Freitag, 25. Juli 2014

Barock rockt

















Der ursprüngliche Plan auf der Frankentour war eigentlich irgendwann Nürnberg bei Nacht zu fotografieren, aber dann habe ich mir auf der Landkarte angesehen, was noch so alles an interessanten Städten in der Nachbarschaft liegt, bis 100 Kilometer sind auf einer Tagestour immer drin. Bayreuth fiel dann schnell raus, das ist nur interessant wenn Mutti bei den Nibelungen wieder mit Schweißfleck erscheint. Von Bamberg wusste ich vorher nur, dass hier der (westliche) Karl May verlegt wurde, aber bei der Gugelsuche wurde mir schnell klar, das war so ziemlich genau das, was ich fotografieren wollte. Alte Gemäuer mit bunten Bildern, ein Fluss mitten in der Stadt, ein altes Rathaus mitten im Fluss, schiefe Häuser am Wasser, Motive ohne Ende.

Brauereien und Wirtshäuser auch ohne Ende. Und Touristen, von denen ich mir wohl die Hälfte erspart hätte, wäre heute kein Feiertag. Was soll´s, man ist ja schließlich selber Tourist. Mit dem Vorteil der ortskundigen Begleitung, mein Schwager fährt den gleichen Stil wie ich in Hamburg, einfach mal mitten rein und hoffen, dass man trotzdem einen Parkplatz bekommt. Klappt natürlich wunderbar, wir müssen keine hundert Meter laufen und sind in der Altstadt.

Jetzt kann ich endlich Fotos machen, die tausende Fotografen vor mir schon gemacht haben. In einem Bamberger Blog schrieb jemand, er hätte gerne einen Euro für jedes Foto des alten Rathauses, das von der unteren Brücke aus geschossen wird. Das alte Rathaus in der Regnitz, das Weltkulturerbe, für das man doch mehr Weitwinkel braucht als gedacht, verdammt. Wäre die blöde Hitze nicht gewesen und meine elende Faulheit, aber das Sigma ist im Zimmer geblieben. Muss ich noch mal hin, nach Bamberg, und wenn es nur für dieses Foto ist.

Davon ab kann man da ganz gut draußen sitzen und ein Bierchen trinken, es gibt glücklicherweise sehr viel Auswahl, man ist also nicht auf das berühmt-berüchtigte Aecht Schlenkerla Rauchbier angewiesen. Ob sich die Touristenabzocke hier durch die vielen traditionellen Brauhäuser generell in Grenzen hält, oder ob wir mit der "da ist was frei, schnell hinsetzen" Methode einfach nur Glück hatten ist natürlich die Frage die ich nicht beantworten kann, aber 19 Öcken für zwei nicht gerade kleine Wiener Schnitzel mit fränkischem Kartoffelsalat sind ein durchaus fairer Preis, wenn man weiß was Spaghetti mit Tomatensauce in Venedig kosten können. Da waren allerdings auch noch mehr Touristen als in Bamberg, und das will was heißen.

Vielleicht ist der Rosengarten bei meinem nächsten Besuch auch in besserem Zustand und das dämliche Gerüst vor dem Bamberger Dom verschwunden. Eventuell stehen dann auch keine Container vor dem klotzigen Bau am Grünen Markt. Außerdem haben die noch ein Schloss irgendwo, das sah auch ganz nett aus. Ja, ich glaube da muss ich wirklich noch mal hin. Barock rockt.

Auch ein Klassiker inzwischen: Kula Shaker - K

Als Architekturnulpe habe ich natürlich keinen Plan ob das wirklich Barock ist oder irgend etwas anderes Rokokoklassizistischspätgotisches. Aber hübsch bunt isses, bis auf den Lattenjupp, dem ist die Farbe etwas entwichen. Klick + F11 barockt.











 












Mittwoch, 23. Juli 2014

Heiliger Bimbam
















Eigentlich habe ich damit gerechnet eine ganze Woche alleine durch Franken eiern zu müssen, da eröffnet mir mein Schwesterherz sie müssten am Donnerstag nicht arbeiten, da könnten wir zusammen nach Bamberg fahren, am Fronleichnam.

Das ist einer dieser vielen bayrischen Feiertage, die man als Nordlicht so gar nicht auf der Rechnung hat. Fronleichnam, allein schon der Name klingt gruselig, was passiert da? "Die Scheinheiligen versammeln sich alle auf der Straße zur Fronleichnamsprozession und tragen eine Monstranz durchs Dorf" sagt mein Schwager, genaue Details ob und wann das in Neunkirchen ebenfalls stattfindet weiß er nicht, aber ich bin sofort wie elektrisiert. Folklore! Kostüme! Trachten! Monstranzen! (was immer das ist). Muss ich hin und fotografieren.

Im Internet finde ich Hinweise, dass diese Tradition in Neunkirchen besonders hingebungsvoll gepflegt wird. Rund 1000 Gläubige werden erwartet, gute Güte. Umzingelt von christlichen Fundamentalisten, hat man dem Dorf gar nicht angesehen, obwohl hier schon recht viele Kreuze hängen. Um 9 Uhr morgens geht das los, wenn man um 10 da ist gibt es bestimmt noch genug Motive und anschließend kann man immer noch nach Bamberg fahren.

