diese Zeit, Erwartungshaltung anyone? Mein Nachbar war auch in München und so ist für reichlich Gesprächsstoff gesorgt, ob sich Restaurant- und Kneipentipps noch lohnen angesichts der Tabellensituation ist fraglich, aber vielleicht steigen ja beide ab.

Die Auer bekommen ihr Steigerlied, wir die Aufstellung. Kalla in der Startelf, nachdem Schachten verletzt ist und Startsev gerade U23 gespielt hat wohl auf der Außenverteidigerposition. Also da, wo er noch nie so richtig überzeugen konnte. Alushi ist drin, Ratsche nur auf der Bank und Nöthe im Sturm, weil er der einzige Stürmer ist der in den letzten Spielen getroffen hat, Thy und Sobota sollen ihn unterstützen. Das Stadion riecht ein wenig nach Aufbruch, nach jetzt oder nie, es ist schon vor dem Anpfiff schön laut, hoffentlich hilfts. Ewald ballt die Fäuste, drei Punkte heute, oder wir sind bald back in hell.


Herz von St.Pauli, Hells Bells, Konfetti und los gehts.

Spiel (1)
Das ist im Ansatz ordentlich, wir spielen auf die Nordkurvenbaustelle, haben viel Ballbesitz (wie in München), schießen nicht aufs Tor (wie in München), kriegen Ecken die wir schlecht verwerten (wie in München) und kommen daher auch zu wenig Chancen (wie..) aber: wir schießen kein Eigentor. Kleine Fortschritte werden ja vielleicht auch mal belohnt, in diesem Fall durch einen netten Regenbogen über der Nordkurve, leider noch nicht durch Tore. Kleine Fehler hingegen werden normal sofort bestraft, doch Aue macht nichts aus den wenigen Konterchancen. Dafür hilft ihnen nach 15 Minuten die Latte, das Mistding ist zwei bis drei Zentimeter zu niedrig für den Kopfball von Koch. Maaan ey, warum kann so ein Ding nicht mal einschlagen, für ein kleines bisschen Glück würd ich sogar freiwillig Vicky Leandros hören. Was waren das noch für Zeiten, als Vicky der einzige Aufreger war. 

Heute muss man sich laufend aufregen, vor allem über unsere Ecken. Daube sollte keine Ecken schlagen, das wird in diesem Leben nichts mehr, dabei sind Standards nun wirklich etwas das man üben kann. Bei Aue hat jemand Aua, die müssen nach zwanzig Minuten schon wechseln, keine zehn Minuten später ein zweites Mal. Sehr verletzungsanfällig die Auer. "Noch zwei und wir haben Überzahl" grinst mein Nachbar. Die müssten auch im 11 gegen 11 zu schlagen sein, wenn wir endlich mal treffen. Und wenn Schneckes Rückpässe auf Himmelmann nicht auf dem Rasen verhungern, wo sie leichte Beute der Auer werden. "Was für ein Bock" stöhnt mein Hintermann "ein typischer Kalla." Gott sei Dank ist Robin schneller am Ball und kann klären, doch auf einmal sind die Erzgebirgler da. Eckball durch Alibaz, Schnecke klärt zur Ecke. Nochmal Alibaz, wieder Ecke. Alibaz zum dritten, Kopfball und Glanzparade von Robin = Ecke. Fünf Ecken am Stück und wir kriegen die Pille nicht weg da hinten, ich schrei mir hier die Lunge aus dem Hals verdammte Hacke, die ganze Nachbarschaft guckt schon. "Kann es sein dass Du gerade ganz schön auf Zinne bist?" fragt mich jemand. Kann es sein dass das halbe Stadion gerade am Rande eines Infarkts ist? Was machen die auf einmal? Ecken fangen bis einer im Netz zappelt? Und warum verdammt haben wir nicht so einen Ali Baba, der Vogel bringt die Bälle wenigstens anständig rein, so einen könnte sogar Budimir verwandeln.

Sieht man von der Glanzparade ab baut auch Himmelmann auf einmal Mist, steht kilometerweit vor seinem Tor, so etwas habe ich immer gehasst. Versucht auch sofort jemand auszunutzen nach einem weiteren Katastophenpass, diesmal von Sobiech, glücklicherweise hat Aue keinen Ibrahimovic und das Ding landet im ersten Stock. Das Spiel ist jedenfalls weg, Aue übernimmt die Kontrolle, von jetzt auf gleich rennen wir nur noch hinterher. Was so eine Eckenserie doch ausrichten kann. Wir sind viel zu passiv und warten mal wieder auf den Ball, während das Erzgebirge sofort aggressiv auf den ballführenden Spieler geht, an der Seitenlinie steht der Trainer und treibt seine Leute nach vorne. Die wittern Morgenluft, wenn man auswärts irgendwo drei Punkte mitnehmen kann, dann am Millerntor.   
"Verunsichert. Die sind alle verunsichert." fällt mein Nachbar in ein minutenlanges Mantra. "Völlig verunsichert sind die alle. Und dann nur eine Minute Nachspielzeit." Wat'n Segen, denn momentan riecht es stark nach einem 0:1, die müssen in der Pause eingenordet werden, da läuft nix zuammen gerade.

Zwischenspiel
Ich bin völlig ausgetrocknet, dafür hört sich meine Stimme bestimmt gut an inzwischen. Lee Marvin Style, jedenfalls wenn ein frisches Bier die Artikulation wieder möglich macht. Das muss ich heute leider selber holen, der Dartmeister ist krank und der Lange hat noch einen vollen Becher, kein Nachschub von den Sitzplätzen zu erwarten. Dauert erstaunlicherweise keine zwei Minuten, die Bierfassträger haben vorsorglich einen ganzen Tisch vorgezapft, ich bin ratzfatz wieder am Platz, kann Halbzeittapeten knipsen und die dusseligen recolution Werbeaufkleber auf dem Wellenbrecher mit Abstiegsgespenstern überkleben. Das hat mit Fußball nix zu tun.

Spiel (2)
Weiter gehts, und weiter gehts nicht gut. Beide Mannschaften nicht sehr ballsicher, zwei bis drei Stationen und weg isser wieder. Mein Nachbar murmelt wieder etwas von "verunsichert" vor sich hin, da fällt Halstenberg der Ball irgendwo im Mittelfeld vor die Füße und er zieht direkt ab, mindestens 30 Meter Torentfernung und was für ne Granate. Leider drüber, und tiefer hätt ihn der Keeper gehabt, aber wenigstens traut sich mal einer. Das hätte ein Weckruf sein können, leider weckt er nur Aue.
Wir holzen uns einen Scheiß zusammen dass es mich gruselt und haben mehr Glück als Verstand, dass Gonther nur die gelbe Karte sieht für ein ziemlich rüdes Foul, und dass Aue in der Tabelle unten steht weil sie ähnlich schwach im Abschluss sind wie wir. Etwas abgezockter und wir liegen hier ganz schnell mit 0:2 hinten, Aue muss sich nicht einmal mehr die Bälle erkämpfen, die kommen auch so, spätestens nach der dritten Station. Mein Nachbar sieht mittlerweile in jedem Auer Angriff den Rückstand. "Jetzt schlägts gleich ein! Gleich schlägt es ein!" hat das "alle verunsichert" abgelöst, doch auch bei uns ist immer noch ein Fuß dazwischen oder der Stürmer zu blind. An die nächsten Gegner darf man gar nicht denken, wenn man das hier sieht.

Und dann ist Nöthe auf einmal durch, bekommt den Ball von Daube serviert, es ist nur noch Männel im Kasten, eine Chance, eine Chance! Ein Ball! Die geheimnisvolle Anziehungskraft der Wolken! Up up and away auch ohne beautiful Balloon. "Ich kotz gleich im Strahl" fluche ich vor mich hin, was bei den vor mir stehenden Damen für kurze Irritation sorgt, seh ich wirklich so angeschlagen aus?

Ewald wechselt, Daube geht für Cooper. Armandos erstes Heimspiel, werd zum Helden Junge. Nagel das Ding irgendwie in die Kiste, zur Not im Fallen mit dem Arsch zuerst, Hauptsache der Ball ist nachher über der Linie. Doch nein, es wird nichts besser. Null. Nada. Nothing. Aue weiterhin auf Angriff, wir weiter mit Holzfüßen und dem gewaltigen Glück, dass ab und zu jemand noch seinen Holzfuß in die Schusslinie bekommt. Das "jetzt schlägt es ein" Geunke meines Nachbarn erreicht ungeahnte Höhepunkte und einmal sehe auch ich den Ball schon im Netz, nur der fehlende Jubel der Auer Spieler ist beruhigend, wir haben wieder mal Glück gehabt. Eckenserien, wie in der ersten Hälfte ohne Treffer, aber Eckenserien. Die schlagen Diagonalpässe über 20, 30 Meter und natürlich kommen die auch an. Reihenweise, während wir wirklich jeden zaghaften Angriff verstolpern. Das ist unfassbar schlecht, das ist dritte Liga, unteres Mittelfeld. Machen wir so weiter muss das zwangsläufig in die Hose gehen. Dammit Janet.

Ewald zieht die letzten Trümpfe, Ratsche und Verhoek kommen für Koch und Thy, noch 15 Minuten um ein Tor zu machen, noch 15 eins zu verhindern. Die Hälfte dieser Zeit braucht Verhoek um sich zu akklimatisieren, dann setzt er einen Ratscheball per Kopf über Männel hinweg in Richtung Tor! Tor! Tor? Latte! Verdammte scheiß Latte again and again, es ist zum verzweifeln. Für die letzten Minuten ist es ein kleiner Weckruf, wir kommen wieder öfter in Strafraumnähe, versuchen wenigstens einen Abschluss, haben wieder Glück bei Kontern und Pech bei allen anderen Aktionen. Aue wechselt in den drei Minuten Nachspielzeit nochmal 90 Sekunden lang aus, dann ist das Elend vorbei. 0:0, das ist zu wenig. Nicht nur vom Ergebnis, vom ganzen Spiel. In diesem Zustand sind wir für die nächsten Gegner Kanonenfutter, nicht jeder ist so abschlussschwach wie Aue.      

Nachspiel
Ein frisches Bier geholt und vor den Fanräumen die Tresenkurve gesucht, die mich wie immer vorher findet. Die wenigen Vorteile der dritten Liga werden wieder rausgekramt, die Fehlerketten der letzten Jahre zum wiederholten Male analysiert und schon mal überlegt, wer von der Mannschaft überhaupt noch übrig bleibt wenn wir absteigen und ob uns ein Nico Empen nach oben schießen kann wenn Ebbe ihm ein paar Tipps gibt, Boller noch mal die Stiefel schnürt und Ralle aus Ingolstadt kommt. Bruuuuns könnt man auch mal fragen, schlechter sind die alle nicht. Naki füllt den Fragebogen aus und wir spielen eine PoHkalserie  gegen Homburg, Hansa, Heidenheim, Hoppelheim und hasivau.
Ich liebe Dich, ich träum von Dir, in meinen Träumen....

In der Realität sieht es eher düster aus, aber damit mag sich keiner befassen. Koschi ist in Bierlaune und schleppt eine Runde nach der anderen an. Dauert nicht lange und wir stehen in einer Meute weißblauer Auer, die uns so sympathisch finden, dass sie sogar zusammen mit uns absteigen würden, nur um wieder herkommen zu können. Das letzte Spiel von Fabian Boll war ihnen noch in bester Erinnerung, so wie mir die Fans aus dem Erzgebirge ebenfalls, eine der wenigen sympathischen Fanszenen aus dem Osten, bisher nur angenehme Leute getroffen.

Die Auerländer wohnen knapp 3 Kilometer vor der tschechischen Grenze, erzählen Geschichten über das Bierparadies und nötigen uns Erzgebirgsmedizin auf. Sankt Hubertus Tropfen und dazu noch ne Lage Bier, wenn ich mich nicht bald verpisse wird das noch übel enden. Herr B ist längst weg, aber kaum haben sich die Auerländer auf den Heimweg gemacht winkt Koschi mich zur nächsten Ecke. Ah, Bauprogramm, den nehm ich noch mit. Angeblich von einer marokkanischen Tante liebevoll handgepresst, da kann ich nicht nein sagen. Haut mich auch ganz gut aus den Latschen der Stick und verdrängt die schmerzhafte Erkenntnis, dass die Realität wohl bald Derbys gegen hasizwo bedeuten, mit unsicherem Ausgang, alles andere ist nur ein Traum.
Der Stick macht den Heimweg ein wenig beschwingter, nur ein Lächeln will mir nicht gelingen, dafür ist die Lage zu ernst. Bei einigen Spielern ist das leider noch nicht angekommen..

Fotos: Gegengerade Millerntor: Tor, zur Hölle, Ewald macht Dampf, Daggi liest vom Blatt, Konfetti, Fußball, Regenbogen, Kutten auf dem Zaun, Sticker, Kein Bier den Faschisten. klicken + F11 macht Foto groß
Traummusik: Gov't Mule feat. John Scofield - Sco-Mule
  
























Samstag, 28. Februar 2015

Theater, Theater
















Das Deutsche Schauspielhaus in der Kirchenallee, mit 1200 Plätzen das größte Sprechtheater Deutschlands, schicker Neobarock von außen, imposanter Innenraum, und das einzige Theater in dem ich mehr als einmal gewesen bin. Zweimal.
Das erste Mal in den 70ern bei Champion Jack Dupree und den Hamburg Blues Allstars, wo der Champion während des Konzertes fleißig Knollen aus einer Kiste Holsten unter seinem Piano fischte, wenn er nicht gerade mit Singen und Klavierspielen beschäftigt war. Das zweite Mal vor fünf Jahren, als der wahnsinnige Plewka nebst Heilsarmee einen Rio Reiser Gedächtnisabend zelebrierte. Beides elektrisch verstärkt und nicht gerade das, wofür ein Sprechtheater eigentlich gedacht ist. Gott sei Dank.

Denn sonst hätte ich den Laden garantiert noch nie von innen gesehen, und der Innenraum ist wirklich nett. Aber Sprechtheater? Ein paar Leuten dabei zusehen wie sie sich auf der Bühne anschreien, damit man das auch in der letzten Ecke mitbekommt? Möglichst noch irgendwelche Klassiker, wie dieser ganze Faustmephistohamletwoyzeckenkram? Da kennt doch jeder die Handlung, wo ist da der Kick? Die kennt man zwar auch beim Herrn der Ringe, aber ins Kino rennt man schließlich, um Horden brutaler Orks gegen einen lebendigen Wald kämpfen zu sehen. Im Theater dagegen sitzt ein lamentierender Handlungsreisender am Küchentisch und quatscht mit seinem toten Bruder. Jaaaa, gebt's mir, ich bin ein Kulturbanause, aber das ist schlicht laaaangweilig.

