Niemand hat es so schwer wie ich. Als wären die Zweitliga-Anstoßzeiten nicht schon beschissen genug, klingelt mich Muddern schon um halb neun aus den Federn und beschwert sich bei mir, dass die Pflegetanten sie um diese Zeit aus dem Bett klingeln – und irgendwie kann ich das gerade sehr gut nachvollziehen. An Schlaf ist dann eh nicht mehr zu denken, weil Spiele gegen Kaiserslautern aus ganz persönlichen Gründen immer ein ungutes Gefühl in meiner Magengegend verursachen. Wäre das nicht der Fall, könnte man wenigstens vernünftig frühstücken, aber außer mehr Kaffee geht gerade nichts runter.
Die Urlaubszeit geht langsam dem Ende entgegen, man sieht wieder die gewohnten Gesichter im Stadion, die Hälfte der Bezugsgruppe eiert aber immer noch auf irgendwelchen Segelbooten durch die Gegend – und weil die Dinger so langsam sind, verpassen sie häufiger mal den Saisonbeginn. Da keiner der Jungs jemals als großer Glücksvogel aufgefallen ist, ganz egal mit welchen Shirts und Schals, wird das zumindest ergebnistechnisch keine Rolle spielen.
Wir haben ja immer noch diese ungeklärte Sache mit der fehlenden Hymne an der Backe, wegen der wir überhaupt erst abgestiegen sind – und da hat sich der Verein gedacht, wir kriegen jetzt so lange Thees auf die Ohren, bis sie bluten oder wir uns freiwillig für irgendetwas anderes entscheiden. „Das hier ist Fußball“ ist für mich das schönste Liebeslied, das jemals jemand für einen Verein geschrieben hat, aber das passt halt doch mehr bei einem Abstieg in die dritte Liga (was der Fußballgott verhüten möge) und nicht zu einem anständigen Ackermatchauftakt.
Für Rihanna entscheiden wir uns wohl eher nicht, denn als „Diamonds“ gespielt wird, gibt es aus etlichen Ecken des Stadions Pfiffe zu hören. Zunächst vermute ich einen mir entgangenen Vorfall auf dem Rasen oder im Gästeblock, aber die pfeifen tatsächlich, weil sie das Lied doof finden. Ich find ja Leute doof, die Lieder auspfeifen, aber damit muss ich wohl leben. Als Einzeiler wär mir das trotzdem etwas zu simpel für eine Hymne. Hoffentlich finden wir eine neue, bevor wir schon wieder absteigen müssen, nur weil wir nicht wissen, was wir singen sollen.
Ach ja, und dann ist da noch diese andere Nebensache: der Fußball. Der sieht knapp 20 Minuten lang so aus, wie man sich das vorstellt, nur ohne Tore. Ich hab ziemlich oft Eric im Fokus, weil der ja lustlos und abwanderungswillig sein soll, und finde dafür keine Anzeichen. Nach einer halben Stunde verliere ich etwas den Spaß an der Sache, weil die bis dahin ziemlich harmlosen Pfälzer auf einmal mit 0:1 führen und keinerlei Probleme haben, diesen Vorsprung bis zur Pause zu verteidigen.
Weil wir wieder zu harmlos sind. Ich bin ja immer noch davon überzeugt, dass bei Kaars irgendwann der Knoten platzen wird, aber so langsam könnte er sich wenigstens etwas lösen. Bemüht, aber unglücklich. Aus dem von mir eigentlich eingeplanten Hattrick von Ceesay kann auch nichts werden, wenn er auf der Bank sitzt, es ist echt ein Elend.
Das wird dann noch elendiger mit Anpfiff der zweiten Halbzeit, als Kaiserslautern gefühlte 10 Sekunden danach auf 0:2 erhöht. Ein echter Stimmungskiller für den bis dahin ohnehin überschaubaren Support. War echt schon mal lauter hier, aber früher war halt alles besser.
Die Mannschaft zeigt eine Reaktion, sie bildet einen Kreis. Das erinnert mich an Fabian Boll, der hat auch mal einen Kreis gebildet und dann haben wir das Spiel gegen Dresden gedreht. Früher war alles besser, sag ich doch. Mal gucken, ob das heute hilft.
Zunächst hilft die Einwechslung von Abdoulie Ceesay, der braucht keine Minute für den Anschlusstreffer und sorgt endlich für etwas Stadionbelebung. Über eine halbe Stunde Zeit, das Ding zu drehen – da geht noch was, denkt man sich da. Und sie spielen auch so, man kann zumindest das Bemühen erkennen, hier unbedingt noch etwas retten zu wollen, und sei es nur ein Punkt.
Leider klappt das nicht und deswegen gibt es jetzt keinen Punkt, aber jede Menge
Nebengeräusche
Da flachst man mit nem Kumpel in der U-Bahn, prognostiziert ein am neuen Ligastandard angepasstes, torreiches 5:3 und einen Hattrick von Ceesay in der ersten Halbzeit und wird von der Seite angemuffelt, dass man schon seit Jahren keine drei Tore in einer Halbzeit geschossen hätte, wie schrecklich diese Truppe gerade zusammengestellt sei und dass für alles Elend der Sportchef verantwortlich sei. Na ja, denk ich, steig mit 100 Leuten in die U-Bahn und du findest mindestens einen Doofen. Aber wieso will ausgerechnet der ins Stadion? Um ein Lied auszupfeifen?
Wir haben vor ein paar Jahren die zweite Liga zumindest zeitweilig dominiert, krasse Siegesserien gefeiert, sind Zweitligameister geworden und zwei Jahre im Haifischbecken Bundesliga mitgeschwommen. Alles schon vergessen, denn wenn man die Kommentare unter dem Video der Pressekonferenz nach dem Spiel liest (macht das nicht!), dann ist ganz klar:
JETZT IST ALLES SCHEISSE
Mannschaft maximal drittklassig
Bornemann raus
mit dieser Defensive steigen wir ab
mit dieser Offensive steigen wir ab
mit diesem Trainer steigen wir ab
seit 2019 alles Kacke
und JOSH LUHUKAY HAT DEN VORSTAND ENTLARVT
Ganz besonders der letzte Kommentar hat mich davon überzeugt, dass dahinter nur ein schlecht programmierter Bot aus dem Volkspark stecken kann – oder da ist bei der Geburt viel schiefgelaufen. Die Vorstellung, im Stadion solchen Menschen zu begegnen, ist jedenfalls einigermaßen gruselig.
Wir müssen anfangen, Spiele zu gewinnen. Schon für die geistige Gesundheit nicht ganz unwichtig.
Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - 1.FC Kaiserslautern, Endstand 1:2
Links dazu: Fehlstart perfekt (Millernton) Moin Abstiegskampf (St.Pauli POP)
Musik dazu: Les McCann - Swiss Movement, Live at Montreux












Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen