Heimspiele gegen Bayern München sind ungefähr so angenehm wie ein Zahnarztbesuch. Man kann dem natürlich ein paar Jahre aus dem Weg gehen, was die Sache aber garantiert nicht angenehmer macht. Warum tut man sich das trotzdem an? Wegen der vielleicht nullkommanulleinsprozentigen Chance auf ein historisches Ergebnis, von dem man seinen Enkeln noch erzählen kann? Wie wir ausgerechnet gegen Bayern die nötigen Punkte für den Klassenerhalt eingefahren haben? Realmadridauswärtssiegerbesieger? Once in a lifetime, bury Bayern in your ground?
Haben wir in meiner Lifetime schon mal geschafft – das ist 24 Jahre her. Also eher unwahrscheinlich, dass das noch einmal passiert. Aber letzte Saison hätten wir fast ein torloses Unentschieden erreicht, ohne diesen Sonntagsschuss von Musiala. Für ein torloses Unentschieden würde ich heute den doppelten Eintritt bezahlen – wer braucht schon Tore, wenn man auch ohne einen Punkt mitnehmen kann?
Auf den Plätzen liegen jede Menge Flyer, auf denen der werte Stadionbesucher darauf hingewiesen wird, dass wir uns spätestens seit heute im Abstiegskampf befinden und entsprechend lauter Support durchaus helfen könnte – inklusive Gesangsvorschlägen für die ersten zehn Minuten. Ich finde es durchaus ein wenig peinlich, dass wir dafür jetzt anscheinend Zettel brauchen.
Ich war immer so naiv und habe gedacht, dieser berühmte Millerntor-Roar entsteht ganz spontan – nur weil irgendjemand anfängt zu roaren und die Umstehenden es für eine gute Idee halten, mitzumachen. Dafür braucht man doch keine Zettel, zumal die Stapel darauf hinweisen, dass die eh keiner gelesen hat.
Mein Nachbar fragt mich doch tatsächlich nach einem Tipp – was soll man denn da ernsthaft antworten? Einsnull für uns natürlich, sonst hätte ich doch gar nicht erst kommen müssen. Natürlich glaube ich selbst nicht mal im Ansatz daran, aber sollte der Unwahrzu doch irgendwie eintreffen, werde ich am Ende mein breitestes Ich-habs-doch-gesagt-Grinsen aufsetzen können. Einen Versuch ist es allemal wert.
Unwahrscheinliche Zufälle gibt es leider nur in den fantastischen Romanen von Walter Moers – und nicht am Millerntor. Es ist auch weniger ein Zufall, sondern Jamal Musiala, der nach nicht einmal zehn Minuten dem Traum einen Dämpfer verpasst. Der kann also auch köpfen. Nun denn.
Nach 20 Minuten hat das Stadion einen neuen Liebling: Michael Olise und Karol Mets machen Trikottests an der Seitenlinie und werden beide vom Schiri ermahnt. Fortan wird Olise bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen, was sich nicht im Geringsten auf sein Spiel auswirkt, dafür aber jeglichen Support im Keim erstickt – denn Olise ist leider ziemlich oft am Ball.
Immerhin spielen wir ein wenig mit, können mit etwas Glück und stabilem Alu weitere Treffer verhindern und haben sogar die Chance auf den Ausgleich, die wir natürlich nicht nutzen. Mit einem 0:1-Rückstand gegen Bayern in die Pause zu gehen – das passiert sogar Real Madrid. Es hätte schlimmer kommen können.
In der Pause flachse ich noch rum, dass man gegen Bayern theoretisch auch was fürs Torverhältnis tun kann, indem man einfach nicht so viel kassiert wie die Konkurrenz. Das fällt mir umgehend auf die Füße: Wieder brauchen die Bayern keine zehn Minuten. Goretzka und Olise schrauben das Ergebnis innerhalb von zwei Minuten auf 0:3, und damit ist der Drops wohl auch gelutscht. Once in a lifetime? Same as it ever was, same as it ever was.
Olise bedankt sich nach seinem Tor für die Pfiffe vor der Südkurve, was seine Beliebtheit noch einmal enorm steigert. Gott sei Dank nimmt Kompany ihn dann vom Platz. Die Stimmung ist trotzdem im Arsch – trotz der vielen Zettel. Wenn es erst einmal so weit gekommen ist, hilft nur noch Schadensbegrenzung oder die Hoffnung, dass die Münchner Bemühungen ähnlich erlahmen wie der Support auf den Rängen.
Die denken leider nicht im Mindesten daran, mit dem Gekicke aufzuhören – wo’s doch gerade so viel Spaß macht. Und vielleicht würde es nicht ganz so schlimm kommen, wenn man mal aufhören würde, am laufenden Band krasse Geschenke zu verteilen, die von Leuten wie Jackson und Guerreiro dankend angenommen werden. Weil sie’s können. Beinahe schon erleichternd, dass der sechste Münchner Treffer mit dem Schlusspfiff wegen Abseits zurückgenommen wird.
Nichts erwartet, nichts bekommen? Naja – doch, eine Lehrstunde war’s schon. Mal sehen, ob die Jungs die bis Freitag verdaut haben. Das ist das wichtigere Spiel.
Was sonsr noch gut war:
In den Farben getrennt, in der Sache vereint. Alle zusammen gegen den Faschismus.
Nach einer 0:5 Klatsche singt das ganze Stadion "Wir sind ooooh Sankt Pauli" und das war schon wieder so ein bisschen Gänsehautmoment.
Was sonst noch schlecht war:
Die fünfte gelbe Karte für Fujita
Prepaidkarten an HVV Automaten aufladen ist ein sinnloses Unterfangen, aus diesem Grund war ich heute kostenlos unterwegs. Bringt euren Scheiß in Ordnung.
Fotos dazu: Gegengerade Millerntor, FC St.Pauli - FC Bayern München, Endstand 0:5
Tore dazu: Musiala (9.), Goretzka (53.) Olise (54.) Jackson (65.) Guerrero (89.)
Links dazu:Grenzen aufgezeigt (Millernton) Zweiklassenunterschied (Stefan Groenveld) Das war ziemlich ganz knapp (Übersteiger)
Musik dazu: Les McCann & Eddie Harris - Swiss Movement












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