Wenn es mal nicht langweilig ist steht es groß in der Presse, dann springen ein paar Nackte über die Bühne und bemalen sich dabei mit Hühnerblut. Worum es dabei geht ist nicht so wichtig, wenn die Presse von Porno- oder Ekeltheater schreibt sorgt das wenigstens für etwas Aufmerksamkeit. Nicht ganz einfach in Zeiten, in denen das tägliche reale Ekeltheater die Aufmerksamkeit so beansprucht. Aber selbst wenn sie sich auf der Bühne gegenseitig auspeitschen würden, sie hätten wohl trotzdem keine Chance gegen die Verfilmung amerikanischer Hausfrauenfantasien.

Daher gehe ich nicht ins Theater, sogar ins Ohnsorg habe ich erst einmal in meinem Leben geschafft. Ohne Heidi Kabel, Jürgen Pooch, Henry Vahl oder Edgar Bessen besteht eigentlich auch keine Veranlassung mehr das zu ändern. Wenn mich überhaupt noch ein Theaterstück reizt, dann der Hamburger Jedermann in der Speicherstadt. Aber wenn man da nur zum fotografieren hingeht fällt das bestimmt unangenehm auf.  

Foto: Deutsches Schauspielhaus, Heidi Kabel Statue vor dem Ohnsorg-Theater
Musik: SoKo - I Thought I Was An Alien


Mittwoch, 25. Februar 2015

Folter bis die Ohren bluten

















Auswärtsfahrt allez! Eintausendsechshundert Kilometer Autobahn können einem schon im Normalfall den Nerv rauben, auch wenn man sich hinter dem Lenkrad ablöst, also flugs einen USB Stick mit anständiger Autobahnmusike befüllen. Left Lane Cruiser passen schon vom Namen perfekt, etwas Seasick Steve für den Überholspurboogie und AC/DCs "Let there be rock" übertönt zuverlässig das angestrengteste Motorengeräusch. Für die alten Herren auf der Rückbank vielleicht etwas Blues, aber denn schon einen der nach vorn geht. Die beiden Medleys von Howard & The White Boys Livescheibe alleine sind lang genug für gute 100 Kilometer, wenn man nicht gerade im Stau steht, und äußerst unterhaltsam noch dazu.

Pearl Jam natürlich, für die Zeit in der ich fahren muss und auf jeden Fall Konfetti von Markus Wiebusch. Für den Rockopa was von den Stones, da kann ich Sticky Fingers immer noch gut hören und wenn es schon etwas aus den 80ern sein soll, dann lieber gleich Talking Heads, bevor seltsame Namen fallen. Massive Attack für den langen Stau und natürlich die Sankt Pauli 100 Box, falls es auf der Rückfahrt etwas zu feiern gibt. Die Mischung reicht locker für die doppelte Strecke und es ist für jeden etwas dabei, doch leider weigert sich die dusselige Fahrzeugelektronik konsequent den Stick zu erkennen. Dreckstechnik.

Eintausendsechshundert Kilometer Autobahn können einem schon im Normalfall den Nerv rauben, kommen dazu noch etliche Stunden Radioprogramm wird das Auto zur Folterzelle. Im Norden beginnt der Spaß mit Delta Radio, die sich immer noch keine neue CD gekauft haben, seit ich sie vor gut zehn Jahren das letzte Mal gehört habe. Eine kurze Zeit lässt sich mit Bordmitteln überbrücken: Singlescollection von David Bowie und Very Best of Fleetwood Mac. Dabei drückt sogar Herr L. ab und zu die Skiptaste, und dem gehört das Zeug. Kurzstreckenfahrer benötigen nicht mehr als zwei Scheiben, bei denen reicht das für ein Jahr, aber wehe sie sind dann einmal länger unterwegs.   

Die restliche Zeit ist pure Folter, ob in  Hamburg, Niedersachsen, Hessen oder Bayern, ob öffentlich rechtlich oder Privatsender, überall die gleiche Grütze. Horden grauenhafter "R'n'B"-Jammertanten scheinen gerade die Charts zu dominieren, drückt man die wirklich schlimmen Dinger panisch weg kann man fast sicher sein, das Grauen eine halbe Stunde später beim nächsten Sender noch einmal zu hören. Der Rest besteht aus dünnen Poprockohrwürmern, die wahrscheinlich deshalb so oft wiederholt werden, weil sie sofort wieder rausrutschen aus den Ohren. Zwischen Anastaciaknödelsoul und Sunrise Avenue. Heute hängt man Boygroups Gitarren um den Hals und nennt es dann Rockband. Stunde um Stunde eine instrumentalvokale Geräuschkulisse ohne Inhalt, ohne Spannung, ohne Überraschungen, ohne Ecken und Kanten, ohne Höhepunkte. Blablajammerjammerblabla. Rein ins Ohr, raus aus dem Ohr, gähnende Leere hinterlassend.

Schlimmer noch sind diese Clowns, die sich Radiomoderator nennen. Zwei dieser Vögel haben mich schon vor Jahren dazu veranlasst meinen Radiowecker zu deaktivieren, auf der Autobahn ist man ihnen hilflos ausgeliefert. Professionelle Gutelauneverbreiter, denen schon seit der Geburt die Sonne dauerhaft aus dem Arsch scheint, nicht ansteckend wenn man gerade das Ende eines 15 Kilometer Staus erreicht hat. Zwischen der gähnenden Leere dürfen sie Titel und Interpreten ansagen, würde ich auch nur einen davon kennen wäre ich für solche Vorwarnungen natürlich dankbar, noch dankbarer wäre ich, sie würden einfach das Maul halten, Verkehrsnachrichten sind ausreichend auf der Bahn. 

Der ultimative Kracher jedoch ist Radio-Comedy. Inzwischen hat jeder Sender seine eigene "kultige" Comedy-Show, der Höhepunkt des Tages und so dermaßen schlecht, dass selbst der dämlichste Witz von Mario Barth wie ein intellektuelles Gagfeuerwerk erscheint. Konnte man vor Jahren (oder waren es Jahrzehnte?) noch Perlen wie Wischmeyers Logbuch der Bekloppten und Bescheuerten im Radio finden, bewegt sich das heute auf dem Niveau von Fips Asmussen, nur ohne Pointe. Wann haben die Sender eigentlich ihren kulturellen Auftrag verloren? War das schon vor der Zwangsabgabe?

Wenn man schon GEZwungen wird den ganzen Rotz zu bezahlen, könnte man dann nicht pro Bundesland wenigstens einen Kanal einrichten, bei dem nicht nach einer halben Stunde die Ohren anfangen zu bluten oder das Hirn gelähmt wird? Nur falls mal die Technik versagt..

Verkehrsfoto: Autobahnpinkelpausenparkplatz Amarschderwelt
Verkehrsmusik: Traffic - John Barleycorn Must Die / Low Spark Of High Heeled Boys / Welcome To The Canteen / Shoot Out At The Fantasy Factory 

Montag, 23. Februar 2015

Dekadente Ablenkungsmanöver


















Vorspiel
Mist, verdammter! Fängt ja gut an, kaum in Straubing angekommen stelle ich fest, ich habe nur meine Sporttasche umgepackt. Senf und Weißwürste für das Frühstück liegen noch in meinem Kofferraum.  Herr L. ist darüber nicht besonders unglücklich, aber ein Spiel gegen München ohne Weißwurstfrühstück ist undenkbar, das geht in die Hose. Mitten in der Nacht fällt mir blöderweise dazu noch ein, dass Kiraly ja gar nicht mehr bei denen im Tor steht, was ich schon im Hinspiel bemängelt habe. Ohne Kiraly haben wir gegen die noch nie gewonnen, ich spüre meinen Auswärtsfahrtoptimismus langsam zerbröseln und schlafe ausgesprochen schlecht.
Tamsi ist wie immer ein Schatz und rennt morgens zum Schlachter um die Ecke um den Tag zu retten. Die Weißwürste schmecken ausgezeichnet, um ehrlich zu sein mindestens so gut wie die von Rose in Eimsbüttel, aber ob sie die gleiche magische Wirkung entfalten können wie ein Hamburger Import bleibt abzuwarten. Die Wurstgeschichte handelt uns gute zehn Minuten Verspätung ein, weitere zwanzig beschert uns das Navi, dass unsere Schätzung der Fahrtzeit für viel zu optimistisch hält.

Wenigstens kann Herr L. seinen Golf endlich mal richtig ausfahren, die Autobahn ist relativ leer, die Tachonadel jenseits der 200 und ich stelle wieder einmal fest, wie unglaublich flach es doch in Bayern ist. Hätten die mehr Wasser könnt's glatt Ostfriesland sein. Wahrscheinlich ist das hier Niederbayern und nur die Oberbayern haben Berge. Dafür haben die Niederbayern 'nen hammerharten Dialekt, aber das ist eine andere Geschichte..

Wir erreichen das Stadion ganz locker, bei Bayernspielen dürfte das hier weit voller sein. Das Parkhaus, das einem die Ausfahrt nur mit 10 Euro Guthaben auf der Stadionkarte gestattet, finden wir ebenfalls schnell wieder. Alles sehr übersichtlich, drei Treppen hoch und schon steht man vor der Schlauchbootarena. Die Schlangen vor dem Einlass sind nicht von schlechten Eltern, es geht sehr langsam voran. In Bayern bin ich zwar aus Erfahrung misstrauisch was die Kontrolettis angeht, aber Cops sind weit und breit nicht zu sehen, die Einlasskontrolle überaus freundlich und auch nicht gründlicher als am Millerntor.

Richtiges Bier gibt es trotzdem nicht, nur Lightbräu mit 2 Umdrehungen, was wir blöderweise erst merken als wir schon 40 Euronen auf die Karte geladen haben. So viel Wurst kann keiner essen, selbst wenn man die Parkgebühr abzieht, also gibt es doch ne Runde Plörre. Was für ein Aufwand, erst ewig für so eine blöde Karte anstehen und nachher noch mal an den Stadionkassen, um den Rest auszahlen zu lassen.