Zu Fuß in die Altstadt ist es Gott sei Dank nur ein Katzensprung, das wird bestimmt voll da unten und Parkplätze sind eh rar. Und das Tele muss drauf, falls ich bei den erwarteten Menschenmassen nicht in die erste Reihe komme. "Und Du ziehst besser eine lange Hose an" sagt mein Schwager, der darauf verzichtet uns zu begleiten. Echt? Bei der Hitze? Das ist ja schlimmer als bei den Muslimbrüdern, da darf man nur Indoor keine Outdoorkleidung tragen. Hoffentlich stört sich niemand an meiner St.Pauli Kappe, aber eigentlich passt so ein Totenkopf doch prima zum Thema.

Tatsächlich sind alle Parkplätze frei an der Kirche, das Dorf wirkt wie ausgestorben, sogar noch sehr viel ausgestorbener als an einem normalen Wochentag. Kein Mensch ist zu sehen, wer nicht an der Prozession teilnimmt versteckt sich scheinbar zu Hause bis der Spuk vorbei ist. Nur ein paar Ordner und die zahlreichen mit Tüchern, Fahnen, Decken und Fantasyfiguren geschmückten Fenster weisen darauf hin, dass heute ein ganz besonderer Tag ist. Von den Ordnern erfahren wir auch den Ablauf der Prozession, so dass ich mir in aller Ruhe einen fotografischen Standpunkt suchen kann. Mittelalterliche Rituale vor mittelalterlichen Toren, besser kann´s gar nicht kommen.

Der Umzug hält dann auch alles was ich mir davon versprochen habe, es gibt reichlich folkloristische Ansichten, es wird sehr viel Holz und Bech durch die Gegend getragen und (moderne Zeiten) neben der Prozession auch noch Lautsprecherboxen an der Stange, damit jeder mitkriegt was der Paster so verzählt. Viel ist es nicht, zudem wiederholt er sich ständig, aber das muss wohl so. Zwischendrin trägt jemand ein goldenes Bimmelimmding, geschützt unter einer Art mobilem Sonnenschirm, von dem ich später durch den Exilwestfalen erfahre, dass es sich dabei um die sagenhafte Monstranz handelt, in der irgendwelche heiligen Reliquien aufbewahrt werden.

Bis dahin hielt ich die von den in Trachten gekleideten Damen getragene Staue dafür, aber da habe ich mich wohl verlesen. In Religion war ich schon immer schwach, was mir nach einjährigem Schulschwänzen tatsächlich mal ein "nicht teilgenommen" im Zeugnis eingebracht hat, in dem Jahr werden sie Monstranzen und Fronleichnamsprozessionen erklärt haben.

Keine Prozessionsmucke: Joe Strummer & The Mescaleros - Global A Go-Go / Streetcore

Für großes Bimmelimm wie immer: Foto klicken + F11

















Sonntag, 20. Juli 2014

Am Brunnen vor dem Tore...
















..da steht kein Lindenbaum. Der steht wie berichtet in Effeltrich und hat keinen Brunnen. Der Brunnen vor dem Zehntspeicher in Neunkirchen am Brand steht dafür vor bzw. hinter gleich vier Toren. Richtig schöne mittelalterliche Tore. Dafür bin ich nach Franken gekommen, um alte Klamotten zu fotografieren, Bamberg und Rothenburg o.d.T. stehen auf dem Plan. Dass ich hier gleich welche finde, in Fußmarschreichweite, hätte ich nicht gedacht.

Nach den Beschreibungen von Muddern muss das ein ziemlich ödes Kaff sein, Bäcker, Kirche, Kneipe, fertig. Abends um 8 werden die Bürgersteige hochgeklappt und die nächste Großstadt ist Lichtjahre entfernt.
Gefunden habe ich eine entzückende Kleinstadt mit mittelalterlichen Ortskernresten, wo man beim Italiener (vor den Bürgersteighochklappzeiten) einen großartigen Cocktail aus frisch gepresstem Orangensaft, Campari und Vanilleeis bekommt und sich im Gasthof (nach den Bürgersteighochklappzeiten) zwischen Schäufele und mit Pfifferlingen gefülltem Cordon Bleu entscheiden darf. Sollte einem der Sinn nicht nach lokaler Küche stehen sind Pizzeria und Taverna um die Ecke, irgendwo soll es auch einen Asiaten geben.

Bäcker gibt es gleich mehrere, sogar einen mit Drive-In Schalter, aber die Anzahl der Bäcker ist im Zeitalter der Einheitsbrötchen ohnehin nicht mehr entscheidend. Hier heißen sie Weckla, sehen aus und schmecken wie in Hamburg, bis hin zum Kürbiskernbrötchen. Vor den Stadttoren der übliche Rest, Discounter, Super- und Supersupermärkte, wenn es um die täglichen Bedürfnisse geht muss hier niemand in die nächste Stadt.

Eigentlich alles da was Mensch so braucht, auch wenn ich hier nicht leben könnte, so Lichtjahre von der nächsten Großstadt entfernt. Aber für einen Kurzurlaub ist Franken sehr empfehlenswert, es gibt viel zu entdecken. Allein was man da in einem normalen Getränkemarkt alles an Biersorten bekommt würde bei gewissen Herren für große Augen sorgen.

Was allerdings auffällt, wenn man an einem ganz normalen Wochentag stundenlang durch die Stadt streift: Die Bürgersteige, die könnten sie auch jetzt schon hochklappen. Für den Autoverkehr ist es ohnehin etwas eng da.

RIP Johnny Winter - Johnny Winter And / Guitar Slinger