Der Gästeblock ist relativ gut gefüllt, das restliche Stadion weniger, das kennt man ja. Bei einem ausverkauften Bayernspiel wahrscheinlich beeindruckend, heute sind es 25.000, für die Löwen schon eine gute Zahl. 25.000 machen am Millerntor allerdings weit mehr her, als in der nicht halb vollen Schüssel mit den abgehängten oberen Rängen. Das Showprogramm läuft schon, als wir auf unseren Plätzen eintreffen. Zwei alberne Plüschlöwen hampeln vor der Münchner Fankurve herum und die Fahnenschwenker sind ebenfalls fleißig am schwenken, muss ich latürnich alles knipsen, is ja sowat wie Folklore. Ich glaub der Gruselfaktor spielt bei Auswärtsfahrern eine nicht unerhebliche Rolle. Man kann sich wohlig erschauernd anhören und ansehen, was die ganzen Freaks dort Woche für Woche reingedrückt bekommen und mag das Millerntor hinterher noch viel lieber. Nebenbei muss man sowieso immer mit gruseligen Fußballspielen rechnen.

In der Kurve gegenüber gibt's ne Choreo zum knipsen, bei uns nur ein paar Banner, die Plätze sind zu weit oben. Gute Sicht auf die gegenüberliegende animierte Reklametafel, auf der die gelben Karten von einem "Miep Miep Möbelwagen" oder ähnlichem präsentiert werden. Manchmal stehen dort allerdings auch sinnvolle Dinge, wie unsere Aufstellung. Nachdem weder Budimir noch Verhoek treffen spielt heute Chris Nöthe in der Spitze, kein Schachten und kein Sobota dabei, bei der Verletztenliste bin ich gerade nicht aktuell, aber das kann der einzige Grund sein. Dafür sind Startsev und Maier in der Startelf. Kann losgehn..

Spiel (1)
Aux Armes! Kann hier oben kaum jemand, ich schätze mal gut 70% Umlandfans auf den Sitzplätzen, da kennt keiner auch nur einen Text, da kann der Mann auf dem Zaun noch so sehr versuchen die zu animieren. Außer "Sankt Pauli Sankt Pauli" kennen die nix, die sehen ihren Lieblingsverein vielleicht zweimal im Jahr. Atzensechzig zuerst auf unsere Kurve und gleich läuft ein Münchner völlig ungehindert in unseren Strafraum, maaaaan. Ist aber wohl glatt der Rasen, er legt sich lang ohne jegliche Fremdeinwirkung, puuuh! Durchatmen. Im Gegenzug tauchen wir vor dem gegnerischen Tor auf und irgendwer köpft irgendwie daneben, der Rasen ist hier zwar auch nicht länger als zu Hause, aber in solchen Arenen hat man trotzdem das Gefühl noch hundert Meter weiter weg zu sein als sonst.
Dafür sind wir nach zehn Minuten hautnah dabei, als unter uns ein Münchner in den 16er flankt. Und dann steht da Sören Gonther auf einmal mit dem Ball und hat nichts besseres zu tun, als den ins eigene Netz zu befördern. Ich kann ja nicht mehr, jetzt schießen wir schon die Tore des Gegners. Nach zehn Minuten schon. Sören fasst sich an den Kopp und Tamsi fasst sich an den Kopp  und Kai und Herr L. und ich und überhaupt alle. Kollektives Stöhnen.
Ein reines Angsteigentor. Oh Gott der Ball! Was will der von mir? Wo will der hin? Oh Shit! Zu spät.
Das darf einfach alles nicht mehr wahr sein, aber nach zehn Minuten ist ja noch nix verloren, auf geht's.
1860 hat es jetzt einfach, macht die Räume eng und wartet auf Kontermöglichkeiten. Die haben genau so viel Angst wie wir, da sind 22 vollgeködelte und verunsicherte Spieler auf dem Rasen, das merkt man dem Spiel auch an. Gonther und Sobiech spielen sich gegenseitig den Ball zu, keiner will Verantwortung übernehmen, jeder Vorstoß könnte wieder bestraft werden. Nach zehn Minuten fangen sie langsam an sich von dem Schock zu erholen und versuchen wenigstens in die richtige Richtung zu spielen, das Geschehen spielt sich sehr häufig in der entfernten Hälfte des Spielfelds ab, nach so einem blöden Eigentor ist das einigermaßen beruhigend. Hauptsache weit weg vom eigenen Kasten.
Vorne zieht Thy einmal ab, aber kein Problem für den Keeper. Dann Freistoß für uns. "Gute Entfernung für Maier" sag ich und der läuft auch an und... Keeper. Schlapp. Gefühlt haben wir mehr Ballbesitz und mehr Möglichkeiten, denn hier vorne ist ziemlich tote Hose gerade. München kann nicht, will nicht und solange wir nicht in die richtige Kiste treffen muss München ja auch nicht.
Auf der Reklametafel gibt es Informationen, wir haben 56% Ballbesitz. Das hört sich besser an als es ist, denn wir machen nichts draus. Auch nicht in der einen Minute Nachspielzeit. Pause. 0:1. Verdammte Hacke.

Zwischenspiel
"Ewald muss was einfallen" sagt Herr L. und ich hoffe, dass ihm einfällt Maier und oder Daube auszuwechseln. Was macht eigentlich Flo Kringe gerade? Ist der verletzt oder warum spielt der nicht? Der hat immer mal seine Tore gemacht und momentan weiß ich nicht wer es sonst richten soll. Startsev wirkt auch wieder ziemlich überfordert. Koch ist gut und der Rest bemüht sich. Eigentlich sind wir die bessere von zwei schlechten Mannschaften, das zählt nur am Ende leider nicht. Der Kindergarten neben mir geht Wurst und Brause kaufen, endlich eine Gelegenheit den Schock mit einer Sportzigarette zu mildern. Auf der Reklametafel gibt es wieder Infos. Dolle Sache. Torschüsse 0:5, Spielstand 1:0. "Im Forum hat jemand geschrieben, die hätten gerade Toreschießen trainiert und erst der 18te Schuss wäre drin gewesen" erzähle ich den Jungs, "heißt also, wir müssen wir noch locker 13 mal auf das Münchner Gehäuse zielen um hier wenigstens einen Punkt mitzunehmen."

Spiel (2)
Beide Mannschaften unverändert und wir eigentlich von Anfang an weiter mit mehr Ballbesitz. Endlich kann man mal Fußball gucken hier, super Blick auf den Münchner Strafraum und da ist mehr los als drüben. Leider sind unsere Ecken immer noch schlecht und unsere Freistöße sind schlecht und unsere Flaaaaaaaaaaaa unsere Flanken nicht! Die ist gut, die ist sehr gut und Thy kann das Tor machen und trifft. Den Pfosten. So eine Scheixxxe verdammt noch eins. "Das ist so blind" pöbelt Herr L. "den hätte meine Mudder gemacht" und zumindest das war übertrieben. Aber trotzdem ätzend, dass so einer nicht mal reingehen kann wenn man eh schon bis zum Hals im Sumpf steckt. Hat man kein Glück kommt auch noch Pech dazu. "Ach was Pech" pöbelt Herr L. weiter "das ist schlichtes Unvermögen."
Weiter geht es mit gelber Karte nach Foul an Koch, der länger auf dem kalten Rasen liegt. Das fehlt gerade noch, einen der wenigen die halbwegs vernünftig Fußball spielen können zu verlieren. Geht aber weiter, hoffentlich ohne Folgen.
München ist weiter harmlos, wir sind eindeutig die aktivere und bessere Mannschaft, machen richtig Druck, sind nur im Abschluss weiterhin erbärmlich. Lennart Thy kommt mehrfach schön über die Seite, geht an zwei, manchmal sogar drei Münchnern vorbei, nur kommen die Hereingaben nicht an oder werden versemmelt, trotzdem macht der ziemlichen Wirbel. "Lenny gefällt mir grad gut" merke ich an, aber Herr L. kann ihm den Pfostentreffer nicht verzeihen.
Es kann nur eine Frage der Zeit sein, dann fällt der Ausgleich, ich bin sicher. Wir kriegen eine Ecke nach der anderen, wenn wir schon selber zu blöde sind, sollte wenigstens ein Münchner Eigentor machbar sein. Es lebe der Zufall.
Maier darf duschen gehen, hat mir auch nicht so gefallen heute, dafür kommt mit Budimir ein zweiter Stürmer. Ewald will den Punkt, ich auch. Die sind schlechter als wir und von solchen Gegnern haben wir nicht mehr viele, eigentlich will ich drei Punkte. Budi legt auch gleich gut ab auf Daube, aber Daube hätte ich auch schon ausgewechselt, Ball geht drüber. Ball kommt wieder aufs Feld, Ball kommt in die andere Hälfte, Ball wird geflankt, Ball ist drin. 2:0, so einfach ist das wenn keiner aufpasst.
"Ich könnt echt kotzen" sagt Herr L. "auch ohne Weißwurst schon.Und jedes Mal diese verkackte Stadionsprecherarie, dreimal den Torschützen nennen und am besten auch noch dreimal den Spielstand mit Bittedanke. Außerdem heißt das nicht Pauli, das heißt SANKT Pauli." Kann ich ihm nur recht geben, doch wir wussten worauf wir uns einlassen, ist ja nicht der erst bayrische Stadionsprecher der uns den Nerv tötet. Liegt an unseren Jungs, bei einem anständigen Spielstand hätte der nicht weiter gestört.
Hoffnung besteht, die Jungs stecken nicht auf. Sie müssten nur mehr Ecken üben, aber was die alles üben müssten...
"Budimir das Kopfballungeheuer müsste Kopfbälle üben, jedenfalls solche die den Torwart überfordern." spotte ich, da köpft Budimir auch schon wieder. Diesmal nicht den Torwart an sondern auf die Füße von Nöthe und der semmelt das Ding in die Maschen. Nur noch 2:1, woohoo. Achnee, woohoo gibbet ja nur zu Hause, egal, das wird noch. Jetzt. Noch ein Tor und wenigstens einen Punkt mitnehmen. Ichwillichwillichwill.

Die Münchner fangen an übel Zeit zu schinden, der Torwart ist ein ganz sonniges Kerlchen und scheint vor seinen Abschlägen längere Gedichte zu rezitieren, das ist gelbwürdig Herr Schiedsrichter. Wir weiter im Vorwärtsdrang, doch die eklatante Abschlussschwäche lässt sich nicht übersehen, unsere Schussversuche wären sogar für Kiraly kein Problem gewesen. Daube hat noch die dickste Chance, aber Daube hätte ich längst ausgewechselt. Dafür sind Cooper und Verhoek drin inzwischen, drei Sturmspitzen. Viele Köche..
Drei Minuten gibt es obendrauf, obendrein noch eine gelbe Karte für den Münchner Keeper, weil der vor seinem Abschlag wieder sanft entschlummert ist. Dann noch eine Ecke für uns, noch eine Chance, noch eine Ecke und. Abpfiff.


Nachspiel
Das ist so bitter. Die bessere Mannschaft gewesen, zweimal gepennt, trotzdem verloren. Was Ewald den Jungs im Kreis alles erzählt bekommt ja niemand mit, aber wenn auf zwanzig Fotos zwanzig unterschiedliche Gesichtsausdrücke zu erkennen sind, dann dürfte die Ansprache sehr abwechslungsreich gewesen sein. Ob das hilft werden wir nächstes Wochenende sehen.

Vor den Stadionkassen lange Schlangen, wir schmöken was und warten auf Herrn L., da stürmt eine schwarz gekleidete Vereinskampfsportgruppe an uns vorbei, scheinbar ein klares Ziel vor Augen. Etwas mühsam folgt eine kleine Gruppe der staatlichen Organe, aber mit dem ganzen Plastikgeschlodder am Körper an Beweglichkeit und Tempo den sportlichen jungen Männern weit unterlegen. Wir warten lieber ab bis Kampfsportler und Organe am Horizont verschwunden sind, entern die Tiefgarage, stauen uns erst durch ebendiese, dann durch München und sind eine Stunde zu früh im Wirtshaus in der Au, wodurch ich noch ein wenig Isarmuseumsinsel und Wirtshaus knipsen kann.

Wenn der Tag schon so mistig verläuft soll man wenigstens aus dem Abend etwas machen, dafür ist der Laden ideal. Dazu hat die liebe Sera uns nicht nur einen vorzüglichen Platz reservieren lassen, sie hat auch noch den Bembelbär im Schlepptau, der extra aus Frankfurt gekommen ist. Die Einladung, mit auf das Mark Lanegan Konzert zu kommen, muss ich leider ausschlagen. Fußball und Konzert an einem Tag, das schaff ich alter Sack nicht mehr. Außerdem kenne ich meine Jungs, die haben den Namen Mark Lanegan noch nie gehört. Wenn da Thees gespielt hätte..

Zwei Leute kann ich vom Ochsenfilet an Senfbutter und Pfifferlingrisotto überzeugen, was sich als ausgezeichnete Wahl erweist. Das Fleisch ist perfekt, auf den Punkt gegart. Und es ist eine relativ kleine Portion, wodurch ich gleich drei Leute überzeugen kann anschließend das wunderbare Dessertbrettl zu bestellen. Mit Gugelhupf, Macadamianussknödeln, Apfelschmarrn, batzigem Schokobatz und allem dem anderen Zeug. Volles Brett.

Das Brettl ist der Kracher, daher wird es auch mit Fanfare angekündigt und pyrotechnisch illuminiert. Geschickte Idee, macht andere Gäste neugierig, keine zehn Minuten später trötet und blinkt es schon wieder. "Findst das ned irgendwie ganz schön dekadent?" fragt mich die liebe Sera zwischen Tobleronegugelhupf und Millirahmstrudel und ich kann das nur bejahen. Definitiv voll dekadent.

Aber solange ich in Zimtbrösel gerollte Knödel von der Macadamianuss auf Granatapfelsoße futtern kann denke ich nicht an die dritte Liga. Reines Ablenkungsmanöver.

Fotos: Dingensarena - Bayern (flach) - Gummiboot ungefärbt - Rahmenprogramm - Ewald spricht - Spieler am Zaun - Museumsinsel - Wirtshaus in der Au - klicken und F11 macht Fotos groß
Ablenkungsmucke: Frank Zappa - Hammersmith Odeon 1978























Freitag, 20. Februar 2015

Horsd’œuvre chinois

















Selbst wenn wir morgen im Stadion verkacken sollten hat sich der Weg gelohnt, endlich mal wieder richtig geiles Chinafutter. Eine Schande, dass man als Hamburger dafür bis nach Straubing eiern muss. Aber wir werden nicht verlieren. Für den morgigen Sieg ist jedenfalls von unserer Seite aus alles eingetütet, vom Horsd’œuvre chinois über den Sauschwanzlbeißervernichtungsabend bis hin zum traditionellen Weisswurstfrühstück. Auf das habe ich erst ein einziges Mal verzichtet und prompt haben wir 1:2 verloren, das passiert mir nicht wieder.

Wenn die Jungs morgen die Reihenfolge ebenso streng einhalten gewinnen wir wenigstens 0:2, dann schmeckt auch das Dessertbrettl hinterher.